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9/11: Jobbik feiert „Tag der arabisch-ungarischen Freundschaft“

11. September 2010

Zuerst dachte ich ja, da hätte sich wer einen schlechten Scherz erlaubt, aber es stimmt.

Die Jobbik hat ihren ganz eigenen Zugang zum 11. September gefunden. Den 9. Jahrestag von Osama bin Ladens Terroranschlägen auf New York und Washington begeht die rechtsextreme Partei in der westungarischen Kleinstadt Ajka mit einem „Tag der Arabisch-Ungarischen Freundschaft“. Als Festredner angekündigt ist Parteichef Gábor Vona. Daneben soll es einen „arabischen Basar“, Bauchtänzerinnen und Gyros aus Griechenland geben. In Ungarn gibt es kaum Einwanderer. Die Jobbik pflegt deshalb, anders als westeuropäische ultra-rechte Parteien, keinen Islam-Hass, dafür aber einen umso krankhafteren Antisemitismus. (Gregor Mayer war wieder schneller.)

Im Vorfeld wurde auch die Teilnahme von Diplomaten aus Jemen, dem Irak und Katar angekündigt.

(Man beachte die Basilika von Esztergom zusammen mit den Pyramiden.)

Parteivize Elôd Novák hatte zuerst Bedenken wegen der Wahl des Datums, er fand es selbst geschmacklos, doch dann ließ auch er sich überzeugen. Schließlich wollen die Veranstalter ja „nicht provozieren, sondern mit dieser Kulturveranstaltung dem negativen Image der Araber seit 9/11 etwas entgegensetzen“. (Index.hu)

Nicht provozieren – KLAR. Ein Blick auf die Rednerliste, und man weiß sofort, woher hier der Wind weht.

Rednerliste: Antisemitische Hetzerparade

Auch die Hamas war auf dieser Veranstaltung vertreten. Sie schreibt sich ungarisch Hamasz, und genau das ist auch die Abkürzung für „Hazafias Magyarok Szövetsége“, Bund Patriotischer Ungarn. Vorsitzender ist der reformierte Pastor Lóránt Hegedûs junior, für LeserInnen dieses Blogs ein alter Bekannter. Seine ungarische HAMASZ wurde 2007 als „Rettungsmaßnahme für das von Israel bedrohte Ungarn“ gegründet, als  Reaktion auf die Äußerung von Simon Perez 2007  auf einer Tagung von Immobilienhändlern in Tel Aviv, »wir kaufen Mannhattan auf, wir kaufen Polen auf, wir kaufen Rumänien auf und wir kaufen Ungarn auf“. Es gab keinen Aufschrei weder in Mannhattan, noch in Rumänien oder in Polen – dafür aber in Ungarn. Die Aussage wurde ins Englische übersetzt, auf  Youtube veröffentlicht und die Empörung reichte bis in die Mitte der Gesellschaft. (Siehe hier).

Damals sprach Hegedüs‘ HAMASZ von der „Besetzung Ungarns durch Israel mit wirtschaftlichen Mitteln“ und forderte die Überprüfung aller israelischer Firmen und Privatpersonen in Ungarn  („und/oder solcher Firmen, die israelischen Interessen dienen“), darauf hin, ob ihre Investitionen in Ungarn legal getätigt worden seien. Die „hiesigen Verantwortlichen, die Politiker und Geschäftsleute, die zur Untergrabung unserer Souveränität beigetragen haben,“ sollten „exemplarisch bestraft“ werden.

Weitere Highlights waren die Forderungen, „zu überprüfen, ob der israelische Geheimdienst schon in den Ungarischen Geheimdienst eingedrungen“ sei, sowie „die unverzügliche Einstellung bzw. Verhinderung der (…) internationalen magyarenfeindlichen bolschewistischen Verleumdungskampagne, die die Ungarn als Antisemiten, Faschisten und Rassisten verunglimpft und der feindlichen Besatzungsabsicht Israels den Weg bereitet hat.“ Der Aufruf schließt mit dem Slogan „Besetz doch deine Mutter, aber nicht unser Vaterland!“ , bei den ungarischen Ultrarechten seither ein beliebtes Aufklebermotiv.

(Textquelle: magyarifjusag.atw.hu/modules.php?name=News&file=article&sid=351)

Seit 2008 findet sich von HAMASZ nicht mehr viel im Netz, Hegedûs hat ja seither bei Jobbik zu tun, aber für diesen konkreten Anlaß haben sie diesen Namen wieder ausgegraben.

Hegedûs‘ Gattin, die Jobbik-Abgeordnete Hegedűs Lorántné Kovács Enikő, ist diejenige, die 2008 eine illegale Aufführung von „Jud Süß“ in Budapest organisiert hat, siehe mein Post und  u.A. die Süddeutsche. Als Schriftführerin des Parlaments ist sie auch eine der Unterzeichner der „Deklaration der Nationalen Zusammenarbeit“ der neuen FIDESZ-Regierung (!) (hier im Original, und hier der Economist dazu).

Der Journalist József Hering wird schon 2003 in der Publikation „Anti-Semitic Discourse in Hungary in 2002-2003“, herausgegeben von der Organisation B’nai B’rith, erwähnt. Als Imre Kertész 2002 den Nobelbreis erhielt, betrachteten die ungarischen Rechten das als Provokation; speziell Hering stellte Kertész‘ ungarische Herkunft in Frage und bemängelte, daß er in seinen Werken „keine universellen Fragen“ behandle, sondern lediglich jüdische Schicksale. In neueren Publikationen ist er noch deutlicher. Kostprobe: „Ein bedeutender Teil der heimischen Medien und Politiker (…) bevorzugt auch heute noch die Holocaustkultur und pflegt  immer diejenigen Nationalisten, Rassisten, Pfeilkreuzler (…) zu nennen, die auszusprechen wagen, daß es auch einen ungarischen Holocaust gegeben hat.“ (jobbik.net/index.php?q=node/5250)

Alles klar?

Weiter auf der Rednerliste stehen ein Dr. Alotti Naszri, Chefarzt der Abteilung Herzchirurgie des Komitatskrankenhauses Zala; Khaled Naffa, Vorsitzender des Vereins der ungarisch-jordanischen Freundschaft; der reformierte Geistliche Tamás Sugár, ehemals Beobachter in Gaza, und Dr. Youssef Khalil, das Oberhaupt der Koptischen Kirche in Ungarn. Was die dort wollten und was sie gesagt haben, weiß man nicht. Ob die paar eingeladenen Alibi-Araber tatsächlich Jobbik-Fans sind oder völlig ahnungslos, daß sie von einer rechtsextremen Partei instrumentalisiert werden (wie es zum Beispiel letztes Jahr einem evangelischen Pfarrer bei einer Adventsveranstaltung von Jobbik ging, siehe mein Post) ist aus dem Netz nicht zu ersehen.

Wahlkampfveranstaltung

Die Veranstaltung ist auf dem Mist von Jobbik-Parlamentsabgeordneten Gábor Ferenczi gewachsen, der auch Vorsitzender im Komitat Veszprém ist. Der will nämlich in seinem Heimatort Ajka auch in den Gemeinderat gewählt werden (und der Gemeinde sein Honorar spenden, weil Jobbik ja gegen Ämterhäufung mobil macht). Daß sich auf der Veranstaltung auch Jobbiks Kandidaten in Ajka für die Kommunalwahlen vorstellen, steht nicht auf dem Veranstaltungsflyer, nur auf der Parteiseite. (jobbik.hu/ajka_-_arab-magyar_baratsag_napja)

Das heißt, das Ganze war vor allem eine Wahlkampfveranstaltung. Essensverkostung gratis, Bauchtänzerinnen und antisemitische Hetzreden, die linke Presse tobt – wenn das keine Stimmen bringt, was dann! Das scheint hier das Kalkül gewesen zu sein.

Die waren heute also auch alle da:

Jobbik-KandidatInnen für die Kommunahlwahlen von Ajka. jobbik.hu

Bei den Parlamentswahlen war Jobbik in Ajka mit über 12% zweitstärkste Partei – ich werde also ein Auge drauf haben.

Gegendemo und Reaktion der amerikanischen Botschafterin

Laut haon.hu gab es etwa 100 Gegendemonstranten, womit Jobbik offenbar doch nicht gerechnet hatte.

Bild: MTI.

Stop.hu bat die amerikanische Botschafterin um ein Statement, die meinte: No comment.

*

Abschließend eine lesenswerte Analyse von Jobbiks  „Freundschaft“  zu den „Arabern“, auf NOLBlog, dem Blogbereich der Tageszeitung Népszabadság. Übersetzung Pusztaranger (wie immer ohne Gewähr).

Die „Freunde der Araber“

von Péter Niedermüller

(Péter Niedermüller, 57, Ethnograph,  ist Vorstandsmitglied der links-liberalen Kleinpartei SZEMA und kandidiert für die Kommunalwahlen im I. Budapester Bezirk.)

10. September 2010

(…) Der „Tag der Freundschaft” kommt als unschuldige kulturelle Veranstaltung daher, aber ist in Wirklichkeit eine brutale und zynische politische Provokation. Die ungarischen Ultrarechten haben schon früher Interesse für arabische Länder gezeigt. Die Freundschaft, die jedoch Jobbik für die Araber empfindet, hat nichts mit der arabischen Kultur zu tun. Die „hiesigen Freunde“ der Araber interessieren sich nicht für die politische, religiöse und kulturelle Vielfalt, die für die arabische Welt in der Geschichte und auch heute charakteristisch ist, sie können auch gar nichts damit anfangen. Denn diese Freundschaft ist selektiv, sie gilt nur denjenigen arabischen Ländern und erstreckt sich nur auf den Teilbereich der arabischen kulturellen und politischen Traditionen, in denen der Antisemitismus und die Feindschaft gegenüber Israel und dem Westen eine entscheidende Rolle spielen. Man erinnere sich daran, wie Gábor Vona die (ungarischen) Parlamentswahlen unter Kontrolle iranischer Wahlbeobachter durchführen wollte…

Daß diese Veranstaltung ausgerechnet am 11. September und nicht an einem der 364 anderen Tage des Jahres abgehalten wird, ist selbstverständlich kein Zufall, sondern ein wichtiger Bestandteil der bewußten Provokation. Denn der Terrorangriff des 11. September richtete sich nicht nur gegen New York, nicht nur gegen Amerika, sondern auch gegen die westliche Zivilisation, die Rationalität der Aufklärung, und die auf säkulären Staaten aufgebaute europäische/westliche Modernität und Demokratie. Sie richteten sich gegen das historische und politische Erbe, das Jobbik, und im Allgemeinen die ungarischen Ultrarechten, eindeutig und entschieden ablehnen. In erster Linie  deshalb, weil die europäischen Demokratien dieser Tradition solche Parteien wie Jobbik nicht dulden, sie ausschließen und isolieren. Wenn Jobbik und ihre Anführer von „Zigeunerzucht“ reden, von öffentlichen Sicherheitscamps (Anm.: közrendvédelmi telepek, Roma-KZs) visionieren, die Zigeunerkinder aus ihren Familien herausreißen wollen, auf politischen Versammlungen mit offen antisemitischen Hetzern auftreten, dann erwecken sie faschistische Topoi damit bewußt zum Leben und benutzen sie. Natürlich wissen auch sie, daß der offene Faschismus heute in Europa absolut unsalonfähig ist. Aus diesem Grund sind sie darum bemüht, dem faschistischen Gedankengut ein neues Gewand zu geben.

Ein Mittel dazu ist die radikal einseitige Umdeutung des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern. Jobbik hat schon in der Vergangenheit gegen „israelischen Terror“ demonstriert, ihre Politiker redeten von „Genozid“ und protestierten im Palästinensertuch gegen „jüdische Unterdrückung“, sie übernahmen die Bezeichnung HAMAS für ihre eigenen Zwecke – und so könnte ich weiter aufzählen. Bei alldem betrachten sie den palästinensichen Terrorismus gegen Israel als „Freiheitskampf“.  All das jedoch ist nichts als böswillige Dummheit, Geschichtsverfälschung oder einfach Antisemitismus. Gleichzeitig kann man nicht umhin zu bemerken, daß diese Einseitigkeit (…) die „Araber“ auch im Allgemeinen mit dem Terrorismus in Verbindung bringt und die sowieso schon existierende Islam- und Migrantenfeindlichkeit noch weiter schürt. So wird der Eindruck vermittelt, als würde jeder Araber den islamistischen Terrorismus und den islamistischen Gottesstaat (Anm.: sinngemäß übersetzt) akzeptieren und unterstützen. Das ist natürlich nicht wahr, sondern eine bewußte Verzerrung. Denken wir nur an das Beispiel der iranischen Opposition! Die jedoch existiert für Jobbik nicht, denn sie kämpft für genau die Ziele und Werte, die Jobbik ablehnt. Jobbik hat nur Verwendung für palästinensische oder „arabische“ Terroristen,  „Vorbilder“,  die sich außerhalb des demokratischen Rahmens gesetzt haben und auf rassistischer Grundlage die physische Vernichtung anderer – um genau zu sein, der Juden – anstreben. Das – und nur das – erklärt Jobbiks „Freundschaft zu den Arabern“.

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