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Bücherverbrennung II: Schriftsteller als Vaterlandsverräter

8. November 2009

Wer sich für ungarische Literatur interessiert, dem muss man nicht erklären, wer Péter Nádas, György Konrád und Imre Kertész sind.

Für das rechte Spektrum in Ungarn sind das allesamt jüdische Vaterlandsverräter, deren Werke vernichtet werden sollten. So die ultrarechte politische Wochenzeitschrift Demokrata letzte Woche über Nádas und Konrád (siehe mein Post), und nachdem Kertész sich gestern im Welt-Interview über Ungarn geäußert hat, so nämlich:

Die Lage hat sich in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich verschlechtert. Rechtsextreme und Antisemiten haben das Sagen. Die alten Laster der Ungarn, ihre Verlogenheit und ihr Hang zum Verdrängen, gedeihen wie eh und je. Ungarn im Krieg, Ungarn und der Faschismus, Ungarn und der Sozialismus: Nichts wird aufgearbeitet, alles wird zugeschminkt mit Schönfärberei.

gibt es bei den Leserkommentaren der Onlinemedien kein Halten mehr (z.B. hier, fast 600 Kommentare an einem Tag). Hohe Wellen der Empörung, antisemitische Tiraden.

(Edit 10.11.: Kertész heute in der Welt über die Reaktionen in Ungarn.)

Edit 11.11.: Iván Andrassew dazu in seinem Blog (ungarisch); die taz und die Zeit heute dazu.)

Inzwischen fängt der Artikel im Demokrata schon an, etwas internationales Aufsehen zu erregen. Das schwedische Fernsehen hat einen Kurzbericht darüber gebracht, mit Péter Nádas im Telefoninterview. Eine Ungarin, die in Schweden lebt, hat in ihrem Blog darauf aufmerksam gemacht und den Beitrag übersetzt. Ich halte das für wichtig; je mehr im Ausland über diese Dinge berichtet wird, desto besser.

Da ich kein Schwedisch kann, hier meine Übersetzung ihres ungarischen Blogeintrags.

Kleine ungarische Absurditäten im schwedischen Fernsehen

DELISA, 6.11.2009

Übersetzung Pusztaranger

„Die in Ungarn immer entschiedener marschierenden rechtsradikalen Gruppierungen wollen Werke für den Nobelpreis nominierter Schriftsteller vernichten“,  höre ich heute beim Abendessen am Anfang der Kulturnachrichten im öffentlich-rechtlichen schwedischen  Fernsehen. Ich eile ins Wohnzimmer, und sehe auch schon die gelben Straßenbahnen auf dem Moszkva tér, während die Moderatorin als Einführung des ersten Beitrags einige Sätze sagt, die für schwedische Ohren unglaublich klingen:

„Kann man Schriftsteller in einem europäischen Land als Vaterlandsverräter bezeichnen? Die Antwort: Man kann. In Ungarn, einem Land, das immer aggressiver in eine rechtspopulistische Richtung geht, geschieht das dieser Tage. Eine Zeitung klagt den Schriftsteller Péter Nádas, dem Chancen auf den Nobelpreis nachgesagt werden, an, die ungarische Seele zu vergiften, und ruft ihre Leser auf, Sturmtrupps zu bilden und die Bücher des Schriftstellers zu vernichten.“ (Das schwedische Leserpublikum kennt Nádas, Esterházy, Kertész, Krasznahorkai, Karinthy, Dragomán, und andere ungarische Schriftsteller.)

„Vaterlandsverräter“- dieses Label hat eine ungarische politische Wochenzeitschrift mehreren Schriftstellern verpasst. Der eine ist der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Péter Nádas, der auch für den Nobelpreis im Gespräch ist, der andere der ebenfalls international bekannte György Konrád“, fährt die Sprecherin fort. Und dann – wie seltsam, das auf Schwedisch zu hören – zitiert eine junge Männerstimme aus dem berüchtigten Artikel:

„Bilden wir kleine Sturmtrupps von 3-4 Personen, durchkämmen wir die Büchereien und vernichten wir diese widerlichen Eiterbeulen, Werke der vaterlandsverräterischen linksliberalen Schriftsteller“ – während die Kamera den Originalartikel zeigt.

„Nádas nimmt den Artikel ernst,“ so die Sprecherin, „ihm kommt dabei der Juni 1944 in den Sinn, als die ungarischen Nazis ebenfalls 400.000 Bände aus den Bibliotheken einstampfen ließen.“

„Jeder weiß, dass damals nicht nur Bücher in der Papiermühle vernichtet, sondern gleichzeitig mit der Deportation der 600.000 jüdischen Ungarn begonnen wurde, von denen 400.000 nicht zurückkehrten. Mir ist es nicht möglich, diese Sache nicht ernst zu nehmen“, höre ich Nádas auf ungarisch sagen.

„Ungarn“, betont die Reporterin, „wo Raoul Wallenberg Tausende von schwedischen Schutzpässen austeilte, hat sich im Faschismus besonders rühmlich hervorgetan,“ erklärt sie mit desillusioniertem Sarkasmus. „Kein anderes Land ließ es zu, daß seine eigenen Bürger allein wegen ihrer Herkunft als Juden oder Roma in so großer Anzahl ermordet wurden. 569.000 Menschen kamen damals ums Leben.“

Es folgt ein kleines Intermezzo auf der Straße, unter Mitwirkung einer älteren Frau und einer Romafamilie, vielleicht aus dem VIII. Budapester Bezirk. Dann eine Überblendung zur Fensterfront eines Büros von Jobbik, und wir sehen Vona und Morvai in den Nationalfarben.

„Der Faschismus tritt heute in zwei Erscheinungsformen auf, zum einen in der oppositionellen Partei Jobbik (deren paramilitärischer Arm verdächtigt wird, acht Menschen wegen ihrer Herkunft als Roma ermordet zu haben) sowie, daß der Vorsitzende der größten oppositionellen Partei dieses Magazin mit einer Leserschaft von 150.000 als einen seiner Favoriten bezeichnet.“

Dann füllt Ádám Pozsonyis knappe, in schlampigem Englisch verfasste Mail den Bildschirm aus, in der er den Namen der Redakteurin falsch schreibt und sich Mühe gibt, glaubhaft zu machen, dass sein Artikel lediglich ein ironisches kleines Absurdum sei… (…) Und stolz setzt er seinen Namen in größerer Schrift darunter.

Aus dem Video (3:00)

Yes, the article ironic. Absurd short story. This is his essence. I cannot say more about this on a telephone.

have a nice day

Pozsonyi Ádám

Wir bekommen auch die spätere Erklärung der Redaktion: Die Proteste gegen den Artikel seien Teil einer linksliberalen Verschwörung, genau wie die genannten Schriftsteller. Dann kommt der  Chefredakteur des Demokrata ins Bild. Der schneidige Herr Bencsik versucht sich in unbeholfenem Schulenglisch am Unmöglichen:

„Ist das etwa Ihr größtes Problem in Schweden? Rufen Sie wegen so etwas eine ungarische Zeitung an… weil unser Autor satirisch über einen anderen Schriftsteller schreibt? Das soll ein Problem sein?“ Doch die Moderatorin geht nicht darauf ein (…) Als Schlußwort zeigt sie dem schwedischen Zuschauer Nádas’s resignierte Reaktion. (…)

Nádas am Schluß des Videos:

Sie halten mich für kriminell, einen Vaterlandsverräter, infektiös und krank. Ich weiß nicht, wo da die Ironie sein soll.

Edit 9.11.: Delisa sagte mir eben dazu:

Dieser Post hatte Rekordzahlen, in den ersten zwei Tagen über 3000 Hits aus 64 Ländern, und über 200 Kommentare, das sind fünfmal so viele wie sonst. Offenbar besteht hier großer Diskussionsbedarf, und es ist nur schade, daß die Leute mit gegensätzlichen Meinungen einander nicht in zivilisierter Form begegnen (hohe Wogen der Empörung auch dort).

5 Kommentare leave one →
  1. Mike permalink
    11. November 2009 22:36

    Dieses erbärmliche antisemitische Geschwätz über angeblich „wurzellose“ Gesellen habe ich schon zu oft gehört. Es ist traurig, wird uns leider bis ans Lebensende begleiten (weltweit!) und ist lächerlich.

    Es gibt aber auch eine andere Seite: Die Motive, die Kertész dazu bewegen, sein Geburtsland in dieser durch und durch negativen Art und Weise zu beurteilen, kenne ich nicht. Möglicher Weis eliegen sie in seiner persönlichen Geschichte als Holocaust-Überlebender, was ich verstehen würde.

    Tatsache ist aber, dass dort keineswegs Antisemiten „das Sagen haben“. Es gibt sie (leider), Kertész erweckt aber den unglücklichen Eindruck, solche Stimmen bildeten die Mehrheit. Ich nehme derartiges in Budapest und sonstwo aber nicht wahr.

    Hinzu kommt, dass das WELT-Interview mit dem auch von der gemäßigten Rechten seit Jahren wegen seiner einseitigen Meinung über Ungarn überkritisch gesehene Kertész – so er selbst – aus dem Zusammenhang gerissen und verschärft wiedergegeben wurde (im Ungarischen z.B. mit „dort herrschen die Antisemiten“). Bei derart fragwürdiger „Übersetzungskunst“ entstehen Missverständnisse.

    Kertész bleibt ein großer Schriftsteller, seine Meinung vom „balkanisierten Budapest“ teile ich nicht. Ich liebe die Stadt. Allerdings heißt es ja immer: „Más ott élni“…

  2. Melanie permalink
    12. November 2009 16:51

    Lieber Mike,
    Kertesz‘ Meinung von einem „balkanisierten Budapest“ teile ich auch nicht, aber nur deshalb, weil ich nichts gegen eine „Balkanisierung“ habe. Das Wort hört sich lediglich im Ungarischen negativ an, und meint ein Herabsinken auf ein „Niveau der Kulturlosigkeit“ (wenn es so etwas überhaupt gibt). Das wäre natürlich nicht richtig, Budapest ist aufregend.
    Dennoch haben hier die Antisemiten das Sagen, da liegt Kertesz vollkommen richtig. Das sage ich, die keine Holocaust-Überlebende ist, nur eine, die demokratisch denkt. Es gibt die gemäßigten Rechten in Ungarn kaum. Die liegen zwischen einem und zwei Prozent. Mit „gemäßigt“ meinst Du allerdings – so wie ich Deine Kommentare sehe – die Fidesz. Und da kann ich nur sagen, die liegt der NPD in Deutschland vielfach näher als der CSU. Es lohnt sich, Texte und Reden zu vergleichen!

  3. Mike permalink
    13. November 2009 13:44

    Hallo Melanie,

    welche Ansichten sollen das sein Ich beobachte den Fidesz seit 1998 durchaus kritisch und halte nicht alles, was er sagt, für richtig. Nur die pauschale Behauptung, Fidesz läge der NPD vielfach näher als der CSU, halte ich für völlig unsubstantiierte Polemik.

    Dass die mehrheitliche Presse in Ungarn linksliberal ist und Budapest ebenfalls, lässt sich wohl m.E: nicht ganz mit der Behauptung, Antisemiten hätten „das Sagen“, in Einklang bringen.

    Und jetzt bitte nicht wieder Molnár Oszkár als „Fidesz“-typisch aus der Kiste ziehen 🙂

    Viele Grüße
    Mike

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