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Oszkárs jüdische Weltverschwörung

1. November 2009

Oszkár Molnár, Abgeordneter der nationalkonservativen Oppositionspartei FIDESZ und Bürgermeister der Kleinstadt Edelény in Nordostungarn, von dem hier schon mal die Rede war, hat in der letzten Zeit wieder Schlagzeilen gemacht:

„Ich liebe Ungarn, ich liebe die ungarischen Menschen, und für mich stehen die ungarischen Interessen im Vordergrund, und nicht das globale Kapital – wenn Sie so wollen das jüdische Finanzkapital, das sich die ganze Welt einverleiben will, und besonders Ungarn.“

Das sagt er in diesem Fernsehinterview auf einem Lokalsender (bei 0:43).

Molnár sagt hier auch, dass in Ungarn mit einer Einwanderungswelle aus Israel zu rechnen sei:

„In Jerusalem werden die Schulkinder schon auf Ungarisch unterrichtet (…) damit sie die Sprache ihrer neuen Heimat lernen.“ (ab 1:50)

Israel will in Ungarn alles aufkaufen, was nicht niet- und nagelfest ist, den Ungarn die Existenzgrundlage rauben (er nennt unter anderem die Privatisierung der Wasserversorgung), und dann das Land mit Siedlern überschwemmen – so in etwa stellt Molnár sich das vor. Hierzulande denkt man da sofort an einen schlimmen Fall rassistischer Paranoia, in Ungarn macht man Politik damit. Molnár sagt, das sei alles bewiesene Tatsache, aber in Ungarn ein Tabuthema, und nur er traue sich, den Mund aufzumachen.

„Dabei gehört Ungarn den Magyaren.“ (2:57)

„Ungarn gehört den Magyaren“ (Magyarország a magyaroké) ist der Slogan der ultrarechten Partei Jobbik. Überhaupt könnte alles, was Molnár in diesem Interview von sich gibt, direkt von einem Vertreter von Jobbik kommen, inhaltlich ist da gar kein Unterschied. Darauf angesprochen, sagt er aber, daß ihm nicht im Traum einfällt, die Partei zu wechseln. Muß er ja auch gar nicht – bei FIDESZ ist er ja bestens aufgehoben.

Konsequenzen? Keine

In Deutschland fliegen PolitikerInnen für solche Aussprüche hochkant aus ihrer Partei. Oszkár Molnár brauchte  seinem Fraktionsvorsitzenden gegenüber bloß zu behaupten, dass er weder Antisemit noch Rassist sei, und die Sache war erledigt. Während Sozialisten und Liberale protestieren – oder vermutlich gerade deswegen – lassen FIDESZ ihn einfach weitermachen. Parteivorsitzender Viktor Orbán, der nächstes Jahr die Wahlen gewinnen will, beantwortete die Frage, ob Molnárs Bemerkung seiner Meinung nach antisemitisch sei, so:

„Wenn ein Ausspruch eines Parlamentsabgeordneten bei den Journalisten Fragen aufwirft, sollten sie sich an den Vater dieser Gedanken wenden.“ (Hirszerzo)

Sprich, er bezieht nicht Stellung dazu.

Auf die Frage, ob Oszkár Molnár bei den Parlamentswahlen 2010 wieder für FIDESZ antritt, sagte der Parteivorsitzende, daß er erst mal abwarten will, wie die FIDESZ-Leute in Edelény und Umgebung über Molnárs Kandidatur denken, bevor er seinen eigenen Standpunkt bildet.

Sprich, der Parteichef schließt Molnár nicht etwa aus der Partei aus, weil eine europäische Partei sich solche Idioten nicht leisten kann – Orbán ist immerhin Vizepräsident der Europäischen Volkspartei – sondern er sagt, in dieser Sache läßt er Molnárs Wählerbasis entscheiden.

Was werden die schon dazu gesagt haben?

Sie haben natürlich prompt eine Sympathiekundgebung für Molnár abgehalten, der Marktplatz von Edelény war brechend voll, und natürlich wird er 2010 wieder für den Wahlkreis 8 des Komitats Borsod-Abaúj Zemplém kandidieren. Die Menschen lieben ihn ja, er spricht ihnen aus der Seele. Auf der Veranstaltung empfingen ihn über fünfhundert Leute mit riesigen Beifallsbekundungen („Er lebe hoch!“ ) und stehenden Applaus.

Die Népszabadság weiter zu dieser Demo: In den Redebeiträgen wurden für die um Oszkár Molnár entstandene Debatte in erster Linie die MSZP (Sozialistische Regierung) und die linksliberalen Medien verantwortlich gemacht, „die damit die Aufmerksamkeit von den alltäglichen Sorgen ablenken wollen, die ihre eigene Regierung verursacht hat.“

Das alles war noch im Oktober. In der aktuellen Ausgabe des Fidesz-nahen Magazins Demokrata lächelt Molnár auf dem Titelbild: „Ich nehme nichts zurück.“ Im Interview sagt er: „Die Sozialisten haben Ungarn zu einem Land gemacht, in dem die Angst herrscht, und wer es wagt, offen anzusprechen, welche Fragen die Gesellschaft bewegen, wird als Antisemit und Rassist stigmatisiert.“

Man sieht – das Ganze wird nur auf der Ebene der politischen Rhetorik diskutiert, es existiert überhaupt kein Bewußtsein darüber, was solche Begriffe wie antisemitisch und rassistisch eigentlich überhaupt bedeuten, und warum PolitikerInnen, die solche Inhalte vertreten, in einer Demokratie nichts verloren haben. Im Gegenteil. Auf ultrarechter Seite will man vielmehr antisemitische und rassistische Inhalte offen aussprechen können, aber verbittet sich das ideologische Label dazu (Antisemit, Rassist, Faschist), die man als Beschimpfung auffasst und gegen die mit Verleumdungsklagen vorzugehen ist (siehe auch ultrarechte Motorradgang „Goj Motorosok„).  Die ultrarechte Partei Jobbik reagiert ähnlich empört, wenn man sie als Faschisten bezeichnet, reden von „Verleumdungen“ ihrer politischen Feinde, und gleichzeitig verbreiten sie weiter ihre  faschistischen Inhalte, dass einem die Haare zu Berge stehen.

So sieht’s also aus in Ungarn 2009. Die Grenzen zwischen Nationalkonservativen und Rechtsextremen verwischen sich immer mehr.

Kleiner Pressespiegel dazu:

„Da läuft’s mir kalt den Rücken herunter“ – Budapester Zeitung

Das Phänomen Oszkár. Gastkommentar in der Budapester Zeitung

Fidesz-Abgeordneter warnt vor „jüdischem Kapital“ – Eurorex

Pester Lloyd: Rotierende Bürgermeister

Fidesz group leader meets fellow MP over „anti-Semitic“ remark. Budapest Times

Calls for stripping of MP’s immunity over allegedly anti-Semitic remarks. Politics.hu

Orbán distances party from MP’s bigoted statements. Politics.hu (Wobei die hier „kínos“ mit „awkward“ übersetzen, aber „embarassing“, peinlich, wäre die bessere Übersetzung gewesen.)

Anti-semitism (explicit and implicit) in Hungary, von Karl Pfeifer, Wien

Political Interview Hungarian Style. Blog von Prof. Eva Balogh.

Ungarischer Pressespiegel dazu (kleine Auswahl):

Video: Interview mit ATV . Tolle Redakteurin, grillt ihn förmlich. Ein Genuss.

Orbánnak kínos Molnár Oszkár kijelentése, Index

A Fidesz esete Molnár Oszkárral. Blog von ethnografus.

Edit: Gyorsfénykép Molnár Oszkárról – Egy megkerülhetetlen tényező – Magyar Narancs

Edit  16.11.2009: Hier das Interview mit englischen Untertiteln.

Update

13.12.2009: Heute ist es amtlich, bei den Parlamentswahlen 2010 wird Molnár nicht mehr für Fidesz antreten – sie haben ihn  fallen lassen.  Antreten wird er vermutlich trotzdem,  als Unabhängiger.


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6 Kommentare leave one →
  1. Mike permalink
    3. November 2009 16:09

    Hlo,

    ich stimme dem Beitrag ohne Einschränkung zu (der Macher dieses Forums weiß, dass dies eine Ausnahme ist…): Dieser Molnár scheint einen an der Waffel zu haben. Es bleibt das Geheimnis des Fidesz, warum dieser Idiot nicht ausgeschlossen wird.

    Gruß
    Mike

    • pusztaranger permalink
      3. November 2009 16:37

      Danke, Mike! Schön dass wir uns auch mal einig sind. 🙂

  2. Mike permalink
    3. November 2009 19:05

    Tja, was will man von einem ehemaligen Busfahrer schon erwarten…etwa dass er die Welt in ihrer Komplexität versteht?

    Ein Treppenwitz der Geschichte ist übrigens, dass dieser, an die jüdische Weltverschwörung glaubende Busfahrer von 1988-1993 Mitglied des SZDSZ war…

    Die Bemerkungen von Shimon Peres, auf die Molnár Bezug nimmt, sind allerdings tatsächlich mehr als unglücklich. Und werden durch den peinlichen Erklärungsversuch einer Kálmán Olga auch nicht erträglicher…

  3. Tibor János permalink
    22. September 2010 18:37

    es zahlt sich auf auf youtube zu gehen und nach ariel sharon und ungarn zu suchen. dann stellt sich heraus, dass dieser molnár gar nicht so dumm ist. denn sharon sagt es selbst, im kreise seiner jüdischen politiker bzw freunde, dass er zufrieden ist, wenn er sehen kann wie juden länder wie ungarn, polen, rumänien, albanien aufkaufen.

    schaut euch das mal an leute, und dann denkt darüber nach…

    • pusztaranger permalink
      23. September 2010 09:38

      Es war Peres, nicht Sharon:
      http://www.youtube.com/watch?v=FwmUUhsfKuc
      Ich empfehle Ihnen folgende Lektüre:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Weltjudentum
      http://www.linksnet.de/de/artikel/25911

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