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Der erste Hetero Pride in Budapest

5. September 2010

(Bild: hatter.hu)

Gestern Nachmittag fand in Budapest der erste „Hetero Pride“ statt, zu dem unter anderem die üblichen rechtsextremen Portale aufgerufen hatten. Die Organisatoren rechneten mit 2000 Teilnehmern, aber nur knappe Hundert marschierten die Route der traditionellen Budapest Pride Parade vom Heldenplatz zum Erzsébet tér ab. Die Organisatoren fordern die Einschränkung des Versammlungsrechtes für LGBT; Jobbik-Abgeordneter Előd Novák forderte die Säuberung nationaler Institutionen von Homosexuellen; auch meinte er, daß die TeilnehmerInnen der Budapest Pride Parade wegen Landfriedensbruch angezeigt werden sollten.

Unterwegs riefen die TeilnehmerInnen Parolen wie:  „Ria, ria, Hungária!“, „Ein schwuchtelfreies Ungarn!“, „Schwuchtelfreies Budapest!“ und dergleichen mehr – ein echter Spass für Alt und Jung.

(Edit 6.9.: „Schwuchteln in die Donau!“ nicht zu vergessen (Quelle). „In die Donau“ ist eine feste Wendung der ungarischen Rechtsextremisten. Nach der Machtübernahme der Pfeilkreuzler im Oktober 1944 wurden von den Pfeilkreuzlern zehntausende ungarische Juden am Ufer der Donau erschossen.)

(Alter Rechtsextremer: Origo, rechtsextreme Teenies: Sturnus_vulgaris)

Organisator Csaba Koletár hatte schon vor einem Jahr versucht, die Veranstaltung zeitgleich mit dem Budapest Pride abzuhalten, bekam von der Polizei aber keine Genehmigung. Dieses Jahr bekam er sie (neuer Polizeipräsident), und konnte sie in den Medien entsprechend ankündigen – mit Sprüchen wie „aus dem Analverkehr von zwei männlichen Schweinen wurde noch nie Nachwuchs geboren“.

Auf diesem Niveau bewegt sich diese Veranstaltung. Man könnte Koletár und seine Handvoll Neonazis und durchgeknallter RentnerInnen einfach als Spinner abtun, aber ihre Argumentation ist typisch für viele Leute aus dem rechten bis ultrarechten Spektrum, auch wenn die gestern nicht da waren.

Koletár im Interview mit HírTV: „Ich habe das Gefühl, daß in Ungarn immer noch die heterosexuellen Menschen in der Mehrheit sind, in diesem Fall müßte sich immer die Minderheit an die Mehrheit anpassen.“ Und wie soll das gehen? Indem man die Versammlungsfreiheit einschränkt.

Koletár & Co wollen der „öffentlichen Zurschaustellung von Homosexualität Einhalt gebieten“ und erreichen, daß „der öffentliche Raum für solche Zwecke nicht in Anspruch genommen werden darf“. „Wegen Anderen“ („mások miatt”), so Koletár, dürften „die in der Verfassung garantierten Rechte auf Versammlungsfreiheit und freie Meinungsäußerung nicht länger beschnitten werden“.
Sprich, es gibt die „Mehrheit“ und die „Anderen“, und wenn diese „Anderen“ sich irgendwie öffentlich zeigen, bedeutet das, daß die „Mehrheit“ in ihren Grundrechten beschnitten wird.

„Minderheiten“ sind eine Bedrohung für die „gesellschaftliche Mehrheit“, und diese muß sich „verteidigen“ und die „Minderheit“ in ihre Schranken weisen.

Die Verdrängung unliebsamer Veranstaltungen aus dem öffentlichen Raum dürfte in Ungarn in Zukunft Thema werden; dieses Jahr beim Budapest Pride kündigte sich das schon an, siehe mein Post. Dabei sucht man provokante Outfits á la Sodom & Gomorrha beim Budapest Pride in den letzten Jahren vergeblich; wie die TeilnehmerInnen aussehen, ist den Rechten auch völlig egal, ihre Existenz ist das Problem.
Die Partei segnet ab

Jobbik-Parteisprecherin Dóra Duró sprach den Veranstaltern die Unterstützung ihrer Partei aus. Ihr Mann, der Jobbik- Parlamentsabgeordnete Előd Novák, der im Parlamentsausschuss für Kultur und Presse sitzt, sagte, „daß die Polizei die Devianz unterstützt, dabei könnte man die Teilnehmer der Schwulenparade wegen Landfriedensbruch verklagen“. Des weiteren sprach er sich dagegen aus, daß „deviante Individuen immer noch über staatliche Institutionen wie das Nationaltheater und die Medien „herrschen“. (Anm.: Im Mai forderte Novák auf einer Anhörung, den schwulen Direktor des Nationaltheaters Róbert Alföldi von seinem Posten zu entfernen.)

Novák nahm Koletárs Petition zur Modifizierung des Versammlungsrechts entgegen.

Quellen: MTI bei Galamus.hu, hatter.hu

(Duró, Novák und Koletár. Bild: Origo)

Ungarisch für Anfänger

Der Hellste ist Koletár nicht. Was ich sinngemäß mit „öffentliche Zurschaustellung von Homosexualität“ übersetzt habe („megállítsák a szabad buzizást“), drückt er mit dem Wort aus, das sonst eigentlich für Verbalattacken gegen als homosexuell wahrgenommene MitbürgerInnen verwendet wird („buzizás“: abwertend über „Schwuchteln“ reden, andere „Schwuchtel“ schimpfen, von buzi = „Schwuchtel“. Genauso funktioniert auch „zsidózás“ – andere „Juden“ schimpfen, „cigányozás“ – andere „Zigeuner“ schimpfen.) Wörtlich übersetzt sagt Koletár also, daß er dafür ist, homophober Hetze im öffentlichen Raum Einhalt zu gebieten, und merkt es gar nicht – ein echter Schenkelklopfer.

Hier könnt Ihr Euch die Sache im Video anschauen. Ein paar Highlights:

Frage an den Mann mit Kleinkind: „Warum finden Sie es wichtig, Ihr Kind schon so früh auf so eine Veranstaltung mitzunehmen?“
Vater: „Ich möchte, daß sie ihren Platz kennt. Schließlich ist sie ein Mädchen, kein Junge, und ich möchte, daß ihr das klar ist.“
Frage: „Ist das Ihrer Meinung nach eine Frage der Erziehung?“ (ob das Kind schwul oder lesbisch wird)
Vater: „Auf jeden Fall.“

Älterer Mann: „… wir haben nicht so einen Unterstützergrad wie das gegnerische Lager…“
Frage: „Woran könnte das liegen?“
Älterer Mann: „Weil die Gesellschaft von den Schwuchteln terrorisiert wird (meg van félemlítve a buzik által). Überall sind Schwuchteln… überall sind die Schwuchteln die Herren.“

Dóra Dúró : ,,Das ist keine offen ausgrenzende Veranstaltung, wir von Jobbik nehmen im allgemeinen nicht an offen ausgrenzenden Veranstaltungen teil.“

Na klar. Nur wenns um Schwuchteln, Juden und Zigeuner geht.

2 Kommentare leave one →
  1. 8. September 2010 10:17

    nur eine anmerkung: buzi als „schwuchtel“ zu übersetzen halte ich für zu versöhnlich. buzi hat im umgangssprachlichen doch (schon) eher die bedeutung von ’schwulensau‘

  2. 9. September 2010 11:48

    Haben diese menschen in Budapest kein anderes Probleme, womit eine Beschäftigung lohnender wäre? Oder wird das Brot billiger, wenn man die Juden, Homosexuellen und Minderheiten hasst? Gott, ist das erbärmlich!
    PS. Ich bin übrigens keins von den erwähnten, die verfolgt werden, aber wenn es so weitergeht, dann werden irgendwann auch noch die Diabetiker und die Radfahrer drankommen.

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