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Ein Schmalzbrotskandal

14. November 2009

In Vezseny, einer kleinen Gemeinde etwa 140 Kilometer südöstlich von Budapest, fiel den Grundschullehrerinnen auf, daß von zehn Kindern acht ohne Frühstück zur Schule kommen. Damit gingen sie zum Bürgermeister, der unbürokratische Unterstützung organisiert hat. Jetzt spendet der Bäcker jeden Tag drei Kilo Brot, ein Bauer hat der Gemeindeverwaltung die Erlaubnis gegeben, sich in seinem Obstgarten mit Äpfeln einzudecken, und die Gemeindeverwaltung kommt für den Brotbelag auf – Schweineschmalz oder Marmelade. (Drei Kilo Brot und ein halbes Pfund Schweineschmalz, der billigste Brotbelag überhaupt, dürften derzeit in etwa zwei bis drei Euro kosten.)

Dieses Frühstück bekommen alle Kinder, und es werden keine Unterschiede gemacht zwischen Roma und Magyaren: „Bei uns sind alle gleich arm.“

Im derzeitigen aufgeheizten Klima um die Sozialhilfe, in dem rechte Einzelpolitiker und Parteien die Stimmung aufpeitschen, indem sie die Roma als Parasiten darstellen, die man nur erziehen kann, indem man sie möglichst vom Bargeldverkehr abschneidet (siehe mein Post), ist das eine wohltuende Ausnahme. Bezeichnend sind aber die Reaktionen darauf: In diesem aufgeheizten Klima gönnt Volkes Stimme diesen paar Romakindern auch das Schmalzbrot nicht. Solange nicht alle darbenden Magyaren versorgt sind, ist jeder Cent, der für Roma ausgegeben wird, sinnlos verschwendetes Steuergeld. Die Verfasser der Kommentare (s.u.) haben immerhin einen Internetzugang; Romafamilien, die auf dem Land von Sozialhilfe leben müssen, haben oft nicht einmal Strom.

Hier die ganze Geschichte im Artikel von 168ora Online, Übersetzung Pusztaranger.

Die Welt in einem Bissen Schmalzbrot: „Hier sind alle gleich arm“

13. November 2009

Stichworte: Sozialhilfe Schule Dorfgemeinde Roma Armut

„Wenn die Grundschüler vor Hunger von der Bank fallen, muß man nicht als Erstes beanstanden, ob die Eltern das Familienbudget gut einteilen oder nicht, denn davon bleibt das Kind hungrig,“ – dieser Ansicht ist der Bürgermeister von Vezseny, und hat darum zu einer Soforthilfsmaßnahme gegriffen. Zusammen mit engagierten Unternehmern und Pädagogen hat er eine Lösung dafür gefunden, daß die ABC-Schützen in der Schule ein Frühstück bekommen.

Von dieser beachtenswerten Initiative eines Dorfbürgermeisters berichtet die Tage das Portal Szoljon.hu. Im 27 Kilometer von Szolnok am Theißufer gelegenen Vezseny, einer Dorfgemeinde mit 720 Einwohnern, versucht die Gemeindeverwaltung mit der Hilfe von  engagierten Unternehmern, die Kinder satt zu bekommen, die hungrig zur Schule oder in den Kindergarten kommen.

Die Lehrerinnen hatten den Bürgermeister darauf aufmerksam gemacht, daß von zehn Kindern acht ohne Frühstück erscheinen, und daß es auch immer wieder vorkommt, daß ihnen im Unterricht vor Hunger schwindlig wird.

Der Bürgermeister startete eine Aktion zur Soforthilfe: Er besorgte Äpfel und Brot, die Gemeindeverwaltung spendet das Schmalz, und so werden die Kinder in Schule und Kindergarten mittlerweile jeden Morgen mit Schmalzbrot und frischem Obst empfangen. Statt Schmalz gibt es sogar gelegentlich Marmelade aufs Brot, und die Kindergärtnerinnen raspeln die Äpfel auch oft und mischen sie mit Honig und Walnüssen oder braten sie, um das Menü etwas abwechslungsreicher zu gestalten.

schmalzbrot

(Bild von 168ora, die haben’s von szoljon.hu)

„Die betroffenen Kinder kommen vor allem aus Familien mit mehreren Kindern, aus großen Familien.  Es sind solche dabei, die morgens nicht zu Hause frühstücken, weil es dort nichts gibt, nicht einmal Brot. Aber es gibt auch Familien, wo die Eltern sich schlichtweg nicht genügend um die Kinder kümmern. Ohne dieses Schulfrühstück müssten sie allein mit dem kleineren Pausenbrot (bekommen sie in der Schule/Kindergarten, Anm. d.Ü.) bis zum Mittagessen auskommen, und am späten Vormittag würde ihnen vor Hunger dann schon übel,“ sagte Éva Strack, Erzieherin an der Kindertagesstätte, dem Journalisten von Szoljon.hu.

In den Kommentaren zu dem Artikels wird jedoch deutlich, daß etliche Leser des Onlineportals diese Aktion keineswegs als erfolgreiche lokale Initiative betrachten. Nur einige Zitate:

„Der Bürgermeister in allen Ehren, aber die Eltern dieser Kinder bekommen das Geld für Frühstück schon in Form von Sozialhilfe, die die arbeitenden Ungarn (wörtl. ungarische Menschen, völkisch definiert, im Gegensatz zu Roma, Juden etc. Der Begriff wird von der ultrarechten Partei Jobbik verwendet. Anm. d.Ü.) für sie einzahlen!“

„Die Eltern haben eine Fürsorgepflicht, sie müssen ihren Kindern vor der Schule zu Essen geben. Mein Kind wird sicher nicht hungrig in die Schule gehen. Es gibt eine Lösung: Man muß eben arbeiten gehen.“

„Wir haben auch nicht mehr, und trotzdem versorgen wir unsere Kinder, und beklagen uns nicht! Ob sich die Gemeindeverwaltung auch darum kümmern würde, ob ich genug habe, um meinen Kindern Frühstück zu machen? Bestimmt nicht, denn ich bin Ungar! Die brauchen einem gar nicht Leid zu tun…“

„Na lassen wir sie doch machen… sollen sie doch ruhig die Zigeunerkinder auffüttern, in ein paar Jahren scheißen die ihnen doch sowieso auf den Kopf, rauben sie aus und schlagen sie zusammen!“

Solche Kommentare, nur weil ein Bäcker drei Kilo frisches Brot spendet und ein Bauer sagte, daß die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung in seinem Obstgarten jederzeit die schönsten Äpfel pflücken können. Sie kamen auch, mit einem Anhänger. Die Gemeindeverwaltung stiftet Schmalz und Marmelade aus Steuergeldern.

Um diese zugegebenermaßen chaotische Metapher zu verwenden: Um einen Bissen Schmalzbrot, der nur ein Tropfen im Meer ist, tobt die um die Sozialhilfe entstandene Debatte. Denn je mehr die Armut wächst, desto mehr wird mit Argusaugen beobachtet, wer warum Sozialhilfe bekommt. Es ist verständlich, wenn es manche Leute verärgert, daß sie von morgens bis Abends arbeiten, sich für ihre Familie abmühen und sparen, während sie sehen, daß einzelne Sozialhilfeempfänger auch jede Menge Geld für die Kneipe haben. Aber wenn jetzt sogar auf einen von der Gemeindeverwaltung gestellten Bissen Schmalzbrot das die typische Reaktion ist, zeugt das wirklich von gesellschaftlichen Spannungen. Und um es wirklich absurd zu machen: Nur das Schmalz wird aus der Gemeindekasse finanziert. (Ein halbes Pfund Schmalz kostet etwa 30 Cent, Anm. d.Ü.)

„Das ist hier nicht wie in Monok,“ sagte Lajos Hatvani, der Bürgermeister von Vezseny, zu 168 Óra Online. „Als die Pädagoginnen mit diesem Problem zu mir kamen, habe ich mich darauf konzentriert, wie sich am einfachsten lösen läßt, daß die Kinder dem Unterricht folgen können, statt daß es ihnen auf der Schulbank vor Hunger schwindlig wird. Ich weiß sehr wohl, daß das nur eine Übergangslösung ist, ein schneller Notbehelf, aber mit solchen Übergangslösungen kommen wir vorerst schon zurecht, und es wird nicht dabei bleiben. Wir müssen besser auf diejenigen achten, die sich in der Wirtschaftskrise noch nicht oder nicht mehr schützen können, also auf die Kinder und die Älteren. Wer etwas hat, kann etwas abgeben, wer kann, soll helfen, statt als Erstes zu beanstanden: Was hast du mit deiner Rente oder deinem Kindergeld gemacht?“

Denn, wie der Bürgermeister sagt, wird auch den Rentnern oft schwindlig, und nicht vom zu hohen Blutdruck, sondern vor Hunger: „Bei uns sind Renten von 40-50.000 HUF (ca. 148 – 185 EUR, Anm.d.Ü.) recht verbreitet, es ist unglaublich, wie die Leute sich das Geld vom Mund absparen, weil die Meisten auch noch für ihre Enkelkinder oder die eigene Beerdigung sparen. Da sparen sie lieber am Essen.“

Der Bürgermeister sagt, er kennt die Familien so gut, daß er sagen kann: In der überwiegenden Mehrheit der Fälle reicht das Geld nicht etwa wegen Kneipe, Spielautomaten oder unverantwortlicher Verschwendung nicht aus. Seiner Erfahrung nach stehen vor allem große Familien, die in an die öffentliche Strom, Gas und Wasserversorgung angeschlossenen Komfortwohnungen wohnen („Komfort“ heißt hier nicht Luxus, sondern lediglich  „modernisiert“ – auf dem Land wird auch noch viel mit Holz geheizt,  mit Gasflaschen gekocht und das Wasser aus dem eigenen Brunnen mit elektrischer Pumpe geholt, Anm. d.Ü.) vor der Entscheidung: Um die (Strom, Gas, Heizungs-) Rechnungen zu bezahlen, müssen sie am Essen sparen.

„Ich sage nicht, daß es in unserem Dorf nicht auch Kundschaft für zwei oder drei Kneipen gäbe,“ sagt Lajos Hatvani. „Aber wenn Hilfe nötig ist, fragen wir hier nicht nach, ob die Familie sparsam wirtschaftet oder nicht. Man könnte es vielleicht auch besser machen, aber von außen ist es immer leichter, zu kritisieren. Übrigens haben die Sozialarbeiter Ideen, wie man mit dem Geld besser auskommen könnte. Wir haben die Großfamilien mehrfach zusammengerufen, um über ihre Probleme zu sprechen. Sie haben zum Beispiel bemängelt, daß das hiesige Lebensmittelgeschäft ziemlich teuer ist. Sie kamen mit der Idee, ob der Schulbus sie nicht nach Szolnok fahren könnte, wo das Preisniveau niedriger, das Angebot größer ist, so könnten sie sparen. Derzeit arbeiten wir an einer Lösung.“

Die Einwohner von Vezseny sind zu 15 Prozent Roma, bei den Schulkindern ist der Anteil höher, weil die Romafamilien mehr Kinder haben. Daß Kinder hungrig zur Schule kommen, ist aber nicht nur ein Problem der ethnischen Minderheit. Wie der Bürgermeister (…) sagt: Hier sind alle gleich arm.

Man weiß nicht, wann das Sozialhilfesystem von staatlicher Seite anders geregelt wird, und wo irgendwann neue Arbeitsplätze entstehen; was aus den Gemeinden und Dörfern wird, die den Anschluß verloren haben. Das ist schon Landespolitik. Aber wenn der Schulbus voller Vezsenyer zum nächstgelegenen Diskontmarkt aufbricht, haben sie das Ihrige getan.

*

Der von 168ora zitierte Artikel mit Kommentaren: Szoljon.hu

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