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Die Stimme des Blutes: Regierungschef Orbán und seine Volksgemeinschaft

24. Oktober 2010

(Bild index.hu)

Über Viktor Orbáns Rede  zum gestrigen Jahrestag von 1956 (hier im ungarischen Fernsehen) wird die Tage sicher noch Einiges in der Presse zu lesen sein; ich möchte hier nur einige Anmerkungen zu Orbáns Sprachgebrauch machen.

„Vor vier Jahren ließ das damalige Regime die friedlich feiernden Menschen von berittener Polizei verprügeln. Jetzt sind wir hier, und vertrauen darauf, daß die Mächtigen von damals dort hinkommen, wo sie hingehören.“
(„Négy éve, az akkori hatalom lovas rendőrökkel verette a békésen ünneplő embereket. Most mi itt vagyunk, és bízunk benne, hogy az akkori hatalmasok ott lesznek, ahol lenniük kell.“)

So ist es auf der Parteiseite zu lesen. Aber was Orbán wirklich sagte, war:

„Vor vier Jahren an diesem Tag ließ das damalige Regime die friedlich feiernden ungarischen Menschen (magyar emberek, wörtlich „ungarische Menschen“, völkisch definiertes Ungarntum – der Begriff wurde von Jobbik geprägt) von Sondereinheiten der Polizei verprügeln, von berittenen Polizisten mit dem flachen Säbel schlagen, mit Wasserwerfern und Gummigeschossen beschießen. [Pfiffe ] Aber wir Ungarn sind jetzt hier, und auch sie werden bald dort sein, wo sie hingehören.“ [Hochrufe, Geschrei, Applaus]
(Négy éve még ezen a napon az akkori hatalom rohamrendőrökkel verette, lovas rendőrök kardlapjaival ütlegelte, vízágyúval és gumilövedékkel lövette a békésen ünneplő magyar embereket. [fújolás ] De mi, magyarok itt vagyunk, és ők is ott lesznek hamarosan, ahol lenniük kell.” [Éljenzés, üvöltés, taps])

(Zitiert von Galamus.hu; auf die unterschiedlichen Versionen wurde ich aufmerksam durch diesen ungarischen Blog.)

Sprich, es geht nach wie vor „wir Ungarn“ gegen „die“, mit denen abgerechnet wird, und was „uns Ungarn“ vereint, ist laut Orbán unter anderem die „Stimme des Blutes“:

„Eine Nation, vereint von der Stimme des Herzens, der Stimme des Blutes, tausend gemeinsamen Jahren (…), dem gemeinsamen Ziel, gemeinsamen Gedanken und gemeinsamer Mission.“
(Egy nemzet, amelyet immáron a szív hangjai, a vér szava, ezer közös év, dicsőségesen felemelt és méltósággal lehanyatló zászlók, azonos cél, eszme és küldetés egyesítenek…

(Zitiert von galamus.hu)

„Nation“ wird hier ganz klar völkisch als Abstammungsgemeinschaft definiert. Und es kommt noch besser.

Die emeritierte Yale-Professorin Eva S. Balogh (Blog Hungarian Spectrum), die als Ungarnexpertin auch schon vom CIA herangezogen wurde, weist heute auf Galamus.hu darauf hin, daß Orbán in seiner Rede Pfeilkreuzlervokabular verwendet hat, wie man es bisher nur von Jobbik gewohnt ist.

Es geht um den Begriff „nemzettestvér“ („Nemzet“ – Nation, „testvér“ – Bruder, Schwester), der impliziert, daß Angehörige der „Nation“ in einem Blutsverwandschaftsverhältnis zueinander stehen. Man könnte ihn übersetzen mit „Angehöriger der magyarischen Blutsgemeinschaft“; der Einfachheit halber übersetze ich ihn im Folgenden mit „Volksgenosse“.

Daß der Begriff von Jobbik-Politikern verwendet wird, zeigte Balogh Ende März in einem Artikel auf, und man findet ihn auf so gut wie allen rechtsextremen Portalen.

Seither, schreibt Balogh, hat sie dieses Wort insgesamt nur zwei Mal gehört, in beiden Fällen von Jobbik-Abgeordneten. Zuerst von Tamás Gaudi-Nagy, der sagte, daß der Staat niemals aufhören dürfe, mit friedlichen Mitteln zu erreichen, daß seine Volksgenossen „im Rahmen eines einzigen Staates leben können“ (egy állami keretben éljenek nemzettestvérei ). Dann gebrauchte der Jobbik- Partei- und Fraktionsvorsitzende Gábor Vona den Begriff auf einer Pressekonferenz, wo er die Einführung der Trianon-Gedenksitzung des ungarischen Parlaments als Erfolg seiner eigenen Partei verbuchte. Generationen seien aufgewachsen, so Vona, „ohne eine Ahnung davon zu haben, daß die jenseits der Landesgrenzen lebenden Ungarn ihre Volksgenossen (nemzettestvérei) waren.“

Jobbik dürften sich absolut darüber im Klaren sein, von wem und wann dieser Begriff gebraucht wurde, schreibt Balogh. Die Frage ist nun, weiß Orbán, wovon er da redet? Denn in seiner Rede gestern sagte er unter anderem:

„Die Nation hat sich dafür ausgesprochen (wörtlich hat ja dazu gesagt), daß sich im Land alles ändern muß: Die Verfassung, die Gesetze, die Sitten in der öffentlichen Sphäre, die Tabus, die Befehle, die Ziele, die Beziehungen, die Werte, die Medien, der Umweltschutz, die Schulen (…). Alles, was menschen-, nations-, verstandes-, sitten- und lebensfeindlich ist, so auch die Grundlagen der Besteuerung und die Verleugnung/Ausgrenzung der Volksgenossen.“ (d.h. der ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern).
„A nemzet igent mondott arra, hogy az országban mindennek meg kell változnia: az alkotmánynak, a törvényeknek, a közéleti erkölcsöknek, a tabuknak, a parancsoknak, a céloknak, a viszonyoknak, az értékeknek, a médiának, a környezetvédelemnek, az iskolának és a közbeszerzéseknek. Mindennek, ami ember-, nemzet-, ész-, erkölcs- és életellenes, így az adózás mikéntjének és a nemzettestvérek kitagadásának is.“

Das ist das erste Mal, schreibt Balogh, daß dieser von den Pfeilkreuzlern benutzte Begriff von einem nicht explizit rechtsextremen Politiker benutzt wird. Und nicht etwa von irgendeinem, sondern vom ungarischen Ministerpräsidenten höchstpersönlich.

Und das Ganze wurde legitimiert durch die Anwesenheit des Präsidenten des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, dem solche Feinheiten vermutlich entgangen sind.

*

Volksgemeinschaft, als die Gemeinschaft eines Volkes, bezeichnet in völkischen Ideologien die Angehörigen eines primär rassisch beziehungsweise ethnisch konzipierten Volkes. Der Begriff wurde häufig verwendet in der NS-Propaganda des nationalsozialistischen Deutschlands. Die nationalsozialistische Lehre definierte die Volksgemeinschaft „als die auf blutmäßiger, gemeint: verwandtschaftlicher, Verbundenheit (Blut-und-Boden-Ideologie), gemeinsamen Schicksal und gemeinsamen, politischen Glauben beruhende Lebensgemeinschaft eines Volkes, der Klassen- und Standesgegensätze wesensfremd sind“. (Wikipedia)

 

Edit 25.10.: Die englische Übersetzung der Rede auf Hungarian Spectrum.

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3 Kommentare leave one →
  1. Melanie Pachofer permalink
    24. Oktober 2010 19:40

    Über eine „Volksgemeinschaft“ spricht in Deutschland keine demokratische Partei.
    Die NPD allerdings spricht davon in ihrer Agitation.
    Aus diesem Grund wurde 2001 ein Verbot der NPD wegen Verfassungswidrigkeit beantragt. Es scheiterte aufgrund verfahrensrechtlicher Fehler, der NPD wurde jedoch keine Verfassungstreue bescheinigt.

    Viktor Orbans Rede über die „Volksgemeinschaft“ wurde vom Präsident des EU Parlaments, Jerzy Busek legitimiert. Er stand nämlich die ganze Zeit Neben Viktor Orban.

    Habe die Ehre und Kiss die Hand, Herr Busek,
    schon mal was von Demokratie gehört????

  2. Snoob permalink
    25. Oktober 2010 14:24

    Von der EU kann man sich nicht viel Erhoffen, dazu müsste sie meiner Meinung nach mehr Macht bekommen, also mehr von den Bürgern Europas legitimiert werden und unabhängiger werden. So machen doch sowieso die großen Staaten Deutschland, Frankreich und England was sie wollen.

    Warum kann man nicht viel von Europa erwarten. Ein Beispiel liefert die Vergangenheit als Europa das Verfahren gegen Frankreich einstellte in Bezug zu den Romaabschiebungen nach Rumänien. Was ist denn jetzt daraus geworden. Stille herrscht in den Medien. Wohl demjenigen, der sich informationen andersweitig beschaffen kann und Informationen kritisch bewerten kann. Ein anderes Beispiel, dass die großen machen können was sie wollen zeigt die Absprache von Merkel mit Sarkozy die automatischen Strafen für Defizitsünder nicht zu verlangen.

    Es interessiert die großen Staaten, also die EU, herzlich wenig was in den kleinen Staaten vor sich geht. Hauptsache ist die Wirtschaft, sollte diese einmal ins Wanken geraten wie in Griechenland, so kann man aber sicher sein, dass die EU an erster Stelle steht. Was die Staaten darüber hinaus machen ist nicht von Belang.

    Sollte demher in Ungarn die Diktatur eingeführt werden, „was solls“ würde sich Europa denken Hauptsache die Wirtschaft brummt.

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