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Protest gegen Nazi-Besatzungsdenkmal, Tag 4: Weitere Vorladungen

12. April 2014

“Ich habe die Shoah überlebt. Ich will noch leben.” Dieser Satz auf der Abdeckplane des Bauzaunes brachte der älteren Dame eine polizeiliche Vorladung wegen Verdacht auf Straftatsbestand der Wandschmiererei und Sachbeschädigung ein. Auch die Hauptorganisatorin und drei weitere Demonstranten wurden vorgeladen.

Update zum Post Nazi-Besatzungsdenkmal: Proteste und Polizeischikane, 11. April 2014

Am gestrigen 4. Tag des zivilen Protestes gegen das Denkmal der deutschen Besatzung wurde erneut der Bauzaun abgebaut bzw. mit Parolen besprüht.
Nachdem die Demonstranten Anfang der Woche gegenüber der Polizei bemängelt hatten, dass keine offizielle Tafel Auskunft über Bauvorhaben, Auftraggeber und ausführende Firma gab, wurde gestern diese “Tafel” mit den nötigsten Angaben nachgeliefert:

(Facebook)

Fünf Personen bekamen Vorladungen wegen Verdacht auf Straftatsbestand “Wandschmierereien und Sachbeschädigung”, darunter die Dramaturgin Fruzsina Magyar, Hauptorganisatorin des Protests, der Karikaturist der Népszava Gábor Pápai, und die Holocaust-Überlebende Alice Fried.(Quelle)

Alice Fried dazu im Video: “Von meiner Familie habe ich als Einzige den Holocaust überlebt. Alle sind gestorben. Ich habe hier hingeschrieben: “Ich habe die Shoah überlebt, ich will noch leben.” Dafür habe ich eine Vorladung bekommen, für Montag, 10.00 Uhr ins Polizeipräsidium des V. Bezirks. Wegen Straftatbestand Wandschmierereien, Sachbeschädigung.
F: Was sagen Sie dazu?
AF: Tja, ich bin leider Journalistin, und ich kenne diesen Begriff nicht. So ein Begriff existiert nicht. Davon gar nicht zu reden, dass das hier keine Wand ist (lacht).

 

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(cink.hu)

Der Karikaturist der linken Tageszeitung Népszava Gábor Pápai bekam seine Vorladung, weil er Viktor Orbán mit Schraubenschlüssel auf dem Bauzaun verewigte. Dies in Anspielung darauf, dass Orbán im Februar 2007 mit 152 Fidesz-Parlaments- und Europaabgeordneten in einem “Akt zivilen Ungehorsams” die Polizeiabsperrungen vor dem Parlament abmontiert hatte. Aufgrund der Abgeordnetenimmunität konnte die Polizei nicht eingreifen. Der Kossuth tér war nach den Unruhen seit dem 23. Oktober 2006 abgesperrt gewesen. (Index, Bilder)

(Gábor Pápai: “Selfie als Absperrungsabreisser”, Facebook)

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(Index 2007)

Pápais Népszava-Karikatur von gestern Abend fiel entsprechend bitter aus: “Das gegebene Wort verpflichtet”: Viktor Orbán zum Vorsitzenden des Dachverbandes jüdischer Gemeinden Mazsihisz, András Heisler: “Ich habe geschrieben, wann wir das (Denkmal) besprechen, aber nicht, wo…”

Nazi-Besatzungsdenkmal: Proteste und Polizeischikane

11. April 2014

Die Regierung bezeichnet die protestierenden Angehörigen von Holocaust-Überlebenden als Extremisten und Randalierer, ein oppositioneller Journalist wurde wegen Graffiti “Wir sind nicht Horthys Soldaten” auf dem Bauzaun durchsucht und aufs Präsidium geladen.

Update zum Post Ungarn baut Nazi-Besatzungsdenkmal, 9. April 2014.

Seit Dienstag läuft der zivile Protest gegen den Bau des Denkmals der Deutschen Besatzung auf dem Budapester Freiheitsplatz. Nachdem sich die oppositionellen Parteien DK, Liberale, Gemeinsam-PM und MSZP an den Protesten beteiligt hatten, werden die Zivilen, die auf dem Platz ständige Präsenz zeigen – darunter viele Angehörige von Holocaust-Überlebenden mittleren und höheren Alters – von der Regierung als linke Extremisten und Handlanger der Opposition diffamiert.

So rief der Staatssekretär im Ministerium für Öffentliche Verwaltung und Justiz Bence Rétvári am Mittwoch “die links- und rechtsextremen Politiker” auf, in diesem Zusammenhang “ihre Aggression und Aufstachelung zum Hass auf der Strasse zu beenden. Die Frage des Denkmals sei friedlich zu lösen. Niemand halte es für gut, dass Rechts- oder Linksextremisten (sic) die Emotionen anheizen, zum Hass aufstacheln (sic) oder Aggression auslösen. Dies hätten die Wähler am Sonntag eindeutig zurückgewiesen. Die Entscheidung und der Wille der Wähler sei zu respektieren, nicht die Wut solle die Politik leiten. Diese politische Hysterie werde von den bei den Wahlen gescheiterten Parteiführern ausgelöst und geschürt. “Sie sollen ihre Truppen und Sympathisanten zurückrufen und das Randalieren auf Budapests und Ungarns öffentlichen Plätzen einstellen”, so Rétvári. (hvg)

Die Strategie der Regierung, zivile Proteste als Guerillaaktionen der oppositionellen Parteien zu diffamieren, kam auch bei den Studentenprotesten zur Anwendung; ebenso bewährt die Strategie der Polizei, nach oppositionellen Protestveranstaltungen Einzelpersonen gezielt zu folgen und sie zu verhören bzw. vorzuladen:

“Wir sind nicht Horthys Soldaten!”

Am Donnerstag exponierte sich der Journalist Zoltán Lovas, Mitbegründer der Wochenzeitung Magyar Narancs, indem er auf die Abdeckfolie des Bauzauns “Wir sind nicht Horthys Soldaten” sprühte; dies in Anspielung auf den heute wieder populären Schlager der Horthy-Zeit “Ich bin Miklós Horthys Soldat“.

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“Hier wird kein Nazi-Denkmal erbaut! Nirgends! Wir sind nicht Horthys Soldaten!” (Gepnarancs)

Wie Lovas atv und auf seiner Facebook-Seite berichtet, folgten ihm anschließend zwei Zivilbeamte zur nächsten Ecke, überreichten ihm dort eine Vorladung aufs Polizeipräsidium des V. Bezirks wegen Verdacht auf Straftatsbestand Wandschmierereien (im Ungarischen wörtlich für Graffiti, mutwillige Verunreinigung von Gebäuden) und durchsuchten ihn nach dem Tatwerkzeug, der Spraydose.

Vor dem Polizeipräsidium heute Vormittag sagte er, diese Art der Kriminalisierung politisch oppositioneller Äußerungen (wörtlich: Kriminalisierung der Politik) habe es in den letzten 25 Jahren nicht gegeben.

Die nächste Protestaktion ist für heute um 16 Uhr angekündigt. Laut unbestätigten Facebook-Berichten mobilisiert die Jobbik-Abgeordnete Enikö Kovács, Frau des antisemitischen reformierten Pfarrers Lóránt Hegedüs Jr., dessen Kirche mit Horthy-Statue ebenfalls am Freiheitsplatz liegt, ihre Anhänger auch dort um 16 Uhr.

Viktor Orbáns Rucksack kommt ins Nationalmuseum

11. April 2014

Boulevard-News: Orbáns abgelegter Fußball-WM-2006-Rucksack kommt ins Ungarische Nationalmuseum. Kein Witz.

Die Sammlung des Ungarischen Nationalmuseums wird in Kürze um Viktor Orbáns alten Rucksack bereichert, der ihn um die halbe Welt begleitet hat, schreibt das Boulevardmedium Blikk,  und ein Museologe bestätigte es 444.hu.

Viktor Orbán tauschte seinen offiziellen Fußball-WM-2006-Rucksack am Donnerstag gegen den offiziellen Rucksack der Fußball-WM 2014 aus. Auf seiner Facebook-Seite heißt es, “Neuer Zyklus, neuer Rucksack” (18200 Likes, 708 mal geteilt). Blikk betont, dass der Ministerpräsident den Artikel aus Brasilien selbst bestellt und mit seinem eigenen Geld (65 Real/6500 HUF) bezahlt habe.

Mitarbeiter des Nationalmuseums hatten den Ministerpräsidenten um einen persönliche Gegenstand für die Sammlung der Gegenwart gebeten, worauf er ihnen gerne seinen alten Rucksack gab, so Blikk.

Wann und in welchem Rahmen der Rucksack der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist noch nicht bekannt.

Das gute Stück (blikk.hu):

Der Schreibtisch des Ministerpräsidenten mit seinem legendären Rucksack (444.hu):

Neuer Zyklus, neuer Rucksack (444.hu):

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Update: Im Netz bleibt die Häme nicht aus: (Der Rucksack ersetzt die “Heilige Krone” im Parlament.)

 

Europawahl 2014: Fidesz stellt Ungarn aus Nicht-EU-Staaten auf

10. April 2014

Fidesz stellt Auslandsungarn auch aus Nicht-EU-Staaten zur Europawahl auf; derweil fordert ein Jobbik-Abgeordneter im Europarat die Karpatenukraine zurück.

Wen repräsentiert Fidesz? Gerade macht ein Video von der Fidesz-Veranstaltung zum Abschluss des Wahlkampfs in Debrecen im Netz die Runde (s.u.). Der Debrecener Schauspieler und Fidesz-Gemeinderat Zsolt Dánielfy, im März mit dem ungarischen Verdienstkreuz ausgezeichnet, deklamierte unmittelbar vor Viktor Orbáns großem Auftritt das Gedicht „Wie du gewählt hast, so soll man dich behandeln!“, das 2005 von Rudolf Kóczián anlässlich der gescheiterten Volksabstimmung zur doppelten Staatsbürgerschaft für die Auslandsungarn verfasst wurde. Den Gegnern der damaligen Volksabstimmung – und heute den Nicht-Fidesz-Wählern -  wird mit dramatischem Gestus jede gesellschaftliche Solidarität aufgekündigt: „Denn wer sein Volk vergisst, wer es verleugnet, der tötet seine blutsverwandten Geschwister (…), für den kann es keine Entschuldigung geben!“ Anschließend betrat  Viktor Orbán unter Jubel die Bühne.

Fidesz präsentiert sich hier im Wahlkampf als alleinige legitime politische Vertretung einer blutmäßigen magyarischen Abstammungsgemeinschaft in den tausendjährigen Grenzen; dies programmatisch auch bei der Europawahl.

Fidesz stellt Auslandsungarn für Europawahlen auf

Auf der Fidesz-Liste für die Europawahlen finden sich Kandidaten aus den Nachbarländern mit ungarischer Minderheit, auch aus den Nicht-EU-Staaten Ukraine und Serbien: Nr.3 ist László Tőkés, Orbán-Trabant aus Siebenbürgen, bislang rumänischer Europaabgeordneter – im Sommer 2013 forderte er Viktor Orban auf, Siebenbürgen nach dem Muster Südtirols als “Protektorat” Ungarns zu behandeln; Nr. 9. Karpatenukraine – der Kandidat steht noch nicht fest; 10. Vojvodina/Serbien, der Kandidat steht noch nicht fest; Nr. 21. “Oberungarn”, das mehrheitlich von Ungarn bewohnte Gebiet der Slowakei – der Kandidat steht ebenfalls noch nicht fest. (Origo)

Bei den noch zu benennenden Listenkandidaten aus der Ukraine und Serbien ist natürlich davon auszugehen, dass sie in den letzten Jahren die ungarische Staatsbürgerschaft bekommen haben.

Auf der Fidesz-Seite heißt es:

Die Zusammensetzung der nationalen Liste steht für den Zusammenhalt der Magyaren, in dem Sinn, dass Ungarns Interessen im EU-Parlament geschützt werden müssen, so die Fidesz-Europaabgeordneten Ildikó Pelczné Gáll und József Szájer auf der heutigen Pressekonferenz.

Auf der nationalen Liste seien auch die Teile der Nation jenseits der Grenzen – Karpatenukraine, Siebenbürgen, Vojvodina, Slowakei – und auch die Diaspora (durch György Schöpflin) vertreten. “Wir haben uns auch im letzten Zyklus bemüht, die ungarischen Interessen in Brüssel zu vertreten; wir betrachten die EU-Kommission nicht als Regierung Ungarns, weshalb wir keinerlei Diktat akzeptieren können – betonte sie. (…)

József Szájer zufolge wird die Hauptaufgabe der EU-Abgeordneten darin bestehen, klar zu machen, dass Ungarn keine Kolonie ist, sondern ein eigenständiges Land, das stolz ist auf seine eigenen Taten und Traditionen, doch gleichzeitig seine mit der EU-Mitgliedschaft einhergehenden Verpflichtungen erfüllt. Er erinnerte daran, dass sie unsere Heimat immer vor Angriffen verteidigt haben (…), und fügte hinzu: Wir sagen Nein zu denen, die das Land diskreditieren (lies: Linke), und auch zu denen, die die Interessen unseres Landes, unsere EU-Fördermittel gefährden und den EU-Austritt fordern (gemeint ist Jobbik). Wir bitten die Wähler, denjenigen ihre Stimme zu geben, die für EU-Mittel und Ungarns Integration und seine Netzwerke in Europa stehen. (…)

Die Gelder aus Brüssel sind demnach das große, entscheidende Fidesz-Argument gegen Jobbik für die Europawahl.

Jobbik betrachtet sich ebenfalls als politische Vertretung der magyarischen Abstammungsgesellschaft in den tausendjährigen Grenzen, im Gegensatz zu Fidesz jedoch radikal und konsequent. Der Jobbik-Abgeordnete Tamás Gaudi-Nagy forderte auf der heutigen parlamentarischen Versammlung des Europarates die Karpatenukraine zurück. In einem T-Shirt mit der Aufschrift “Crimea legally belongs to Russia! Transcarpathia legally belongs to Hungary!” sagte er, die Ukraine sei ein künstlicher Staat, ein Teil davon habe tausend Jahre zu Ungarn gehört, und die ungarische Minderheit in der Karpatenukraine müsse das Recht auf eine Volksabstimmung bekommen. Zum Schluss sagte er, “Transcarpathia will be returned to Hungary.” (hvg, Video)

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***

Fidesz-Wahlkampf in Debrecen: „Wie du gewählt hast, so soll man dich behandeln!“

(Im Anschluss an das Gedicht und Orbáns Auftritt hat das oppositionelle Internetradio Pacsirta Rádió bei 2:50 die geleakte Aufnahme des Parteidirektors Gábor Kubatov montiert, der 2009 erklärt hatte, alle Nicht-Fidesz-Wähler in Pécs („Kommunisten“) seien Fidesz namentlich bekannt, vgl. Post “Die Strategie des Sieges”: Fidesz-Wahlsieg dank illegaler Wählerlisten, 16. Dezember 2012.)

Das Gedicht (Quelle, in Debrecen ohne den *markierten Teil. Übersetzung N.N., PR dankt):

Wie du gewählt hast, so soll man dich behandeln!
So soll man dir JA oder NEIN sagen!
So soll man dir die helfende Hand reichen!
So wie du gewählt hast, so soll man dich behandeln!
So soll man dich aus dem lodernden Haus retten, dich aus der wilden, tobenden Flut herausziehen!
So sollst du Brot an der Schwelle zum Hungertod bekommen!
So wie du gewählt hast, so soll man dich behandeln!

Genau so treu soll deine Ehefrau dir sein, so soll dein Sohn dich ehren oder ablehnen, so soll dein Name gesegnet oder verflucht werden!
So wie du gewählt hast, so soll man dich behandeln!
[*Hast du JA gesagt, sei der Herr mit dir!
Hast du NEIN gesagt, soll auch er dir nicht vergeben!
Sollst du das Himmelreich nicht sehen, soll in der Hölle dein Platz sein!
So wie du gewählt hast, so soll man dich behandeln!]
Denn wer sein Volk vergisst, wer es verleugnet, der tötet seine blutsverwandten Geschwister, der kann niederträchtiger nicht sein! Für den kann es keine Entschuldigung geben!
So wie du gewählt hast, so soll man dich behandeln!

So erklang mein Gedicht bis zum Karfreitag, dem blutigen, großen Opfer Christi. Doch da auch er am Kreuz vergeben hat, verfluche auch ich die Söhne meines Volkes nicht. Dummheit hat deine garstigen Missetaten geboren, am Tage des Jüngsten Gerichtes sollen sie dir vergeben werden!
Doch solang du auf der Erde lebst – nur, damit du es nicht vergisst: So wie du gewählt hast, so soll man dich behandeln!

Meine Damen und Herren, liebe Gäste, jetzt folgt der Ministerpräsident Ungarns, Viktor Orbán! (Jubel)

Ungarn baut Nazi-Besatzungsdenkmal

9. April 2014

Zwei Tage nach der Wahl wurde am Budapester Freiheitsplatz mit dem Bau des Denkmals der deutschen Besatzung begonnen. Unter anderem wegen dieses Denkmals boykottieren die ungarischen jüdischen Gemeinden das Holocaust-Gedenkjahr. Ein Flashmob von Zivilen und Opposition riss gestern den Bauzaun ein und kündigte weitere Proteste an.

Zwei Tage nach der Wahl wurde auf dem Budapester Freiheitsplatz mit dem Bau des “Denkmals zur Erinnerung an die Deutsche Besatzung” begonnen, siehe Spiegel Online: Umstrittenes Projekt: Ungarn beginnt Bau von Nazi-Besatzungsdenkmal. Unter anderem wegen dieses Denkmals, das Horthy-Ungarns Verantwortung für den ungarischen Holocaust leugnet und Tätern und Opfern gleichermaßen gedenken will, boykottieren die jüdischen Gemeinden das Holocaust-Gedenkjahr. Nach Protesten seit Anfang des Jahres hatte Viktor Orbán im Interesse seines Wahlkampfs die für den 19. März geplante Errichtung des Denkmals auf nach die Wahlen verschoben und den jüdischen Gemeinden nach Ostern weitere Gespräche angekündigt, die Hintergründe auf diesem Blog.

Bis Ostern werden am Freiheitsplatz jetzt Tatsachen geschaffen. Der Dachverband jüdischer Gemeinden Mazsihisz bezeichnet den Schritt als skandalös (s.u.).

Gestern Nachmittag demonstrierte ein kurzfristig organisierter ziviler Flashmob von etwa 300 Personen unter Teilnahme der Oppositionsparteien (außer Jobbik und LMP, s.u.) vor der Baustelle und riss den Bauzaun ein. Die Polizei schritt nicht ein.

Laut Informationen der Népszava wurden die Bauarbeiten nach der Demonstration am späten Abend gegen 22 Uhr fortgesetzt.

Weitere Protestaktionen sind angekündigt, die nächste heute um 17.00 Uhr.

(Quelle)

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(Quelle)

(Index, mit Video)

(Foto: Attila Kovács/MTI via 444.hu)

Reaktionen der jüdischen Gemeinden auf den Denkmalbau

Der geschäftsführende Vorsitzende des Dachverbandes jüdischer Glaubensgemeinschaften Mazsihisz, Gusztáv Zoltai, sagte der Népszava: “Was sie bis zum Abend aufbauen, werde ich als Zeichen bürgerlichen  Ungehorsams bis zum Morgen wieder abreißen, wenn es sein muss, auch wenn sie mich dafür einsperren – dann werde ich als Holocaust-Überlebender eben nach 70 Jahren wieder eingesperrt.”

Der Mazsihisz-Vorsitzende András Heisler sprach von einem “Skandal”, man müsse Konsequenzen ziehen.  Der Mazsihisz-Vizevorsitzende Péter Tordai fügte hinzu, “unsere  Enttäuschung ist riesengroß, ich halte diesen Schritt nicht für korrekt.”

Protest von Zivilen und Opposition

Die Protestaktionen werden von der Dramaturgin Fruzsina Magyar und der äußerst aktiven Facebook-Gruppe “Toleranz” organisiert; gestern schlossen sich die oppositionellen Parteien DK, Liberale, Gemeinsam-PM und MSZP an.

Die LMP positionierte sich wie üblich in der Mitte zwischen Regierung und Opposition (vgl. Heinrich-Boell-Stiftung): LMP-Chef András Schiffer sagte im oppositionellen Fernsehsender atv zu den Protesten, das Land habe viel größere Probleme, und die Opposition täte besser daran, sich mit den Problemen zu beschäftigen, die zur Wahlpleite geführt haben. “Ich bin auch ein Nachfahre der Opfer, ich bin mit der Konzeption des Denkmals nicht einverstanden, doch ich habe genug von der Krawallmacherei und Hysterie, die die Linke um das Denkmal entfacht, weil es Holocaust-Leugung wäre. Wieso sprechen wir stattdessen nicht über die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen?” (Übersetzung Gregor Mayer, Quelle)

*

Derweil präsentierte sich Viktor Orbán nach seinem Wahlsieg auf seiner internationalen Pressekonferenz mit programmatischer neuer Beflaggung: Oben auf den Fahnen ist der völkisch-magyarische Cousin des deutschen Reichsadlers, der Turul montiert, vgl. Orbáns “Blut und Boden”-Rede 2012.

(Quelle)

Ausgeblendete historische Vorläufer:

(Turul rechts. Hungarian Spectrum/nepszava.com)

[Update 15.4.2014:

Bild: Hetek.hu. Update Ende]

Ungarns neuer Partner Nordkorea?

8. April 2014

Nachdem die ungarischen Parlamentswahlen erwartungsgemäß verlaufen sind, zurück zur Tagesordnung mit einer aktuellen Meldung: Eine Delegation des ungarischen Außenministeriums besuchte heute Pjönjang, “um die Beziehungen der beiden Länder zueinander zu klären”. Auch ein Besuch des Geburtshauses des stalinistischen Diktators Kim Il-sung stand auf dem Programm.

Die ungarischen Parlamentswahlen am 6.4. brachten erwartungsgemäß Fidesz den Wahlsieg, Jobbik legte deutlich zu. Alles zur Wahl beim Pester Lloyd, Presseschau auf der PR-Facebook-Seite. In diesen Wahlbezirken ist Jobbik (Grau) zweitstärkste Partei (Quelle: Origo):

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***

 

Ungarische Delegation in Nordkorea

Wie die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA meldet (s.u.), besuchte eine Delegation des ungarischen Außenministeriums am heutigen Dienstag Pjönjang. Weder die Seite des ungarischen Außenministeriums noch die ungarische Nachrichtenagentur MTI hatten diesen Besuch im Vorfeld erwähnt. Das Außenministerium  erklärte, die diplomatische Konsultation diene der Klärung der Beziehungen beider Länder zueinander, sie habe keinen Einfluss auf Ungarns vollständige Einhaltung der durch die internationale Gemeinschaft, die Vereinten Nationen und die EU verabschiedeten Beschlüsse und Sanktionen gegenüber Nordkorea. (Index)

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Die Delegation des ungarischen Außenministeriums besichtigt das Geburtshaus von Nordkoreas stalinistischem Diktator Kim Il-sung in Mangyŏngdae.

Die KCNA-Meldungen zum Besuch (direkte Verlinkung nicht möglich):

Pyongyang, April 8 (KCNA) — DPRK Foreign Minister Pak Ui Chun met and had a talk with a delegation of the Hungarian Ministry of Foreign Affairs led by Director General Peter Jakab which paid a courtesy call on him on Tuesday.

Pyongyang, April 8 (KCNA) — A delegation of the Hungarian Ministry of Foreign Affairs led by Director General Peter Jakab visited Mangyongdae on Tuesday.
Being briefed on the story about the historic old home in Mangyongdae where President Kim Il Sung was born and spent his childhood, nurturing a great intention of revolution, the guests went round historical relics preserved with much care.

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(Fundstück, Internet)

Erinnerungsarbeit 2.0

19. März 2014

Heute vor 70 Jahren besetzte Deutschland Ungarn. Der folgende Beitrag erschien leicht gekürzt in der aktuellen Jungle World.

Blumen für den Reichsverweser. Geschichtsrevisionismus in Ungarn.

Jungle World Nr. 11/14, 13. März 2014

Vor 70 Jahren besetzte Deutschland Ungarn, doch das war schon längst ein Verbündeter der Nazi-Diktatur. Auch die Verfolgung der Juden mussten die Deutschen den Ungarn nicht erst beibringen. Doch davon will die Regierung unter Viktor Orbán heute nichts wissen. Die jüdischen Gemeinden wollen sich den Geschichtsrevisionismus nicht mehr länger bieten lassen und boykottieren das staatliche Holocaust-Gedenkjahr. Alles über die ungarische Gedenkpolitik und den neuen Kult um Reichsverweser Miklós Horthy auf den Thema-Seiten.

Erinnerungsarbeit 2.0. Pusztaranger: Die Angehörigen von Überlebenden des Holocaust in Ungarn brechen ihr Schweigen

Wenn aus Tätern Opfer werden. Magdalena Marsovszky: Wie Ungarn sich als Opfer der deutschen Besatzung stilisiert

Und der Turul fliegt weiter. Karl Pfeifer: Staatliches Gedenken und Geschichtsrevisionismus

Holocaust-Gedenken ohne Juden. Andreas Koob: Der Boykott durch die jüdischen Gemeinden war überfällig

Horthy wird noch gebraucht. Julia Lévai: Die Gefahren der Apologie des Horthy-Regimes

Erinnerungsarbeit 2.0

(aktualisierte Version mit Links und zwei zusätzlichen Geschichten)

Das Holocaust-Gedenkjahr 2014 findet in Ungarn ohne die Beteiligung der jüdischen Gemeinden statt, weil sie die Gedächtnispolitik der Regierung nicht mittragen wollen. Dank einer Facebook-Gruppe haben viele Nachkommen von Überlebenden eine Möglichkeit gefunden, die Geschichten ihrer deportierten und ermordeten Angehörigen öffentlich zu erzählen und damit einen Prozess der gesellschaftlichen Erinnerungs- und Trauerarbeit anzustoßen.

Das Holocaust-Gedenkjahr der ungarischen Regierung begann mit einem Skandal: Der Leiter des neuen staatlichen Veritas-Instituts, das die ungarische Geschichte der vergangenen 150 Jahre aufarbeiten soll, bezeichnete die vom ungarischen Staat durchgeführten Deportationen von etwa 18 000 Juden »ungeklärter Staatsbürgerschaft« zum Massaker von Kamenez-Podolsk 1941 als »fremdenpolizeiliche Maßnahme«. Genauso untragbar für die jüdischen Gemeinden war die innerhalb weniger Monate ohne Konsultation geplante Holocaust-Gedenkstätte »Haus der Schicksale« und das ohne öffentliche Ausschreibung geplante Denkmal der Deutschen Besatzung, das Ungarn als unschuldiges Opfer der Nazis darstellt. Der Skandal hatte jedoch einen unvorhergesehenen positiven Nebeneffekt. In ihrer Empörung posteten immer mehr Menschen Geschichten und Fotos von deportierten und ermordeten Angehörigen im Internet.

Um diese Geschichten zu sammeln und zu dokumentieren, gründete der Publizist und ehemalige liberale Abgeordnete Mátyás Eörsi im Februar die offene Facebook-Gruppe »Der Holocaust und meine Familie«, die inzwischen fast 3 500 Mitglieder hat. Seither reißt der Strom der Geschichten und Bilder nicht ab. Die bekannte Soziologin Mária Vásárhelyi bezeichnete sie als die »wichtigste ungarische Facebook-Gruppe«. Auf Basis des umfangreichen Materials ist eine Veröffentlichung geplant.

»Es ist nicht leicht, jahrzehntelanges Schweigen zu brechen und sich der Welt zu präsentieren: Das sind wir, mit unseren Eltern und Großeltern ist viel Schreckliches geschehen, aber wir können nicht akzeptieren, dass die Nachkommen der Opfer schweigen, während die Anhänger der Täter lärmen«, heißt es in Eörsis Beschreibung der Gruppe. »Immer mehr Leute begreifen es: Bei dieser Debatte geht es nicht um eine Angelegenheit der Juden, sondern um Ungarn, um unsere gemeinsame Geschichte«, sagte er im Interview mit der linksliberalen Wochenzeitung 168 Óra.

Im Hinblick auf seine Vergangenheitsbewältigung ist Ungarn dem Historiker Krisztián Ungváry zufolge vergleichbar mit der BRD Mitte der sechziger Jahre. Die persönlichen Geschichten machen die Vergangenheit in einer Weise öffentlich, lebendig und präsent, wie es vor zehn Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre. Familiengeschichten, die bislang als »Privatsache« galten, auf Facebook öffentlich zu diskutieren und gemeinsam zu betrauern, hat im kleinen Rahmen einen Prozess gesellschaftlicher Erinnerungs- und Trauerarbeit angestoßen, während das offizielle Holocaust-Gedenkjahr zur Farce verkommen ist.

Während die heutige ungarische Regierung in ihrer Gedächtnispolitik die aktive Beteiligung des Regimes Miklós Horthys am Holocaust ausblendet, um der sogenannten Mehrheitsgesellschaft eine ungebrochen positive Identifikation mit der Nation zu ermöglichen, und dabei »Juden« und »Ungarn« semantisch unterscheidet, als ob es sich um voneinander getrennte Bevölkerungsgruppen handle wie vor der Assimilation der ungarischen Juden im 19. Jahrhundert (so sprach Kanzleramtsminister János Lázár Ende Februar vom »jahrhundertelangen erfolgreichen Zusammenleben von Ungarn und Juden im Karpatenbecken«), wird an diesen Geschichten deutlich, dass es nach wie vor die gesamte ungarische Gesellschaft ist, die sich an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnern muss.

Die folgenden Geschichten werden mit dem Einverständnis ihrer Verfasserinnen und Verfasser veröffentlicht, PR dankt.

Deportation 1941 als »fremdenpolizeiliche Maßnahme«

»Meine Großtante Reska Zacher (39), ihr Mann Ernő Klein (42) und ihre beiden Kinder (acht und zehn) wohnten in einer schönen Wohnung im Guttmann-Haus in der Rákóczi út, damals eines der modernsten Gebäude in Budapest. Sie hatten in der Innenstadt zwei gutgehende Feinkostgeschäfte mit Gewürzen, Südfrüchten und Delikatessen. Sie hatten sich ihre Existenz mit unglaublichem Fleiß und Ausdauer über Jahrzehnte hinweg aufgebaut und es so in das wohlhabende Budapester Bürgertum geschafft. Aber 1941 trat eine neue Verordnung in Kraft, jeder in Ungarn lebende Jude ohne ungarische Staatsbürgerschaft musste sich bei der Fremdenbehörde melden. Tante Reskas Mann, Onkel Ernő, meldete sich auch. Bisher hatte er es nicht für wichtig gehalten, die Staatsbürgerschaft zu beantragen, weil dies keinerlei praktische Bedeutung hatte. Er dachte, dann erledigt er das eben jetzt. Einige Tage später bekam er einen Bescheid, dass er als nicht ungarischer Staatsbürger des Landes verwiesen werde. Weil sie damals immer noch nicht begriffen, was das bedeutete, meldete sich die ganze Familie freiwillig bei der Fremdenbehörde. Sie dachten, in ein paar Tagen kommen sie sowieso zurück, und vertrauten ihre Geschäfte derweil einem ihrer Angestellten an, den sie für vertrauenswürdig hielten. Sie wurden zusammen mit 18 000 anderen Juden nach Kamenez-Podolszk deportiert und erschossen. Im Rahmen einer ›fremdenpolizeilichen Maßnahme‹. Ihre Geschäfte übernahm der als vertrauenswürdig erachtete Angestellte und lebte glücklich und zufrieden bis an sein Ende. So hat mir mein Onkel die Geschichte erzählt. Von den Geschwistern meiner Großmutter war Reska Zacher das erste Opfer des Holocaust. Acht weitere folgten.« (Mária Vásárhelyi)

Der Großvater meines Mannes kam aus Galizien, seine Großmutter aus Munkács. Ich habe ein Papier von 1939 gefunden, das ihrem Sohn, also meinem Schwiegervater, die ungarische Staatsbürgerschaft bescheinigt. Ohne dieses Papier wäre er 1941 mit Sicherheit deportiert worden – seines galizischen Vaters wegen, der damals schon gar nicht mehr lebte. (Hátszegi Gábor Ferencné)

1944: Deportation durch ungarische Gendarmen

»Mutti war 14, als die Gendarmen sie holen kamen. Damals mussten die Juden schon alles Gold abgeliefert haben, aber meine Großmutter dachte, vielleicht lassen sie ihrer Tochter den winzigen Ohrring, den sie ihr gekauft hatte. Sie irrte sich. Einer der Gendarmen trat zu Mutti und riss ihn ihr aus dem Ohr. Mutti ist jetzt 85. Ihr ist nie eingefallen, sich Ohrringe zu kaufen. Und auch an ihren beiden Töchtern wollte sie keine sehen.« (Ágnes Rapai)

Zwei Großväter, 1944

»Meine beiden Großväter kannten einander nicht. Der Vater meiner Mutter war evangelischer Pfarrer und tat im Krieg Dienst in der Kirche am Deák tér, wo er regelmäßig Juden versteckte, zum Beispiel in Teppiche eingerollt. Ein junges Mädchen namens Hedda versteckte er jedoch bei sich zu Hause, am damaligen Mária-Terézia-Platz Nr. 2. Das war deshalb besonders mutig, weil das Parteihaus der Pfeilkreuzler am Mária-Terézia-Platz Nr. 1 war. Meine damals zehnjährige Mutter wusste nur, dass Hedda nicht nach Szeged zu ihren Eltern reisen konnte und deshalb eine Weile bei ihnen wohnte. So lebten sie wochenlang zu viert. Hedda konnte später fliehen und emigrierte 1949 nach Israel.

Mein anderer Großvater war Jude. Er arbeitete in der Druckerei meines Urgroßvaters und lag 1944 mit Bleivergiftung im Krankenhaus. Dorthin kamen die Pfeilkreuzler und suchten aus den Kranken die Juden heraus. Meinem Großvater ging es sehr schlecht und der eine Pfeilkreuzler sagte auch: Mit dem brauchen wir uns keine Arbeit zu machen, lassen wir ihn hier. Der andere sagte: Einer mehr oder weniger, ist es nicht egal? Nehmen wir ihn mit. (Das wissen wir aus einem Brief an meine Großmutter.) So kam er nach Dachau, wo er im Dezember 1944 an ›Herzversagen‹ starb.

Wer weiß, wenn sie einander gekannt hätten.« (Krisztina Forgács)

Eine Rettung 1944

Meine Großmutter war eine zierliche, rehäugige junge Frau. Seit ’41 wohnte sie zur Untermiete bei der christlichen Familie von Tibor Navracsics, der sie überredete, die Papiere seiner verstorbenen Schwester zu benutzen. Später traf sie auf der Arbeit eine Frau, die einem Transport nach Kamenez-Podolsk entkommen war, und gab ihr ihre eigenen Papiere, die sie zwar als Jüdin, aber wenigstens als ungarische Staatsbürgerin auswiesen. Doch irgendeine Kollegin denunzierte sie. In der Firma erschien ein schneidiger Polizeikommissar und fragte nach ihr, ihrem echten Namen. Und meine Großmutter meldete sich. Was konnte sie schon machen, auch die Denunziantin war in der Nähe, sie musste mit dem Polizisten gehen. Sobald er mit ihr allein war, malte er ihr in drastischen Farben aus, was sie erwartete, dann schickte er sie zum Mittagessen und meinte, die Verhaftung habe Zeit bis am Nachmittag. Meine Großmutter ging tatsächlich zum verabredeten Treffen, aber der Polizist war nicht mehr da. Nach einigem Zögern ging sie ins Polizeigebäude hinein. Als sie dem Portier sagte, auf wen sie wartete, sagte er, der Polizist habe ihm befohlen, sie nach Hause zu scheuchen, falls sie auftauchen sollte. Manche Leute sind eben nicht leicht zu retten… (Gábor Pápai)

Heimkehr ins Nichts

»Der eine Bruder meiner Großmutter brach sich beim Arbeitsdienst das Bein und wurde in eine Krankenbaracke gebracht. Diese wurde dann von den ungarischen Bewachern angezündet. Ein anderer Bruder kam nach Hause zurück und begann, nach der Familie zu suchen. In ihrem Haus wohnten bereits andere Leute, die ihn mit den Worten empfingen: Na Jude, wozu bist du zurückgekommen? Alle deine Leute sind tot, und in eurem Haus wohnen jetzt wir, also scher dich zum Teufel. Er setzte sich wieder auf sein Motorrad und fuhr in der nächsten Kurve gegen einen Baum. Es kam nie heraus, ob es Selbstmord oder ein Unfall war.« (János Dési)

Stalins Tod

»1953 stand unsere Grundschuldirektorin, Tante Gizi, eines schönen Tages ans Geländer der Schule gelehnt und schluchzte. Zu Hause fragte ich meine Mutter, die auch dort unterrichtete, warum. Sie sagte mir: Tante Gizi hat am Unterarm so eine seltsame Tätowierung, ob ich weiß, was das ist? Die Russen haben sie aus einem Lager befreit, sonst wäre sie nicht mehr am Leben. Und jetzt ist Stalin gestorben, und sie hat wieder Angst … Von unserer eigenen Familiengeschichte (s. u.) erfuhr ich erst viel später.« (Ildikó Őze)

Der ungarische Aufstand 1956 als Befreiungskampf gegen »jüdische Fremdherrschaft«

»1956 stellte sich der alte Pfeilkreuzler aus dem dritten Stock mit einem Gewehr – keine Ahnung, woher er das hatte – in den Hof unseres Hauses, schoss in die Luft und brüllte: Juden auf dem Hof aufstellen! Und die Eislers, die Hoffmanns, mein Vater etc. stellten sich erschrocken auf. Es war erst elf Jahre her, dass er aus dem Arbeitslager zurückgekommen war. 1956 wohnten wir am Platz der Republik (einem Schauplatz der Kämpfe). Das alles zusammen war ein Schock für ihn.« (Ágnes Erényi Eisler Szász)

Nazigroßmutter und jüdische Großmutter unter einem Dach

»Als Róza Klein, meine Großmutter mütterlicherseits, 1914 meinen Großvater heiratete, konvertierte sie zum Christentum. Dieser Zweig der Familie blieb von den Judengesetzen unberührt. Als meine Mutter dann meinen Vater kennenlernte und ihn 1945 heiratete, ließ sich mein Großvater von seiner geliebten einzigen Tochter schwören, NIEMALS mit NIEMANDEM darüber zu reden, dass sie jüdisches Blut habe (sic). Heute weiß ich auch, warum: Meine Großmutter väterlicher Seite entstammte einer aristokratisch-großbürgerlichen Familie, war leidenschaftliche Antisemitin und trat der Nazipartei bei. Sie nahm ihrem jüngsten Sohn die Braut von Anfang an übel. Mit ihrem älteren Sohn floh sie Ende 1945, das ungarische Volksgericht ließ sie in Handschellen aus Berlin zurückbringen, 1947 wurde sie zu fünf Jahren Haft verurteilt. 1952 kam sie frei, wir lebten im selben Haus in derselben Wohnung, die nur abgeteilt worden war.

Und nun gelang der Großmutter schließlich, was sie die ganze Zeit über geplant hatte: Meine Eltern auseinanderzubringen. Sie ließen sich noch 1952 scheiden, und mein Vater zog zu seiner Mutter in den anderen Teil der Wohnung. Die Großmutter verleugnete meine Schwester und mich, wir durften sie nicht sehen, solange sie lebte. Ab 1958 wohnte dann auch unsere Großmutter Róza bei uns, und von da an verhinderte eine hässliche Bretterwand zwischen den beiden Teilen der Wohnung, dass die zwei Familien einander auch nur zufällig begegneten. Aber welche Ironie des Schicksals: Unsere beiden Großmütter kamen 1964 beide ins selbe Krankenhaus, starben beide innerhalb einer Woche und wurden im Abstand einer Stunde auf demselben Friedhof beerdigt.« (Ildikó Őze)

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