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Unter dem Gefrierpunkt

29. Februar 2012

Nóra L. Ritók  ist Rektorin einer von einer Stiftung unterhaltenen Grundschule in Berettyóújfalu, in einer der ärmsten Regionen Ungarns. Die Schule mit künstlerischem Schwerpunkt hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kinder aus benachteiligten Familien, vor allem Roma-Kinder, mittels visueller Erziehung zu fördern. (Englischsprachige Seite der Schule hier. ) Ihr Blog, seit September 2009 auf fn.hu, ist seit Januar 2012 auf hvg.hu. Von dort stammt der folgende Post.

Unter dem Gefrierpunkt

von Nóra L. Ritók (Übersetzung N.N., Pusztaranger dankt.)
17.2.2012

Die Kälte lässt nicht nach. Es häufen sich die Situationen, die uns mit Entsetzen erfüllen. Mit denen wir kaum fertig werden. Heute konnten wir, dank unserer Unterstützer, wieder Holz verteilen. Es war notwendig. In dieser Woche wiesen viele Zeichen darauf hin, dass wir das Wochenende ohne Holz nicht abwarten können.

Die Straßen sind menschenleer. Alle ziehen sich in ihre Häuser zurück. Das Elend hier kann nicht einmal der frisch gefallene Schnee verdecken. Komisch, dass hier, obwohl es viele Kinder gibt, nirgends ein Schneemann oder Schlittenspuren zu sehen sind. Die Rückrufbitten per SMS brechen jeden Rekord, die erste kam heute kurz nach sechs. Ich zucke zusammen. Man hat Angst, zurückzurufen.

Es ist jetzt schwer, sehr schwer. Zuerst, weil mehrere Schulen wegen der Kälte für mehrere Tage geschlossen hatten. Was für die Kinder bedeutet, dass sie zu Hause bleiben müssen. Zu Hause aber brauchen sie Wärme und Essen. Als dann die Schule wieder losging, versagten die Schuhe vieler Kinder im Schnee ihren Dienst. Es ist lange her, dass es bei uns so etwas gegeben hat, dass Kinder zu Hause bleiben, weil sie keine Schuhe haben. Jetzt kommt es vor. Wir haben ihnen Stiefel gebracht, Reißverschlüsse repariert. Auch einige Erwachsene baten um Schuhe. Mangels Besserem zogen sie sich Plastiktüten über die Füße und steckten sie so in die Halbschuhe. Vielleicht hält es so länger und sie weichen nicht durch. Denn jetzt hat der Arbeitsdienst begonnen, die Glücklicheren können Schnee schippen gehen. Und es ist sehr kalt. Turnschuhe weichen schnell durch, die Sohlen lösen sich.

Auch diejenigen mussten in den Schnee hinaus, aus deren Familie schon jemand zum öffentlichen Beschäftigungsprogramm einberufen wurde. Sie mussten Holz suchen. Denn in den Häusern ist es, wenn kein Feuer gemacht wird, sehr schnell fürchterlich kalt. Die Kleider mehrerer Kinder riechen stark nach Rauch. Daher wissen wir schon, dass wir nachschauen müssen, denn zu Hause gibt es vermutlich ein Problem mit dem Ofen oder Ofenrohr.

Auch der Mann war hinausgegangen. Er schob sein Fahrrad, so wie er es gewöhnlich tut. Er hatte nur Zweige und Reisig gesammelt, auf den leeren Grundstücken, wo schon lange nur noch Akazien wachsen. Aber das darf er nicht. Die Polizei passt auf. Sie fotografiert, beschlagnahmt, bestraft. Derzeit mit 50.000 Forint (etwa 180 Euro). Von wovon er das bezahlen wird? Der Mann zuckt mit den Schultern. Dann sitzt er es eben ab. Bezahlen kann er das nicht. Es ist überflüssig, um eine Ratenzahlung zu bitten.

Der alte Mann kann nicht gehen. Wegen seiner Gehirnblutung bewegt er sich nur schwer. Erst nach langem Warten öffnet seine Frau die Tür, sie ist aus dem Bett aufgestanden. Denn anders können sie die Kälte nicht mehr aushalten. Nur zugedeckt, im dunklen und kalten Haus. Ich glaube, das Schicksal hat es so gewollt, dass wir im Dorf nachgefragt haben, ob es nicht alte Leute gibt, die lange nicht mehr gesehen wurden, die vielleicht kein Feuerholz haben. Beide liegen seit Tagen unter der Bettdecke, der Atem ist im Zimmer zu sehen. Neben dem längst ausgekühlten Ofen eine Handvoll klein gebrochenes Unkraut. Das ist alles an Heizmaterial, es lohnt die Mühe nicht. Schnelle Hilfe ist notwendig, denn auch zu Essen gibt es nichts. Ihre Rente bringt gewöhnlich ihr Sohn vorbei, aber im Januar ist er nicht gekommen. Mein Kollege ruft ihn an. Verlegene Ausflüchte, Versprechen.

Helfer aus dem Dorf bringen ihnen Holz. Heizen ein. Ich versuche, diejenigen zu benachrichtigen, die im Dorf auf die alten Menschen achten müssen. Deren Arbeit das ist. Aber schnell ist die Begründung gefunden. Von den Alten wird gesagt, wenn sie Geld haben, schauen sie gerne zu tief ins Glas. Ich versuche zu verstehen, was das mit dem drohenden Kältetod zu tun hat. Ich glaube, dasselbe wie bei den Obdachlosen. Wenn es um die geht, können nur wenige Menschen sich in erster Linie auf die Hilfe konzentrieren und machen sie lieber für ihre Situation verantwortlich.

Heute ist die Holzverteilung nicht so ungetrübt. Erstens, weil sie nicht verstehen, dass wir nicht jedem Holz geben können. Zuerst sind die Familien mit kleinen Kindern dran, dann die, die alleine leben, Kranke und Alte. Es ist brutal, diese Listen anzufertigen. Auch bei der Verteilung von Lebensmitteln. Zu versuchen abzuwägen. Denn irgendwo muss eine Grenze gezogen werden. Zum Schluss, wenn noch etwas bleibt, geben wir auch den jungen Menschen etwas, oder Familien, deren Kinder schon größer sind. Und denen, bei denen wir wissen, sie haben manchmal ein wenig Arbeit. Und dann geben wir nicht gerne denjenigen etwas, die vor Kurzem aus Rumänien einen Lastwagen voll Holz haben kommen lassen und es den Bedürftigen mit einem satten Profit verkauft haben. Denn die Lieferkosten sind hier ein Problem, das Feuerholz, das ins Dorf gebracht wird, ist sehr begehrt. Das nächste Holzlager ist fünf Kilometer entfernt, es lohnt sich nicht, zwei Doppelzentner liefern zu lassen, und für mehr ist kein Geld da. Und wir geben auch denjenigen nicht gerne etwas, die vor Kurzem ins Dorf zurückgekommen sind, ein undurchsichtiges Leben führen, mehrmals vorbestraft sind und nach knapp einem Monat schon Zinsen verlangen, mit 100% Zinsen Geld verleihen, da gab es schon Schlägereien, auch blutige, leider beobachtet der Polizist das nicht, eher das Reisig auf dem Fahrrad, das ist ja auch ungefährlicher. Sie also verstehen nur schwer, warum sie am Ende der Reihe stehen, warum wir ihnen nichts geben. Denn auch sie frieren.

Und auf der Ebene des Elends ist es schwer, denjenigen vernünftige Argumente begreiflich zu machen, die darin leben. So klauen die, die Angst haben, kein Holz zu bekommen, jetzt von denen, die welches bekommen. Die Ordnung ist schwer aufrechtzuerhalten, es gibt Geschrei, schließlich wurde alles Holz mitgenommen, jeder bekam etwas, manche schoben es im Mülleimer nach Hause, andere schleppten es in Säcken.

Das Wochenende ist geregelt. Und wir hoffen, die nächste Woche wird schon wärmer. Aber  nach einer solchen Woche denke ich viel darüber nach, welche wichtigen Erfahrungen die Situation hier den Entscheidungsträgern liefern könnte. Ich glaube, sie würden verstehen, dass wir die Grenze des Erträglichen schon lange hinter uns gelassen haben. Dass sie den Spielraum und die Möglichkeiten dieser Menschen bis ins Extreme eingeschränkt haben. Hier gibt es nur mehr Verbote und das „Nichts“. Der Satz „Selbst schuld, wenn du von dem, was du hast, nicht leben kannst“ lässt sich hier in keiner Weise deuten.

Und von hier aus kann keine Motivation zur Arbeit geschaffen werden. Hier zeichnet sich etwas anderes ab.


(Quelle: nyomorszeleblog.hvg.hu)

SPENDENKONTO (Quelle)

Name der Stiftung:  (Magyar) Igazgyöngy Alapítvány / AMI
Adresse: H-4100 Berettyóújfalu, József Attila u. 11.
Tel.: (00-36) 54-400-131, (00-36) 30-2996-143, (00-36) 30-2996-137
Fax: (00-36) 54-400-131
E-mail: postmaster(at)igazgyongy.axelero.net
IBAN: HU28-6090-0140-1708-4833-0000-0000
SWIFT/BIC: TAKBHUHB

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  1. Spickschen Ingolf, Rechtsanwalt, Ministerialrat im Ruhestand, Schaperstr. 3, 38228 Salzgitter permalink
    1. März 2012 09:15

    Als Deutscher, Jahrgang 1935, straeuben sich mir die Haare ob solcher menschenverachtender Behandlung von Roma – gleich, ob sie bei uns im Zuge von Abschiebungen in Länder praktiziert wird, welche die hier Geborenen und meist voll integrierten Roma und Sinti noch nie gesehen haben, oder in Ländern Ost-und Suedost-Europas; zum Glueck berichten einige deutsche Zeitungen wie die „Tageszeitung“ziemlich zeitnah über die Diskriminierung dieser Menschen,die teilweise in Vernichtungsaktionen übergeht.
    Ich frage mich schon lange, weshalb diesen Menschen, die im Dritten Reich Nazi-Deutschlands einer dem der juedischen Menschen Europas vergleichbaren eliminatorischen Verfolgung ausgesetzt waren, bei uns nicht dieselben Sonderrechte wie diesen eingeraeumt werden, insbesondere das Recht auf Einbuergerung wie den Immigranten aus der ehem. Sowjetunion.
    Zumindest sollte es Vorrangaufgabe aller zustaendigen EU- Institutionen sein, organisatorische und finanzielle Maßnahmen zu ergreifen bzw. in den betroffenen Mitgliedsstaaten durchzusetzen, um eine menschenwuerdige Behandlung von Roma- und Sinti – Minderheiten auf Dauer, also nachhaltig zu garantieren!
    Ich bin gern bereit, mich an entsprechenden Appellen/Petitionen an die Bundesregierung, die betroffenen EU – Länderregierungen und die EU – Kommission zu beteiligen und meinen Verwandten- und Freundeskreis miteinzubezeihen.

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