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Ungarischer Rechtsextremist Csurka gestorben

4. Februar 2012

Der rechtsextremistische ungarische Politiker und Autor Istvan Csurka ist im Alter von 77 Jahren gestorben. Das meldete die amtliche Ungarische Nachrichtenagentur (MTI) am Samstag – ohne auf seinen Antisemitismus seit der Wende einzugehen (s. z.B. hier).

Für das jüdische Politik- und Kulturmagazin Szombat war es vor allem Csurkas „Verdienst“, den politischen Antisemitismus in Ungarn seit der Wende salonfähig gemacht zu haben. Szombat:

Die literarischen Nekrologe schlagen einen neutralen Ton an, würdigen in erster Linie sein schriftstellerisches Schaffen. Die politischen Medien skizzieren selbstverständlich die Wendepunkte seiner politischen Karriere, schreiben aber die Stichworte in einem distanzierten, zurückhaltenden Stil: Schriftsteller, nach ’56 interniert, später Agent des Innenministeriums, erfolgreicher Bühnenautor, ab Anfang der neunziger Jahre Vizevorsitzender des MDF, Gründer des MIÉP, Chefredakteur der Zeitschrift Magyar Forum, usw.

Nur dass uns bei dem bosnisch-serbischen Politiker Radovan Karadžić, einem der Verantwortlichen für den Balkankrieg, auch nicht in Erinnerung bleibt, dass er Philosoph war und Gedichte schrieb, sondern dass er sein Volk in einen Krieg geführt hat, Rassenhass schürte und ein Massenmörder war.

Csurka löste zum Glück keine solche Wirkung aus. Er hat keinen Krieg provoziert, als Folge seiner Reden und Artikel sind kein Aufstand und keine Pogrome ausgebrochen, aber er hat schwere, nicht verjährende Taten begangen, die in der Gesellschaft weite Wellen schlagen.

Vollständiger Artikel siehe unten.

(Csurka auf der MIÉP-Parteiversammlung auf dem Budapester Heldenplatz, 5.5. 2002, von Fotogalerie Origo.hu)

*

Das jüdische Politik- und Kulturmagazin Szombat (Übersetzung N.N., Pusztaranger dankt):

Csurka

4. Februar 2012. / d. Red.

Über Tote muss man nicht Gutes schreiben, sondern die Wahrheit – besagt ein Sprichwort (…).  Und obwohl die Zeitungen mit der Todesnachricht von István Csurka voll sind, scheint das Bild nicht wirklich vollständig. Zwischen den Zeilen spürt man Zurückhaltung, Trauer, etwas Gerührtheit, so als ob sein Ableben – man hat ihn zwar nicht geliebt, und zu Lebzeiten kritisiert – doch Erschütterung ausgelöst hat, gehörte er doch zum Gestern der vergangenen, bereits zur Geschichte gewordenen Jahre.

Die literarischen Nekrologe schlagen einen neutralen Ton an, würdigen in erster Linie sein schriftstellerisches Schaffen. Die politischen Medien skizzieren selbstverständlich die Wendepunkte seiner politischen Karriere, schreiben aber die Stichworte in einem distanzierten, zurückhaltenden Stil: Schriftsteller, nach 56 interniert, später Agent des Innenministeriums, erfolgreicher Bühnenautor, ab Anfang der neunziger Jahre Vizevorsitzender des MDF, Gründer des MIÉP, Chefredakteur der Zeitschrift Magyar Forum, usw.

Nur dass uns bei dem bosnisch-serbischen Politiker Radovan Karadžić, einem der Verantwortlichen für den Balkankrieg, auch nicht in Erinnerung bleibt, dass er Philosoph war und Gedichte schrieb, sondern dass er sein Volk in einen Krieg geführt hat, Rassenhass schürte und ein Massenmörder war.

Csurka löste zum Glück keine solche Wirkung aus. Er hat keinen Krieg provoziert, als Folge seiner Reden und Artikel sind kein Aufstand und keine Pogrome ausgebrochen, aber er hat schwere, nicht verjährende Taten begangen, die in der Gesellschaft weite Wellen schlagen.

Vor der Wende hat er antisemitische Parolen öffentlich nur im betrunkenen Zustand von sich gegeben, wie man es von seinen Kurkollegen in Szigliget weiss; nach der Wende tat er dies auch nüchtern: er hetzte zwanzig Jahre lang zum Hass. Die Auferstehung des ungarischen politischen Antisemitismus, seine permanente Schürung, die rassistische Brandmarkung anderer, die Schürung von Hass und Ausgrenzung, die in diesen zwanzig Jahren breite gesellschaftliche Unterstützung fanden, ist zum grossen Teil ihm zu verdanken. Viele haben in den vergangenen zwanzig Jahren daran gearbeitet, diese Ideen auferstehen zu lassen, aber kein Name ist so fest mit dem Antisemitismus zusammengewachsen wie seiner. In seinen Schriften, Rundfunkinterviews und Demonstrationen gab er sich seiner Suchtkrankheit und über seine Zeitungen seinem geschäftlichen Interesse hin: er war ein Antisemit, auch wenn er oft dementierte, wenn dieser Begriff mit ihm identifiziert wurde.

Als Bühnenautor und Novellist brachte er vor 1990 ein populäres Lebenswerk zustande, darunter Werke, die für viele wichtig sind, aber die meisten werden sich an ihn als denjenigen erinnern, der ihnen den Weg gewiesen und ausgesprochen hat, was sie dachten: er lebt in den Herzen der Antisemiten und Rassisten (…) weiter.

Der jüdischen Tradition entsprechend feiern wir den Tod unseres Feindes nicht, denn eine von Gott geschaffene Seele ist von uns gegangen. Wir feiern also nicht, aber wir vergessen auch nicht.

*

Links:

Der Standard: Rechtsextremist und Autor Csurka gestorben

Kleine Zeitung: Ungarischer Rechtsextremist Csurka gestorben

Salzburger Nachrichten: Ungarischer Rechtsextremist Csurka gestorben (APA)

Focus Online: Extremismus: Ungarischer Rechtsextremist Csurka gestorben (dpa)

Europe Online: Ungarischer Rechtsextremist Csurka gestorben

Zu István Csurka auf diesem Blog:

One Comment leave one →
  1. 6. Februar 2012 12:13

    Interessant ist auch dieser Link:
    http://www.oe24.at/welt/Ungarn-Hungermarsch-gegen-Regierung-Orban/54995601

    hat mir meine Schwiegermama heute zukommen lassen. Findet man sonst praktisch nirgends in den Medien…

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