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Auf dem Budapest Pride verhafteter Wiener Aktivist im Exklusivinterview mit Tilos Rádió

24. Juni 2011

24.6.2011, 17.00 – 17.50 im Tilos Rádió (wiki),  Sendung Honty és Hanna mit Tibor Bakács, Ferenc Gerlóczy und Tamás Mordechai Lax:

Interview mit Rainer, der nach dem Budapest Pride verhaftet wurde, und Rosa Stern, Sprecherin Bündnis radicalqueer.

Interview und Übersetzung: Magdalena Marsovszky

Das Interview zum Nachhören: Teil 1 ab 17.00, Teil 2 ab 17.30. Die ganze Sendung hier.

(Das ist keine wörtliche Transkription, ich habe beim Hören sinngemäß mitgeschrieben.) (Edit 26.6.: Rainer und Rosa haben dem Text ihr OK gegeben.)

*

Anmoderation: Beim Budapest Pride letzten Samstag war die Stimmung gut, es waren etwa 1500-2000 Leute da, viele Ausländer aus Berlin, Köln, Wien, aus Holland und Finnland waren gekommen, um ihre Solidarität zu zeigen. Von Amnesty kamen etwa 50 Leute. Dank der Polizei war alles friedlich, aber am Ende kam es doch zu einem Zwischenfall. Rainer war mit der Wiener Gruppe als Journalist und Menschenrechtsbeobachter in Budapest.

Rainer: Die Parade an sich war sehr bunt und vielfältig, es waren Leute aus vielen Ländern da, so wie wir aus Wien. Nach der Parade wollten wir in den Bus einsteigen und wurden angegriffen.
Wer war das?
Wie sich später herausgestellt hat, waren Jobbik-Leute dabei. Ich hätte einfach gedacht, das waren “Faschisten” – in Österreich würde ich sie so nennen, in Ungarn darf man das ja nicht, wie die Polizei uns sagte. Es waren zunächst zwei Frauen und ein Journalist. Sie hatten T-Shirts mit Grossungarn an und waren von den 64 Burgkomitaten. Es war ganz klar, dass der Angriff geplant war, die haben gewartet, bis wir zum Bus gingen und haben uns abgepaßt.
Ich habe gelesen, dass schon die Gegendemonstranten am Oktogon Plakate mit Henkersschlinge hatten, daß man die Schwulen aufhängen soll, und dass “Dreckige Schwulensäue” und “Dreckige Juden” skandiert wurde. Das weist doch auch darauf hin, daß der Angriff geplant war.
Ja, und auch beim Bus haben Leute Gesten gemacht von Wegen Hals durchschneiden. Als das passiert ist, war der Grossteil der Gruppe schon im oder am Bus, und die Letzten wurden angegriffen. Es war klar, dass die sich nicht getraut haben, die ganze große Gruppe von 50 Leuten anzugreifen. Sie haben mit einem Spray angegriffen.
Was war das für ein Spray?
Es hat gebrannt und gestunken, manche hatten es in Gesicht, am Hals und an den Armen abbekommen, es hat gebrannt, noch auf der Heimfahrt.
Mußtet ihr fliehen? Seid ihr gerannt? Wie war das?
Die Gruppe war verteilt, nicht beieinander, die Letzten waren um die Häuserecke, etwa 20 Meter entfernt, aber die Meisten waren schon in den Bus eingestiegen.
Musstet ihr rennen?
Ja, es ist chaotisch geworden, wir wußten ja nicht, wie viele da noch kommen.
Und was ist mit der Polizei passiert?
Die war in der Nähe und hat es selber mitbekommen, es war relativ schnell Polizei da. Es dürfte auch ein Streifenpolizist und Zivilpolizisten da gewesen sein, aber ich kann es nicht genau sagen, weil die Situation so chaotisch war, da konnte ich nicht alles so beobachten.
Und dann?
Dann war nicht nur Polizei da, sondern ganz schnell wer von Jobbik, eine Anwältin, Andrea Borbély, und der Jobbik-Abgeordnete Zagyva, wie wir vor Ort erfahren haben. Es war irritierend, dass ein Parlamentsabgeordneter an der Seite der Angreifer gegen uns gesprochen hat. Der weitere Verlauf war, dass alle in den Bus eingestiegen sind und wir eigentlich losfahren wollten. Es wurde ja zum Glück niemand schwerer verletzt, und wir wollten schnellstmöglich fahren, auch weil wir nicht wußten, ob da noch mehr kommen. Die Polizei hat ständig gesagt, wir müssten noch kurz warten, und wir haben sehr lange gewartet, sind mindestens 3 Stunden dort festgehalten worden, ab etwa 19.00 Uhr.
Was war der Grund?
Die Leute, die uns angegriffen haben, haben uns angezeigt, und deshalb war die Polizei gezwungen, dem nachzugehen.
Wer hat euch angezeigt?
Die, die uns angegriffen haben.
Tibor Bakács und Co-Moderator: Das klingt total nach einer organisierten Aktion. Die waren vorbereitet. Dass da ein Abgeordneter mit Anwältin auftaucht – das sind echte Profis.
Rainer: Die haben behauptet, zwei Leute hätten sich gewehrt und wären dabei gewalttätig geworden – wir hätten sie angegriffen. Am Schluss kam es dazu, daß die zwei von uns identifiziert haben, daß sie bei dem Angriff dabeigewesen wären. Darunter war auch ich, was mich sehr überrascht hat, weil ich eigentlich die ganze Zeit beim Bus war. Die Aussage der Angreifer hat sich auch immer wieder geändert, zuerst wurde nach einer großen blonden Person gesucht, und ich bin gar nicht blond. Nachdem sie behauptet haben, dass ich und ein Kollege das gewesen sein sollen, sind wir zur Polizei mitgenommen und in eine Zelle geführt worden.
Habt ihr die Nummern der Polizisten aufgeschrieben?
Ich habe keine Nummern aufgeschrieben, hatte keine Gelegenheit dazu. Wer von den anderen wahscheinlich schon.
Hier wird eben der Wunsch geäußert, dass wir diese Nummern durchgeben, wenn ihr sie habt.
Da müssen wir erst Rücksprache halten.
Muss ja nicht jetzt sein. Aber wenn ihr sie habt, wird Tilos sie senden.
Wir waren dann auf der Wache und wurden in Einzelzellen gesperrt, uns wurden alle Sachen abgenommen, auch die Schuhbänder.
Co-Moderator: Das ist gängige Praxis, wenn wer verhaftet wird.
Rainer: Um halb vier sind wir aus dem Gefängnis entlassen worden, da haben wir dann zum ersten Mal ein Protokoll gesehen, und was uns eigentlich vorgeworfen wird: Dass wir gewalttätige Aufhetzung betrieben hätten. Die genaue Übersetzung weiss ich leider nicht.
Ist euch wer zu Hilfe gekommen?
Der österreichische Botschafter war relativ schnell da, und war dann bis um ca. halb vier mit bei der Polizei und hat dort gewartet.
Bakács: Bei der Sache mit den Goj Motorosok haben mir die Österreicher übrigens sehr geholfen. Damals war ich sehr positiv überrascht und bedanke mich, das werde ich nie vergessen.
(Anm.: Siehe mein Post von 2009: Rechte Rocker gewinnen Verleumdungsklage: Faschisten als solche zu bezeichnen, wird in Ungarn teuer )
Rainer: Wir sind dann entlassen wurden und das war’s. Noch ist unklar, ob ein Verfahren eröffnet wird, das werden wir in den nächsten Wochen erfahren.
Bakács: Das trauen sie sich sicher nicht. So dumm sind sie nicht. Das würde großes Aufsehen erregen.
Wie wurde mit euch verfahren, waren sie einigermassen höflich, habt ihr was zu Essen und Wasser gekriegt?
Rainer: Wir wurden bei der Polizei sehr korrekt behandelt. Neben mir sitzt noch Rosa Stern, sie würde auch gern was sagen.

Rosa Stern: Ich würde noch gerne erwähnen – ich war draußen am Bus, als die beiden auf der Polizei waren, und wir wurden sehr toll von ungarischen AktivistInnen unterstützt, sie haben uns Wasser gebracht, und Leuten von der Pride-Orgagruppe haben mit uns gewartet bis um 3 Uhr und uns Schlafplätze angeboten, wenn es noch länger dauern sollte – sie haben uns nicht allein gelassen.Und dann möchte ich noch eine kleine Geschichte erzählen von einem anderen Überfall in derselben Nacht, von dem wir gehört haben: Eine Person wurde mit einem Messer angegriffen. Mehr kann ich dazu nicht erzählen, das muss die betroffene Person selbst entscheiden. Aber dadurch ist uns bewusst geworden, dass eine Gruppe von 5-6 Rechtsradikalen, die eigentlich vorhatten, Leute zu überfallen, mit uns beschäftigt waren, und das ist eigentlich eine gute Sache.
Rainer: Wir lassen uns nicht einschüchtern, nächstes Jahr kommen wir wieder, und es werden noch mehr mitkommen, weil die Sache großes Aufsehen erregt hat. Das ist immerhin was Positives.

*

Anm.: Tibor Bakács war übrigens der Moderator der Großdemos für Medien- und Meinungsfreiheit für Ungarn, s. auch Pester Lloyd:
Für Freiheit und Vielfalt-10.000 bei Demonstration gegen das Mediengesetz in Budapest.

*

Zum Budapest Pride 2011 auf diesem Blog:

Budapest Pride 2011: Jobbik zeigt Wiener Aktivisten an

Budapest Pride 2011 – Kommentar und Presseschau

Budapest Pride 2011: Rechtsextreme Gegendemo angemeldet

Mehr zum Budapest Pride der letzten Jahre hier auf diesem Blog.

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