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Rechte Säuberungen in der Akademie der Wissenschaften? plus rechtsextremer Kommentar

28. November 2010

Rechte Säuberungen in der Akademie der Wissenschaften?

Eine ganze Reihe von Entlassungen hat der Leiter der philosophischen Abteilung der ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) vor – wegen Inkompetenz, laut ungarischem Gesetz ein Kündigungsgrund. Unter den inkompetenten Philosophen sind keineswegs zufällig alle Mitarbeiter des Lukács-Archivs. Der gesellschaftliche Hintergrund ist eindeutig: Der rechte Wahlsieg öffnet, wie in anderen EU Ländern auch, die Bahn für eine Offensive gegen Alle, die irgendwie kritisch sind. (LabourNet Germany, 26.11.2010)

Der ungarische Philosoph Gáspár Miklós Tamás („TGM“) und andere ungarische Intellektuelle protestieren derzeit mit einer Petition gegen ihre Entlassung aus der ungarischen Akademie der Wissenschaften (deutsche Übersetzung von LabourNet siehe unten.) Sein Aufruf an internationale UnterstützerInnen kursiert derzeit im Internet (gefunden z.B. hier, hier und hier, und wurde auch von einem Kommentator hier gepostet):

Dear friends, please sign the petition above, you & your numerous friends. I and three others had been fired from the Institute of Philosophy of the Hungarian Academy of Sciences, 13 more will follow incl. ALL poeple from the Lukács Archives. It is the doing of the right-wing attack on liberties, livelihood, intelligentsia etc. This protest is aimed at the Academy, it is simple & straightforward. it is in Hungarian, but there is no time for it to be translated now. PLEASE, PLEASE, sign it & make people to sign it quick, of course it would be useful if some big names would appear. Sorry for the hurried message, but I am under attack – press, tv, and so on, there’s a huge scandal here.
Thank you very much in advance,
G M Tamás

Bisher sind es 2006 Unterschriften von Wissenschaftlern, Journalisten und Leuten aus dem Kulturbereich. Einige prominente UnterzeichnerInnen sind die Philosophin Agnes Heller und der Schriftsteller György Konrád.
Einige der Journalisten, die man auch hierzulande kennt, sind Iván Andrassew und Rudolf Ungváry. (Paul Lendvai soll auch unterschrieben haben, aber ich hatte nicht die Zeit, alle Unterschriften durchzusehen – falls ihn wer dort entdeckt, bitte melden und Signaturnummer durchgeben).

Rechtsextreme, Jobbik-nahe Blogs kommentieren diese Unterschriftenaktion die Tage so:

„TGM und die großen Namen, oder das Kakerlakenheer bewaffnet sich“

Dort werden die ungarischen Unterzeichner der Petition als „Verderber der Nation“ (nemzetrontók) gesehen,

eine wirklich illustre Gesellschaft. Die Petition vereint den größten Dreck und die größten Vaterlandsverräter, die allesamt nicht wenig Verantwortung am Amoklauf der vergangenen Jahrzehnte tragen.“ (…) Vergessen wir nicht: Die leben von unserem Geld (ezeket mi tartjuk el) Die Zerstörung der Nation, die diese Leute veranstalten, wird aus unseren Steuerforints finanziert.

Mit diesem „Argument“ wird auch immer gegen die Roma polemisiert, das ist der Diskurs vom „Parasiten am Volkskörper“.

Die lehren unsere Kinder, und die bespucken uns überall, wo sie zu Wort kommen.

Welche Werte haben solche wie TGM (TGM-félék) für die ungarische Nation geschaffen? Was für Aktivitäten oder Ergebnisse haben die denn vorzuweisen, die auch für die breite Masse von Bedeutung wäre? Sprechen wir es aus: Gar keine. TGM und Konsorten vermitteln die Interessen und Werte einer eng begrenzten Budapester Schicht (Anm.: Code für „Juden“) als eine allem übergeordnete Wahrheit, was nichts, aber auch gar nichts mit dem Magyarentum zu tun hat.

(…) TGM und die übrigen Schädlinge (sic) verfolgen ihre Mission auch weiterhin, was selbstverständlich auch weiterhin aus unseren Steuermitteln finanziert wird.

Quellen:

ajobbik – punkt – network – punkt- hu/blog/a-jobbik-hirei/tgm-es-a-nagy-nevek-avagy-csotanyok
-hada-fegyverkezik, von radicalpuzzle – punkt – blogspot.hu;
der Artikel wurde von der Jobbik-Seite szebbjovo – punkt – hu/node/5711 mit anderer Überschrift übernommen.

*

Die deutsche Übersetzung der Petition (LabourNet Germany):

An: MTA
János Boros, der zu Jahresbeginn ernannte Leiter des Philosophischen Forschungsinstituts des MTA hat zum wiederholten Male die fachlichen Unzulänglichkeiten des Großteils (bedeutenderen Teils) seines Instituts dargestellt: zuletzt berichtete er vor der Öffentlichkeit der Radiohörerschaft, dass sie (die Mitarbeiter) mit dem Einmaleins ihrer Arbeit nicht vertraut wären.

Wir bitten die Freunde der Philosophie, Kollegen und Außenstehende, innerhalb und außerhalb der Grenze, deren Herzensangelegenheit die Vielfältigkeit der ungarischen philosophischen Kultur ist, die Bewahrung ihrer Freiheit und ihres Anspruchs, mit ihrer Unterschrift gegen János Boros´ beispiellosen Amoklauf innerhalb der Akademie (der Wissenschaften – MTA) der letzten Jahrzehnte zu protestieren, sowie gegen die Vielzahl an Arbeitsrechtsverfahren und gegen seine Selbstgefälligkeit im Amt. János Boros (1) hat das Recht des Arbeitnehmers mit Füßen zu treten auf die Tagesordnung gesetzt, so auch Bedrohungen, willentliche Missinformationen, das Ausnutzen seiner Position, sowie die mittlerweile durch den Ombudsmann als rechtssowie verfassungswidrig befundene Geheimhaltungspraxis. (2) im Sommer diesen Jahres hat er, in selbstgefälliger Art und Weise, 2/3 der Forscher der Akademie als „ungeeignet“ eingestuft (darunter Kandidaten, Professoren, Universitätsdozenten, innerhalb dieser – politische Motive können angenommen werden – sämtliche Forscher des Lukács Archives). Dies geschah mittels eines derart als geheim eingestuften Verfahrens, dessen rechtliche Bedenklichkeit und begrenzte Geltung der Institutsleiter später selbst eingestand, welches vom Vorgesetzten des Institutsleiters, dem Präsidenten der Akademie József Pálinkás, bekräftigt wurde. (3) Im Gegensatz dazu wird dieser Tage – trotz der Ermahnung durch den Philosophieausschuss der MTA und durch das Ignorieren der eindeutigen Stellungnahme des Präsidenten der Akademie Herrn Pálinkás – durch das Entfernen resp. eine Entlassung in Aussicht Stellen fünf weiterer Forscher (Sándor Ferencz, Pál Horváth, János Laki, Miklós Mesterházi, Gáspár Miklós Tamás) das Auflösen des Philosophischen Forschungsinstituts der MTA weiter voran getrieben.
Mit unserer Unterschrift beteiligen wir uns am bereits begonnenen heimischen und internationalen Protest und bitten die Leitung der Akademie, diesem regel- und rechtswidrigen Amoklauf innerhalb des Philosophischen Forschungsinstituts der MTA die jedweder fachlicher Grundlage entbehrt, nicht tatenlos zuzusehen.

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5 Kommentare leave one →
  1. Corvinus Interruptus permalink
    30. November 2010 21:54

    Liebe Leser!

    Herr TGM ist eine Person die sich ausgezeichnet propagieren, „verkaufen“ kann. Ohne einzigen akademischen Grad. Seine wissentschaftliche Tätigkeit ist auf der offiziellen Seite des philosophischen Forschungsinstituts der MTA (Ung. Akademie f. Wissenschaften) zu lesen wie folgt:
    http://www.phil-inst.hu/~tgm/

    No comment!

    • pusztaranger permalink
      3. Dezember 2010 11:28

      TGM ist im Ausland bekannt und hat seine Kontakte aktiviert, wie das jeder machen würde. Und egal wie man über ihn denkt, hier geht es nicht um ihn allein, sondern darum, was unter der neuen Leitung mit dem Institut passiert. Dafür haben all die Leute unterschrieben.

  2. 5. Dezember 2010 17:48

    Ich wurde gerade darauf aufmerksam gemacht, dass die Petition offensichtlich geschlossen wurde:
    „This petition has been closed to new signatures at the author’s request.“
    Kennt jemand die Hintergründe dafür?

    • pusztaranger permalink
      6. Dezember 2010 14:56

      Danke für den Hinweis. Ich glaube, die Petition sollte nur bis Ende November laufen, weil da ein kündigungsrelevantes Datum war, aber ich höre mich nochmal um.

Trackbacks

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