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Brot, Blut und Boden – sakrale Folklore zum Nationalfeiertag

22. August 2011

Das “Brot der Nation” ist ein neues Element der völkischen Sakralisierung der Nation. Getreide, das auf dem Gebiet Großungarns wuchs, wird zu Brot verbacken, durch dessen Genuß die nationale Einheit für den Einzelnen konkret erfahrbar gemacht werden soll – das also als Hostie einer völkischen Kommunion funktioniert, um über die Landesgrenzen hinweg kollektive völkische Identität zu stiften.

Der Nationalfeiertag am 20. August will nicht nur an die Staatsgründung durch den Heiligen Stephan erinnern, sondern ist auch ein Erntefest, das “Fest des neuen Brotes”. Dabei handelt es sich um eine verordnete “Tradition” aus dem späten 19. Jahhundert (urbanlegends.hu, mult-kor.hu), die nach 1945 von den Kommunisten übernommen wurde; heute führen die regierungsnahen Medien den Brauch auf eine Anordnung Kaiserin Maria Theresias zurück. Seit der Wende ist er wichtiger Bestandteil der offiziellen Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag geblieben; landesweit werden am 20. August Brote mit Bändern in den Nationalfarben von katholischen Geistlichen gesegnet.

(Bild von der offiziellen Regierungsseite zum 20. August.)

Jetzt ist eine neue “Tradition” dazugekommen.

Das “Brot der Nation” ist eine karitative Initiative des Juraprofessors László Korinek (Update: Er ist der  Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Pécs) und des Pécser Fidesz-Bürgermeisters Zsolt Páva und soll “die Einheit der Nation, Zusammenhalt und Solidarität” symbolisieren. Aus dem ganzen Land wurden Tonnen von Getreide gesammelt, vermahlen und zu mehreren Tausend Broten verbacken, die am 20. August in einer feierlichen Zeremonie in Pécs von einem Vertreter des Pécser Bischofs geweiht wurden und dann gegen eine Spende zu erwerben waren. Der Erlös geht an eine karitative Pécser Organisation, die Schulspeisungen durchführt. Der übriggebliebene Weizen, etwa fünf Tonnen, geht als Spende an eine Stiftung der ungarischen Franziskaner in Siebenbürgen, die dort Kinderheime  betreiben.

Aus dem ganzen Karpátenbecken

Das “Brot der Nation” ist konzipiert als “Brot der Gesamtnation” und enthält nicht nur Weizen aus Ungarn, sondern auch aus den Nachbarländern. Beteiligt haben sich drei Organisationen aus Siebenbürgen, zwei aus der Slowakei, zwei aus Serbien und eine aus Slowenien.

Laut Konzeption soll “jeder Ort, von dem Weizen geliefert wird, und wo er zusammengeschüttet und vermahlen wird, an wichtige Ereignisse der ungarischen Geschichte anknüpfen”, so Initiator Korinek. Das Getreide wurde nach Mohács geliefert, wo es in einer feierlichen Zeremonie zusammengeschüttet und in einer rekonstruierten Wassermühle aus dem 18. Jahrhundert gemahlen wurde – allerdings nur symbolisch, der begrenzten Kapazität der Mühle wegen wurde der Großteil des Getreides industriell vermahlen. Mit der Auswahl des Ortes soll an die Schlacht bei Mohács 1526 erinnert werden, Ungarns verheerende Niederlage gegen die Osmanen: “Damals haben wir verloren, weil es unter den Magyaren an Zusammenhalt mangelte”, so Lajdi Antalné, die Vizebürgermeisterin von Mohács (KDNP) im Interview mit HírTV, “und heute ist der Weizen, der uns aus dem ganzen Karpatenbecken gebracht wurde, ein schönes Symbol für den Zusammenhalt der Nation.”

(Quellen: Verband der Backwarenindustrie, Pécser Tageszeitung, Kossuth Radio, HírTV.)

Die Zeremonie in Mohács (Bericht des regierungsnahen HírTV, eingestellt vom rechtsextremen kuruc.info.):

Bei den teilnehmenden Organisationen in den Nachbarländern findet das “Brot der Nation” großen Anklang, und das offenbar unabhängig von der politischen Einstellung:

“Ich halte das für eine hervorragende Initiative, denn das Brot ist ein existentielles Element unseres Lebens, so wie das Wasser. Außerdem verdient dieses Jahr die Bezeichung “Jahr des Zusammenhalts”, wofür das vereinfachte Verfahren zur Erlangung der  Staatsbürgerschaft ein gutes Beispiel ist. Ich vertraue darauf, daß diejenigen, die das (Brot der Nation) am 20. August probieren, spüren werden, daß wir zusammengehören”, so Csaba Borboly (Anm.: RMDSZ, zum Verhältnis von Fidesz zum RMDSZ siehe Pester Lloyd ), Vorsitzender des Bezirksrates von Hargita. (Szekelyhon.ro)

Die Initiative, die traditionsstiftend wirken will, war ein großer Erfolg und dürfte in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden.

Das “Brot der Nation” ist ein neues Element der völkischen Sakralisierung der Nation. (Dazu siehe ausführlich: Stimmen der Zeit:  “Heiliger Turul, steh uns bei!”
Ungarns völkische Wende und die Sakralisierung der Nation
, von Magdalena Marsovszky:

In den letzten Jahren nehmen die strukturellen Analogien zwischen religiösen und nationalen Inszenierungen und damit die Tendenz zur Sakralisierung der Nation eindeutig zu. Einmal wird die völkisch verstandene Nation gepriesen, einmal wird die Religion in kirchlichen Predigten nationalisiert, dann wieder wird – wie im Fall des 2010 eingeweihten “Tempels der Karpatenheimat” – das Volkstum der Magyaren beschworen.
Die für das völkische Denken typische Suche nach dem “Urvolk” und nach der “Urreligion” führt zu immer neueren Konstruktionen der Geschichte und zur Zunahme eines symbolischen Politisierens, das sich sowohl in der Tätigkeit von zivilen Initiativen als auch in der Kultur- und Bildungspolitik der Regierung niederschlägt.

Getreide, das auf dem Gebiet Großungarns wuchs, wird zu Brot verbacken, durch dessen Genuß die nationale Einheit für den Einzelnen konkret erfahrbar gemacht werden soll – das also als Hostie einer völkischen Kommunion funktioniert, um über die Landesgrenzen hinweg kollektive völkische Identität zu stiften. Das kann man als harmlos abtun, aber die Übergänge zum rechtsextremistischen Gedankengut sind fließend.

Initiator László Korinek sagt im Interview, die Idee zu dieser Initiative sei ihm beim Betrachten eines schönen Brotlaibes gekommen. “Wie gut es doch wäre, zu wissen, wo der Weizen dafür gewachsen ist. (…) Es gibt keinen Ort in Ungarn, wo nicht Blut, Schweiß und Tränen der Magyaren geflossen sind.” Das ist der völkische Topos von der “heiligen”, weil vom Blut der Vorfahren getränkten ungarischen Erde, mit dem traditionell die Ansprüche an die nach Trianon verlorenen Gebiete sakralisiert und legitimiert werden. Für diesen völkischen Bodenkult lassen sich unzählige Beispiele finden, hier nur zwei:

Sakralisierte Bodenproben aus den verlorenen Gebieten, gesehen auf dem alljährlichen völkisch- sakralen Mega-Event mit über 200 000 Teilnehmern, der “Landesversammlung der Magyaren” in Bösztörpuszta, Foto von Gina Böni.

Das Lied “Magyar Föld” (Ungarische Erde) der äußerst populären rechtsextremen Band Kárpátia (hier auf youtube) ist eine Aufzählung der verlorenen Gebiete, “von denen wir nicht lassen” -  “magyar vér áztatta”, die Erde dort getränkt von Magyarenblut.

*

Das Portal Index.hu, definitiv kein völkisches Medium, hat sein eigenes “Index-Brot” am Nationalfeiertag in Budapest auf die Reise geschickt:

Update 25.8.2011: Pester Lloyd: Das Brot der Nation – Präsident Schmitt im “ungarischen Rumänien” und weitere Nationalnachrichten

(…) Brot backen ist das eine, bezahlen etwas anderes

(Die) Orbánsche Traumwelt kollidiert derzeit gar hart mit der Realität: am Nationalfeiertag wurde ein “Nationalbrot” gebacken, eine tolle Idee, stammt es doch aus Korn von den verschiedensten Schollen “Großungarns”. (der blog Pusztaranger hat die Rezeptur mit seiner ihm eigenen Genauigkeit augearbeitet: https://pusztaranger.wordpress.com/2011/08/22/brot-blut-und-boden-sakrale-folklore-zum-nationalfei ertag/ ) Währenddessen stiegen die Preise für das täglich Brot in Ungarn binnen eines Jahres um fast ein Drittel, Mehl um die Hälfte, während das Realeinkommen der meisten Arbeitenden dank einer “großzügigen” Steuerreform dieser Regierung gesunken ist. Der Plan aber, die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel zu senken, damit die Ärmsten etwas entlastet werden, wurde gerade heute vom “Nationalwirtschaftsminister” als zu teuer zurückgezogen. Für ein neues ungarisches Pressezentrum in Siebenbürgen, Wallfahrten an heilige Orte der Székler, die Finanzierung von “allungarischen Konferenzen” und anderes mehr, fand man aber Gelder, passenderweise auch bei der staatlichen Glücksspielgesellschaft. Man setzt eben alles auf Sieg, das Risiko dürfte bekannt sein.

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