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Ungarische Volkszählung 2011: Die neue “ethnische Hauptidentität”

30. September 2011

Pester Lloyd: Volkszählung 2011 in Ungarn beginnt, auch für Ausländer

Einige Fragen aus den Vorjahren (…) entfallen, andere, z.B. zur Einwanderung und zur “Volksgesundheit” wurden neu aufgenommen. Vor allem die Kirchen sowie die Vertreter der ethnischen Minderheiten bitten ihre Angehörigen inständig um das Bekenntnis zur jeweiligen Religions- bzw. Volkszugehörigkeit, weil davon auch zukünftige finanzielle Zuwendungen etc. staatlicherseits abhängen kann.

Ein Beispiel (Quelle):

Liebe Ungarndeutsche Landsleute!

Die Ergebnisse der Volkszählung werden die Gestaltung unseres Bildungswesens, die Entwicklung der auch von uns bewohnten Städten und Gemeinden, die Zukunft unserer Kindergärten und Schulen langfristig bestimmen. Sie werden eine direkte Auswirkung auf die staatliche Förderung der Nationalitätenselbstverwaltungen und der zivilen Organisationen, sowie auf die Anerkennung unserer für die Bewahrung unserer Muttersprache und kulturellen Werte geleisteten Arbeit haben! (…)

Die neue ethnische Hauptidentität

Bei der Erfassung der sog. “Nationalität” fällt eine Neuerung ins Auge. ( Seit April diesen Jahres heißt es im offiziellen Sprachgebrauch nicht mehr “Minderheit”, sondern wörtlich “Nationalität”, siehe Regierungsseite. Nicht zu verwechseln mit der Staatsangehörigkeit, diese wird gesondert abgefragt.)

Bei der Volkszählung 2001 lautete die Frage noch, “Welcher Nationalität fühlen Sie sich zugehörig?” Hier waren maximal 3 anzukreuzen, bzw. nicht Aufgeführte in ein Textfeld einzutragen. (Fragebogen, deutsch)

2011 wird gefragt (Fragebogen, deutsch):

Frage 34: Welcher Nationalität fühlen Sie sich zugehörig?

Frage 35: Gehören Sie außer der oben angegebenen Nationalität auch einer anderen Nationalität an?

Die Information dazu (auf dem Wohnungsfragebogen, S. 4):

Fragen 34.-35: Wenn Sie sich zwei Nationalitäten, Minderheiten zugehörig fühlen, geben Sie bitte die eine bei der Frage 34, die andere bei der Frage 35 an.

Als Wahlmöglichkeiten sind außer “Ungarisch” sämtliche ethnischen Minderheiten aufgelistet, aber auch Arabisch, Chinesisch, Russisch und Vietnamesisch, dh. hier sollen auch die größten in Ungarn lebenden Gruppen von Ausländern erfaßt werden. (Zum Vergrößern anklicken.)

Für die ungarischen BürgerInnen heißt das, daß sie sich auf eine “gefühlte ethnische Hauptidentität” festlegen sollen. “Mehrheitsmagyaren” können bei Frage 34 eine Aussage über ihr “nationales Empfinden” machen, und Angehörige von Minderheiten sowie  UngarInnen mit Migrationshintergrund müssen sich entscheiden, ob sie sich vor allem als “Ungar” oder als Angehörige ihrer Minderheit fühlen. Oft ist das gar nicht eindeutig zu beantworten.

Bei Frage 35 geht es dann nicht mehr um “gefühlte” Zugehörigkeit, sondern um “faktische”. (Bei denjenigen, die bei Frage 34 “Ungarisch” angekreuzt haben, wird spätestens hier klar, was sie “wirklich” sind.)

Die hier gewonnenen  Daten sollen die Grundlage für die Neuberechnung der staatlichen Minderheitenförderung werden. Die Frage ist, wie diese Angaben interpretiert bzw. welche konkreten Maßnahmen daraus abgeleitet werden:

  • Wird die staatliche Förderung der Minderheiten in Zukunft aufgrund Frage 34 oder 35 berechnet?
  • Ist, wer bei Frage 34 “Ungarisch” und bei 35 “Roma” (oder jede andere Möglichkeit) angekreuzt hat, in Zukunft noch berechtigt, seine Minderheitenselbstverwaltung zu wählen?

“Der Name des Feindes: Ethnobusiness”

Der zuständige Staatssekretär für Kirchen, Zivilgesellschaft und Nationalitäten László Szászfalvi hat bereits im April erklärt, daß die Finanzierung der Minderheitenorganisationen ab 2013 von den Ergebnissen der Volkszählung, also “der Wahrheit” abhängig gemacht werden soll. (NOL)

“Die Nationalitäten (…) können mit Strenge rechnen. Nach Ansicht von Szászfalvi ist auf diesem Gebiet der größte Feind des Staates die langjährige Praxis des Ethnobusiness. Hier kann die bevorstehende Volkszählung einen grundsätzlichen Wandel bringen, da die Regierung auf dieser Grundlage die staatliche Unterstützung der Nationalitäten selektiv (Anm.: !!) vergeben kann. Laut Szászfalvi ist es unhaltbar, daß in manchen Komitaten plötzlich überall Minderheitengruppen aus dem Boden schießen.” (nyugat.hu)

“Ethnobusiness” bedeutet mißbräuchliche Verwendung staatlicher Fördergelder für Minderheiten, wie sie in den letzten zwanzig Jahren offenbar verbreitet war.
Gemeint sind Personen, die nicht zur betreffenden Minderheit gehören, sich aber als solche  ausgeben, um sich finanziellen oder gesellschaftlichen Nutzen und öffentliche Ämter, also politischen Einfluß zu verschaffen. (wiki)

Über die faktische Verbreitung des “Ethnobusiness” kann ich keine Angaben machen, aber die Argumentation ist dieselbe wie bei den Religionsgemeinschaften vor der Verabschiedung des neuen Kirchengesetzes (“Als Business betriebene Sekten ohne Mitglieder, nur mit dem Ziel, staatliche Gelder zu erschleichen”). Seither wird vom Parlament entschieden, was in Ungarn eine Kirche ist, und was nur ein Verein. Hier wurden Mißstände zum Anlaß genommen, den “Religionsmarkt” neu aufzuteilen, so daß in erster Linie die regierungsnahen Konfessionen (“historische Kirchen”) profitieren.

Dasselbe Vorgehen dürfte nun auch für das neue Minderheitengesetz zu erwarten sein, das im Herbst verabschiedet werden soll.

Hier geht es wohlgemerkt nicht nur um die Verteilung staatlicher Fördermittel, sondern auch um die politische Repräsentation der Minderheiten im Parlament.

Ethnische Registrierung?

Um den Ethnobusiness einzudämmen, sagte Szászfalvi im April, solle auch das Wahlrecht geändert werden. Es müsse bewiesen werden, daß wirklich nur Angehörige der Minderheit am Wahlprozeß ihrer Minderheitenselbstverwaltung teilnehmen. Dazu sei ein Einblick ins Wählerverzeichnis erforderlich. Als Schlüssel für das Auftreten gegen den Ethnobusiness bezeichnete er die Verschärfung der Regelungen für die Organisationen, die für die Wahlen der Minderheitenselbstverwaltungen Kandidaten aufstellen können, sowie der Kandidatenaufstellung generell. (MH)

Die Frage ist, wie das “bewiesen” werden soll, und ob die freiwilligen Angaben zur ethnischen Zugehörigkeit in der Volkszählung wirklich anonym bleiben werden.

Anonymisierter Fragebogen und Datenschutz

Der Datenschutzbeauftragte soll die anonymisierte Verwendung der Daten überwachen, bei vorherigen Umfragen der Regierung (“nationale Konsultation”) wurde – entgegen der Ankündigung durch einen Barcode eine individuelle Zuordnung möglich. Man hofft nun, dass das EU-Backing solche “Ausrutscher” verhindern wird. (Pester Lloyd)

Auf dem Wohnungsfragebogen muß die Wohndresse, auf dem Personenbogen abweichende Wohnadressen angegeben sowie der Arbeitgeber benannt werden.
Auf beiden Fragebögen ist dieselbe individuelle Identifikationsnummer anzugeben. Auf dem Land, wo man zumeist in Einfamilienhäusern wohnt, genügt die Wohnadresse als Information, um Bewohner zu identifizieren.

Ein weiterer problematischer Aspekt ist die Möglichkeit, daß die freiwilligen Daten zur ethnischen Zugehörigkeit und zum Gesundheitszustand nicht von den Befragten selbst, sondern vom Befragenden eingetragen werden. Es wurden bereits Fälle bekannt, wo qualifizierte Roma aus reichlich seltsamen Gründen nicht als ehrenamtliche Befragungshelfer zugelassen wurden.

Die Statistikbehörde erklärt, daß die Anonymität durch den Verarbeitungsprozeß garantiert ist.

Wie lange die Auswertung dauert, ist jedoch unklar, und der Ombudsmann für Datenschutz,  der auch bisher lediglich Empfehlungen aussprechen konnte (ein Fall in der Ungarischen Akademie der Wissenschaften hier ),  ist ab 1.1.2012 abgeschafft – ab dann gibt es für Datenschutz und Minderheiten (!) keine eigenen Ombudsleute mehr, sondern nun noch einen Stellvertreter in einer Regierungs-Ombudsstelle. Dann erlischt auch die Möglichkeit für ungarische Bürger, sich in Angelegenheiten von Datenschutz und Minderheiten direkt an die Ombudsstelle zu wenden.

(Update 30.9.: Der Ombudsmann für Datenschutz erklärt heute im Interview mit ATV, daß er die Anonymität der Daten für gewährleistet hält. Zwar könnten die Daten beider Fragebögen über die Identifikationsnummer zusammengebracht (und die Bürger somit identifiziert) werden, was für die statistische Nutzung der Daten auch notwendig sei; eine Möglichkeit zum Mißbrauch sei jedoch nicht gegeben, die gültigen Gesetze garantierten das, und mit dem Ende des Rechtsstaats sei in Ungarn nicht zu rechnen.)

*

Coming out als Roma – Das Für- und Wider

Auf dem Portal Commmunity.hu wird seit Wochen diskutiert, was dafür- und dagegen spricht, sich unter den gegebenen Umständen bei der Volkszählung als Roma zu outen.

Dazu haben sie mehrere Umfragen eingestellt. Die Ergebnisse (Stand: Vorgestern) sind nicht repräsentativ, aber geben doch einen Einblick darüber, wie komplex die Entscheidung für die Betroffenen und wie problematisch diese Erhebung generell ist.

Darf sich die Sozialpolitik (közpolitika) deiner Meinung nach auf die ethnischen Daten der Volkszählung stützen, während die Bereitschaft, sich als einer ethnischen Minderheit zugehörig zu erklären, von der feindlichen Mehrheitsumgebung negativ beeinflußt wird?

  • Nein, denn das eröffnet Möglichkeiten zu willkürlichen Entscheidungen. (90%)
  • Kann ich nicht entscheiden. (7%)
  • Ja, denn das ist trotzdem besser als Nichts. (3%)
  • Die Frage interessiert mich nicht. (0%)

Listenerstellung oder Volkszählung – birgt die Sammlung ethnischer Daten ein Risiko?

  • Ja, denn es ist einfach, ethnische Daten mißbräuchlich zu verwenden, darum ist es besser, solche Daten vom Bürger erst gar nicht zu erheben. (64%)
  • Nein, denn es ist ausreichend, die Verwendung der ethnischen Daten streng zu regeln, damit ist jedweder Mißbrauch zu vermeiden. (22%)
  • Kann ich nicht entscheiden. (7%)
  • Die Frage interessiert mich nicht. (0%)

Wovon hängt es deiner Meinung nach ab, ob jemand sich bei der Volkszählung als Roma/Zigeuner erklärt?

  • Die Antworten werden von der Attitüden der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Roma wesentlich beeinflußt. (73%)
  • Jeder kann sich als das erklären, was er möchte. (21%)
  • Die Frage interessiert mich nicht. (4%)
  • Kann ich nicht entscheiden. (2%)

Würde deiner Meinung nach die ethnische Registrierung bei der Kriminalitätsbekämpfung helfen?

  • Nein, weil es keine Kriminalitätsformen gibt, die für einzelne Ethnien charakteristisch sind. (82%)
  • Ja, weil es für bestimmte Ethnien (Ungarn, Deutsche, Roma, Slowaken etc.) charakteristische Formen der Kriminalität  gibt. (7%)
  • Kann ich nicht entscheiden. (7%)
  • Die Frage interessiert mich nicht. (4%)

Schämen sich deiner Meinung nach heute in Ungarn viele oder haben Angst, anzugeben, daß sie Zigeuner sind?

  • Ja, wegen der zigeunerfeindlichen Umgebung ist das häufig so. (78%)
  • Nein, das Zusammenhaltsgefühl der Community ist größer als die Scham  (11%)   Kann ich nicht entscheiden. (7%)
  • Die Frage interessiert mich nicht. (4%)

Erleichtert die Sammlung ethnischer Daten deiner Meinung nach die Bekämpfung der Diskriminierung?

  • Nein, denn die Diskriminierung hängt nicht von der ethnischen Selbstdefinition des Betroffenen ab, sondern von der Meinung des Täters über die ethnische Zugehörigkeit des Opfers. (84%)
  • Ja, denn die Diskriminierung ist nur zu beweisen, wenn die ethnische Zugehörigkeit des Opfers bekannt ist. (11%)
  • Kann ich nicht entscheiden. (3%)
  • Die Frage interessiert mich nicht. (2%)

Treten deiner Meinung nach die ungarischen Roma als einheitliche politische Gemeinschaft auf?

  • Kann ich mir nicht vorstellen. (78%)
  • Kann ich nicht entscheiden. (11%)
  • Ja, ich sehe dafür eine wirkliche Chance. (9%)
  • Die Frage interessiert mich nicht. (2%)

Ist es deiner Meinung nach besser, als Roma in Ungarn zu leben, wenn sich mehr Roma als solche bekennen?

  • Nein (55%)
  • Ja (30%)
  • Kann ich nicht entscheiden. (13%)
  • Die Frage interessiert mich nicht. (2%)

Sollten deiner Meinung nach die Nationalitäten (sic) kollektive Rechte proportional zu ihrer Personenanzahl haben?

  • Nein, jede Nationalität (sic) soll die gleichen Rechte haben, unabhängig von ihrer proportionalen Größe. (85%)
  • Ja, je größer eine Nationalität (sic), desto breitere Rechte sollte sie haben. (12%)
  • Kann ich nicht entscheiden. (2%)
  • Die Frage interessiert mich nicht. (1%)

Wer hat deiner Meinung nach das Recht, die nationale oder ethnische Zugehörigkeit einer Person zu definieren?

  • Das kann nur der Einzelne definieren, das ist ausschließlich ein Recht des Individuums. (96%)
  • Die nationale oder ethnische Zugehörigkeit ist nichts, was man bestreiten kann, das ist jedem anzusehen (bárkiről meg lehet mondani, mi a származása) (3%)
  • Kann ich nicht entscheiden (1%)
  • Keine Antwort, die Frage interessiert mich nicht (0%)

Ist es dir wichtig, in der Volkszählung deine nationale Identität (sic) anzugeben?

  • Nein (55%)
  • Ja (40%)
  • Kann ich nicht entscheiden (4%)
  • Keine Antwort, die Frage interessiert mich nicht (1%)
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4 Kommentare leave one →
  1. 30. September 2011 18:19

    Welcher Nationalität fühlen Sie sich zugehörig? Sonstige und zwar:… Europäer.

  2. Fekete Péter Permalink
    2. Oktober 2011 09:30

    Ich schätze wirklich hoch deine Posts, aber diesen Beitrag finde ich nicht genug nuanciert. Die Frage wäre z.B. ebenfalls zu stellen, ob die Volkszählung in Ungarn im Vergleich mit den anderen EU-Staaten außerordentliche Merkmale aufweist.
    Man sollte z.B. den ungarischen Fragebogen mit dem deutschen vergleichen:
    https://cdn.zensus2011.de/live/uploads/media/Fragebogen_Haushaltebefragung_20101007a_11.pdf
    Der deutsche stellt viel mehr und sogar sensiblere Fragen als der ungarische. Es gibt nur eine einzige Frage, die man nicht obligatorisch beantworten muß, und zwar: Zu welcher der folgenden Religionen, Glaubenseinrichtungen oder Weltanschauungen bekennen Sie sich? Die Frage nach der Religionsgesellschaft ist – im Gegensatz zu Ungarn – obligatorisch zu beantworten. Die deutschen müssen – im Gegensatz zu den Ungarn – auch ihren Namen angeben.
    Wie es mit dem Datenschutz wird, war offensichtlich auch in Deutschland eine heikle Frage:
    http://www.taz.de/!56841/
    Oder man kann die ungarischen Fragebögen mit den slowakischen vergleichen:
    http://www.nepszamlalas2011.sk/hu/4/adatlap_minta#top-p
    Eine englischsprachige Übersicht der Fragen:
    http://www.scitanie2011.sk/en/neprehliadnite/vzory-scitacich-formularov
    Fragen nach der Nationalität, Muttersprache, der zweitöfters benutzten Sprache und Religion sind optionell.
    http://www.scitanie2011.sk/en/neprehliadnite/vysvetlivky-k-scitacim-formularom (auf Englisch)
    In der Slowakei konnte man in fünf Sprachen (slowakisch, ungarisch, ukrainisch, rusinisch und roma) die Fragebögen ausfüllen,
    http://www.scitanie2011.sk/neprehliadnite/vzory-scitacich-formularov
    online auch noch in Englisch:
    http://portal.statistics.sk/files/how-understand.pdf
    obschon nich alle problemlos die passenden Unterlagen erhalten haben:
    http://www.nepszamlalas2011.sk/hu/2/gyakori_kerdesek/0/kerdezzen!_mi_valaszolunk#top-p
    http://kitekinto.hu/karpat-medence/2011/04/18/tudnivalok_a_nepszamlalasrol__csak_szlovakul
    Die slowakische Volkszählung ist anonym.
    Und hier sind die tschechischen Fragebögen in deutscher Sprache:
    http://www.czso.cz/sldb2011/redakce.nsf/i/scitaci_formulare_nemcina_sklad
    Selbst die Namen der Personen und Muttersprache muß man obligatorisch angeben, nicht aber Religion und Nationalität. In Ungarn sind die letzten drei Fragen optionell, nach dem Namen wird gar nicht gefragt.
    Die Tschechen stellen zwar eine Übersetzung der Fragebögen in mehreren Sprachen zur Verfügung, schließlich müssen aber die tschechischen Originalbögen auf Tschechisch ausgefüllt werden – wieder im Gegensatz zu Ungarn.
    Auch in Tschechien hat man freilich einiges fraglich gefunden:
    http://www.radio.cz/de/rubrik/kaleidoskop/klassisch-und-problematisch-volkszaehlung-in-tschechien
    Sowohl die Tschechen als auch die Slowaken fragen nicht nach Minderheiten, sondern nach Nationalitäten – ähnlich wie die Ungarn.
    Schlußfolgerung: 1/ Die Prinzipien der Volkszählung sind auch anderswo fraglich. Ohne einen Vergleich der verschiedenen Fragebögen kann die Analyse wenig aufschlußreich sein. 2/ In erheblichem Maße geht es darum, ob der Staat, die Parteien und die Einzelpersonen den Datenschutz ernst nehmen werden, und zu welchem Zweck man schließlich die Resultate in der Tat verwenden wird. Soviel ist sicher, daß Leute – mit mehr oder weniger Recht – sowohl hier als auch dort – mißtraurisch sind. In welchem Land in welchem Maße Ängste berechtigt sind, das ist meiner Meinung nach die Frage.

    • pusztaranger Permalink
      2. Oktober 2011 13:26

      Whow, vielen Dank für den ausführlichen Kommentar.

      “Schlußfolgerung: 1/ Die Prinzipien der Volkszählung sind auch anderswo fraglich.”
      Auf jeden Fall.
      “Ohne einen Vergleich der verschiedenen Fragebögen kann die Analyse wenig aufschlußreich sein.”
      Eine umfassende Analyse der Volkszählung konnte ich hier gar nicht leisten, ich habe mir nur die Punkte rausgegriffen, die mir daran aufgefallen sind und die ich in der aktuellen Situation in Ungarn problematisch finde.
      “2/ In erheblichem Maße geht es darum, ob der Staat, die Parteien und die Einzelpersonen den Datenschutz ernst nehmen werden, und zu welchem Zweck man schließlich die Resultate in der Tat verwenden wird. Soviel ist sicher, daß Leute – mit mehr oder weniger Recht – sowohl hier als auch dort – mißtraurisch sind. In welchem Land in welchem Maße Ängste berechtigt sind, das ist meiner Meinung nach die Frage.”
      Kann ich so allgemein auch unterschreiben. Mir ist hier eben diese neue Festschreibung auf eine Hauptzugehörigkeit bei Frage 34 aufgefallen, wo vor zehn Jahren noch keine war, die Kommunikation des Staatssekretärs im Vorfeld, und die Ähnlichkeiten der Argumentation beim Kirchengesetz. Mißbrauch soll eingedämmt werden (womit ich kein Problem habe) und staatliche Förderungen nur noch an “würdige” Empfänger gehen (“selektive Förderung”). Und hierfür gibt es ja schon Beispiele beim Kirchengesetz: Den Methodisten, die die Tage ihr 30jähriges (!) Gründungsjubiläum begangen haben, wurde der Kirchenstatus aberkannt. Und die sind politisch-weltanschaulich unbequem. (Ihre Schwerpunkte sind u.A. Schulen für sozial benachteiligte Kinder und Obdachlosenarbeit, ihr karitativer Verein hat seinen Sitz im VIII. Bezirk. Pastor Iványi ist ein Kritiker der Orbán-Regierung (s. z.B. Interview in 168ora von2010) und bezieht seit Jahren klar Stellung gegen den Rechtsextremismus in Ungarn, was man von den “historischen” Kirchen nicht behaupten kann.)
      Der Staat muß sparen, und bei der staatlichen “Bereinigung” des “Religionsmarktes” ging es ganz klar um eine Konzentration auf die Förderung der auch politisch genehmen “Mehrheitskonfessionen”, kleine und weltanschaulich Unbequeme fallen raus, und definiert wird das vom Parlament. Bei den Minderheitenvertretungen dürfte das ähnlich laufen.

      Und bei solchen Sätzen “Um den Ethnobusiness einzudämmen, sagte Szászfalvi im April, solle auch das Wahlrecht geändert werden. Es müsse bewiesen werden, daß wirklich nur Angehörige der Minderheit am Wahlprozeß ihrer Minderheitenselbstverwaltung teilnehmen.” – horche ich eben auf und frage mich, wie die das lösen wollen.

      Ich hoffe sehr, dass ich auf dem Holzweg bin, aber wer hätte z.B. vor der “sozialen Konsultation” damit gerechnet, daß Frage 3.) (ob das Land den Arbeitslosen mit Arbeitsmöglichkeiten statt Sozialhilfe helfen soll) dazu dienen sollte, Zwangsarbeit für Sozialhilfeempfänger unter dem Mindestlohn zu legitimieren. Das fiel mir schon Anfang Juni auf.

      Wie die Volkszählungsdaten in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden, bleibt abzuwarten, man muss eben ein Auge drauf haben.

  3. Fekete Péter Permalink
    2. Oktober 2011 18:37

    Zitat von Pusztaranger: „Mir ist hier eben diese neue Festschreibung auf eine Hauptzugehörigkeit bei Frage 34 aufgefallen, wo vor zehn Jahren noch keine war…”

    Trotzdem haben sich sehr wenige Bürger schon vor zehn Jahren zu einer Minderheit bekannt:
    „Wie Tabelle 2 zeigt, gehörten rund 3 % der Bevölkerung (314.059 Personen) im Jahr 2001 einer der 13 nationalen Minderheiten in Ungarn an. [...]
    Den Daten aus Tabelle 2 zufolge verwendet weniger als die Hälfte derer, die einer der 13 nationalen Minderheiten angehören auch die entsprechende Muttersprache.” S. 4 dieses Dokuments: http://ec.europa.eu/languages/documents/hu_de.pdf

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