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Ethno-business

28. November 2009

Die folgende Geschichte erschien Anfang November in der Zeitschrift „Élet és Irodalom“. Übersetzung Pusztaranger.

Ein echter Ungar

Wurstfestival* in Békéscsaba. Die Händler auf dem Kunsthandwerkermarkt sind schon seit Jahren die gleichen, höchstens das Warensortiment ändert sich. Vor einigen Jahren sah man hier vereinzelt Pullover mit Großungarn oder T-Shirts mit der Aufschrift „Ich bin älter als die Slowakei“. Heute ist es fast schon Pflicht, Gürtelschnallen, Mützen und Handtücher mit Árpádenstreifen* zu verkaufen.

An meinem Stand liegen Lebkuchenschweinchen mit Engelsflügeln aus, aber das Publikum versteht die Ironie nicht. Ich bin nutzlos, in nationaler Hinsicht auf jeden Fall.

Es sind viele Ausländer da. Den echten Ausländer unterscheidet vom ungarischen Ausländer, daß ich umsonst mit ihm rede, er versteht mich nicht. Der Ungar versteht mich zwar, aber er hört mich nicht.

Mein Standnachbar rechts ist kein Kunsthandwerker, er handelt mit Artefakten exotischer Völker. Vorher hat er Sodaflaschen abgefüllt, seine Rente beträgt 44.000 HUF*, und er schaut Echo TV*. Seiner Meinung nach gehen wir wegen den Zigeunern und den Juden zugrunde.

Mein Standnachbar links, ein Papiermacher, wartet schon sehnsüchtig auf die Wahlen. Er hofft auf einen neuen Wind, den von Jobbik. An seinem Stand wehen häusliche Segenssprüche im Wind.

Ich stehe da und versuche, meine Engelsschweinchen loszuwerden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Vom Wurstfestival in den Schweinehimmel: Handgemachter Lebkuchen von Hilda Hobbi, Budapest)

Der junge Mann hat zu Hause eine Schnapsbrennerei. Er würde gerne einen Lebkuchen mitnehmen, aber hat Angst, daß er unterwegs bricht. Der bricht nicht, beruhige ich ihn, der hat schon den langen Hinweg gut überstanden. Seine Augen blitzen auf, er hat gewonnen, er ist von noch weiter gekommen als ich. Aus Kassa*. Da war ich ja auch schon mal, im Theater. Im Thália? Er greift über den Stand nach meiner Hand, denn sowas hat er schon gehört, daß sich einige zusammentun, sich ins Auto setzen und nach Budapest ins Nationaltheater fahren, aber vom umgekehrten Fall noch nie. Er nimmt meine Hand. Deshalb mußte ich bis nach Békéscsaba kommen, sagt er, um einen echten Ungarn* kennen zu lernen.

Ja. In meinem Geldbeutel, hinter der Plastikfolie, wo man die Familienfotos aufbewahrt, umarmen sich zwei Frauen, und neben uns das Kind. Den Davidstern an meinem Hals sieht man unter den warmen Kleidern nicht. Nur meinen Stand sieht man, die Engelsschweinchen, und zwischen den Lebkuchenherzen zwischen Je t’aime und I love you auch ein Kamavtu*.

Hilda Hobbi

Glossar:

Árpádenstreifen= historische Fahne der Árpádendynastie, wurde von den Pfeilkreuzlern, den ungarischen Nazis, und heute von den Ultrarechten verwendet.

44.000 HUF: ca. 162 EUR

Echo TV: Ultrarechter Sender

Kassa: Kosice, Kaschau, Slowakei

Echter Ungar: Wörtlich „echter ungarischer Mensch“, völkisch definiertes Magyarentum.

Kamavtu: „Ich liebe Dich“ auf Romani.

*

Zur Touristenattraktion Wurstfestival Békéscsaba: Eigene WebsiteUngarisches TourismusamtBudapester Zeitung (fies!)

*

Hier boomt der völkische Ethno-business: Reklamespot Turul-Markengeschäft auf Echo TV.

Dort heißt es:

“Mit dem Kauf unserer Produkte unterstützen Sie zu 100% ungarische Familienunternehmen im Karpatenbecken, die zu 100% ungarische Menschen (magyar emberek, völkisch definiert) beschäftigen.”

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