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Das ungarische Verfassungsgericht wird entmachtet

27. Oktober 2010

Das ungarische Verfassungsgericht hat am Dienstag erstmals ein Fidesz-Gesetz als verfassungswidrig gekippt. Die Antwort der Regierungspartei fiel eindeutig aus: Das Gesetz wird erneut im Parlament bestätigt und das Grundgesetz so umgeschrieben, dass das Verfassungsgericht zukünftig keine Zuständigkeit mehr für Gesetze hat, die mit dem Budget oder den Renten zu tun haben. (…) Die Opposition spricht von einem beispiellosen Angriff auf die Demokratie.

Weiterlesen beim Pester Lloyd von heute.

Im Begründungstext des Antrags von Fidesz-Fraktionschef János Lázár heißt es:

„In den Jahren seit der Wende, im Anfangsstadium des Rechtsstaates war das Verfassungsgericht mit seiner verfassungsgemäßen Rolle bei der Entwicklung/Ausarbeitung der Gesetze/des Rechtssystems unverzichtbar. Mit der Stabilisierung des Rechtsstaates ist ein solch breiter Zuständigkeitsbereich des Verfassungsgerichts heute überflüssig geworden/unbegründet.“
(„A rendszerváltást követôen eltelt években, a jogállam elsô idôszakában nagy szükség volt az Alkotmánybíróság jogfejlesztô alkotmányos szerepére. A jogállam megszilárdulásával az alkotmánybíráskodás ilyen széles jogköre mára indokolatlanná vált.“)

(Bin offen für Verbesserungsvorschläge, da weder Profi noch Jurist!)

(Edit 28.10.: Übersetzung Hungarian Voice (s.u.): „Innerhalb der ersten Jahre nach dem Systemwandel bestand ein großes Bedürfnis an einer  rechtsfortbildenden Rolle des Gerichts. Mit der Stabilisierung des Rechtsstaates ist diese breite Rolle in der heutigen Zeit nicht mehr sachgerecht.“)

Gefunden hier.

Noch 2007 sagte Orbán in einem Interview:

„Ungarn ist ein Land, in dem die Entscheidungen des Verfassungsgerichtes für alle verbindlich sind. Da gibt es keine Hintertürchen, das ist eines der ehernen Gesetze der ungarischen Demokratie.“
(„Magyarország olyan ország, ahol az Alkotmánybíróság döntései mindenkire kötelezőek. Nincs kibúvó, kiskapu, ez a magyar demokrácia egyik vastörvénye.“) (Orbanviktor.hu)

HVG heute:

Rechtsexperten halten es für wenig wahrscheinlich, daß das Verfassungsgericht den offenen Konflikt mit Fidesz aufnimmt. Wenn der Konflikt zwischen Regierung und Verfassungsgericht sich vertieft, könnte das zu einer Funktionsbeeinträchtigung des Staates (államszervezet) führen – so der Verfassungsrechtler István Lövétei. Seiner Ansicht nach geht es bei der Fidesz-Empfehlung eindeutig um die Sicherung des Haushaltsdefizits 2010/2011. Wenn das Verfassungsgericht Maßnahmen, die zu höheren Einnahmen führen, bzw. die Umleitung der privaten Rentenversicherungen in die Staatskasse unmöglich macht,  kann das Ziel von 3,8% des Bruttoinlandsproduktes für 2010 und <3% für 2011 möglicherweise nicht erreicht werden.

Update 28.10.: Hungarian Voice: „Der Sündenfall: Fidesz-Fraktionsvorsitzender reitet Angriff auf das Verfassungsgericht“. Hervorragende Zusammenfassung, und die Übersetzung vom Juristen hat Profi-Qualität.

Hungarian Spectrum: „The road to dicatorship“ und zu den Reaktionen von Fidesz (unter anderem): „Who is surprised and who is not?“

Eurotopics-Presseschau: „Orbán will Verfassungsgericht gängeln“ (Galamus)

Der Standard: „Orbán will Höchstgericht teilentmachten“

The Economist: „Fidesz picks another fight“

Update 29.10.

Hungarian Spectrum: „Some background and the Constitutional Court’s statement“ :

Das Verfassungsgericht hat eine Erklärung herausgegeben:

András Sereg, the head of the press department of the court, stated that „the preservation of the unaltered legal competence of the Constitutional Court is the guarantee of the Hungarian constitutional order. The Hungarian court’s practice of constitutional control of legislation agrees fully with that of other European constitutional courts. There are two requirements the court must keep in mind. The control must be applied to all pieces of legislation equally and those it deems unconstitutional are declared null and void.“

Und etwas Hintergrund:

The Orbán government is planning to fire about 5% of the civil servants. Here the amount of money the government would have to pay by way of compensation would be considerable. They already took one step to reduce the rights of workers. Earlier a civil servant couldn’t be let go without reason, but in the first days of the Orbán administration a law was passed that now allows the firing of civil servants without any justification and with only two months‘ notice. However, these people may be entitled to fairly large severance packages, and when we are talking about thousands and thousands of people the amount the government would have to dole out would be significant. Most likely that’s why the government is so desperate to have this legislation passed that it is even willing to have a huge fight with the constitutional court.

Die EU-Sozialdemokraten haben reagiert:

PES President Poul Nyrup Rasmussen said: “Fidesz’s strategy is unprecedented and undemocratic. By rolling over the Constitutional Court, the Hungarian Government is toppling one of the pillars of democracy: separation of powers. Throughout my experience in politics, I have never seen any Government in the European Union act in such a radical way to trim its own jurisprudence for its own partisan benefit. Fidesz is not simply tampering with the Constitution. It is tampering with Hungary’s democratic system”

Ansonsten noch nichts Neues auf Deutsch.

Update 30.10.2009

Pester Lloyd: „Diktatorisches Gebahren – der Verfassungsstreit in Ungarn“

The Prague Post Blogs: „Fidesz takes on the Constitutional Court“:

The markets have reacted too with Commerzbank saying the bill threatens investor’s faith in the rule of law. In a note to its clients the stated ‘For money markets and investors, these plans threaten the rule of law’

Hungarian Voice: „Stellungnahme des Verfassungsgerichts zur beabsichtigten Gesetzesänderung“ Übersetzung und Kommentar.

Und sonst nichts Neues auf Deutsch.

Update 1.11.2010

Neues Deutschland: „König Orbán schleift die Demokratie“

Blog HungAlienNation: „I love Orbánistán“

Wall Street Journal Blogs: „Hungarian Government’s Strike at Constitutional Court Triggers Popular Outrage“

Und sonst immer noch nichts Neues von Medien aus dem deutschsprachigen Raum. Sind das etwa keine News oder was? Oder denken die alle, das ist Fehlalarm und warten lieber die Abstimmung am Mittwoch ab? Man wird sehen.

Update 2.11.

Blog „Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“: „Vor dem Verfassungsputsch“. Bisher die beste Zusammenfassung auf Deutsch.

Blog von Iván Andrassew: „Was wäre wenn“ (Deutsche Übersetzung)

Nicht das Informationsmedium meiner Wahl, aber der Vollständigkeit halber: Budapester Zeitung: „Fidesz will Befugnisse des Verfassungsgerichts einschränken“, Leitartikel zum Verfassungsstreit von Jan Mainka, Analyse des Instituts Political Capital.

Update 5.11.:

Wiener Zeitung: Neue Verfassung in Ungarn auf Orbán zugeschnitten?

Junge Welt: Schleichender Staatsstreich

RiskandForecast.com: Constitutional Court Curtailed: Good news for fiscal balance, bad for democracy

The Prague Post Blogs: Public Protests begin over measures to curb the Constitutional Court

Und sonst nichts auf Deutsch. Es ist nicht zu fassen.

Transparency International Hungary heute:

Letter to The Secretary General of The Council of Europe

Transparency International Hungary – along with other NGOs – has called for the position of The Venice Commission of the Council of Europe on the recently introduced amendment to the Constitution related to the powers of the Constitutional Court of Hungary.

In regard to the fact that the fight against corruption is relevant only in democratic states governed by the rule of law, and further to the fact that the Venice Commission’s assignment is the supervision of the application of the rule of law, Transparency International requests opinion of the international forum on the intended amendment, thus by learning the international obligations due to Hungary we may assist the work of the members of parliament.

Update 10.11.:

Hungarian Voice: „Verfassungsgericht: Fidesz gibt dem öffentlichen Druck ein wenig nach“

Update 16.11.:

Na endlich. Die Süddeutsche: „Ungarn – Eine Art Ermächtigungsgesetz“ vom 11.11.:

Verfassungsgericht entmachtet

In Geld- und Wirtschaftssachen hat die ungarische Regierung erst am Mittwoch entscheidend an Macht dazugewonnen. Das Parlament beschloss die radikale Beschneidung der Rechte des Verfassungsgerichts. Die obersten Verfassungshüter werden sich niemals mehr mit Haushalt, Steuern und Abgaben befassen dürfen, es sei denn, fundamentale Werte wie das Recht auf Leben, die Menschenwürde und die persönliche Freiheit sind berührt.

Update 17.11.:

So, jetzt ist es amtlich.

Der Standard: „Verfassungsgericht in Ungarn beschränkt“

Die Presse: „Ungarn: Regierung entmachtet Verfassungsgericht“

Pester Lloyd: „Worthülsen und Zahlenspiele“

Wall Street Journals Blogs: „Hungary Ensures Constitutional Court Hinders Tax, Budget Policy No More“

Hungarian Voice: „Befugnisse des Verfassungsgerichts beschränkt, modifiziertes Strafsteuergesetz beschlossen“

 

8 Kommentare leave one →
  1. 27. Oktober 2010 21:29

    http://hungarianvoice.wordpress.com/2010/10/27/fidesz-fraktionsvorsitzender-reitet-angriff-auf-das-verfassungsgericht/

    • pusztaranger permalink
      28. Oktober 2010 08:56

      Ich könnte jetzt anfangen von Wegen „was wundern Sie/die Kritiker innerhalb Fidesz sich denn, das hat man doch kommen sehen“, oder „schön dass Sie auch mal aufwachen“ o.Ä., aber ich tu’s nicht, denn der Post ist wirklich hervorragend, Mike. Ganz großes Lob.
      Bin mal gespannt wie lange es noch dauert, bis die deutschsprachigen Medien auch auf den Trichter kommen, bisher noch Grabesstille im Netz.

  2. Mike permalink
    28. Oktober 2010 10:55

    Hallo Pusztaranger,

    richtig, allerdings möchte ich (anders als Galamus u.a.) keinen Glaubenskampf führen. Ich kritisiere – wie z.B. Gábor Török – dann, wenn ich (wie jetzt) ganz üble Fehlentwicklungen sehe. Mal sehen, wie Orbán reagiert…bislang ist aus dem Amt ja noch merkwürdige Ruhe.

    Dass wir zu vielen anderen Themen unterschiedlicher Meinung sind, wird wohl auf Dauer so bleiben. Das müssen wir ebenso akzeptieren, wie es Viktor Orbán akzeptieren müsste…

    Belassen wir es einfach dabei: Finger weg vom Verfassungsgericht!

    • pusztaranger permalink
      28. Oktober 2010 13:14

      „Dass wir zu vielen anderen Themen unterschiedlicher Meinung sind, wird wohl auf Dauer so bleiben.“

      Oh ja, keine Sorge.

      „allerdings möchte ich (anders als Galamus u.a.) keinen Glaubenskampf führen.“

      😀 da könnten wir uns gleich weiterstreiten, aber für heute belass ichs mal dabei.

  3. Peter permalink
    28. Oktober 2010 11:23

    Vieles war absehbar, wobei man immer noch die Hoffnung haben konnte, dass der Machtbesitz an sich oder genauer das Amt zumindest ausreichend Würde ausstrahe, um besänftigend zu wirken. Doch nichts dergleichen, vielmehr Hybris, Realitätsferne, ad hoc Korrumpiertheit. Die Direktheit, die Dreistigkeit, die Unverfrorenheit mit der inzwischen vorgegangen wird, ist nur noch schwerlich zu überbieten.

  4. 29. Oktober 2010 22:15

    Anbei noch ein Hinweis auf die Pressemitteilung des Gerichts:

    http://hungarianvoice.wordpress.com/2010/10/29/stellungnahme-des-verfassungsgerichts-zur-beabsichtigten-gesetzesanderung/

  5. Dr. Peter Warta permalink
    17. November 2010 09:58

    Mir fällt auf, dass nur über die Machtallüren von V. Orbán und FIDESZ die Rede ist, aber nirgends die Begründung der in Rede stehenden Entscheidung des Verfassungsgerichtes zitiert wird. Gab es innerhalb des Gerichts abweichende Meinungen? Werden solche „dissenting opinions“ in Ungarn veröffentlicht oder müssen sie geheim bleiben (wie in Österreich)? Die Einschränkung der Kompetenzen des Verfassungegerichts ist sicher ein Skandal, aber vielleicht hat es das ungarische Verfassungsgericht für V. Orbán mit einer juristisch anfechtbaren Entscheidung leichter gemacht, als notwendig. Immerhin sollten mit dieser Entscheidung Privilegien einer begrenzten Gruppe, nämlich der Beamten, geschützt werden, von denen der Rest Ungarns nur träumen kann. Mit dem Gleichheitsgrundsatz ist das nicht gut vereinbar.

    • pusztaranger permalink
      17. November 2010 11:34

      „Gab es innerhalb des Gerichts abweichende Meinungen? Werden solche „dissenting opinions“ in Ungarn veröffentlicht oder müssen sie geheim bleiben?“

      Geben Sie mir ein paar Tage, dann schau ich’s Ihnen nach. Ansonsten würde ich Sie auf Blogger Mike verweisen, http://www.hungarianvoice.wordpress.com, der ist Jurist.

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