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Viktor Orbán über Demokratie und Menschenwürde

12. November 2009

In seinem Fernsehinterview mit ATV hat Fideszvorsitzender Viktor Orbán sich gestern deutlicher über seinen Parteikollegen Oszkár Molnár geäußert, der in der letzten Zeit mit antisemitischen und rassistischen Äußerungen Schlagzeilen gemacht hat, siehe meine Posts hier und hier.

Kurzzusammenfassung: Molnárs Äußerungen findet Orbán inakzeptabel (jetzt auf einmal), aber deshalb fliegt Molnár nicht aus der Partei. Über seine Kandidatur bei den Parlamentswahlen wird sein Wahlkreis entscheiden, so funktioniert nämlich Demokratie. Und in Edelény will man Molnár behalten.

Orbán sagt auch, wenn Fidesz an der Regierung ist, wird er „die Menschenwürde von allen Bürgern schützen, egal welcher Abstammung. Ihre Menschenwürde, ihre Sicherheit, das Recht auf ein Leben in Sicherheit.“

Was sagte Molnár nochmal genau?

Er hat behauptet, daß schwangere Romafrauen in seiner Gemeinde sich mit Gummihämmern auf den Bauch schlagen oder Medikamente nehmen, um behinderte Kinder zu kriegen, damit sie mehr Kindergeld abrufen können; fünfhundert Roma haben dagegen protestiert, über 300 Romafrauen haben gegen ihn Anzeige erstattet.

Dann kam wenig später Molnárs nächster Hammer:

„Ich liebe Ungarn, ich liebe die ungarischen Menschen, und für mich stehen die ungarischen Interessen im Vordergrund, und nicht das globale Kapital – wenn Sie so wollen das jüdische Finanzkapital, das sich die ganze Welt einverleiben will, und besonders Ungarn.“

Viktor Orbán jetzt im Interview:

„Ich glaube, nicht sich zu distanzieren tut Not, das reicht schon lange nicht mehr aus. In Ungarn wird von politischen Führern nicht erwartet, sich von etwas zu distanzieren, sondern daß sie endlich Ordnung schaffen. Daß sie ein Leben in Freiheit ermöglichen, die Menschenwürde schützen und das Recht auf Sicherheit garantieren. Dazu bin ich bereit und in der Lage.“

So ist’s recht, Sicherheit und Ordnung, Demokratie und Menschenwürde. Die ungarischen Roma und JüdInnen fühlen sich ganz sicher mitgemeint und politisch gut vertreten.

*

Interviewauszug mit Viktor Orbán

(ab 10.25 – Zähler läuft rückwärts), Übersetzung Pusztaranger.

Olga Kálmán: Warum haben Sie als Parteivorsitzender nicht gesagt, „Leute, solche Äußerungen wie die von Oszkár Molnár stehen meiner Werteordnung sehr sehr fern…“

Viktor Orbán: Das habe ich gesagt. Sie sind inakzeptabel. Diese Redeweise ist nicht akzeptabel. Solche Äußerungen sind meiner Meinung nach schädlich, gefährlich, und können außerdem Unsicherheit in den Leuten wecken (…), und auch Angst. Das ist inakzeptabel, das ist etwas Schlechtes.

OK: Was passiert also mit ihm? Denn die Edelényer haben gesagt, daß sie ihn behalten wollen.

VO: Tja, so sieht das Leben einer demokratischen Partei aus.

OK: Dann bleibt er also?

VO: Wo?

OK: Wird er wieder kandidieren? (für das Parlament, Anm.d.Ü.)

VO: Wir warten jetzt mal ab, daß die Fidesz-Leute von Edelény und unsere Verbündeten sich zusammensetzen und eine Empfehlung aussprechen.

OK: Sie haben schon gesagt, daß sie ihn wollen.

VO: Das werden wir sehen, (…) ich sage noch einmal, das ist keine Partei, wo zentral darüber entschieden wird, wer kandidiert oder nicht…

OK: Aber wo er schon solche Äußerungen gemacht hat, könnte ein Parteivorsitzender nicht trotzdem sagen, Jungs, ich weiß, daß ihr im Dorf ihm vertraut, er ist sicher auch ein guter Bürgermeister, aber so etwas ist für die Partei nicht vertretbar, denn diese Partei ist nicht antisemitisch, nicht rassistisch, und wir wollen nicht einmal den Schatten eines Zweifels…

VO: Diese Partei ist vor allem eine demokratische Partei. Eine Partei des Systemwechsels (rendszervalto part). Wir haben immer gegen alle Diktaturen gekämpft (…) wir haben gegen den Kommunismus gekämpft, für die Redefreiheit, die Menschenwürde, die Freiheit der Gedanken, die politischen Rechte, das Recht auf Privateigentum – wir haben für lauter solche Dinge gekämpft, daß ich hier nicht erst versichern muß, daß der Fidesz eine demokratische Partei ist. Wir standen immer auf der Seite der Menschenwürde, als wir an der Regierung waren, und haben die Menschenwürde immer geschützt, und wenn die Menschen in Ungarn uns das Vertrauen schenken, wieder die Regierung zu übernehmen, dann werden wir die Menschenwürde von allen (Bürgern) schützen, egal welcher Abstammung. Ihre Menschenwürde, ihre Sicherheit, das Recht auf ein Leben in Sicherheit. Darauf kann sich jeder verlassen. (…) Woran wir schon seit Anfang der Wende glauben, werden wir nicht ändern. Für niemanden. Davon abgesehen, wer innerhalb der Partei jetzt was denkt, was es für Diskussionen gibt, was einzelne Gruppen für richtig halten, ist eine andere Frage. (…) Ich glaube, nicht sich zu distanzieren tut Not, das reicht schon lange nicht mehr aus. In Ungarn wird von politischen Führern nicht erwartet, sich von etwas zu distanzieren, sondern daß sie endlich Ordnung schaffen. Daß sie ein Leben in Freiheit ermöglichen, die Menschenwürde schützen und das Recht auf Sicherheit garantieren. Dazu bin ich bereit und in der Lage (erre készen állok).

*

Mehr über das ganze Interview:

Hungarian SpectrumPester LloydPolitics.hu,

ORF VolksgruppenPortfolio.hu

Update 17.11.2009:

Paul Lendvai heute in der Welt:

Kürzlich wurde bekannt, dass der Fidesz-Abgeordnete und Bürgermeister der Stadt Edeleny, Oszkar Molnar, in Reden und Interviews behauptet hatte, dass das „jüdische Großkapital die ganze Welt und auch Ungarn übernehmen möchte, dass eine große jüdische Einwanderung zu erwarten sei und viele Kinder in Jerusalem deshalb bereits ungarisch lernen“.

Er sagte auch, dass schwangere Roma-Frauen mit dem Gummihammer auf ihren Bauch schlügen und Medikamente einnehmen würden, um kranke Kinder zur Welt zu bringen und dadurch doppelte Kinderbeihilfe zu ergattern. Molnars Parteichef Viktor Orban fand solche Bemerkungen zwar „peinlich“, lehnte aber die Forderung nach einem Ausschluss des Bürgermeisters aus der Fidesz-Fraktion ab.

 

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6 Kommentare leave one →
  1. Mike permalink
    15. November 2009 08:18

    Das von Pusztaranger im Rahmen der antisemitischen Bemerkungen Molnárs eingestellte Interview in „Egyenes Beszéd“ belegt, dass Orbán bereits frühzeitig die Aussagen Molnárs als „schädlich“ bezeichnet hat. Das wurde Molnár von Olga Kálmán ausdrücklich „um die Ohren gehauen“, wenn man so will.

    Von „jetzt auf einmal“ kann man unter diesen Umständen wohl nicht sprechen.

    • pusztaranger permalink
      15. November 2009 08:45

      Morgen Mike,

      sie lesen Pusztaranger zum Sonntagsfrühstück? Whow.

      Das von Pusztaranger im Rahmen der antisemitischen Bemerkungen Molnárs eingestellte Interview in „Egyenes Beszéd“ belegt, dass Orbán bereits frühzeitig die Aussagen Molnárs als „schädlich“ bezeichnet hat.

      „Kínos“ hat er gesagt, „peinlich“, und das ist was anderes als „nicht vertretbar“. Aber gut, ich schau mir’s auch nochmal an, ob mir nicht doch was entgangen ist.

  2. Mike permalink
    15. November 2009 09:08

    Über die richtige Übersetzung des Wortes „kínos“ wollen Sie jetzt nicht ernsthaft streiten, hoffe ich. Orbán hat sich distanziert.

    Aber sagen wir es doch, wie es ist. Orbán könnte sagen, was er wollte, die Kálmán Olgás, Bolgár Lászlós und Pusztarangers wären doch ohnehin nicht damit zufreiden :-)…

    Ihre Hoffnung, dass Molnár rausfliegt, teile ich übrigens.

    Dieses Interview ist von seiner Zielsetzung doch recht eindeutig, hm? Besonders gut gefallen hat mir, dass bei dem Gespräch über den Haushalt und die Probleme, die sich aus Orbáns Sicht hieraus ergeben, sofort schöne Grafiken eingeblendet werden. Offenbar um Orbán an Ort und Stelle „zu widerlegen“ und ihn als Lügner abzustempeln. Blöd nur, dass die Basis des 2010er Haushaltes ernsthaft in Frage zu stellen ist (z.B. das angepeilte Wachstum sowie die aus der EU bereit gestellten Mittel). Aber so kennen wir ATV: Was MSZP/SZDSZ behauptet, ist „die Wahrheit“, Fidesz ist nur der böse Meckeronkel. Eine Strategie, die mich (leider) stark an die Zeiten vor 1989 erinnert…

    Allerdings ist Echotv auch nicht besser. So viel nur der Vollständigkeit halber. 🙂

    Frühstück folgt übrigens erst jetzt.

    • pusztaranger permalink
      15. November 2009 17:58

      Über die richtige Übersetzung des Wortes „kínos“ wollen Sie jetzt nicht ernsthaft streiten, hoffe ich.

      Wieso nicht? „Kínos“ heißt bei mir „peinlich“, „embarrassing“, und bezeichnet einen subjektiven Eindruck, eine persönliche Befindlichkeit. Eine Bemerkung ist peinlich, mir ist etwas peinlich, ich finde etwas peinlich. Das ist nicht dasselbe wie eine offizielle Distanzierung der Parteileitung von untragbaren Inhalten. So wie Molnár von seiner Partei das Recht auf eine persönliche Meinung zugestanden wird (jüdisches Kapital etc.), so sagt Orbán, daß Molnár ihm peinlich ist, das ist seine persönliche Meinung. Aber wie er auch im Interview sagt, gibt es in seiner Partei viele Meinungen, und die ändern nichts daran, daß in der Partei Demokratie herrscht. Und Demokratie heißt für ihn hier konkret: Wenn die Fidesz-Leute von Edelény einen rassistischen und antisemitischen Bürgermeister und Parlamentsabgeordneten haben wollen, so sollen sie ihn haben, mit dem Segen der Partei. Für mich ist das Populismus.
      Oder was genau hab ich da falsch verstanden, Mike?

      Aber sagen wir es doch, wie es ist. Orbán könnte sagen, was er wollte, die Kálmán Olgás, Bolgár Lászlós und Pusztarangers wären doch ohnehin nicht damit zufreiden :-)…

      Olga Kálmán macht ihren Job gut. No nonsense, keine Spielchen, immer zack auf den Punkt. Den Molnár hat sie schön gegrillt, der hatte keine Chance.
      Wenn Orbán etwas sagt oder tut, das mich positiv überrascht, laß ich Sie’s wissen.

      Aber so kennen wir ATV: Was MSZP/SZDSZ behauptet, ist „die Wahrheit“, Fidesz ist nur der böse Meckeronkel. Eine Strategie, die mich (leider) stark an die Zeiten vor 1989 erinnert…

      Mir geht’s genauso bei Magyar Nemzet, Magyar Hirlap, Demokrata etc. Das sind die beiden Paralleluniversen, wo kein Dialog mehr möglich ist. Deshalb konnte Jobbik so hochkommen. Momentan sind sie auf 12% (Grafik bei der NOL).

  3. Mike permalink
    17. November 2009 08:16

    Meine Güte, jetzt sind Sie auch noch Sprachwissenschaftler? Was „für Sie“ ein Wort bedeutet, ist doch irrelevant: Kínos wird übersetzt mit

    „peinlich, qualvoll, leidvoll, missbehaglich, schwierig, unangenehm, unpassend, ungünstig, misslich (awkward) oder schädlich“.

    Sie wollen immer nur das lesen, was Ihnen in den Kram passt.

    Nehmen wir zum Beispiel das letzte Zitat in Ihrem Kommentar. Sie zitieren bewusst nur meine Kritik an ATV, nicht aber meine Anmerkung, dass ich Echotv für „auch nicht besser“ halte. Zu blöd, dass ich mich nicht in eine rechte Ecke stellen lasse.

    „Wenn Orbáb etwas sagt oder tut, das mich positiv überrascht, laß ich Sie´s wissen“…hahaha, jetzt haben Sie es ihm aber gegeben. Wir haben hier nur ein Problem: Bei objektiver Betrachtung wird dieser Blog die Wahl nicht entscheiden. Selbst wenn sein Verfasser hofft, dass seine Propaganda „über interessierte Journalisten“ den Weg in die Presse schafft.

    Das Einzige, was Sie Orbán vorwerfen, dass er sich nicht ausreichend distanziert. Bravo. Zu dumm, dass Ungarn in den Jahren 1998-2002 weder in Anarchie noch in Faschismus versunken ist. Ich nehme an, Sie waren in diesen Jahren alt genug, um sich selbst ein Bild zu machen.

    Die nächsten Monate dürften kurzweilig werden 🙂

    • pusztaranger permalink
      17. November 2009 09:46

      Das Einzige, was Sie Orbán vorwerfen, dass er sich nicht ausreichend distanziert. Bravo. Zu dumm, dass Ungarn in den Jahren 1998-2002 weder in Anarchie noch in Faschismus versunken ist.

      Da hatten wir auch noch keine Jobbik mit Prognosen von über 12%. Lesen Sie eigentlich meine anderen Posts auch, oder nur die über Orbán?
      Ein Tip: Hungarian Spectrum Da geht’s ständig um Orbán & Co, viel ausführlicher, als ich das könnte.

      Nachtrag: Hier heute ein Artikel in der Welt, siehe letztes Drittel.

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