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EU-Kommissarin Neelie Kroes ein „arroganter anmaßender Drachen“ – HírTV mit Vizepremier Navracsics

16. Februar 2012

Derzeit beschäftigen Zsolt Bayers Äußerungen über die EU-Grüne Ulrike Lunacek und EU-Kommissarin Neelie Kroes im rechtsextremen EchoTVdie Gemüter:

In Brüssel hat der Fall Lunacek die Sicherung ausgeschlagen, weil dort bisher nie richtig wahrgenommen wurde, was in Ungarn regierungsnahe Medien und deren Vertreter schon lange praktizieren: Beleidigungen, Verleumdungen und diskriminierende Hetze sind alltäglich.

Publizist Zsolt Bayer & Co. haben nichts zu befürchten, denn der ungarische Medienrat hatte bisher immer eine gute Ausrede parat, warum er bei Beschwerden nicht zuständig sei oder nichts machen könne. Orwell hat es schon gut gesagt, alle sind gleich, nur sind einige eben gleicher.“ (Fernsehjournalistin Gabriella Balassa)

Aber die Technik der strategischen persönlichen Beleidigung politischer Gegner ist nicht auf die rechtsextremen ungarischen Medien beschränkt:

„Diese holländische Politikerin ist ein arroganter, anmaßender Drachen. Sie hat versucht, Sie zu demütigen, bis aufs Blut zu beleidigen und Lügen zu strafen.“ (Zur Übersetzung des Zitats siehe ganz unten.)

Gemeint ist wieder EU-Kommissarin Neelie Kroes, und das Zitat stammt aus einer Sendung von HírTV mit Vizepremier und Justizminister Tibor Navracsics vom 10.2. (im Volltext unten.)

Navracsics und Kroes waren auf der Anhörung am letzten Donnerstag  aneinandergeraten:

Vizepremier und Justizminister Navracsics antwortete, dass man die „Empfehlungen“ des Rates und der Kommission „in Betracht ziehen werde“, worauf Kroes endgültig der Kragen platze und die sichtlich erboste EU-Kommissarin schimpfte, „…das ist nicht, was Sie mir noch vor ein paar Minuten in meinem Büro zugesagt haben.“ Nämlich, dass Ungarn in allen Punkten kooperieren wird und alle Bedenken nach den Empfehlungen der EU-Institutionen ausräumen wird, auch wenn der Europäische Rat Ungarn dazu nicht zwingen kann. (Pester Lloyd)

Von dieser Debatte nach Budapest zurückgekehrt, war Tibor Navracsics Gast bei Péntek8, einer politischen Sendung der Journalisten  Péter Csermely und Ottó Gajdics im regierungsnahen HírTV, die auch für die regierungsnahe Magyar Nemzet arbeiten. In der Sendung ging es Navracsics und dem Moderatorenduo darum, den unangenehmen Zwischenfall mit Kroes aus der Perspektive der ungarischen Regierung zu präsentieren. Vorab hatte die Magyar Nemzet Online eine Aufforderung an die Leser veröffentlicht, Studiogast Tibor Navracsics online Fragen zu stellen. (MNO)

Und auf solche Zuschauerzuschriften berief sich Moderator Ottó Gajdics, um seine Beleidigung an Neelie Kroes anzubringen:

„Das war nicht nur inhaltlich beispiellos, sondern auch in der Form. Unsere Zuschauer sind sehr kritisch. Sie schreiben, daß „ein arroganter, anmaßender Drachen” versucht hat, Sie zu erniedrigen, bis aufs Blut zu beleidigen, Lügen zu strafen. Wie haben Sie das bloß ausgehalten, ohne dass Ihnen der Kragen geplatzt ist?“

Navracsics geht in seiner Antwort nicht auf die Beleidigung ein, er stellt vielmehr klar, dieser Vorfall habe gezeigt, „dass die Frau Kommissarin nicht korrekt ist. Dieses Vorgehen ist nicht korrekt. Wir sind um korrekten Dialog mit der Kommission bemüht. Wenn man so etwas sieht, kann man nur hilflos den Kopf schütteln, daß auch das Europa ist.” Außerdem sagt er, das Gespräch in Kroes‘ Büro sei nicht so geführt worden wie von ihr behauptet, wofür es auch Zeugen gäbe. (Was beim Durchschnittszuschauer als „Kroes hat gelogen“ ankommt.)

Das Video der Sendung kann man sich auf der Parteiseite Fidesz.hu ansehen, mit einer schriftlichen Zusammenfassung, in der Neelie Kroes‘ Name konsequent falsch geschrieben und die Beleidigung nicht erwähnt wird: „Es ist offensichtlich geworden, dass Kroese nicht korrekt ist“, Fidesz.hu.

Das Zitat im Kontext

Die erste halbe Stunde der Sendung Péntek8 auf HírTV, vom Freitag, dem 10. Februar 2012. (Text von Galamus.hu, Übersetzung N.N.3, Journalist und Übersetzer, Pusztaranger dankt.)

Laut Moderator (Anm.: Péter Csermely) wird das Gespräch „frisch angekommen aus dem gestrigen Brüsseler Flohzirkus” geführt. Er meint, es wäre „heutzutage eine ziemlich ernsthafte intellektuelle Herausforderung, nicht europaskeptisch zu sein, und diese Liveübertragungen tun der Beurteilung der Union nicht besonders gut, zumindest in Ihrem Wählerkreis. Das war eine teils empörende, teils lächerliche, und im Allgemeinen betrachtet eine ziemlich niveaulose Veranstaltungsserie”. Es war ein neuer Zug, „als diese holländische Frau Kommissar… Sie hatten einen polemischen Disput, der im Wesentlichen darauf hinauslief, daß diese holländische Politikerin erreichen will, daß Ungarn sich obligatorisch verpflichtet, zu den sogenannten Empfehlungen – wie der Name schon sagt: Empfehlungen – des Europäischen Rates…

Navracsics: Eins zu eins in das ungarische Recht umsetzt.

Moderator: Und das geht über die bisherigen Stationen hinaus, das ist eine offene Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ungarns. Denn es geht hier um Empfehlungen.

Navracsics: So ist es, wir wollen hinzufügen, daß es im Gegensatz zur Darstellung der Frau Kommissarin auch darüber hinausgeht, was wir vor der Anhörung, bei der Besprechung mit ihr fixiert hatten.  (…) Ich habe mit Neelie Kroes mehrmals darüber gesprochen, daß wir die Meinung des Europäischen Rates  natürlich berücksichtigen und, falls diese von entsprechendem Charakter sind, in den Modifizierungsvorschlag einbauen werden. Bei der Besprechung vor der Anhörung, die übrigens im Gegensatz zu ihrer Darstellung nicht unter vier Augen geführt wurde, sondern bei der einige von uns zugegen waren, wofür es also auch Zeugen gibt, hat sie mich darum gebeten, daß ich diese unsere Übereinkunft bei der Anhörung (….) wie sie es formulierte, kristallklar betone. Eben deshalb habe ich in der ersten zehnminütigen  Einführung auch gesagt, daß wir uns in Sachen des Mediengesetzes, wie abgesprochen, an den Europäischen Rat wenden werden. Danach wollte sie offenbar die Unterstützung der liberalen, beziehungsweise der liberalen und sozialistischen Abgeordneten gewinnen, indem sie versuchte, mich in eine Situation zu drängen, sozusagen einen Blankoscheck zu unterschreiben und ein Versprechen abzugeben, daß ich eins zu eins umsetzen werde, was auch immer der Europäische Rat empfiehlt. Daraufhin sagte ich dann, daß ich das natürlich nur im Rahmen meines Eides versprechen kann, das heißt, ich habe einen Eid auf die Verfassung und auf die Einhaltung der Gesetze abgelegt. Insofern also der Europäische Rat mich nicht um etwas bittet, was mit der Verletzung dieser verbunden ist, dann werden wir es natürlich untersuchen und in die Modifizierungsvorschläge einbauen.

Zweiter Moderator (Ottó Gajdics):  Das war nicht nur inhaltlich beispiellos, sondern auch in der Form. Unsere Zuschauer sind sehr kritisch. Sie schreiben, daß „eine arrogante, anmaßende Harpie” versucht hat, Sie zu erniedrigen, bis aufs Blut zu beleidigen, Lügen zu strafen. Wie haben Sie das bloß ausgehalten, ohne dass Ihnen der Kragen geplatzt ist? (wörtlich: ohne ihr den Tisch umzuwerfen)? (36.40-36.20)

Navracsics: So, wie es auf den Aufzeichnungen zu sehen war. Ich denke, es war an sich schon eine  ungewöhnliche Sache, daß die Frau Kommissarin mich befragt, (…) während wir draußen saßen, denn wir waren die Redner, wir erwarteten die Fragen in erster Linie von den Parlamentsabgeordneten, denn die Anhörung wurde von der EU-Kommission veranstaltet. (Anm.: Ein Satz fehlt bei Galamus: Und die Frau Kommissarin Kroes stellte ihre Frage an mich, so, als wäre das Teil dieser Anhörung.) Zur gleichen Zeit vertraue ich darauf, daß dadurch für viele offensichtlich wurde, daß die Frau Kommissarin nicht korrekt ist. Dieses Vorgehen ist nicht korrekt. Wir sind um korrekten Dialog mit der Komission bemüht. Wenn man so etwas sieht, kann man nur hilflos den Kopf schütteln (wörtlich: die Arme ausbreiten), daß auch das Europa ist.”

*

Zur Übersetzung des Zitats

Original: Ottó Gajdics: „Nézőink nagyon kritikusak. Azt írják, hogy „egy arrogáns, pökhendi hárpia” megpróbálta Önt megalázni, vérig sérteni, meghazudtolni.“

Hier in drei Variationen durch professionelle Übersetzer:

„Diese holländische Politikerin ist ein arroganter, anmaßender Drachen. Sie hat versucht, Sie zu demütigen, bis aufs Blut zu beleidigen und Lügen zu strafen.“ (Bundesdeutsche Variante, Übersetzung N.N., Literaturübersetzer)

„Diese holländische Politikerin, eine arrogante, anmaßende Beißzange, versuchte, Sie zu erniedrigen, bis auf Blut zu beleidigen, Lügen zu strafen.“ (Österreichische Variante, Übersetzung N.N.2, Literaturübersetzer)

„Diese holländische Politikerin, eine arrogante, anmaßende Harpie, hat versucht, Sie zu erniedrigen, bis aufs Blut zu beleidigen, Lügen zu strafen.“ (Wörtliche Variante, N.N.3, Journalist, Übersetzer)

Englische Version, Hungarian Spectrum: „Gajdics (…) called Neelie Kroes „an arrogant, insolent harpy“.“

7 Kommentare leave one →
  1. Judith B. permalink
    17. Februar 2012 06:59

    In Ungarn liegen die Nerven blank, aus dem politischen Zündeln kann sehr schnell ein unkontrollierter Flächenbrand entstehen. Die Situation ist hoch explosiv .

  2. g.stillt permalink
    17. Februar 2012 11:24

    wenn ich navracsics‘ aussagen bezgl der jahresauftaktrede orban’s richtig verstanden habe (bin kein muttersprachler – also fremdherzig?), fehlten ihm in derselben, aussagen zu europa. aussagen zu einem europa, mit dem sich auch die heutige fidesz-partei identifizieren könnte. dies könnte wiederum anknüpfpunkt zur versachlichung der diskussion sein.

    nur leider lässt sich aus sachlichen debatten weniger politisches kapital schlagen.

    polemische äusserungen sind einträglicher.

    • grosse berta permalink
      22. Februar 2012 16:34

      Die Diskussionen in EP über Ungarn könnte man schwer als sachlich bezeichnen. Diese Debatten nehmen politisches Kapital aufs Blatt. Und das alles zu unseren Kosten!

  3. Karl Pfeifer permalink
    17. Februar 2012 15:24

    g.stillt, man muß nicht Ungarisch perfekt zu beherrschen, um draufzukommen, dass Navracsics kein Benehmen hat. Er distanziert sich nicht sofort im Interview von einer unqualifizierten Beleidigung einer EU-Kommissarin und beweist damit kein „úriember“ zu sein.

  4. g.stillt permalink
    17. Februar 2012 19:47

    herr pfeifer, wie schätzen sie eigtl herrn kerényi ein?

    http://www.echotv.hu/videotar.html?mm_id=148&v_id=12156

    nach wie vor bin ich erschrocken – habe ich doch gedacht, dass jmd sich in diesem alter nicht mehr solchen aussagen hingibt…

    • pusztaranger permalink
      17. Februar 2012 20:43

      Danke für den Tip, ist in Arbeit.
      Die Bencsiks und Kerényi sind ein eingespieltes Team, das Design der illustrierten neuen Verfassung ist aus dem Hause Magyar Demokrata.
      Und der Kerényi gibt noch ganz Anderes von sich, bin leider noch nicht dazu gekommen.

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