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„Staatskunst ist auch Kunst“* – die letzten 150 Jahre der ungarischen Geschichte jetzt in zeitgenössischen Ölgemälden

7. November 2011

Die Vorgeschichte auf diesem Blog:

Am 1.1. 2012 tritt die neue Verfassung in Kraft. Aus diesem Anlass wird ab dem 2. Januar 2012 acht Monate lang eine Ausstellung mit Werken zeitgenössischer ungarischer Künstler in der Ungarischen Nationalgalerie gezeigt, die die wichtigsten Ereignisse der ungarischen Geschichte der letzten 150 Jahre zum Thema haben. Sie werden als zeitgenössische Ergänzung zusammen mit den 50 anläßlich des ungarischen Milleniums 1896 in Auftrag gegebenen Historiengemälden zur Geschichte Ungarns seit der Landnahme ausgestellt.

Konzeption und Themenwahl der neuen Arbeiten sind das Werk des Theaterregisseurs Imre Kerényi, des geistigen Vaters der neuen Verfassungsaltäre in den Kommunen. Die eigens von ihm in Auftrag gegebenen Gemälde werden auch die bibliophile Ausgabe der Verfassung zieren.

Ab Frühjahr 2012 soll je ein Ansichtsexemplar in jedem Rathaus des Landes auf dem „Tisch der Verfassung“ ausliegen und für die Bürger käuflich zu erwerben sein; jeder Abiturient bekommt die bibliophile Verfassungsausgabe in Zukunft als Geschenk zum Schulabschluss überreicht.

Für den Ankauf der Gemälde standen Kerényi rund 20 Mio. HUF (ca. 66.660 EUR) zur Verfügung; pro Bild 1,6 Mio HUF (ca. 5300 EUR).

Die fünfzehn Gemälde sind inzwischen zum Großteil fertig gestellt; bis zur Ausstellung werden sie in der Széchényi Bibliothek aufbewahrt und dort von bewaffnetem Sicherheitspersonal bewacht. (fn.hir24.hu, nol.hu)

Themen und Gemälde

(von fn.hir24.hu, Auswahl, hier die ganze Galerie):

1. Gábor Szinte : Die Ära des Dualismus (1867–1914)
(Anm. am Rande: Szinte ist u.A. Autor der Studie „War Leonardo auch Ungar?“. Ihm zufolge war Leonardos Mutter eine von den Türken verschleppte ungarische Sklavin, und Leonardo malte sie als Mona Lisa vor dem Hintergrund der Südkarpaten, s. Szintes Webseite.)

2. Győző Somogyi : Der erste Weltkrieg (1914–1918)

„Imre Kerényi erklärte, daß die Soldaten bis zur betreffenden Zeit in der Tat bunte Uniformen trugen, besonders die ungarischen Husaren.“ (fn.hir24.hu)

3. Sándor Filep: Die Räterepublik (1919)

4. Tibor Kiss: Trianon (1920)

„Imre Kerényi wies besonders auf das Freimaurersymbol in der (rechten unteren) Bildecke sowie auf Béla Kun (blutroter Schlips) mit seiner geliebten Eiergranate hin.“ (fn.hir24.hu) Oben rechts schwebt die Stephanskrone.

5. Mózes Incze : Die Ära von Miklós Horthy (1919–1944)

Wie Kerényi erklärte, waren dem armen „Horthy aus beiden Richtungen die Hände gebunden.“ (fn.hir24.hu) Sprich, auch er ein Opfer der Geschichte. Vgl. Pester Lloyd: Staatlicher Geschichtsrevisionismus in Ungarn, Der Standard: Streit um Ungarns Rolle im Holocaust, und Karl Pfeifer 2004.

Hier ein historisches Vergleichsfoto von Horthys Einritt auf dem Schimmel ins „rote, sündige“ Budapest 1919, dem der „weiße Terror“ mit vielen linken und jüdischen Opfern folgte.

6. Gábor Bráda : Der zweite Weltkrieg (1939–1945)
7. László Gyémánt: Der Holocaust (1944–1945)

8. László Dániel: Die Ära Mátyás Rákosi (1949–1953)
9. Imre Kocsis : Revolution und Freiheitskampf (1956)

10. Krisztina Rényi: János Kádár und seine Zeit (Bild noch nicht fertig)
11. Tamás Galambos : Die Neubestattung von Imre Nagy (1989)
(Imre Nagys Enkel haben im Vorfeld gegen die Aufnahme dieses Themas in das Ausstellungsprojekt protestiert, das für sie die Staatskunst der Rákosi-Ära wieder aufleben läßt. fn.hir24.hu) Was das grüne Chamäleon bedeuten soll, ist noch unklar.

12. Gábor Atlasz : Das Nationaltheater (1837–2002)
13. János Korényi : Berittener Polizeieinsatz am 23. Oktober 2006

Das Bild repräsentiert den Polizeieinsatz bei den Krawallen 2006, wo es bei schweren Straßenschlachten mit Rechtsextremen zu Übergriffen der Polizei auch gegen Unbeteiligte gekommen war. Dargestellt ist ein berittener Polizist als Hl. Georg, der Schutzheilige der Polizei; statt des Drachen tötet er mit seiner Lanze eine magyarische Maid.

Kerényi weist auf ein „besonders drolliges Detail“ hin: In der rechten oberen Ecke ist die „linke Hand von Gábor Demszky“, dem liberalen vorigen Oberbürgermeister, zu sehen, die Auszeichnungen an die Führungsriege der Polizei verleiht.

14. József Szentgyörgyi : Der Rotschlamm (2010–2011)

Und der Höhepunkt zum Schluss:

15. Iván Szkok : Eine neue Verfassung wird geboren (25. April 2011) (vom Auftraggeber zurückgeschickt, soll noch einmal überarbeitet werden)

Der Hl. Stephan, der Staatsgründer Ungarns, garantiert mit seinem Schwert 1115 Jahre Rechtskontinuität der neuen ungarischen Verfassung. Daneben ist eine Arpadenfahne angedeutet, auf die in Kreuzform der Schatten des Schwertes fällt.

Erste Reaktionen im Internet

„Eine Million für die ungarische Pressefreiheit“ (EMS) haben auf Facebook einen eigenen Photoshop-Wettbewerb ausgeschrieben, hier eine Einsendung mit dem Titel „Prozess der Verfassungsgebung“. Wie man weiß, wurden Teile der neuen Verfassung vom Fidesz-EU-Abgeordneten József Szájer auf seinem iPad im Zug zwischen Brüssel und Straßburg geschrieben.

Blog Örülünk Vincent: Megéneklünk, Magyarország! zeigt Vergleichsbeispiele aus der Ceausescu-Ära:

Eine internationale Perspektive

*) Überschrift geklaut von diesem Artikel auf dw-world.de zu einer Ausstellung von Kunst aus Nordkorea in Wien, Mai 2010:

Die Kunst ist eine Staatskunst – im Unterschied zu einer Kunst, wie wir sie kennen oder wie sie hier betrieben wird. Sie ist angeleitet und natürlich in gewisser Weise auch kontrolliert. Das wissen Sie so gut wie ich. Deshalb kann man aber noch nicht sagen, das sei keine Kunst. Wenn solche Systeme zu Ende gehen, das wissen Sie auch, dann entsteht auf dem Kunstmarkt um genau diese Werke ein Hype. Das kann man zum Beispiel in der Sowjetunion sehen. Auch in China stürzt man sich heute auf Objekte, von denen man vor 25 Jahren gesagt hat, das sei keine Kunst.

Na wer sagt’s denn. Ab 2036 sind die Dinger dann richtig Geld wert.

*

Updates, 8.11.2011

Was sind die Bilder heute auf dem ungarischen Kunstmarkt wert?

Das scheint die LeserInnen zu beschäftigen, drum hier ein Update aus dem Artikel von fn.hir24:

Die Journalisten von hir24 boten die Bilder vier etablierten Budapester Galerien zum Kauf an.

László Gyémánts „Holocaust“ sei sein Geld wert, hieß es einhellig; auch Incze Mózes‘ Horthybild dürfte bei einer Auktion in Ungarn weggehen. (Anm.: Klar, den hätten viele gerne überlebensgroß im Wohnzimmer hängen.)

Das bunte Husarenstück (Erster Weltkrieg) erntete Kopfschütteln, sinngemäß.

Zum „Nationaltheater“ sagte einer der Gutachter, „in seiner fast 30jährigen Karriere hätte er so etwas noch nicht gesehen.“ Für dieses Bild wollte niemand eine Summe angeben.

Der „Rotschlamm“ wird einhellig als modernes Werk betrachtet, sein Wert wird auf 500 000 – 700 000 HUF veranschlagt.

Imre Nagys Neubestattung: etwa 500 000 HUF.

Zur „Ära von Mátyás Rákosi“ wollte niemand eine Summe angeben, aber aus anderen Gründen. Offenbar wurde es auf einer bereits gebrauchten Leinwand gemalt. (Anm.: Wäre interessant zu wissen, was drunter ist.)

Dann versuchten die Journalisten, die Bilder als Paket zu verkaufen. Drei der vier Galerien lehnten sofort ab, die vierte bot nach Konsultation mit dem Eigentümer 8 – 10 Mio. HUF.
Für den Bericht wollten die Galerien anonym bleiben.

Warum ist Viktor Orbán nicht auf diesen Gemälden verewigt?

„Weil Orbáns Gattin mir gedroht hat, mich umzubringen, falls mir einfallen sollte, ihren Mann malen zu lassen,“ so Kerényi zu ATV. (Quelle: Blikk)

Vermutlich dachte sie dabei an dieses Werk aus dem Jahr 2002:

István Roth: „Die ungarische Regierung des Milleniums im Jahre der Krone“ (Öl auf Leinwand, 2,6 x 5 m.)

Mittlerweile wurde aber auf dem Bild „Neubestattung von Imre Nagy“, das akribisch nach einem historischen Foto gemalt wurde, der junge Viktor Orbán als Redner am Mikrofon entdeckt. (msn.mainap.hu, die Rede hier im Original auf youtube.)

Ernst oder subversive Satire?

In den Bildern werden visuelle „Trojaner“ gesichtet („Die Rache des Malers“). So will man in „Eine neue Verfassung wird geboren“ Ferenc Gyurcsány erkannt haben (links neben dem Schwert, mit leicht gesenktem Kopf, s.napifix).

Und das grüne Chamäleon auf der Säule in „Die Neubestattung von Imre Nagy“ wird als Interpretationsschlüssel des ganzen Werkes rezipiert,  s. Umfrage bei Blog Egyenlitô : „Wen symbolisiert das Chamäleon in der neuen Verfassung? Viktor Orbán, Imre Pozsgay oder Imre Kerényi?“; Index: „Viktor Orbán kommt in Gestalt eines Chamäleons in die neue Verfassung.“

*

Update 9.11.2011: Unbedingt die ausführlichen Ergänzungen im Kommentar von Gregor Mayer lesen. Unter anderem ist das grüne Chamäleon tatsächlich ein „Trojaner“.

In dem vom „Pusztaranger“ verlinkten ungarischen Beitrag über den Maler Tamás Galambos heißt es unter dem Titel „Freche Spiegelbilder unserer Gegenwart in der Ráday-Galerie“: In seinen Bildern erscheine „die täglich auf uns einströmende Masse an Informationen in ironischer Form“. „Die Gemälde verspotten mit bissigem Humor jenes gelenkte ‘Herdenleben’, in welchem wir leben und welches wir ohne Fragen rund um uns akzeptieren.“ Das menetekelhafte Chamäleon erscheint an der selben Stelle (Säule auf dem Budapester Heldenplatz) und in einem anderen Zusammenhang schon in Galambos’ Bild „Goldenes Zeitalter (Danse Macabre)“ aus dem Jahr 1996:

(Quelle)

5 Kommentare leave one →
  1. 8. November 2011 08:15

    also ich hab mir gedacht das bild mit dem hl. georg in polizeiuniform ist nur ein streich, aber der kerényi steht ja dort, das bild gibt es also wirklich. ich muß schleunigst weg.

  2. Gregor Mayer permalink
    9. November 2011 11:02

    Einige Ergänzungen zu dieser hervorragenden Zusammenstellung:

    Bild Nr. 1 „Die Ära des Dualismus“ von Gábor Szinte: Diese Epoche so darzustellen, dass man einige ihrer Politiker porträtiert, dabei aber den Grafen Andrássy weglässt (einen der Architekten besagter Epoche) ist einigermaßen strange. Den Auftraggebern war aber wohl wichitg, dass István Tisza und Kálmán Széll bildlich erscheinen, weil sich der Orbán-Kurs gerne auf sie beruft. Tisza ist ein darling der ungarischen Rechten, weil er die „ungarische Suprematie“ im „Karpaten-Becken“ propagierte. Nach Széll ist wiederum der letzte große Wirtschaftsplan der Orbán-Regierung benannt. Der Namensgeber war ein mäßig bedeutender und leidlich korrupter Finanzminister und Ministerpräsident der Dualismus-Ära – der Historiker András Cieger lässt eine zeitgenössische Karikatur von Széll das Cover seiner jüngst erschienenen Studie „Politische Korruption im Ungarn der Monarchie“ zieren: http://www.magyarmenedek.com/products/6214/Politikai_korrupcio_a_Monarchia_Magyarorszagan_-_Cieger_Andras.htm

    Bild Nr. 3 „Die Räterepublik“ von Sándor Fülep: Ein Propaganda-Werk zur Stützung des Geschichtsrevisionismus der Orbánisten. Dazu gehört die – auch antisemitisch konnotierte – Verteufelung der ungarischen Räterepublik von 1919, unter Anknüpfung an Gedankengut und Vokabular der Horthy-Zeit. Das Bild drückt genau das aus. In elegischem Schwarz-Weiß blicken uns die „Opfer“ des „roten Terrors“ an, die Vertreter des ancien régime auf ihrer historischen Kutsche. Der „rote Satan“ über ihnen stammt wohl aus einem Propaganda-Plakat der Räterepubkik und wirkt nur deshalb so „satanisch“, weil er aus dem ursprünglichen Kontext herausgelöst wurde. Original ist auch der Spruch „Zu den Waffen! Zu den Waffen“ (Fegyverbe! Fegyverbe!), und er ist genauso aus dem historischen Zusammenhang gerissen. Das Bild suggeriert hier Mobilisierung zum Klassenkampf, aber in Wirklichkeit organisierte da die Räterepublik die Verteidigung Ungarns gegen einfallende rumänische und slowakische Truppen. Die Horthy-Orbán-Geschichtsauffassung lebt in Lüge und Verleugnung: Die Horthy-Leute unterschrieben (notgedrungenermaßen) den Trianon-Vertrag – die „Schuld“ daran wird aber der Räterepublik in die Schuhe geschoben, die (vergebens) versucht hatte, das Land militärisch zu verteidigen. Das Bild ist Propaganda für diese Geschichtsauffassung, indem es die historischen Tatsachen durch eine ideologische „Re-Kontextualisierung“ plump verfälscht.

    Bild Nr. 4 „Trianon“: Hier haben aufmerksame ungarische Kunstfreunde in der Figur links, die den französischen Politiker Clemenceau darstellen soll, einen Doppelgänger des liberalen ungarischen Politikers Árpád Göncz ausgemacht. Die Ähnlichkeit ist in der Tat frappant. Göncz war von 1990 bis 2000 ein äußerst beliebter Staatspräsident und ist eine der vielen Hassfiguren der ungarischen Rechten.

    Bild Nr. 8 „Die Ära von Mátyás Rákosi“ von László Dániel: Rákosi war der KP-Chef während der übelsten stalinistischen Zeit in Ungarn in den 1950er-Jahren. Das Bild ist ein Tendenzwerk von geringer Qualität. Über dem allmächtigen Rákosi ist noch allmächtiger der Kardinal Mindszenty zu sehen. Mindszenty wurde unter den Kommunisten schwer verfolgt. Als Konservativ-Klerikaler vom alten Schlag ist er jedoch für Demokraten kein Anknüpfungspunkt, wohl aber für die Orbán’sche Rechte. Dennoch ist es verblüffend, dass ihrem Hofkünstler zu dieser schlimmsten Phase des ungarischen Kommunismus nichts Besseres einfällt als die einfältige Darstellung der Konfrontation zwischen Partei- und Gottesmann.

    Bild Nr. 10 „Die Neubestattung von Imre Nagy“: Hier neige ich der „Trojaner“-These zu. In dem vom „Pusztaranger“ verlinkten ungarischen Beitrag über den Maler Tamás Galambos heißt es unter dem Titel „Freche Spiegelbilder unserer Gegenwart in der Ráday-Galerie“: In seinen Bildern erscheine „die täglich auf uns einströmende Masse an Informationen in ironischer Form“. „Die Gemälde verspotten mit bissigem Humor jenes gelenkte ‚Herdenleben‘, in welchem wir leben und welches wir ohne Fragen rund um uns akzeptieren.“ Das menetekelhafte Chamäleon erscheint an der selben Stelle (Säule auf dem Budapester Heldenplatz) und in einem anderen Zusammenhang schon in Galambos‘ Bild „Goldenes Zeitalter (Danse Macabre)“ aus dem Jahr 1996:
    http://artportal.sigmanet.hu/lexikon/kepek/aranykor_danse_macabre

  3. 11. November 2011 10:03

    Naja, was will man besseres für 5300 € / Bild? Für echte staatstragende Malerei muss man halt mehr Geld in die Hand nehmen…

    (SKANDAL, SKANDAL!)

  4. schattenundnebel permalink
    11. November 2011 14:42

    das chamäleon…. möglicherweise gibt der schatten mehr aufschluss als die figur selbst

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