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Fidesz-Presse zur abgesagten Lendvai-Veranstaltung in Frankfurt

25. November 2010

Die Tageszeitung Magyar Nemzet Online ist das Sprachrohr der Orbán-Regierung.
Schaut’s Euch an, ich dachte mich trifft der Schlag. Keine Rede von Gefahr und Morddrohungen, sondern (legitime) Briefproteste aus weiten Kreisen gegen den „verlogenen“, „enttarnten“ Lendvai haben die Heinrich Böll-Stiftung abgeschreckt.
Keine perfekte Übersetzung, aber der tendenziöse Tonfall kommt rüber. Updates folgen, wenn’s noch mehr gibt.

Magyar Nemzet von heute:

Lendvais Buchvorstellung ausgefallen
Konnten die Veranstalter die persönliche Sicherheit des enttarnten (lelepleződött, gemeint ist, als Spitzel enttarnten) Journalisten nicht garantieren?
25. November 2010
(Anm.: Das regierungsnahe Hír TV bringt diesen Text mit dem Titel „Lendvai war gezwungen, einen Rückzieher zu machen (meghátrálni)“

Paul Lendvais Reklameveranstaltung (sic) für sein Buch in Frankfurtban am Main ist ausgefallen. Die veranstaltende Heinrich Böll Stiftung schreckten die breiten Proteste ab (visszarettent attól a széles körű tiltakozástól, wörtlich Protesten aus weiten Kreisen), die gegen den Autor des Buches „Mein verspieltes Land: Ungarn im Umbruch“ geäußert worden waren.

Der Publizist, der die deutschsprachige Presse regelmäßig mit verzerrenden, mit polemischen Halbwahrheiten gespickten (féligazságokkal tűzdelt) und in abwertenden/diffamierenden (lejárató) Tonfall verfaßten Artikeln über die politischen Entwicklungen in Ungarn beliefert, war angesichts der kritischen Briefe zu seinem Auftritt (wörtlich: der seinen Auftritt kritisierenden Briefe) gezwungen, einen Rückzieher zu machen.

Die Wogen des Protests schwappten noch höher, nachdem Dokumente ans Tageslicht gekommen waren, die seine Beziehungen zur damaligen Diktatur enttarnen. Aus den ihnen ist ersichtlich, daß Lendvai der Kádár-Diktatur als freiwilliger Informant behilflich war. Weitere Details in der Printausgabe vom Donnerstag.

Die ebenfalls regierungsnahe  Tageszeitung Magyar Hirlap bringt heute einen Kommentar dazu, der noch davon ausgeht, daß die Veranstaltung stattgefunden hat. Das Ganze war offenbar auf Frankfurt vorbereitet und getimt.
http://www.magyarhirlap.hu/velemeny/lendvaisag.html
(Fehlt mir eben die Zeit, das genauer anzuschauen – wird evtl nachgeliefert.)

Update am selben Tag:

Der Kommentar im Magyar Hirlap ist die übliche Hetze, wie man das von denen kennt; hier nur die letzten paar Sätze:

Die Grundlagen des Phänomens Lendvai (wörtlich: des Lendvaitums, Wortschöpfung des Autors) wurden noch 1945 gelegt, und es gelang, sie so auszuweiten, daß sie heute schon die ganze Welt umspannen, und solchen unmagyarischen Ungarn (magyartalan magyarok) Möglichkeiten bieten, die im Kampf gegen ihre ehemalige Heimat zu allem bereit sind. (akik mindenre hajlandók egykori hazájuk ellen) Nun, dieser Gesellschaft hat sich auch unser Paul verpflichtet.

Wer’s nicht weiß, das sind klare antisemitische Codes, die „jüdische Weltverschwörung“.

Update 26.11.2010:

Ich seh’s mit Erstaunen:

Laut Informationen von deutschen antifaschistischen Portalen steht vermutlich die von Zsolt Zétényi geleitete Nemzeti Jogvédő Alapítvány hinter der  Lenvaifeindlichen (sic) Aktion in Zürich und den Briefen, in denen in Deutschland lebende Ungarn bei der österreichischen Botschaft gegen Lendvais  Auftritt protestiert haben.

So Heti Válasz, das regierungsnahe Magazin,  das Lendvai als Informant des Kádár-Regimes „entlarvt“ hat (Pester Lloyd).

So ein Quatsch.

Von Protestbriefen  an die österreichische Botschaft war bislang keine Rede, und der Artikel von Vásárnapi ÚjsÁg und die Presseerklärung der NJA bleiben unerwähnt – man müßte nur mal bei MTI schauen.

Davon abgesehen erwähnen sie, daß die Protestaktion in Zürich vom dortigen Vorsitzenden des Weltverbandes der Ungarn (Magyarok Világszövetsége) Csaba Kenessey organisiert wurde. (Ein Teilnehmerbericht und ein paar verwackelte Fotos finden sich hier:  internetfigyelo.wordpress.com/2010/11/11/tuntetes-a-magyarsagot-gyalazo-lendvai-pal-paul-lenday-konyvbemutatojan/)

 

 

 

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8 Kommentare leave one →
  1. Mike permalink
    25. November 2010 17:18

    Dass die Veranstaltung ausfallen musste, ist sehr bedauerlich. Es gibt eben Leute, die wollen stören und nicht diskutieren. Dass man das Leben eines Menschen bedroht, der anderer Meinung ist, ist inakzeptabel und eine Straftat.

    Erst vor einigen Wochen habe ich in München Lendvai zugehört, da ging alles sehr zivilisiert zu. Er bekam kritische Fragen und gab vernünftige Antworten.

    Was Ihre Erläuterung zu „kodierten“ Hinweisen auf eine „jüdischen Weltverschwörung“ am Ende angeht: Wussten Sie, dass György Vámos, der Verfasser des Textes in Magyar Hírlap, selbst Jude ist?

    Mich würde interessieren, ob Sie die Sendungen von Bolgár und Kálmán gehört/gesehen haben und was Sie von dieser Art „kritischem“ Journalismus halten. Was Vámos über deren Rolle als Stichwortgeber, sagt, stimmt irgendwie. Keine einzige kritische Frage an Lendvai! Keine konkreten Fakten zu den (richtigen oder auch falschen) Vorwürfen. Alles, was die beiden interessiert hat, ist, dass es sich um Rache für das Buch handele. So wurde noch kein Fidesz-Politiker auf ATV / Klubrádió behandelt, wie wir beide wissen. Agitprop und Sichwortgeber gibt es also nicht nicht nur auf einer Seite der politichen Skala: Echo TV und Hír TV für Fidesz, ATV für Maszop und Szadesz 🙂

    Aber nochmals: Dass man Lendvai bedroht, ist ein Skandal.

    • pusztaranger permalink
      25. November 2010 21:18

      Danke, Mike. Auf Sie ist einfach Verlass.
      „Aber nochmals: Dass man Lendvai bedroht, ist ein Skandal.“
      Könnten Sie mir jetzt auch der Vollständigheit halber noch den Artikel der Magyar Nemzet kommentieren, und inwiefern sowas mit ausgewogenem, „objektiven“ Qualitätsjournalismus zu tun hat? (Objektivität scheint Ihnen ja so wichtig zu sein. http://hungarianvoice.wordpress.com/about/ )

      „Was Ihre Erläuterung zu „kodierten“ Hinweisen auf eine „jüdischen Weltverschwörung“ am Ende angeht: Wussten Sie, dass György Vámos, der Verfasser des Textes in Magyar Hírlap, selbst Jude ist?“
      Wußte ich nicht, und macht für mich auch keinen Unterschied, wenn einer die Linie von Magyar Hirlap fährt. Auch hier wüßte ich jetzt gern, inwiefern das für Sie mit ausgewogenem, objektiven Qualitätsjournalismus zu tun hat. Und was denken Sie denn, was mit diesem Zitat gemeint ist?

      Für Bolgar/Kalman hatte ich seither noch keine Zeit, vielleicht schaff ich’s aber am Wochenende.

      • Mike permalink
        25. November 2010 23:05

        Magyar Hírlap hat so viel mit Qualitätsjournalismus zu tun wie Népszava. Und den Aufwand, Hírlap und Nemzet negativ zu kommentieren, kann ich mir ja eigentlich sparen, oder? Das übernehmen Sie ja…im Zusammenhang mit Lendvai lege ich den Schwerpunkt auf die Dokumente, um die es geht, damit sich jeder eine Meinung darüber bilden kann. Und die sucht man hier vergeblich. Aber wir sollten es so sehen: Moderne Wirtschaft lebt ja von Arbeitsteilung 🙂

        Was ich hoffe, ist, dass dies der Anfang einer wirklich offenen Diskussion über die Vergangenheit ist, an deren Ende die Veröffentlichung der ungarischen Stasi-Akten stehen muss. Und welcher Partei die Betroffenen heute angehören, ist mir wirklich egal.

        Zu Vámos: „Meinungen“ sind nie objektiv, und wenn Sie sich den o.g. Link der Hírlap ansehen, steht dort ausdrücklich „vélemény“, es ist also die „Meinung“ von Vámos. Die kann man teilen oder nicht. Die Antifa hat Vámos gefressen, weil ein „rechter“ Jude nicht so recht in ihr Weltbild passen mag. Die Qualifizierung eines Juden als Antisemiten fand ich trotzdem befremdlich.

        Übrigens hat der Schriftsteller György Konrád der Heti Válasz gegenüber u.a. verlautbart, dass, wenn die Vorwürfe gegenüber Lendvai zuträfen, er also das oppositionelle Forum wirklich „gemeldet“ hat, dies „sehr schade“ wäre. Er sieht den Zeitpunkt der Veröffentlichung der Heti Válasz allerdings auch im Zusammenhang mit dem Buch Lendvais. Ob man aber damit alles erklären kann?

        http://hetivalasz.hu/itthon/paul-lendvai-bagatellizalja-a-kadar-rendszerrel-fenntartott-viszonyat-33575
        („Miként emlékszik a rendezvény szervezésének körülményeire a dokumentumban kiemelt Konrád György? „Ha ez így volt, az nagyon szomorú“ – reagál az író lapunknak arra a tényre, hogy az ellenzéki csúcs programját Paul Lendvai révén ismerhették meg a budapesti hivatalosságok.“)

        Schon mal schönes Wochenende!

  2. Mike permalink
    25. November 2010 17:19

    Sorry für die Tippfehler.

  3. Melanie Pachofer permalink
    26. November 2010 12:20

    In Vamos‘ zitierten Zeilen ist ein Antisemitismus wie er im Großen Buch geschrieben steht zu lesen.
    Das ist der so genannte „antikommunistischer Antisemitismus“, der in Ungarn sehr verbreitet ist. Das Wesentliche in diesem Antisemitismus ist: alle Kommunisten seien Juden.
    Die These geht zurück auf den so genannten Myth of jewish Communism.
    Man kann’s wenden und drehen, wie man will und noch einmal und immer wieder diejenigen aufzählen, die sich selbst als Juden definieren und dennoch „Rechte“ seien.
    Das sind keine Argumente in Europa. Das sind sogar selbst antisemitische Argumente. Denn die Frage, wer Jude ist und nicht, ist nur für Antisemiten interessant. Für alle anderen ist es sowas von egal!!!!!!!!!!!

    Ciao :), Meli

    • pusztaranger permalink
      26. November 2010 12:44

      Danke! Und ebenfalls interessant dazu die Sache mit dem jungen LMPler: https://pusztaranger.wordpress.com/2010/10/02/974/

  4. Mike permalink
    26. November 2010 22:07

    Ein Geschichte zum Nachdenken.

    Ein Mann namens György Vámos, dessen Meinung im politischen Spektrum rechts angesiedelt ist, hat einen Text in der rechten Magyar Hirlap geschrieben. Pusztaranger gefällt nicht, was Vámos schreibt, und er meint, in bestimmten Aussagen „kodierten Antisemitismus“ zu entdecken. Weil die Aussagen gegen Paul Lendvai gerichtet sind, der nach Ansicht Vámos „gegen Ungarn schreibt“. Und wer Lendvai kritisiert, tut dies sicher, weil der Jude ist, und nicht aus anderen Gründen. Natürlich spricht Vámos selbst das Wort „Jude“ im Zusammenhang mit Lendvai nicht an, aber Pusztaranger weiß Bescheid und erkennt die „Codes“. Und Pusztaranger weiß auch, dass in Magyar Hírlap antisemitische Texte stehen, also passt das Bild. Darauf erlaubt sich der vermeintlich Fidesz-nahe „Star-Kommentator Mike“ die Frage, ob Pusztaranger bei seinen gravierenden Vorwürfen gegen Vámos bedacht habe, dass der soeben von ihm Gescholtene selbst Jude ist, d.h. zu denen gehört, die OPFER von Judenfeindlichkeit sind. Pusztaranger gesteht ein, dass er dies nicht wusste. Natürlich führt diese neue Erkenntnis aber nicht dazu, den zuvor erhobenen Vorwurf zu überdenken. Denn wer in Hírlap schreibt, muss in eine bestimmte politische Ecke gehören.

    Dann kommt Melanie ins Spiel und behauptet, der Hinweis des „Star-Kommentators“ auf die Herkunft bzw. Religionszugehörigkeit des Herrn Vámos, der von einem Antifaschisten soeben als Antisemit bezeichnet wurde, sei ebenfalls Antisemitismus…denn es sei bereits Antisemitismus und „uneuropäisch“, auf die Religion Vámos´ hinzuweisen. Und wäre der „Star-Kommentator“ kein Antisemit, wäre ihm auch die Herkunft Vámos´ egal.

    Nach dieser Definition „aus dem großen Buch“ darf man also nicht davon sprechen, dass jemand Jude ist. Selbst wenn man dadurch die gegen ihn gerichteten Vorwürfe der Judenfeindlichkeit in Frage stellen könnte.

    Glauben Sie wirklich, Sie sind dazu berufen, definieren zu können, was Antisemiten sind und was man nicht sagen darf, um dem Vorwurf zu entgehen? Darf da auch mal ein Jude als Antisemit bezeichnet werden, nur weil es so in einem „großen Buch“ geschrieben steht? Ja. Aber nicht, ohne dass man sich der Lächerlichkeit preisgibt.

    • pusztaranger permalink
      27. November 2010 12:43

      „Pusztaranger gesteht ein, dass er dies nicht wusste. Natürlich führt diese neue Erkenntnis aber nicht dazu, den zuvor erhobenen Vorwurf zu überdenken. Denn wer in Hírlap schreibt, muss in eine bestimmte politische Ecke gehören.“

      Jawohl, Mike, wer im Magyar Hírlap schreibt, gehört in eine bestimmte politische Ecke, die Leserschaft ebenfalls. Oder andersrum gesagt, Magyar Hírlap veröffentlicht, was ihnen ins Konzept passt, und wenn der Autor sich selbst nicht in dieser politischen Ecke sieht, dann muß doch sein Artikel zum Profil des Mediums passen.
      Und wer sich diesen *rechten Scheiss* regelmäßig zu Gemüte führt wie ich, versteht, wie solche Sätze wie die von mir zitierten gemeint sind. Wenn’s Ihnen Freude macht, sammle ich Ihnen ähnliche Kostproben, der Fundus ist ja unerschöpflich.

      Mal sehen ob Melanie sich auch nochmal meldet, wenn nicht, suche ich -wenn ich Zeit habe – ein paar Links zum „antikommunistischen Antisemitismus“ zusammen, um zu verdeutlichen, was da gemeint ist.
      Davon abgesehen habe ich Melanies Kommentar nicht so verstanden, daß Sie persönlich als Antisemit verunglimpft werden sollen, Mike, da geht es vielmehr um bestimmte Argumentationsmuster.

      Na soviel erstmal dazu.

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