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Ungarischer Schriftstellerverband: Völkische Literaturkritik vom Feinsten

13. Mai 2011

Nachtrag zu meinem Post Minister Réthelyi: Imre Kertész und der homosexuelle Thomas Mann dürfen Teil der ungarischen Abiturprüfung bleiben:

Imre Kertész trat am 25. September 1990 wegen öffentlicher antisemitischer Äußerungen des Vorsitzenden aus dem ungarischen Schriftstellerverband aus. Im Frühjahr 2004 folgten 160 SchriftstellerInnen, darunter György Dalos, Péter Nádas, Magda Szabó, Péter Esterházy und György Konrád. (Links siehe unten.)

2004 war der Ungarische Schriftstellerverband politisch in der Opposition; heute ist er das nicht mehr.

János Szentmartoni (*1975) war 2010 Stipendiat der Fidesz-Stiftung Bürgerliches Ungarn (PMA),  deren Hauptsponsor die Konrad-Adenauer-Stiftung ist. Im November 2010 wurde er zum neuen Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes ernannt.

Zu dieser Frage nahm er folgendermaßen Stellung:

Schriftstellerverband stellt sich hinter Minister

János Szentmártoni sagte unserer Zeitung, dass er mit dem Minister einverstanden ist. Das Talent (sic) der erwähnten Schriftsteller (Anm.: Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész und György Spíró) sei unbestritten, doch es sei etwas ganz anderes, ihr Lebenswerk unter dem Gesichtspunkt ihrer Lebensphilosophiezu beurteilen (teljesen más életművüket úgy vizsgálni, hogy milyen filozófiák mentén élik életüket). „Ein gutes Kunstwerk geht nicht immer mit moralischer Integrität (feddhetetlenség), das Talent des Künstlers nicht immer mit menschlicher Größe einher” – bemerkte János Szentmártoni.

Beispiele dafür ließen sich laut Szentmártoni bis zur Erschöpfung aufzählen, „denken wir nur an den Lebensweg des Komponisten Richard Wagner, der wegen seines ausschweifenden Lebensstils das Missfallen der Münchener erregt hat, so sehr, dass er die bayrische Hauptstadt 1865 verlassen musste, da half auch nicht, dass er das Vertrauen des damaligen Herrschers, Ludwigs des Zweiten besaß. Wenn wir heute seine Werke hören, stören wir uns nicht daran – wie auch an Byrons Opiumabhängigkeit nicht.

Das Talent und der ästhetische Wert der Werke der beiden erwähnten zeitgenössischen Autoren kann nicht bezweifelt werden, obwohl auch ich nicht mit den zitierten Gedanken und Meinungen einverstanden bin“ – fügte er hinzu.

Szentmártoni würde sich eher darauf verlegen, so viele zeitgenössische Autoren wie möglich in den Abiturlehrplan aufzunehmen. Wie er sagte, ist es für ihn eine besondere Freude, dass in manchen Gymnasien bereits die Werke mehrerer junger Mitglieder des Schriftstellerverbandes als Abitur-Prüfungsthema gewählt werden können. (FN)

Vermutlich seine eigenen.

Der dürfte noch eine kometenhafte Karriere vor sich haben.

*

Die Vorgeschichte in Links:

Der Standard: Antisemitismus spaltet ungarischen Schriftstellerverband. Massenaustritt von prominenten Autoren nach Skandal. 14. März 2004

Berliner Zeitung: Keine Zeile gelesen. Im Streit um Antisemitismus löst sich Ungarns Schriftstellerverband auf. Umso besser! 16.3.2004

Detaillierte Zusammenfassung: The Jewish Daily Forward: Hungarian Writers’ Spat Betrays Struggle Between ‘Urbanism’ and ‘Populism’, 26.3.2004

taz 20.04.2004 Ungarn: Peinliche Verschleppung

Zeit: Ein Mythos geht zu Ende. 1.4.2004 Im ungarischen Schriftstellerverband herrscht offener Antisemitismus. Seine Ursachen reichen weit zurück.

Antisemitismus ohne Juden: Die Last der Geschichte nach dem Systemwandel Deutschlandradio Berlin – 9.7.2004

Zeit: Imre Kertész legt sich mit Ungarns Rechten an 10.11.2009

Wiener Zeitung 11. November 2009 Ungarn: Kertesz bringt Rechte auf die Barrikaden

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