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Ungarische Regierung: Bye bye Gender Mainstreaming?

30. Juli 2010

„Dieses Gender ist der neuste dreckige Schachzug der EU, der Zionisten und Globalisierungsgewinner!“
(Kommentar von Vizipitypang | 19. 2. 2010 | 18:11:52
auf Népszabadság Online)

Was ist Gender Mainstreaming? Mehr dazu beim  Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
und der
Europäischen Kommission – Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit.

Letztes Jahr wurde in Ungarn die gesetzliche Regelung der Kindergärten ( „Grundprogramm der  Kindergartenerziehung“/ Ovodai nevelési alapprogram) von der sozialistischen Regierung modifiziert. Dort wurde festgeschrieben,  daß bei der Kindergartenerziehung „die Verstärkung von Geschlechterstereotypen bewußt vermieden“ werden sollte (hier, siehe II.2, grüner Text).

Es gab Proteste von rechten Medien und Kirchenvertretern. Sinngemäß hieß (und heißt) es da, Gender Mainstreaming sei Satanszeug, ein Zwangsdekret der bösen Mächte, gegen die man sich wehren müsse; ein direkter Angriff der EU auf ungarische Familien; die EU wolle Kinder schon im Kindergarten zur Homosexualität erziehen, etcpp. Das ist in etwa das Niveau der Diskussion.

Heute nun liest man, daß diese unpopuläre Maßnahme der Sozialisten abgeschafft wurde. Das Fidesz-nahe Magyar Hirlap titelt als neuste Errungenschaft der Fidesz-Regierung:

„Papa-Mama-Spielen im Kindergarten wieder erlaubt!“

Auf Empfehlung der Staatssekretärin für das Bildungswesen Rózsa Hoffmann strich die Regierung den Passus zum Verbot von Genderstereotypen aus dem Ende letzten Jahres modifizierten Grundprogramm der Kindergartenerziehung (…). Bis dahin sollte bei der Erziehung im Kindergarten die Verstärkung von Geschlechterstereotypen bewußt vermieden werden.
Die Idee basiert auf der Gendertheorie, die statt der traditionellen Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau (nôi-férfi nemiség) den Begriff des wählbaren gesellschaftlichen Geschlechts einführt. Das kann eine homosexuelle, metrosexuelle und laut einiger Vertreter dieser neuen Philosophie sogar eine pädophile Identität sein. Wiewohl die Verbreitung der Genderideologie von der EU mit Millionen von Euro gefördert wird, stößt sie allerorten auf großen Widerstand, besonders von christlichen und familienschützenden Organisationen. So ist nicht überraschend, daß die MSZP–SZDSZ-Regierung sich ihre Propagierung zur Aufgabe gemacht hat. So wurden auch Papa-Mama-Spiele in den Kindergärten verboten, um diejenigen Kinder nicht zu frustrieren, die sich später als Erwachsene eine Geschlechterrolle wählen möchten, die von ihrem biologischen Geschlecht abweicht.

Alles klar? Das ist das Diskussionsniveau bei den regierungsnahen Medien.

Die Ungarische Nachrichtenagentur MTI dazu (auf galamus.hu) sinngemäß:

Staatssekretärin Rózsa Hoffmann betonte, die bisherige Verordnung hätte die moralische und geistige Entwicklung der Kinder in eine zweifelhafte Richtung beeinflußt, darum sei die Korrektur unerläßlich gewesen.
Statt der Formulierung, die besagt, daß im Kindergarten die Verstärkung von Geschlechterstereotypen bewußt vermieden werden soll, heißt es jetzt, „der Kindergarten gibt der Entwicklung von Vorurteilen keinen Raum, weder in gesellschaftlicher, geschlechtlicher noch sonstiger Hinsicht.“ (Ich bin kein Jurist und kein Profi-Übersetzer, aber sinngemäß kommt es hin.)

Sprich, was interessieren uns EU-Leitlinien, es gibt in ungarischen Kindergärten keine Vorurteile und Punkt.
Na prima. Erst neulich sagte Viktor Orbán Angela Merkel, daß es in Ungarn keinen Extremismus gäbe.

Fidesz/KDNP und Gabriele Kuby

Ich habe mal nachgeschaut, wie die ungarischen Rechten und Ultrarechten gegen Gender Mainstreaming argumentieren und wo sie das hernehmen, und Erstaunliches herausgefunden. Die „wissenschaftliche“ Grundlage der Kritik am Gender Mainstreaming in Ungarn stützt sich nämlich vor allem auf die Arbeit der deutschen „Expertin“ Gabriele Kuby.

Das ist die katholische Fundamentalistin, die 2003 gegen Harry Potter als Teufelszeug mobil gemacht hat  (man beachte auch ihre Korrespondenz mit Joseph Ratzinger von 2003!).

Die Dame ist Gastautorin und Gesprächspartnerin der “Jungen Freiheit”.
Kleine Linksammlung zu ihr:

NPD-Blog:
“Katholischer Fundamentalismus mit einer militant rechten Gesinnung”;
Endstation Rechts:
„Homophobie im Gewand der Gender-Kritik: Was die NPD von Gabriele Kuby lernt“ ; Indymedia; Taz: „Die wahrheit: Katholen machen hinten dicht“.

Kubys Buch „Die Gender Revolution – Relativismus in Aktion“ ist letztes Jahr auf Ungarisch erschienen, es wurde und wird von den ungarischen Rechten und Ultrarechten breit rezipiert und wirkt diskursbestimmend. Das wichtigste Fidesz-Medium Magyar Nemzet Online brachte bei Erscheinen ein Interview mit ihr, das geht folgendermaßen los (Übersetzung Pusztaranger):

Eine gefährliche Ideologie zerstört die Familie
Europaweit wird gelehrt, daß es schön und wertvoll sei, homosexuell zu sein – sagte uns die Soziologin Gabriele Kuby

Es ist egal, ob wir als Mann oder Frau geboren sind, denn wir selbst können unsere sexuelle Orientierung wählen. Darum geht es in der auch im hiesigen Fachjargon nur auf Englisch „Gender Mainstreaming“ genannten Ideologie, die sich zunehmend in die Schulen einschleicht und an der in einigen Ländern schon Lehrpläne ausgerichtet werden. Die Europäische Union ist nicht nur geistige Brutstätte für die Propagierung der Vereinheitlichung der Geschlechter (nemi összemosás), sondern stellt auch die finanziellen Mittel dafür bereit. Über die Methoden der Lobbyisten und den Hintergrund der sich immer aggressiver ausbreitenden neuen Theorie haben wir uns mit der deutschen Autorin und Soziologin Gabriele Kuby unterhalten, deren Buch „Die Gender Revolution“ vor Kurzem erschienen ist.

Und so weiter. Mit ihren Verschwörungsphantasien vom totalitären Staat, der mit solchen EU-Richtlinien die Kinder verdirbt, findet sie natürlich große Resonanz bei den ungarischen Rechten und Ultrarechten, die das ungarische Volk von bösen Mächten bedroht sehen, ob die nun MSZP, EU oder gar judeobolschewistische Weltverschwörung heißen.

Auf der Website der Koalitionspartei KDNP, der Christlich Demokratischen Volkspartei, der auch Staatssekretärin Hoffmann angehört, gibt es die ungarische Übersetzung von Kubys Buch gar gratis zum Download.

Vertrieben wird es unter anderem vom ultrarechten Verlag Magyar Menedek
magyarmenedek.com/products/3361/A_nemek_forradalma_-_A_gender_forradalma_-_A_neveles_allamositasa_-_Gabriele_Kuby.htm

*

Aufklärung in den Schulen – gibt es in Ungarn, noch.

Seit Herbst 2000  gibt es in Ungarn das Programm „Melegség és megismerés”, ein von NGOs entwickeltes Aufklärungsprogramm für Mittelschulen und Institutionen der Lehrerausbildung, mit Unterstützung der EU (PHARE). Die hatten es bisher schon nicht leicht; im aktuellen politischen Klima dürfte es für sie noch schwieriger werden.

Unter dem Titel „Melegség és Megismerés” (Homosexualität kennenlernen) organisieren die Lesbenorganisation Lábrisz und die Schwulenorganisation Simpozion ein Programm für Schulklassen. Zwei Aktivist_innen stellen dabei jeweils ihre persönliche Geschichte in den Mittelpunkt der Diskussion und klären Missverständnisse rund um Begriffe wie Homophobie, Travestie und Transgender. Nicht nur um Homosexualität gehe es dabei, sondern auch um eine allgemeine Sensibilisierung für Diskriminierung. Die Rückmeldungen seien überwiegend positiv oder zumindest neutral, und die meisten dieser Jugendlichen noch nicht stark politisiert. Dennoch erzählt Mária von einer 16-jährigen Jobbik-Aktivistin in einer Waldorfschule, die sich weigerte, an dem Programm ihrer Klasse teilzunehmen. „Nachdem ihre Mutter darauf bestand, musste sie uns zuhören, auch wenn sie am Ende nur schmollend in einer Ecke saß.”
Wird dieses Programm weiter stattfinden können? Wie nach jedem Machtwechsel in Ungarn, ist mit einem massiven Personalwechsel in der Administration zu rechnen, speziell im Bildungswesen könnte sich ein solcher bemerkbar machen. „Meine größte Befürchtung ist, dass die Rechten einen wesentlichen Einfluss auf die Bildung ausüben werden – der auch deshalb so nachhaltig sein kann, weil sie dadurch ihre Ideologie verbreiten”, so Vera Szigeti.

Aus: „Deviant und unmagyarisch“. Rosemarie Ortner in an.schläge

4 Kommentare leave one →
  1. 25. Mai 2011 13:42

    Bin gespannt, ob und wann auch die Schimpfwörter und „Diagnose“

    „Genderphob/Genderphobie“

    durch die institutionelle und massenmediale Verschwörung in den Sprachschatz implantiert werden.

    • pusztaranger permalink
      25. Mai 2011 16:48

      Keine Sorge, die einzige Phobie, die in Ungarn derzeit begriffsprägend wirkt, ist die „Magyarophobie“ (magyargyûlölet, magyarellenesség), wie sie Kritikern aus dem In- und Ausland vorgeworfen wird.

  2. Michael permalink
    19. März 2012 14:40

    Was hast du eigentlich für ein Problem? Leute wie Grabiele Kuby haben doch im Kern Recht. „Gender Mainstreaming“ verleugnet biologische Wahrheiten, nämlich dass viele Unterschiede zwischen Männern und Frauen angeboren und nicht sozialisiert sind. Dazu gibt es Tausende von Studien (schon allein zu den Hörnstrommessungen)! Wer lesen kann, ist klar im Vorteil und kann nicht anders als die Ideologie des sozialen Geschlechts abzulehnen. Die Ungarn machen es in dem Punkt richtig, auch wenn ich deren rechte Gesinnung ganz und gar nicht teile.

  3. 1. August 2014 22:06

    Weltimperialistisch terrorisierende Kriegsstrategie

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