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Der ESC 2011: Ungarn im Finale – die ungarische Queer Community hat andere Sorgen

13. Mai 2011

Sándor Steigler, Vorsitzender der Stiftung „Szivárvány Misszió Alapítvány“, die den Budapester CSD veranstaltet, im Interview mit Pusztaranger.

Pusztaranger: In Deutschland hat der Eurovision Song Contest traditionell eine riesige queere Fangemeinde, ist das bei Euch auch so? Der ungarische Beitrag ist ins Finale gekommen, Kati Wolf hat Chancen, unter die ersten Zehn zu kommen, in den Videocharts ist sie auf Platz 1. Wie findet Ihr das in Budapest, seid Ihr im ESC-Fieber?

Sándor Steigler: Der Eurovision Song Contest geht ziemlich an uns vorbei, wir haben hier gerade andere Sorgen. In der neuen ungarischen Verfassung wird die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau festgeschrieben. Unser Staatssekretär für Integration Zoltán Balog hat diese Woche vor der UN-Menschenrechtskommission in Genf allen Ernstes behauptet, die eingetragene Lebenspartnerschaft gebe gleichgeschlechtlichen Paaren genau die gleichen Rechte wie die Ehe – was glatt gelogen ist. Die PartnerInnen können den Namen des/der Anderen nicht annehmen, sie können keine Kinder adoptieren, Frauenpaaren ist künstliche Befruchtung verboten, und eine PartnerIn kann das Kind des/der anderen nicht einmal dann adoptieren, wenn sie es seit Jahren gemeinsam erziehen.
Dann hat er vor dem UN-Menschenrechtsrat erklärt, daß im Vorfeld der Verfassung eine breite Konsultation mit NGOs stattgefunden hätte und alle Betroffenen miteinbezogen worden wären. Die ungarischen LGBT-Organisationen wurden dazu nicht eingeladen. Wie die Regierung mit der Zivilgesellschaft kooperiert, läßt sich im Übrigen gut daran sehen, daß den Institutsmitarbeitern letzten Oktober ausdrücklich verboten wurde, Anfragen von LGBT-Organisationen schriftlich zu beantworten. Und die Stimmung im Land ist nicht gut – laut aktueller Forschungen sind Schwule in Ungarn noch unbeliebter als Roma.

(Anm.: Siehe Queernews.at: Ungarn: Schwule weniger beliebt als Roma
Hungarian Spectrum: Widespread and deep-seated prejudice in Hungary)

Aber wir lassen uns nicht einschüchtern – 11.-19.6.2011 findet unter dem Motto FREE das 16. Budapest Pride Festival statt, wie immer mit Filmfestival, Partys, Kulturprogramm und dem Pride March am 18.6. mit dem Motto „Jetzt bist du dran“ –  zu dem sich übrigens auch dieses Mal wieder Parlamentsabgeordnete aus dem Ausland angesagt haben. Aus Deutschland kommt eine Gruppe des LSVD und wieder ein Bus aus Berlin. Das begrüßen wir sehr, internationale Solidarität ist sehr wichtig.

(Anm.: Auch dieses Jahr dürfte es wieder spannend werden. Mit rechtsextremen „Gegendemonstranten“ ist wieder zu rechnen, und die Fidesz-Regierung fuhr bislang die Strategie, Veranstaltungen, die rechtsextremen Protest „provozieren“, zu verhindern oder zu verbieten, siehe mein Post. So wurde der CSD im Februar polizeilich verboten, das Verbot aber vom Stadtgericht wieder aufgehoben, siehe Gay Österreich.)

Pusztaranger: Apropos Pride – 2009 fand der ESC in Moskau statt, der Slavic Pride wurde auf den Tag des ESC-Finales gelegt. Falls Kati Wolf gewinnt, habt Ihr 2012 etwas Ähnliches vor?

Sándor Steigler: Der Termin für den Budapest Pride 2012 steht schon fest. Im Juli 2012 finden die Eurogames in Budapest statt, der größte Sportwettbewerb für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender in Europa, zu denen mehrere tausend AthletInnen aus ganz Europa erwartet werden. Die Abschlußveranstaltung der Eurogames wird gleichzeitig die Eröffnungsveranstaltung des Budapest Pride sein. Von uns rechnet eigentlich niemand ernsthaft damit, daß Ungarn den ESC gewinnt – aber wenn doch, würden wir diese Möglichkeit natürlich für unsere Öffentlichkeitsarbeit nutzen. Der ESC findet immer im Mai statt, und am 17. Mai ist ja der Internationale Tag gegen Homophobie – unsere geplante Veranstaltung würden wir in diesem Fall definitiv größer aufziehen, und die BesucherInnen des ESC und die internationale Presse wären uns natürlich sehr willkommen.

*

Na dann: Hajrá Kati.

Update 14.5.: Kati Wolf zum Thema im Interview mit Vorwärts.de:

Du bist mit Deinem Song bei den ESC-Fans sehr beliebt, wenn die auch nicht die Televotings bestimmen. Solltest Du den Song Contest aber gewinnen und der ESC im nächsten Jahr in Budapest stattfinden, werden wie immer auch sehr viele schwule Fans kommen. Wie werden die empfangen?

Sie werden willkommen geheißen. Mein Land hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert  – wie ganz Europa. Wir sind in der EU und die Menschen sind sehr viel offener geworden.

Wir lasen aktuell über Probleme mit dem für Juni geplanten Gay-Pride in Budapest, der verboten werden sollte…

Das ist wirklich nur ein ganz kleiner Teilaspekt. Ich bin überzeugt, das Allerwichtigste ist, dass Menschen ihre Persönlichkeit leben können. Ich gehe hin und wieder in schwule Klubs und für mich ist es einfach nur ganz normal.

Damit dürfte sie sich eine Einladung zum CSD 2011 verdient haben, egal wie sie heute Abend abschneidet.

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