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„Juden, Roma und Gyurcsány abknallen“ – politische Kultur im rechten Spektrum

19. August 2011

Welche Konsequenzen hat es, wenn man in Ungarn zum Mord an Menschen anderer Hautfarbe, Juden oder Politikern aufruft?

Betyársereg, HVIM: Juden, Roma und Gyurcsány abknallen

Kurz nach den Attentaten in Norwegen konnten ungarische Neonazis auf dem rechtsextremen Festival Magyar Sziget Kriegsrat halten, unbehelligt von den Behörden, und in Anwesenheit von Jobbik-Abgeordneten:

“Man muss soweit kommen, dass man den Abzugshahn eines Sturmgewehrs ziehen kann, wenn man (…) eine abweichende Hautfarbe sieht. (…) Und werden wir den Mut haben, es zu wagen, einen verdammten, lausigen Juden niederzuschießen? (…)” Zsolt Tyirityán, Betyársereg

„Wie oft hörten wir voneinander hier, auf der Magyar Sziget, dass wir mit einer Kalaschnikow (…) den Gyurcsány erschießen würden. Wer hat das nicht mindestens einmal gesagt? Wessen Mund hat nicht so etwas ausgesprochen, dass ich diesen lumpigen Gyurcsány, oder neuerdings den Viktor Orbán erschießen würde? Fast ein jeder hat das gesagt, geben wir es ehrlich zu! (…) Auch ich habe sehr oft gesagt, dass ich den Ferenc Gyurcsány erschießen würde. (…) Einen noch größeren Gefallen hätten wir für das Ungartum geleistet, wenn wir ihn noch als Teenager in einem Lager des Kommunistischen Jugendbundes KISZ erschossen hätten!“ László Toroczkai , HVIM

Siehe ausführlich:

Eine Privatperson erstattete Anzeige; das Helsinki Komitee wandte sich in der Sache an den Premier, den Präsidenten sowie den Generalstaatsanwalt. Alle drei schwiegen bisher dazu.

Das Festival Magyar Sziget gibt es seit zehn Jahren, mittlerweile kommen über 10 000 Besucher. Die ungarischen Medien haben sich bislang kaum damit beschäftigt; letztes Jahr empfing der  Jobbik-Abgeordnete György Gyula Zagyva, Ehrenvorsitzender der HVIM, Journalisten mit der Viehpeitsche und drohte ihnen mit Vergewaltigung, siehe mein Post Magyar Sziget: Verurteilte Terroristen und Terror gegen Journalisten vom 13.8.2010.

Dieses Jahr war das Medienecho ungleich größer, denn ein Kamerateam der britischen Sun erwischte dort einen Abgeordneten der BNP beim Hitlergruß, siehe The Sun: BNP chief’s Hitler salute to Breivik heroine – Shock Nazi investigation.

Nach all dieser Negativ-PR hat das rechtsextreme Lager nun seine Archive nach Munition gegen Fidesz durchforstet – und wurde fündig.

Fidesz-Aktivistin 2008: Gyurcsány abknallen

In diesem Video von 2008, das am Mittwoch ins Netz gestellt wurde, fordert die Fidesz-Aktivistin Mária Stadler den Rechtsextremen György Budaházy (der seither wegen Terrorismusverdacht im Gefängnis sitzt), auf,  Ex-Ministerpräsidenten Gyurcsány abzuknallen:


Übersetzung (Pusztaranger):

Budaházy: Ich sage Ihnen doch, früher haben auch wir Radikalen diese Seite (Fidesz) respektiert…
Stadler: Radikale, Sie? Wenn Sie Radikale wären, würden Sie sich die Pistole schnappen und diesen Abschaum Gyurcsány niederschießen! Aber Sie gehen nicht gegen Gyurcsány, sondern gegen Fidesz, und das ist hier das Problem.
B: Wir sind nicht gegen Fidesz, wie oft haben wir denn gegen Fidesz demonstriert?
S: Warum haben Sie Gyurcsany noch nicht abgeschossen? Radikale… ach hören Sie mir auf…
B: Warum, wie viele Leute haben Sie denn schon umgebracht? Das ist nicht so einfach, wir sind keine Mörder!

György Budaházy argumentiert seither, daß Fidesz-Leute ungestraft zur Ermordung Gyurcsánys aufrufen dürfen, während er seit Jahren im Knast sitzt.

MSZP-Chef Mesterházy forderte Fidesz auf, Stadler aus der Partei auszuschließen; LMP-Chef Schiffer fragte sich, wie viele Mária Stadlers es bei Fidesz noch gibt.

Im Interview mit Jobbiks Neonazi-TV N1 („Hitler war ein großer Staatsmann“) bestätigt Stadler das Gesagte, allerdings abgeschwächt: „Ich habe ihm nur diskret (finoman) zu verstehen gegeben, wenn er ein Radikaler sein will, soll er doch Gyurcsány den Garaus machen.“ (ATV/Klubrádió).

Fidesz reagierte prompt, und zwar in erster Linie, um die Sache als Munition gegen Gyurcsány /die MSZP und Jobbik einzusetzen:

Die aus Jobbik-Kreisen an die Öffentlichkeit gebrachte Videoaufnahme stellt offensichtlich eine große Hilfe für Ferenc Gyurcsány dar, der kurz davor steht, seine Immunität aberkannt zu bekommen.

(Lies, Jobbik will Fidesz eins auswischen, aber hilft eigentlich nur Gyurcsány damit.) Mária Stadler hatte nie irgendeine Funktion in der Partei noch in der Bezirksversammlung,

“im Gegensatz zum Sozialisten Tibor Pásztor, seit mehreren Zyklen Bezirksverordneter  und 2010 Bürgermeisterkandidat seiner Partei. An Tibor Pásztor erinnern wir uns, daß er 2006 Tamás Deutsch als Alibijuden bezeichnete. Wir vertrauen darauf, daß Attila Mesterházy und die MSZP auch in dieser Angelegenheit die notwendigen Schritte ergreifen. (…) Die Fidesz-Bezirksgruppe hat 450 Mitglieder, und wir können nicht für jeden von ihnen geäußerten Satz die Verantwortung übernehmen. Selbstverständlich sind wir mit den im Video Geäußerten in keiner Weise einverstanden, also wird es Konsequenzen geben. Damit wird sich die Bezirksgruppe in ihrer ersten Sitzung im September befassen.

Wird Stadler im September nicht aus der Partei ausgeschlossen, wird die MSZP Anzeige erstatten.

RentnerInnen als Fidesz-Medien-Guerilla

Nur eine durchgeknallte Rentnerin, könnte man meinen, nicht der Rede wert, was die so von sich gibt. Tatsächlich ist Stadler, Jahrgang 1951, keine Fidesz-Politikerin, wie zuerst in den Medien behauptet, sondern lediglich Parteimitglied. Die Kochbuchautorin („Kochen mit der Fritteuse“, „Oma Maris leckerstes Gebäck“) ist Vorsitzende der Fidesz-NGO Polgári Média Alapítvány (Stiftung Bürgerliche Medien). „Die Medien dürfen nicht in fremden Händen sein“, schreibt sie auf diversen rechtsextremen Portalen, nur diejenigen in 100% ungarischer Hand, also die Fidesz-nahen Medien, hält sie für verläßlich: Magyar Nemzet, Lánchíd Rádió, HírTv, Magyar Hírlap, ECHOTV und Magyar Demokrata. (Siehe z.B. SZMM, Jobbik Ladány).

Stadler selbst widmet sich mit Inbrunst dem Guerillakampf gegen die „Gehirnwäsche“ der „linksliberalen“ Medien, sie ist als chronische Anruferin bei Talksendungen in Fernsehen und Radio bekannt. Mit Vorliebe bombardiert sie die Sender per SMS mit dem folgendem (angeblich von Solschenizyn stammenden) Zitat:

Einen schädlicheren und gefährlicheren Menschentyp als den Kommunisten hat die Geschichte noch nicht hervorgebracht. Ihr Zynismus, ihre Frechheit, ihr Machthunger, ihre Zügellosigkeit, ihr Zerstörungstrieb, ihre Kultur- und Geistesfeindlichkeit sind für jeden anderen, nichtkommunistischen Menschen unvorstellbar. Der Kommunist kennt keine Scham/Schande, Menschenwürde, und hat keine Ahnung davon, was die christliche Ethik Gewissen nennt. (…)

(gefunden hier und hier – heute ist der Blog nicht erreichbar.)

Das läßt sie sich Einiges kosten; nach eigenen Angaben hat sie 400 000 HUF (ca. 1450 EUR) für SMS ausgegeben. 2007 bot ihr Bezirksbürgermeister Rógan auf Anfrage zwar ideelle Unterstützung, aber keine Mittel an. (Quelle)

Tatsächlich ist ein Hauptanliegen von Stadler und ihrer Stiftung die Aktivierung der Parteibasis für  die völkische Medienarbeit. 2010 kassierte die Polgári Média Alapítvány 500.000 HUF (ca 1800 EUR) staatliche Fördermittel für „Computerhilfe für Senioren“ –  vermutlich werden hier national gesinnte Silver Surfer mit Steuergeldern zu Fidesz-Trollen ausgebildet.

Die Fidesz-Basis wurde seit Jahren auf Gyurcsány als Volksfeind Nummer Eins eingeschworen, die Gyurcsány-Regierung als „Diktatur“ und „Mörder der eigenen Bevölkerung“ dämonisiert, das hat inzwischen selbst im Lehrplan von Mittelschulen seinen Platz (siehe mein Post Rechtsextreme Fidesz-Abgeordnete über die „Henker“ des Volkes, 2. April 2011) Orbán will seinen großen Widersacher mit allen Mitteln hinter Gitter bringen (siehe auch WDR5: Studienreise durch Schuldeneuropa).

Und die wackere Mária Stadler ist einfach mit Leib und Seele Fidesz-Aktivistin und Orbán-Fan. Die Partei lebt von solchen Leuten an der Basis. Sie hat hier nur ausgesprochen, was viele denken.

Und sie hat Freunde. Auf ihrer Facebook-Seite findet sich der stellvertretende Ministerpräsident Zsolt Semjén höchstselbst, sowie rechtskonservative Intelligenz und Presse: András Bencsik, Chefredakteur des Magyar Demokrata, der Politologe Tamás Fricz und die Soziologin Zsuzsa Hegedûs, Beraterin von Viktor Orbán.

Ich schätze, viel wird ihr nicht passieren. Im September bäckt sie ihrem Parteivorstand im V. Budapester Bezirk eine Großungarntorte, und die Sache ist gegessen.

In diesem Video sieht man sie, wie sie Viktor Orbán in der Wahlnacht 2010 freudestrahlend einen roten Marzipanigel (Igel ist seit 2009 Symbol für Polizeimaßnahmen – lies: jetzt geht’s den Roten an den Kragen) verehren will: „Viktor Orbán kennt mich“, sagt sie, „der weiß schon, daß da keine Bombe drin versteckt ist.“

Links (Ungarisch):
Stop.hu, Népszava, Hirado,NOL, FN, hvg, Index, Blog Örülünk Vincent, Blog Egyenlitô

Update 19.8.:  Hungarian Spectrum: The language of the Hungarian political right

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