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Kein Denkmal in Tatárszentgyörgy für den ermordeten Roma und seinen Sohn

11. Mai 2010

Gestern habe ich den Aufruf für ein Baucamp in Tatárszentgyörgy gepostet, die Sache ist aktueller denn je. Der Gemeinderat des Ortes hat ein Denkmalprojekt für die Opfer abgelehnt. Auf öffentlichen Plätzen will man kein Denkmal, höchstens am Tatort am Dorfrand, bei Csorbas im Hof, quasi als Privatdenkmal der Familie, wo es die Touristen garantiert nicht sehen, und auch sonst niemand.
Vermutlich ist Tourismus für die Gemeinde eine lebenswichtige Einnahmequelle, da will man nicht noch mehr Negativpresse; vielleicht gefällt dem Gemeinderat auch einfach dieses Kunstwerk nicht – aber was die Bürgermeisterin als Begründung für die Ablehnung angegeben hat, ist bedenklich – und für den Umgang der ungarischen Gesellschaft mit den Romamorden leider ziemlich typisch.

Index.hu heute:

Kein Denkmal in Tatárszentgyörgy für den ermordeten Roma und seinen Sohn

Für die zwei Opfer der Mordserie gegen Roma in Tatárszentgyörgy, den 27jährigen Róbert Csorba und seinen fünfjährigen Sohn, hätte im Dorf ein Denkmal aufgestellt werden sollen, doch der Gemeinderat wies die Initiative zurück, weil die Skulptur die Bewohner und Besucher des Dorfes an die Tragödie erinnert hätte.

Der deutsche Künstler Alex Schikowski, der in einer Budapester Schule als Deutsch- und Kunstlehrer arbeitet, hat für einen der zentralen Plätze des Ortes eine 3,4 Meter breite und 5 Meter hohe Holzskulptur mit dem Titel „Róbert und Robika“ hergestellt. Doch der Gemeinderat des Ortes entschied auf seiner Sitzung am 23. März, daß er der Aufstellung des Kunstwerks nicht zustimmt. Berente Imréné, die Bürgermeisterin von Tatárszentgyörgy, begründet die Ablehnung so:
Das Kunstwerk würde die Bewohner und Besucher des Dorfes immer an die Tragödie erinnern, wo sie doch alle diese vergessen möchten.

Da die Skulptur doch zum Andenken an die Opfer entstand, sei laut Bürgermeisterin der geeignetste Ort für ihre Aufstellung der Ort der Tragödie, der Hof des abgebrannten Hauses in der Fenyves sor utca, und sie riet dem Künstler, diesbezüglich Kontakt mit der Familie der Opfer aufzunehmen.

Das Haus der Familie Csorba wurde am 23.2.2009 in Brand gesteckt, der fliehende Familienvater und sein fünfjähriger Sohn erschossen.

Soweit heute Index.hu.

Das ist die Skulptur:

Hier mehr zu diesem Projekt, da ist auch das Bild her.

Ich habe mir mal die Homepage des Dorfes angeschaut.

Aus dem Grußwort der Bürgermeisterin (von 2006):

„Es ist uns immer eine Freude, wenn wir Gäste bei uns empfangen können, denn so öffnet sich auch unser Horizont. So können sich Kontakte und Freundschaften entwickeln, gleichzeitig können wir unseren Besuchern unsere Gemeinde, unsere Werte und Traditionen, die hier lebenden Menschen vorstellen, und durch das Internet der großen Welt. (…) Es ist unser wichtigstes Ziel, ein lebenswerteres Dorf zu schaffen, für die hier Lebenden wie auch für die Besucher. Als Motto haben wir die Verse von Péter Veres Péter gewählt:

„Hierher müssen wir die große Welt holen
alles Schöne und Gute hierher,
alles, was edel ist und sinnvoll.“

Im Aufruf für das Baucamp heißt es:

„Durch die Beteiligung von Freiwilligen aus Europa soll ein Zeichen gesetzt werden, dass derartige rassistische Morde und Anschläge nicht toleriert werden, und dass Roma Teil der ungarischen und der europäischen Bevölkerung sind.“

Lieber Bautrupp, Ihr kommt wirklich genau richtig.

Update 17.4.:

Hier mehr auf dromablog ; und bei der Budapester Zeitung (die sich offenbar aus meinem Post bedient hat,  ohne mich zu verlinken.)

Update 28.5.:

Artikel der Berliner Zeitung von heute: „Die Ausgestoßenen.“ Absolut lesenswert.

Und morgen besucht eine Delegation des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma die Csorbas in Tatárszentgyörgy, steht auf der Seite der deutschen Botschaft zu lesen.

Update 15.7.2010:

Hier ein sehenswerter Bericht des RBB:  „Toter Zigeuner – guter Zigeuner“ vom 11.7., ich danke der Autorin für den Link.

Ebenfalls empfohlen:

Leben mit der Ruine – Nach dem Mordanschlag auf eine Roma-Familie spaltet die Hilfe für die Opfer ein ungarisches Dorf. Eine Reportage von n-ost-Korrespondent Stephan Ozsváth, Tatárszentgyörgy, 7. 7.2010

Ich danke Stephan Ozsváth für den Link.



11 Kommentare leave one →
  1. teodorescu permalink
    13. Mai 2010 14:50

    a crime is a crime and nothing can justify it.
    copying or citating a famous work like the column of infinity by Brancussy
    and trying to make out of it a monument for a crime is a cultural crime.

    • pusztaranger permalink
      14. Mai 2010 11:21

      I don’t know what the artist intended, but it could have been a conscious quotation. If the column of infinity signifies the path of humanity towards transcendence, this work could be read as the victims‘ path to transcendence having been violently cut off by their murder. That would actually work very well.

      • pusztaranger permalink
        17. Mai 2010 12:10

        I should read pages more carefully when linking them — as is turns out it was indeed a conscious quotation
        „Two trunks of oak tree: Falling hand and the tilted never-ending column (Brancusi) – the world tree.“
        (see the artist’s page redstargate.net) and I think it does work very well.

  2. Kleuderlein Friedo permalink
    17. Mai 2010 09:19

    Durch dieses Verhalten entledigt sich die Gemeinde Tatarszentgyörgy der dunklen Vergangenheit! Das ist gefährlich, wie wir Deutschen ja selbst gespürt haben. Nur aus dem Bekenntnis der Schuld und durch ein Kunst-Zeichen ständiger Erinnerung kann allmählich Heilung wachsen.

  3. 18. Mai 2010 17:33

    Hallo Pusztaranger!

    Aber das stimmt doch nicht – ich verlinke doch immer ganz brav auf Deinen Blog! Oder habe ich es denn irgendwann vergessen? Das war dann bestimmt keine Ansicht und täte mir sehr leid. Aber vermutlich bezieht sich Deine Bemerkung (obwohl da „übernehmen“ statt „übernimmt“ steht) ja nur auf den Artikel der Budapester Zeitung, den ich in Auszügen zitiert habe. War es so gemeint?

    Beste Grüße und Danke für Deine interessanten Beiträge

    • pusztaranger permalink
      19. Mai 2010 10:53

      Ein Missverständnis, ich korrigier’s sofort! Natürlich hab ich nicht Euch gemeint, sondern die Budapester Zeitung, und zwar konkret den verlinkten Artikel, da kam mir Einiges doch sehr bekannt vor.
      Ich bedanke mich für die Verlinkung bei Euch, freut mich sehr!

  4. 29. Mai 2010 07:22

    Super-Blog !!! Weiter so !!!! Würde Euch gerne eine MP3-Reportage über den Bautrupp in Tatárszentgyörgy schicken. Wie gehts ?

    Gruß

    Stephan Ozsváth

    • pusztaranger permalink
      31. Mai 2010 14:03

      Das haben wir mittlerweile per Email geklärt – klasse Reportage, aber leider nimmt WordPress Audiodateien nur nach kostenpflichtigem Update – sobald die Reportage anderswo im Netz steht, werde ich einen Post dazu machen.

  5. 29. September 2010 22:18

    Sehr geehrter Pusztaranger,

    ich kannte Ihren Blog bis vor fünf Minuten gar nicht, deswegen habe ich mich auch nicht dort bedienen können. Wir haben beide über das selbe Thema geschrieben, deswegen kommen auch Ähnlichkeiten zustande :)Blogs und Wikipedia sind bei uns als Quelle übrigens gar nicht zulässig. Aber bin froh, Ihren Blog gefunden zu haben! Werde ab jetzt öfters reinschauen.

    Gergely

    • pusztaranger permalink
      30. September 2010 09:02

      Hallo Gergely,

      „Wir haben beide über das selbe Thema geschrieben, deswegen kommen auch Ähnlichkeiten zustande“

      Da sind wir offenbar ganz auf einer Wellenlänge.
      Das sind Sie, Zitat: „Der Gemeinderat von Tatárszent­györgy hat ein Denk­mal­projekt für die Opfer des Anschlages auf Roma abgelehnt. Auf öffentlichen Plätzen will man kein Denkmal, höchs­tens am Tatort am Dorf­rand, bei Csor­bas im Hof, als Pri­vat­denkmal der Familie.“
      Das bin ich, Zitat: „Der Gemeinderat des Ortes hat ein Denkmalprojekt für die Opfer abgelehnt. Auf öffentlichen Plätzen will man kein Denkmal, höchstens am Tatort am Dorfrand, bei Csorbas im Hof, quasi als Privatdenkmal der Familie…“
      Freut mich, wenn Sie öfter reinschauen, demnächst gibts hier auch was zur LMP, da zähle ich bei der Leserdiskussion auf Sie.
      (wer ihn nicht kennt: Gergely Kispal von der Budapester Zeitung / der grünen Partei LMP hier im Deutschlandradio: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1160487/

Trackbacks

  1. ★ redstargate

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