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Der ungarische Staatspräsident und die Körper der Mädchen

8. März 2011

Pusztaranger gratuliert seinen Leserinnen zum 100. internationalen Frauentag. Zu diesem schönen Anlaß sei noch einmal auf folgendes  „Bonmot“ des ungarischen Staatspräsidenten Pál Schmitt verwiesen. Der sagte die Tage vor StudentInnen der Universität Veszprém (als alter Sportler und von Wegen mens sana etc.):

„Die Körper der Mädchen sind am Wichtigsten… nicht, daß Sie mich falsch verstehen! Als biologisches Kapital, meine ich.“
(A lányok teste a legfontosabb… Félre ne értsenek! Mint biológiai vagyont gondolom.” Wörtlich biologischer Besitz“.)

Auf dem (sehr empfehlenswerten) Blog commmunity.hu ein Kommentar dazu (Übersetzung Pusztaranger):

Wenigstens ist er ehrlich. Wenn wir bisher unsere Zweifel hatten, wie der derzeitige „christlich-nationale“ Kurs die Frauen betrachtet, wissen wir jetzt Bescheid: Wir sind allesamt Inkubatoren. (…) Lassen wir uns das mal auf der Zunge zergehen: Biologischer Besitz. In Anbetracht dessen, daß sich das halbe Land über die Spracherneuerungen des Herrn Staatspräsidenten schlapp gelacht hat, ist durchaus vorstellbar, daß dieser Ausdruck von ihm selbst stammt. Im besseren Fall. Die schlimmere Möglichkeit ist, daß in Regierungskreisen wirklich so über die Frauen geredet (und geschrieben) wird, daß diese Wendung auch in geheimen Studien und geheimen Budgets Verwendung findet und der Präsident sich nur aus Versehen verquatscht hat. (…)
Erinnern wir uns (Anm.: An die Forderungen des völkisch-christlichen „Interessenverbandes Ungarischer Frauen“ gegenüber der Medienbehörde). Ihnen zufolge „wäre es unbedingt notwendig, der Würde der Frauen gegenüber größeren Respekt zu bezeigen und die Werte von Ehe, Familie und Mutterschaft zu stärken.“
Das würden sie zwar gerne den Medien vorschreiben (Anm.: Siehe mein Post) (…), aber vielleicht könnten sie ihre Argumente auch dem Herrn Staatspräsidenten schicken, damit er daraus vielleicht ein Minimum an Respekt lernt.

Aber hoho, Moment mal! Diese beiden Gedanken sind vom selben Stamm. Die Frau wird hier nur und ausschließlich als biologisches Wesen definiert, dem Respekt (Menschenrechte) nicht an sich zusteht, sondern nur, wenn sie fortpflanzungsfähig ist und auch nur dann, wenn sie diese Funktion auch erfüllt. (…) Darum kann ein Pál Schmitt an einer Universität (!) über biologischen und nicht zum Beispiel geistigen Besitz reden. (…)

An der Veszpremer Uni war nicht etwa das Schlimmste, daß Staatspräsident Pál Schmitt (…) sich mal wieder als Kabarettist gebärdet hat. Sondern daß die Studentinnen mit ihm gekichert haben. Sie haben den Alten nicht etwa ausgelacht, sondern mit ihm gelacht, besonders die Mädchen. Niemand erstarrte oder protestierte, niemand verließ demonstrativ den Hörsaal. Nein, sie kicherten, all diese kleinen Schätzchen der Nation. (…) Hallo Mädels, aufgewacht! Der Staatspräsident hat euch in die stolzgeröteten Bäckchen gekniffen. Tatsächlich hat er euch virtuell in den Arsch gekniffen. (…) Daran soll man sich gewöhnen? Wenn es keine Arbeit gibt, geht ihr einfach gehorsam heim und kriegt ein paar Kinder? Und wenn’s auf dem Arbeitsmarkt nicht mit Hirn klappt, dann kommt man auch mit Titten weiter? Da solltet ihr besser gut riechen.

Letzteres bezieht sich darauf, daß Pál Schmitt im selben Zusammenhang sagte, er stellt seine MitarbeiterInnen nach dem Geruch ein.

Doch wirklich. Und bei Fn.hu heißt es weiter:

Schmitt bildet sich täglich weiter. Zu unserem Glück ist auch ein Zeuge anwesend, sein junger, aber umso eleganterer Kabinettschef. „Sind Sie da, Norbi?“ – „Ich bin hier, Herr Präsident.“ – „Welches Instrument lerne ich nochmal?“ – „Tárogató.“ – „Und das andere?“ – „Tangoharmonika.“

György Konrád im Januar über Pál Schmitt:

(…) Staatspräsidenten Pál Schmitt, der das Mediengesetz unterzeichnet hat. Ständig ist er Gegenstand von Spott und Satire. Pál Schmitt war ein guter Sportler, er spricht mehrere Sprachen und ist ein netter Herr mit guten Manieren. Er redet gerne davon, dass man die ungarische Sprache verteidigen sollte, aber seine Texte sind voller Rechtschreibfehler, deswegen lächelt man höflich darüber.

Aber Pál Schmitt hat keine eigene Substanz, er ist ein Parteisoldat von Fidesz – und Fidesz ist eine Organisation, bei der alle gehorsam sein müssen, sonst verlieren sie von einen auf den anderen Tag ihre Position. Fidesz ist eine One-Man-Show, Herr Orbán dirigiert sie und die anderen sind gezwungen, zu denken, dass es sich bei seinen Ideen, die meistens Schnapsideen sind, um geschichtsphilosophische oder wirtschaftsphilosophische Wahrheiten handelt.

*

Mehr zu Pál Schmitt auf diesem Blog: Neue Verfassung: Ungarische Regierung von Gott ermächtigt (Nov. 2010)

Pester Lloyd: Orthographie und Gottesstaat, oder Die Offenbarungen des Apostels Pál – Die Verfassungsdebatte in Ungarn wird immer absurder. (19.11.2010)

2 Kommentare leave one →
  1. galut permalink
    9. März 2011 07:22

    Danke. Das Traurige der ganzen Angelegenheit wird durch folgenden Abschnitt verdeutlicht:

    „An der Veszpremer Uni war nicht etwa das Schlimmste, daß Staatspräsident Pál Schmitt (…) sich mal wieder als Kabarettist gebärdet hat. Sondern daß die Studentinnen mit ihm gekichert haben. Sie haben den Alten nicht etwa ausgelacht, sondern mit ihm gelacht, besonders die Mädchen. Niemand erstarrte oder protestierte, niemand verließ demonstrativ den Hörsaal. “

    Wundern wir uns über diese Staatsführung, wenn das Staatsvolk so ist wie es ist? Das Volk bekommt ja nur das zurück, was es selbst gegeben und gewählt hat. Hinter dem Schmittschen Ausdruck (den, pusztaranger, als „bonmot“ zu bezeichnen, eine Verharmlosung ist) steht ja noch die Vorstellung von der Nation als einem biologischen Körper, dessen Teil die Frauen sind und welcher Körper in seiner Gesamtheit mehr zählt als die einzelnen Glieder (sprich: Individuen, also Menschen). Dies ist natürlich eine völkisch-nationalistische Denkweise, die vor allem in den 30-er und 40-er Jahren weit verbreitet war. Doch erlebt diese Ära seit den 1990ern eine Renaissance und diese Renaissance zeigt die Unreife der ungarischen Gesellschaft, der anscheinend Kollektivitäten wichtiger sind als Einzelne und Einzelrechte. Das sozialistische Kollektiv von vor 1989 wurde nur gegen das nationalistische ausgetauscht. Dass diese Gedanken selbst in jugendlich-akademischen Kreisen so weit verbreitet ist und selbst Frauen nichts dagegen haben, als Gebärmaschinen bezeichnet zu werden, lässt Schlimmes für die Zukunft erahnen.

    • pusztaranger permalink
      9. März 2011 11:10

      Meine Rede, vielen Dank!

      Bonmot ist natürlich ironisch gemeint, ich dachte, wer meinen Blog kennt versteht das, aber dann mache ich wohl doch Anführungszeichen rein.
      Von Wegen Staatsvolk – statt selbst einen Kommentar zu schreiben, wollte ich mit meiner Übersetzung auf den Blog commmunity.hu aufmerksam machen – daß es solche Stimmen eben auch gibt. Momentan fehlt mir die Zeit, mehr dazu zu machen, aber wer Ungarisch kann, schaue da mal rein, dahinter steht die Initiative „Respekt für alle“ (Meltosag Mindenkinek Mozgalom), die 2009 die Unterschriftenaktion „Nicht in meinem Namen“ gemacht hat, http://www.nemazennevemben.eu/?lang=de , siehe auch mein Post: https://pusztaranger.wordpress.com/2009/08/06/jobbik-gegen-respekt-fur-alle/

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