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Die ungarische Seele und die „echten Ungarn“

7. Mai 2011

Von Karl Pfeifer

Auf einer deutschsprachigen Website*, die sich zum Ziel gesetzt hat, gegen ungerechte Angriffe gegen Ungarn – d.h. gegen Kritik an der völkischen Politik der gegenwärtigen ungarischen Regierung – zu argumentieren, kann man alle möglichen Argumente finden, mit denen Rassismus gegen Roma gerechtfertigt wird. Es wird auf „Zigeunerterror“, „Zigeuner- und Judenfrage“ hingewiesen und wir erfahren auch etwas über „echte Ungarn“. Da wirft der Poster hungaricus einem Kritiker vor, die „ungarische Seele“ nicht zu kennen: „ Sie können sich so oft in Ungarn aufhalten wie sie wollen, aber die ungarische Seele werden sie nie richtig verstehen. Sie und noch einige andere begreifen es nicht, dass unsere Zukunft in unserer Vergangenheit liegt.“

Er/sie hat es auf den Punkt gebracht. Was wir heute in diesem Land beobachten können, ist der Versuch, durch frenetischen Antisemitismus und Verzerrung der Geschichte den Anschluss an die als „ruhmreiche Vergangenheit“ phantasierte Herrschaft des Miklós Horthy, des Admirals ohne Flotte, der ein Königreich ohne König mit sicherer Hand in den Abgrund führte, zu finden.

Ungarn ist ein Land, in dem rassistische Milizen die bestehenden Gesetze durch Einschüchterung und Schikanierung von Roma verletzen dürfen, und wenn schon nachdem ausländische Medien über diese Skandale ausgiebig berichteten, die ungarische Polizei nach mehrwöchigem Zuschauen einige der Täter festnimmt, werden diese von ungarischen Gerichten sofort freigelassen. Obwohl die von der national-sozialistischen Jobbik Partei geschaffene Ungarische Garde vom Gericht 2009 rechtskräftig verboten wurde, marschiert sie weiter. Sie nennt sich jetzt „Für eine bessere Zukunft“, das war der Gruß der paramilitärischen Jugendorganisation Levente vor der Befreiung Ungarns durch die Rote Armee.

Fidesz errang mit unglaublicher antikapitalistischer Rhetorik bei den Wahlen 2010 einen Sieg und benützt nun ihre Mehrheit im Parlament, um die Rechte der Lohnempfänger einzuschränken. Am 6. Mai 2011 demonstrierten dagegen in Budapest die Gewerkschaften der Ordnungshüter und die rassistische Miliz „Für eine bessere Zukunft“. Dabei wurde auch eine Fahne mit einem Davidstern verbrannt.

Diese dummdreisten Schreihälse, diese brutalen Judenhasser, die in Ungarn geduldet werden, lenken mit ihrer Tätigkeit von der arbeitnehmerfeindlichen Politik der Regierung ab. Diejenigen, die nichts dagegen unternehmen, beziehungsweise dies tolerieren, glauben die schönere Zukunft ihres Landes am besten durch die Rückkehr in eine schreckliche Vergangenheit zu erreichen.

*

Anmerkung Pusztaranger:

Die Organisatoren der Demonstration der Gewerkschaften der Ordnungskräfte (Polizei, Feuerwehr, Gefängnispersonal etc.) am 6.5. haben die Teilnahme der Jobbik-Bürgerwehr „Schönere Zukunft“ begrüßt, man könne auch  „trotz unterschiedlicher politischer Einstellungen Zusammenhalt und Solidarität bezeigen“.

Ursprünglich wollte an der Demonstration auch mindestens eine Romaorganisation teilnehmen; nachdem die Beteiligung der  Jobbik-Bürgerwehr bekannt wurde, zog sie ihre Teilnahme aus Sicherheitsgründen zurück.

Die größte ungarische Polizeigewerkschaft, die rechtsextreme TMRSZ war auf der Demonstration massiv vertreten. Aber die haben nicht das Monopol auf rechtsextreme Gesinnung; in den Medienberichten lassen sich in der Menge generell viele rechtsextreme Symbole ausmachen (Arpadenstreifen am Helm etc) . Der Mann, der die israelische Flagge anzündet, ist laut der Aufschrift auf seiner Jacke ein Feuerwehrmann.

Auf einigen Transparenten wird die Regierung symbolisch exekutiert, so werden Orbán und Innenminister Pintér als Maden dargestellt und ihnen DDT in Aussicht gestellt, und es wurde ein Galgen mit einer Tüte  Orangen (Fidesz) und roten Nelken (MSZP) herumgetragen.

Die Rechtsextremen  gebärden sich hier als Kämpfer für Arbeitnehmerrechte gegen die Regierung („Handlanger des internationalen Finanzkapitals/Israels/ der „Juden“).  Das soll durch die Verbrennung der israelischen Flagge ausgedrückt werden und wird auch so verstanden. Inzwischen hat die Polizei deswegen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

* Anm. Pusztaranger: Hier ist der Blog Hungarian Voice gemeint, auf dem sich zunehmend rechtsextreme Kommentatoren tummeln. Kostprobe (von hier):

terrier am 6. Mai 2011 um 13:13

Hallo Hungaricus !
Sie wissen,daß sich mit einem Vollprofi in Diskussion einlassen ?
Meiner Meinung nach ist der Herr P. ein Vollprofi Shoa-Opfer-Überlebender. Er scheint aus seinem Opferbild und aus seinem Antimagyarismus zu profilieren und profitieren.Sein Recht wird ständig mit der Anzahl der familiären Opfer begründet. Als Schutzschild für sein Antimagyarismus dient sein angebliches Einsetzen für christliche Organisationen als Persil-Schein.
Nun, es könnte sein (!),daß einige von uns den Verlust zahlreicher Familienmitglieder im Holocaust zu beklagen haben als unser Blogger-Kollege. Ich halte es widerlich mit den Zahlen zu operieren, da ein Einziger ist schon zu viel. Zum Persil-Schein: es gab viele Deutsche und Ungar die das Leben von Juden gerettet haben. Sind sehr viele dadurch selbst zum Opfer geworden o h n e für Deutschland oder Ungarn die Absolution erbringen zu können. Noch genauer: die Tatsache, dass ich mal einem Bettler ein Groschen gegeben habe, beweist noch lange
nicht, dass ich ein guter Mensch sein muss.
Ein Tabuthema : nach dem 2. Weltkrieg haben die neuen Machthaber bevorzugt Juden zur Polizei und Geheimdiensten gesucht und eingestellt. Man brauchte weder Fachausbildung noch sadist zu sein. Der Hass gegen Ungar war schon angenommen. Die neuen Machthaber haben dieses System in Ungarn sowie in angrenzenden Gebieten gleichermass verwendet.Viele , die Meisten ( zu Ehren sind ) haben dort nich lange durchgehalten. Es ist kein Zufall, daß Rákosi , Gerö, Farkas ,Bauer,Petö, usw. an die direkte Macht kamen und viele in die Propagandaabteilungen dirigiert worden sind.
Teilweise sind noch heute dort tätig.. !!!!

Was erwartet man von den Hunderttausenden die Russland, Hortobagy, Recsk kennengelernt haben , oder deren Nägel von Oberstleutnant Bauer abgerissen worden sind…?

soll ich weiter auflisten ?

zurück zum Thema: Sie haben Recht, es gibt ein Begriff „ungarische Seele“ und ist genauso zu respektieren wie der Begriff „jiddische Mamme“.
Möchte jemand diese „ungarische Seele“ verstehen wollen, der könnte ein Tierheim auf dem Balkan aufsuchen und dort mit den Hunden kommunizieren. Einfach den Augenkontakt suchen !

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