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Erwachsene Menschen und die Fakten

12. November 2009

„Ich bin erwachsen und kann mir auf Grundlage der Fakten meine eigene Meinung bilden.“

„Das ungarische Volk ist zu eigenständigem Denken fähig und auf solche (…) politische Analysen nicht angewiesen, um sich eine eigenständige Meinung zu bilden.“

Das haben die Tage zwei ungarische PolitikerInnen gesagt; in beiden Fällen als Reaktion auf Kritik aus dem Ausland bzw. vom politischen Gegner. Die beiden Episoden haben keinerlei Zusammenhang miteinander, mir ist nur sofort die Ähnlichkeit aufgefallen.

Erwachsener 1: Viktor Orbán

Der nächste ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, der das neue Budget der MSZP-Regierung gleich nach den gewonnenen Wahlen im Frühling wieder canceln will, wurde gestern im Interview mit ATV gefragt, ob, wenn er schon nicht den Sozialisten, denn wenigstens den internationalen Ratingagenturen Glauben schenkt – die sind mit dem Budget der sozialistischen Regierung nämlich zufrieden.  Darauf Orbán (sinngemäß) : „Ich brauche keine internationalen Ratingagenturen, die mir sagen, was ich denken soll. Ich bin erwachsen und kann mir auf Grundlage der Fakten meine eigene Meinung bilden.“

Hier nochmal auf Englisch:

To a question why he does not believe in either the Finance Ministry’s prognoses or the credit rating agencies, Orbán said he is an adult and needs no one to tell him what to think.

„If I want to formulate an opinion about the budget I don’t have to trust anyone – the Socialists or credit rating agencies -, I trust myself. I read it (the budget) and see it for myself. This is the 20th budget I’ve been working on. I also have common sense.“

Der Mann wird der nächste Ministerpräsident – man stelle sich mal solche Worte aus dem Mund von Angela Merkel vor. Ein Unding, eben.

Mehr über das ganze Interview:

Hungarian SpectrumPester LloydPolitics.huORFPortfolio.hu

Ausländische Investoren haben schon Grund, unruhig zu werden,  wenn nächstes Jahr Fidesz an der Macht ist – schreibt zumindest der Economist.

Krisztina Morvai und ihr mündiges „ungarisches Volk“

Jobbik-EU-Abgeordnete Krisztina Morvai fühlt sich gerade verunglimpft von Policy Solutions, einer Firma für politische Analyse, die monatliche Berichte über die Aktivitäten der ungarischen EU-Abgeordneten veröffentlichen. Die schreiben über Morvai im Oktober, daß sie in ihren 13 Wortmeldungen (Rekord!) zu jedem Thema immer nur das Gleiche zu sagen hatte – sie prangert das Verhalten der ungarischen Polizei und Regierung bei den Herbstkrawallen 2006 als Krise der Menschenrechte an. Diese Art der parlamentarischen Arbeit bezeichnet Policy Solutions als „Polit-Show“, und darüber hat Morvai sich tierisch aufgeregt.

In einem auf ihrer Website veröffentlichten offenen Brief an Policy Solutions pocht sie darauf, daß Jobbik „im Gegensatz zu den anderen Parteien“ Wert legt auf Transparenz, und alle Redebeiträge ihrer EU-Abgeordneten ins Netz stellt, damit die ungarischen Wähler ihre Aktivitäten ständig mitverfolgen können; sie sagt zudem, das ungarische Volk sei zu eigenständigem Denken fähig und auf solche Analysen „von Ihresgleichen“ nicht angewiesen, um sich eine eigenständige Meinung zu bilden.

(Die Begriffe „Unsereiner“ versus „Ihresgleichen“, magunkfajták – magukfajták, hat sie geprägt, da schwingt der antisemitische Diskurs mit. „Unsereiner“= „wir“ = völkisch definiertes Ungarntum, „Ihresgleichen“ =  „die anderen“, der politische Feind, judeobolschewistische Weltverschwörung, Liberale etc. Das heißt, wer sich Morvai gegenüber kritisch äußert, kriegt gleich die antisemitische Breitseite verpaßt.)

Sie schreibt weiter: Die Ungarn (magyar emberek, völkischer Unterton) sollen sich nicht über die Vermittlung durch die „verlogenen Analysen sogenannter politischer Analysten“, sondern mit eigenen Augen und Ohren davon überzeugen können, was in Brüssel und Straßburg sowie der ungarischen Innenpolitik für sie getan wird. Den Mitarbeitern von Policy Solutions prophezeit sie: „Ihre Zeit ist um!“

OK. Verzerrte Darstellung durch verlogene judeobolschewistische Analysten. Dann schauen wir uns doch mal die Redebeiträge von Morvai & Co auf jobbik.hu/youtube an.

Ein paar Kostproben (Englisch):

Hier vergleicht sie die Menschenrechtssituation in Ungarn mit der in Kuba; hier wäre eigentlich Thema der Kampf gegen Terrorismus (ab 0:57); hier bittet sie wegen vorauszusehender Ausschreitung der Polizei gegen Demonstranten im EU-Parlament um internationale Beobachter für den ungarischen Nationalfeiertag am 23. Oktober (wo sie dann die ganze Innenstadt für sich allein hatten). Hier trägt sie im EU-Parlament das Soli-T-Shirt für den verhafteten Rechtsextremisten György Budaházy.

Hier (doch diese Perle habe ich bisher nur auf Ungarisch) ruft Morvai ihre Freunde im Iran –  Opposition und Regierung – dazu auf, bei der Verteidigung der Menschenrechte der Ungarn zu helfen (bei 1:03).

Nach dem dritten oder vierten Video hat man dann mit eigenen Augen und Ohren auch den Eindruck gewonnen, daß Morvai immer nur das Gleiche sagt, das EU-Parlament als Bühne für innenpolitisches Polit-Theater benutzt, und das Ganze mit seriöser EU-Arbeit nicht viel zu tun hat.

Aber das muß es auch gar nicht. Denn für ihre Wählerbasis daheim machen solche Auftritte sie nicht etwa unseriös und unglaubwürdig, sondern nur umso glaubwürdiger. Jobbik-SymphatisantInnen sind davon überzeugt, dass die ganze Welt sich gegen Ungarn verschworen hat – natürlich wird man also im Ausland versuchen, die Jobbik-Abgeordneten zu diskreditieren. Und auch wenn Morvai wie ein Papagei immer nur dasselbe sagt, ihre Inhalte wirken in ihrer rituellen Wiederholung. Je öfter sie etwas sagt, desto wahrer wird es.

Wir sind alle mündig und erwachsen und können uns auf Grundlage der Fakten unsere eigene Meinung bilden – und je nach Hintergrund kommt bei denselben Fakten eben eine völlig andere Deutung und Meinung heraus. Die „Fakten“ funktionieren nicht mehr als konstruktive Diskussionsgrundlage für das Gespräch mit politisch Andersdenkenden, vielmehr legitimieren und stützen sie ein geschlossenes Weltbild, in dem andere Meinungen keinen Platz mehr haben, kein Austausch und keine Diskussion mehr möglich ist: Ich sage, es ist so, und darum ist es so. Schaut Euch doch die Fakten (Videos, Budgetzahlen) an, dann sehr Ihr es selbst, daß ich Recht habe. Wer nicht dasselbe sieht wie ich, ist eben keiner von uns.

Sowas macht mir Sorgen.

*

Volltext Policy Solutions (nur den Teil über Jobbik):

Übersetzung Puztaranger

Auch im Oktober fiel der Jobbik-Abgeordneten Krisztina Morvai zu allem dasselbe ein. Zwar hat sie mit 13 Wortmeldungen innerhalb eines Monats vermutlich einen Rekord im EU-Parlament aufgestellt – aber deshalb war der Abgeordneten doch egal, ob Thema der Sitzung der Vertrag von Lissabon, der italienische Medienpluralismus oder die transatlantische Zusammenarbeit der Justiz war.Praktisch jedes Mal unterhielt sie ihre Abgeordnetenkollegen mit den Vorfällen in Ungarn im Oktober 2006. In ihrer Rede rief Morvai ihre iranischen Freunde – Opposition und Regierung gleichermaßen – dazu auf, bei der Verteidigung der Menschenrechte der Ungarn zu helfen.

Csanád Szegedi verwendete zwei seiner drei Wortmeldungen auf die Probleme der ungarischen Minderheiten der Nachbarländer und eine den Benes-Dekreten, während sein Parteikollege Zoltán Balczó auf der Plenarsitzung seine Meinung zu neun unterschiedlichen Themen äußerte. Es zeichnet sich klar ab, dass von den drei Jobbik-Abgeordneten Balczó sich um die ernsteren fachlichen Angelegenheiten kümmert, während Krisztina Morvai und Csanád Szegedi „politische Show“ betreiben.

 

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