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Massenentlassungen: Beförderung für politisch motivierte Nachrichtenmanipulation

15. Juli 2011

Wer behauptet, dass es sich bei dem personellen Kahlschlag in den staatlichen ungarischen Medien um eine politisch motivierte Säuberungsaktion handelt, muss mit einer Klage rechnen, so Ágnes Cserháti, Sprecherin des neugeschaffenen ungarischen Medienfonds. „Diejenigen, die von politischen Säuberungen reden, sind an der Aufrechterhaltung der veralteten, prestigelosen und unüberschaubar wirtschaftenden staatlichen Medien interessiert.“ (Die Presse,Tagesschau)

Interessant ist allerdings nicht nur, wer entlassen wurde, sondern auch, wer bleibt oder gar befördert wurde. So ausgerechnet Balázs Bende, der im April die „Proteste aufrechter ungarischer Patrioten“ gegen Veranstaltungen von Regierungskritikern im Ausland für das ungarische Fernsehen inszeniert hat (Index.hu).

Am 5. April veranstaltete der schwedische PEN-Club eine Podiumsdiskussion mit György Bolgár vom regierungskritischen Klubrádió (mittlerweile vor dem Aus, siehe Deutschlandfunk, 14.7.2011). In Schweden lebende Ungarn im Publikum protestierten gegen die „einseitige“ Veranstaltung, die Stimmung war aggressiv. Podiumsteilnehmer wurden als „Vaterlandsverräter, „Juden“, „Kommunisten“ und „Lügner“ beschimpft. Das ungarische Fernsehen war vor Ort und berichtete mit dem Titel „Skandal: Liberale verunglimpfen Ungarn in Stockholm“.

Dabei hat es keinen Korrespondenten in Schweden; zu der Veranstaltung wurde eigens ein Kamerateam eingeflogen, der Reporter besagter Balázs Bende. Daß es dort zu einem „Skandal“ kommen würde, war offenbar schon vorher klar. Der Vorsitzende des schwedischen PEN Clubs Ola Larsmo spricht von einer organisierten Störung der Veranstaltung. Ausführlich bei Hungarian Spectrum, Video siehe unten.

Am 9. April wiederholte sich das Szenario auf einer Podiumsdiskussion mit Ágnes Heller auf dem taz-Medienkongreß in Berlin. Auch hier tauchten „empörte, in Deutschland lebende Ungarn“ auf, dieses Mal mit Transparenten. In Ungarn wurde der „Skandal“ die Hauptnachricht, zusammengestellt ebenfalls von Balázs Bende, Video siehe unten.

taz: Ungarische Mini-Demo vor „taz“-Kongress: Eine Handvoll Protest:

Unendlich peinlich sei es gewesen, meinten die anwesenden Ungarn über die Performance der wenigen Ewiggestrigen. Doch sie haben anscheinend alles falsch gedeutet. Denn das Nachrichtenmagazin des ersten ungarischen Fernsehens MTV stellte am Sonntagabend klar, was wirklich geschah. Linksliberale ungarische Intellektuelle zögen zurzeit durch halb Europa, um ihr Land zu beschmutzen und übel anzugreifen, war da zu erfahren. So sei es in Berlin zum Skandal gekommen.

Antisemitische Zwischenrufe

Von antisemitischen Zwischenrufen, die es gab, war keine Rede. Die Selbstdarstellung einiger weniger wurde die Hauptnachricht, interviewt wurden die Demonstranten und nicht Frau Heller oder gar die Organisatoren der Konferenz. Außerdem wurden Aussagen von Heller und Tamás teilweise auch noch entstellt wiedergegeben. Der private rechtsradikale Kleinsender Echo TV erzählte die Geschichte ganz ähnlich, nur war er etwas mutiger, Heller etwas in den Mund zu legen, das sie gar nicht gesagt hatte. Viele regierungstreue Medien übernahmen die Lesart.

(Die Berliner Aktion wurde von einem fidesznahen Verein inszeniert, der „Union für deutsch-ungarischen Dialog“; sie waren gemeinsam mit ungarischen Medienleuten gekommen, Vorstandsmitglied Katalin Wabrosch, der nach ihrer Tirade das Wort entzogen werden mußte, saß neben dem Journalisten und Dokumentarfilmer Imre M. Szabó vom rechtsextremen EchoTV (siehe unten im Video). Dieses titelte zur Berliner Aktion: „Riesiger Skandal, auch Heller hat herumgebrüllt“. Siehe ausführlich Pusztaranger: „Neuneinhalb Juden“ auf dem taz-Medienkongreß und die Brandenburger Vereinigten Bürgerbewegungen, 15.4.2011.)

*

Laut Medienfonds wurde die Liste der zu Entlassenden auf der Grundlage zusammengestellt, „wer ein guter Mitarbeiter ist und wer nicht“, so Index. Die Entscheidungen über Entlassungen und Beförderungen wurden getroffen von Dániel Papp.

Chefredakteur Papp war bis vor einigen Jahren medienpolitischer Sprecher der faschistoiden Jobbik-Partei und er machte sich einen Namen im rechtsextremen Echo TV, bevor er einige Politiker der Orban-Partei auf ihre Medienauftritte vorbereitete. Den Posten des Chefredakteurs bekam Papp, nachdem er einen Beitrag über den Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit so manipuliert hatte, dass der Grüne am Ende wie ein Befürworter von Kinderschändungen dastand.
Berliner Zeitung: Blaue Briefe für Journalisten- Ungarns Regierung setzt Massenentlassungen in öffentlich-rechtlichen Medien durch, 13.7.2011

Siehe auch Pusztaranger: Viktor Orbáns Propagandaapparat (15.5.2011)

*

Balázs Bendes Berichte zu Stockholm und Berlin (die Atmosphäre erschließt sich auch ohne Sprachkenntnisse):

„György Bolgár, Skandal! Liberale haben Ungarn in Stockholm verunglimpft“ (youtube-Titel)


„Die liberalen Veranstalter taten alles, um unser Team daran zu hindern, zu dokumentieren, wie Mitglieder der ungarischen Community sie und die Teilnehmer auf dem Podium zur Rede stellten, warum sie keine Fragen stellen durften. (…) „Ungarn ist ein demokratisches Land, und wir sind es gewohnt, daß wir immer Fragen stellen können, auch in Schweden.“ Ab 1:48 Empörung,  1:53: „Vaterlandsverräter!“

„György Bolgár und Ágnes Heller greifen im Ausland die ungarische Regierung an“ (youtube-Titel)

taz-Medienkongreß ab 4.29, ab 4:40 Wabrosch und M. Szabó, Empörung ab 5:00. Im Bericht ist von „den in Deutschland lebenden Ungarn“ die Rede, als wäre es nicht nur eine Wortmeldung von zwei Personen bzw. ca. sieben Personen mit Transparenten.

Auch in Berlin wurde mit „Demokratie“ argumentiert wie in Stockholm (nicht im Video). So sagte Katalin Wabrosch auf Ungarisch zu M. Szabó: „Na, jetzt siehst du, wie hier die Demokratie funktioniert. Wir werden zum Schweigen gebracht. Ich sag dir, von zehn Anwesenden hier sind neuneinhalb Juden!“ (siehe mein Post).

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3 Kommentare leave one →
  1. Karl Pfeifer permalink
    16. Juli 2011 06:23

    Paul Lendvai wies in einem Interview darauf hin, dass ein Teil der Probleme deswegen entstanden ist, weil Ungarisch eine Sprache ist, die von Wenigen gesprochen wird.
    Wenn jemand nur Artikel aus einigen Fidesz nahen Medien in die Weltsprachen übersetzen würde, dann könnte man auch im Ausland sehen, was in Ungarn entsteht, nämlich ein autoritärer Staat, in dem zwar demokratische Parteien weiter wirken können, der sich aberhinwegsetzt über die Prinzipien moderner Demokratien.

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