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Jobbik und der Gott der Ungarn

3. Oktober 2009

2011 soll es in Ungarn wieder eine Volkszählung geben, und die Regierung hat vor, die Frage nach der Religionszugehörigkeit dieses Mal zu streichen. Dagegen protestiert jetzt die ultrarechte Partei Jobbik, sie wollen, dass die Frage drin bleibt.

Interessant ist die Begründung:

„Für Jobbik ist es wichtig, eine möglichst genaue Diagnose der ungarischen Gesellschaft auch auf dem Gebiet der Religion stellen zu können, um zur Heilung des geistigen und seelischen Lebens die entsprechenden Schritte ergreifen zu können.  (…) Auch ist es wichtig, die genaue Anzahl der Staatsbürger zu erfahren, die die in Ungarn eingetragenen 231 Religionsgemeinschaften (wörtlich: Kirchen) in sich vereinen, von denen die Mehrzahl nur destruktive Sekten sind, die die materiellen Möglichkeiten ausnutzen.“

So steht es in der Erklärung von Ádám Mirkóczki, dem Vorsitzenden des Parteiausschusses für Kirchenangelegenheiten, auf jobbik.hu.

Laut Mirkóczki ist Jobbik „dem christlichen Glauben und somit den historischen Kirchen verpflichtet“ (=Reformiert und katholisch), sie betrachten die gesetzliche Regelung von Gründungen von Religionsgemeinschaften als zu liberal und wollen sie sofort verschärfen, sobald sie ins Parlament einziehen. (Nächstes Frühjahr sind Wahlen, Jobbik hat eine Prognose von ca. 10%). Die bereits eingetragenen Kirchen wollen sie überprüfen, „um der öffentlichen Meinung eine Vorstellung von den tatsächlichen Mitgliederzahlen und den gesellschaftlichen, seelsorgerischen und karitativen Aktivitäten der Gemeinden zu geben, sowie der Höhe der staatlichen Unterstützung, die sie erhalten.“

Wenn einzelne Kirchen (= „die rein profitorientierten Kleinkirchen und destruktiven Sekten“) der Überprüfung nicht standhalten, sollen sie als Institution geschlossen werden. Kein Wort wird darüber verloren, wer diese Überprüfungen durchführen soll, und nach welchen Kriterien.

Wie in Ungarn die Gründung von Glaubensgemeinschaften, die damit Kirchenstatus bekommen, gesetzlich geregelt ist, und inwiefern diese Regelungen gut sind oder nicht, kann ich nicht beurteilen, aber was Jobbik will, ist ziemlich klar: Religionsfreiheit ade. Was in der Verfassung steht, interessiert diese Leute nicht.

Auch geht es hier mal wieder um ihr Steckenpferd, „Verantwortungslose Verschwendung von Steuergeldern.“ Sprich, wer ein anderes Weltbild als die sogenannte „Mehrheit“ vertritt, soll keine staatliche Unterstützung und Steuergeschenke bekommen, denn zuerst muss die „Mehrheit“ versorgt sein. Das wird immer angeführt, wenn es um die staatliche Förderung von unliebsamen NGOs geht (Organisationen für Schwulenrechte z.B.).

Wie Jobbik sich die „spirituelle Heilung des ungarischen Volkes“ vorstellen, erfährt man, wenn man ihrem Hausgeistlichen zuhört, dem reformierten Geistlichen Lóránt Hegedüs junior („der Pastor der Nation“). Und was dieser Gottesmann predigt, ist nicht christliche Nächstenliebe, oder vielmehr gilt diese in erster Linie dem von teuflischen Mächten bedrohten ungarischen Volk – „Allein mit Gott sind wir in der Mehrheit!“, sagte er am 20.9. auf einer Demonstration der verbotenen Ungarischen Garde, der er auch beigetreten ist.

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(Bild: NOL. Er ist der in der Mitte)

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(Bei der Garde-Demo am 20.9, Bild: beol.hu.)

Der Mann ist ein Antisemit und Volksverhetzer vor dem Herrn. 2007 hat er David Irving eingeladen; auf der Webseite „Christentum, Kirchen und (Neo)nazismus“ , die der Rektor und ein Dekan der ungarischen Theologischen Hochschule John Wesley wegen ihm eingerichtet haben, sind zwei seiner aktuellen Ergüsse auf Deutsch übersetzt, mit Hintergrundmaterial (Verlinkung war schwierig, lest Euch durchs deutsche Menü). Die ungarischen Kirchen distanzieren sich nicht von ihm.

Edit: Innerhalb der reformierten Kirche gab es 2007 eine Unterschriftenaktion an die Kirchenleitung,  Resultat 2009:

Loránt Hegedűs jun. setzt auch nach seiner gastlichen Aufnahme von David Irving und des Gede Verlages und seiner Rede im Oktober 2007 seine Pfarrertätigkeit im neonazistisch-antisemitischen Geist fort. In seiner Kirche ist inzwischen zwar mit Müh und Not ein Verfahren gegen ihn eingeleitet worden, und unter den Mitgliedern und Pfarrern der Kirche schütteln viele über seine Tätigkeit ernsthaft den Kopf, zu einer kollektiven kirchlichen Verurteilung seines Wirkens und der Ziehung klarer Grenzen bei der mit ihm gepflegten kollegialen und konfessionalen Gemeinschaft ist es jedoch von Seiten seiner Kirche mit offizieller Eindeutigkeit nicht ein einziges Mal gekommen.

Es kann auch keine Veränderung konstatiert werden, nachdem Loránt Hegedűs jun. am 11. Juli 2009 offiziell in die, in der Europäischen Union zu den geistigen Pestträgern gerechneten, von der faschistoiden Bewegung Jobbik [Bewegung für ein besseres Ungarn] mehr denn je offen unterstützten Ungarischen Garde eingetreten ist.

In der Angelegenheit der Konversion des Loránt Hegedűs jun. zum Gardisten haben Gábor Iványi und Tamás Majsai einen Aufruf an die Reformierte Kirche Ungarns gerichtet.

Zu den weiteren Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Aufruf und zu der neonazistischen Pfarrertätigkeit von Loránt Hegedűs, des Weiteren zur Rezeption der Ungarischen Garde und der neonazistisch-antisemitischen Ideologie im christlichen Umfeld siehe die Homepage Christentum und (Neo)nazismus: gardaegyhaz.atw.hu

(Edit Ende.)

Im Ausland gab es hie und da Reaktionen; der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Ungarn hat sich geäußert, und der Wiener Journalist Karl Pfeifer auf Englisch hier.

Hier sehen wir Hegedüs aktuell, am 20. September als Redner auf der Garde-Demo in Sarkad „für Sicherheit und Schutz des Privateigentums“. Auch wenn man kein Wort versteht, kriegt man doch ein Gefühl dafür, welche Stimmung dieser fromme Gottesmann in der Gardeuniform verbreitet. (Bei 3.50 kommt er in Fahrt, da geht es um Roma, und bei 4.40 bezeichnet er die Wende als „effektive Weiterführung der judeobolschewistischen Diktatur“.)

*

Zurück zur Volkszählung – mir graut beim Gedanken, wie Jobbik die „geistige und seelische Heilung“ Ungarns betreiben wollen, sobald sie Listen haben, wer alles nicht reformiert oder katholisch ist.

Den Teil der ungarischen JüdInnen, die sich über Religion definieren, hätten sie damit schon erfasst.

*

Edit 6.10.: Ich sehe gerade, im Parlament wurde schon darüber entschieden, die Frage nach der Religionszugehörigkeit wird nicht gestellt.

Edit 23.10.: Staatspräsident László Sólyom hat das Gesetz nicht unterschrieben, weil er unter anderem die Frage nach der Religion beibehalten will. Siehe heute Pester Lloyd.

5 Kommentare leave one →
  1. 5. Oktober 2009 20:08

    auch wer nicht religiös ist, sollte „beten“ dass die erhebung der religionszugehörigkeit nicht passiert! alle daten, die jobbik in die hände bekommt, wird sie gegen die demokratie und gegen andersdenkende verwenden, ich möchte mir nicht ausmalen, wie…

  2. 29. Juni 2011 21:15

    Wie kann man nur so verblödet sein, wie zum Beispiel die Leute die so ein Blog gründen und regelmäßig nur Dummheiten darauf schreiben.

    Das ein abgebrandter Kommunisten Trabant im Header ist überascht mich mal überhaupt nicht…

    Aber benutze den Begriff „Puszta“ nicht, da du gegen das Ungarische Volk bist und somit auch keine Ungarischen Wörter oder Begriffe verwenden solltest!

    @BB

    Du bist mal ein ganz lustiger, JOBBIK ist eine Rechts orientierte (überzeugte!) Demokratische Partei, eine worauf Ungarn seit der Wende wartet.

    Wenn man keine Ahnung hat, sollte man lieber den Mund halten!

    KITARTÀST MAGYAROK !!!

    • pusztaranger permalink
      30. Juni 2011 08:28

      Ach, ein echter kleiner Nazi, und deutsch kann er auch einigermaßen, hatten wir hier lange nicht. Nur zu, Du Demokrat, lies, kommentiere und zeig uns, was Du drauf hast. Solche O-Töne kommen immer gut und landen im Tab Feldpost.

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