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Nachrichtenmanipulation in den staatlichen Medien: Journalisten packen aus – Hungerstreik

14. Dezember 2011

„Ich war in der Nachrichtenredaktion – und wurde gezwungen“. In diesem Videobeitrag der Népszabadság meldeten sich am 9.12. erstmals ehemalige Nachrichtenredakteure und Reporter zu Wort, die über ein Jahr unter der derzeitigen Leitung des ungarischen Mediendienstleistungs- und Vermögensfonds MTVA und des Nachrichtenzentrums der Ungarischen Nachrichtenagentur arbeiteten. Sie erzählen von Einschüchterungen, massiven Eingriffen in ihre Arbeit und der völligen Mißachtung der journalistischen Freiheit – die Details siehe unten.

Balázs Nagy-Navarro, Vizevorsitzender der Unabhängigen Gewerkschaft der Fernseh- und Filmemacher TFFSZ, sagte zudem, daß die angekündigte interne Untersuchung der Retusche des ehemaligen Vorsitzenden des Obersten Gerichts (siehe Post vom 7.12.) nicht ordnungsgemäß durchgeführt wurde und einzelne Mitarbeiter als Sündenböcke für systematisch von Oben angeordnete Medienmanipulationen herhalten müssen. 

Seit dem 10.12. ist er vor dem Produktionsgebäude des ungarischen Fernsehens in der Kunigunda u. zusammen mit mittlerweile vier KollegInnen in den Hungerstreik getreten, den sie so lange fortsetzen wollen, bis die wirklichen Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Zum Hintergrund siehe auch Blog Stargarten: Journalisten treten in den Hungerstreik, 11.12.; gestern hat sich die European Federation of Journalists (EFJ) solidarisiert.

(Hinten, v.l.: Péter Virág, Vorsitzender der Betriebsgewerkschaft bei Duna TV (DTV ÜSZ); Aranka Szávuly, Vizevorsitzende der Unabhängigen Gewerkschaft der Fernseh- und Filmemacher TFFSZ; Arthur Kembe Sorel, Moderator bei Duna TV. Vorne, v.l.: Sándor Patakfalvi, Aufnahmeleiter bei Duna TV; Balázs Nagy-Navarro, Vizevorsitzender der Unabhängigen Gewerkschaft der Fernseh- und Filmemacher TFFSZ. Bild: Screenshot aus dem Video von Ádám Csillag vom 14.12.)

Balázs Nagy-Navarro auf Englisch im Interview (13.12.):

Ein aktuelles Update (Englisch) von Ádám Csillag, 14.12.

Der ungarische Mediendienstleistungs- und Vermögensfonds MTVA hat die Hungerstreikenden mittlerweile zum Verlassen des Geländes aufgefordert und angekündigt, sich ans Arbeitsgericht zu wenden. (hvg)

*

Es folgt die Übersetzung des NolTV-Videos (9.12.) von Éva Zador, Pusztaranger dankt.

Ich war in der Nachrichtenredaktion – und wurde gezwungen

Ein Film von Klára Kovács.

Gábor Kiss: Journalist, Redakteur für Außenpolitik (siehe auch NDR):

Ich wurde im Sommer gefeuert, habe also mehr als ein Jahr unter der jetzigen Führung gearbeitet, und die Situation wurde immer schlimmer. Von Monat zu Monat haben sie sich immer mehr in alles eingemischt und haben bestimmt, was man zu schreiben hatte, was man zu machen hatte. Ich habe mich größtenteils mit Außenpolitik beschäftigt und dachte, das sei ein Gebiet, wo sie sich nicht so sehr einmischen würden, weil ja immer die Innenpolitik am ehesten im Fadenkreuz steht. Einmal ist es mir aber auch gelungen, in eine solche Situation zu geraten: Als Viktor Orbán im Europäischen Parlament kritisiert wurde, da wollten sie, dass ich alles mögliche über die Person in den Bericht hineinschreiben sollte, die ihn kritisiert hatte. Hier war also auch diese äußerst merkwürdige Einstellung zu beobachten, dass derjenige, der es wagt den ungarischen Regierungschef im Ausland zu kritisieren, mit aller Gewissheit nur ein schlechter Mensch sein kann, und ich hätte alles mögliche über diesen Menschen schreiben müssen, der diese Kritik geübt hatte, und dazu war ich dann nicht bereit. Ich habe das Gefühl, dass das sicher bei meinem späteren Rausschmiss eine Rolle gespielt hat. Es ist sehr oft vorgekommen, dass von ihnen konkrete Absätze bei einem Bericht geschrieben wurden, die eingefügt werden mussten, und man konnte höchstens das eine oder andere Wort abändern. Hier hat also eigentlich nicht mehr jemand von einem Ereignis berichtet, vielmehr musste die Realität an die vorher ausgedachte Konzeption angepasst werden. Es entstand eine vollkommen surreale Situation, eigentlich musste man alles entsprechend den Erwartungen machen, die sie sich morgens ausgedacht hatten.

Anonym:

Ich ging immer mit einem Magenkrampf zur Arbeit. Morgens bei der Konferenz wurde gesagt, was ich drehen sollte. Sehr oft bekamen wir auch eine gesonderte Anweisung dahingehend, wen wir in dem Bericht zu Wort kommen lassen sollten und was praktisch die Botschaft sein sollte. Oft interessierte es die dortigen Führungsleute gar nicht, was an dem Tag zu dem gegebenen Thema geschehen war, sondern es war eine zentrale Botschaft vorgegeben. Wir hatten einmal eine Konferenz, bei der der gerade anwesende Leiter uns mitteilte, dass wir niemals, aber auch wirklich niemals wagen sollten, im Laufe des Tages bei den Dreharbeiten zu widersprechen, denn wir sollten nur ganz beruhigt sein, diese Worte benutzte er, es würde ihm sowieso alles zugetragen. Ich merkte erst so richtig, dass es hier ein ernsthaftes Problem gibt, als der ganz frische Leiter, der derzeit auch eine recht hohe Position innehat (Anm.: Dániel Papp) sich einfach hinter uns setzte, als wir den Beitrag schrieben, und – am Anfang war er still –, doch dann, als wir zu einem Abschnitt gelangten, der heikel war, zumindest für sie, nach dem in der Kommunikation der Regierung vorgeschriebenen Drehbuch, da mischte er sich einfach ein und sagte, dass wir statt Kürzungen zum Beispiel Neustrukturierung, Umstrukturierung schreiben müssten, was natürlich völlig im Einklang mit der zentralen Regierungskommunikation stand.

Norbert Fekete, Redakteur, Reporter, Journalist

Praktisch musste keiner ein Thema bringen, oder natürlich konnte man mit etwas kommen, aber es war vollkommen egal, ob man etwas sagte, denn der Redakteur kam schon mit einem fertigen Sendeplan. Es war also vorgegeben, was in den Nachrichten gesendet würde, worunter sich auch so marginaler Schwachsinn befand, bei dem es ganz unglaublich war, wie das in eine Nachrichtensendung um halb acht gelangen konnte. Was weiß ich, sagen wir, ein Material von zweieinhalb Minuten darüber, dass in einem siebenbürgischen Dorf eine ungarische Fahne an einer Kirche aufgehängt wird und bei dem ganzen Ereignis sind fünfzehn Leute da. Darüber entstand dann ein Material von fünfzehn Minuten für eine Nachrichtensendung zur Hauptsendezeit, was also nun wirklich lächerlich ist. Damit hatte ich zum Glück nichts zu tun. Womit ich zu tun hatte, davon habe ich zum Teil mit dem Cutter meinen Namen zusammen mit allen anderen, die bei der Produktion beteiligt waren, herausnehmen lassen, weil wir es ganz einfach für unakzeptabel hielten. Und viele von uns hofften wirklich, dass sie uns endlich rausschmeißen, damit wir nicht weiter daran teilnehmen müssen. Das Alarmierende an dem jetzigen Zustand, der jetzigen Situation ist, dass sie ganz unvorstellbar primitiv ist, sich auf alles erstreckt, arglistig und oft vollkommen sinnlos und unverständlich ist. Also zum Beispiel die Abänderungen, die ich, sagen wir, in der Nachrichtenredaktion erfahren habe, dass man praktisch in jedes Material Gyurcsány reintun musste. Es war also völlig egal, ob er etwas damit zu tun hatte oder nicht, Gyurcsány musste rein. So etwas ist mir bislang noch nirgends untergekommen, und diese Methoden kennzeichnen diese Brigade. Aber jetzt sind wir wenigstens schon auf dem Niveau der Komödie angelangt, das, was die hier veranstalten, ist bereits die Zuspitzung der bisherigen Geschehnisse, die die Öffentlichkeit nicht unbedingt verfolgt hat, weil sie nicht davon wusste. Das hier hat dieses System schön gezeigt, wenn man das denn als System bezeichnen kann.

Balázs Nagy Navarro, Vorsitzender, Gewerkschaft der Fernseh- und Filmemacher

Ich kann nicht allzu sehr lächeln. Das (Anm.: Schreiben des Arbeitgebers) hat einer der sogenannten Betroffenen, einer der Sündenböcke bekommen, einer unser Kollegen, ein Cutter. Es gibt Betrüger, Nachrichtenmanipulatoren, die jetzt versuchen, Sündenböcke für einen enthüllten Skandal zu finden. Es wurde eine Stellungnahme herausgegeben, bevor die Betroffenen davon wussten, was sie erwarten würde, denn es hieß, es gäbe keine Untersuchung, das sei nur eine Anhörung im Vorfeld. Eine Untersuchung wurde abgeschlossen, László Szabó, der Kommunikationsdirektor hat davon im Sender ATV berichtet, eine Untersuchung, bei deren Anhörung den Vorgeladenen praktisch keine Fragen zu dem konkreten Fall gestellt wurden, sondern im Allgemeinen gefragt wurde, wie ein Beitrag produziert wird. Es gibt keine Pressefreiheit, keine demokratische Rechtsstaatlichkeit, es gibt keine Rechtsstaatlichkeit ohne Pressefreiheit, und eine Bastei dieser müssten die öffentlich-rechtlichen Medien sein, das sind sie nicht. Es finden Manipulationen statt, es ist mehr als ein halbes Jahr vergangen und ein bei der Manipulation ertappter Dániel Papp ist der Leiter der Nachrichtenredaktion. Es verletzt wirklich die ethischen Regeln dieses Berufes, dass ein solcher Mensch sich einmischen kann und dass seine Stellvertreter hier Tag für Tag im Newsroom sitzen und sich bei der Redaktionsarbeit an den Berichten einmischen, Sätze abändern, Personen, die arbeitsrechtlich weder mit dem der Nachrichtensendung des Senders Duna Televízió noch jener des Senders MTV etwas zu tun haben. Offiziell sind sie die Mitarbeiter des Nachrichtenzentrums MTI, die eine fachliche Kontrolle auszuüben haben, und wozu diese fachliche Kontrolle führt, das kann man jetzt bereits sehen. Meines Wissens nach war es an dem konkreten Tag István Hegedűs, der für die Inhalte des Duna Televízó verantwortliche Leiter des Nachrichtenzentums, der dem verantwortlichen Redakteur des Duna Televízió signalisiert und gesagt hat, dass der ehemalige Oberste Richter auf dieser gewissen Aufnahme nicht erscheinen solle. Die Situation wird nicht eintreten, dass die Medienbehörde klagen könnte, es gäbe keine Eingabe, es wird eine neue Eingabe geben, es wird nach jeder Rechtsverletzung eine Eingabe geben. (Anm.: unter anderem liegen der Medienbehörde auch einige zu Dániel Papp aus Deutschland vor, siehe Post vom 11.11.) Wir werden so lange keine Ruhe geben, bis die demokratische Rechtsstaatlichkeit in den öffentlich-rechtlichen Medien wieder hergestellt ist und bis nicht tatsächlich eine korrekte Berichterstattung stattfindet. Wenn es bis morgen um 14 Uhr keine Veränderung, keine radikale Veränderung gibt, dann werde ich (…)  hier vor dem Gebäude des Ungarischen Fernsehens einen Hungerstreik beginnen, auf unbegrenzte Zeit. So viel kann ich tun.

Zoltán Lomnici, Vorsitzender des Rates für Menschenwürde (ehemaliger Vorsitzender des Obersten Gerichts, wurde aus den Nachrichten wegretuschiert)

Ich denke, die Retuschierung einer Person der Öffentlichkeit ist eine Handlung, die das europäische Recht und auch das innere Recht außerordentlich schwer verletzt. Ich möchte also, dass solcherlei in der Zukunft nicht vorkommt. Das europäische Recht verbietet jegliche Diskriminierung, die ungarische Verfassung bzw. das im Januar in Kraft tretende Grundgesetz behandelt die menschliche Würde in betonter Weise. Jemand, der wie ein Verbrecher retuschiert wird, der kann auch wegen der Verletzung des Persönlichkeitsrechtes einen Prozess anstrengen, und auch das Verbrechen der Ehrenkränkung kann zum Tragen kommen, wenn jemand es so beurteilt, dass er damit in seiner Ehre gekränkt worden ist. Sie haben gleich anerkannt, dass es sich um ein schwere Rechtsverletzung handelt, aber ich möchte von diesen Mitteln keines anwenden. Ich bitte die Leitung des Ungarischen Fernsehens darum, in der Zukunft verstärkt auf die menschliche Würde zu achten, und die Beteiligten einer Reportage in keinem Fall zu diskriminieren.

4 Kommentare leave one →
  1. Karl Pfeifer permalink
    15. Dezember 2011 07:21

    Danke Pusztaranger für diesen und die vielen anderen Berichte.

    Pusztaranger und allen Lesern dieser Website wünsche ich
    angenehme Feiertage und ein gesundes, erfolgreiches und
    glückliches 2012

  2. 16. Dezember 2011 11:25

    Haben uns erlaubt, in unserem aktuellen Beitrag zum Thema auf die – wie immer – tolle Aufbereitung bei Euch hinzuweisen: http://www.pesterlloyd.net/2011_50/50staatsTVfortsetzung/50staatstvfortsetzung.html

    Beste Grüße in die „Puszta“

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