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„Die Anerkennung zur Kirche ist kein Recht, sondern eine Gnade“ + offener Brief

2. März 2012

Pester Lloyd: 66 Glaubensgruppen nicht als Kirchen anerkannt (29.2.)

Wie kürzlich berichtet, hat das zuständige Parlamentskomitee, neben den 14 „historischen“ Kirchen, 18 weiteren den Status einer Kirche nach dem neuen Kirchengesetz eingeräumt (…)
Nun wurde auch bekannt, dass 66 Antragstellern der „Kirchenstatus“ verweigert wurde, wegen zu geringer Mitgliederzahl, zu kurzer Aktivität oder „zu unklarem religiösen Profil“, Kriterien, die Ungarn bereits den Vorwurf einbrachten, die Religionsfreiheit einzuengen, zumal die Ablehnung nicht weiter begründet wird. Gleiches Recht für alle gilt jedenfalls nicht (…).
Unter den jetzt anerkannten Gruppen sind etliche christliche Sekten von den Adventisten bis zu den Zeugen Jehovas, aber auch zwei Glaubensgruppen des Islam und mehrere Buddhisten.

Und auch die Krischna-Sekte und die Heilsarmee. Eine der beiden muslimischen Gemeinden, die den nunmehr als Kirche anerkannten „Islamischen Rat Ungarns“ bilden, hat klare Verbindungen zu den ungarischen Rechtsextremen (NOL, siehe auch die Széklerrunen auf der Webseite.)

Dagegen wurde der methodistischen Gemeinde von Pastor Gábor Iványi – der vor Jahren die beiden ersten Kinder von Viktor Orbán taufte – der Kirchenstatus erneut verweigert. Sie betreibt seit 1993 ein Obdachlosenasyl mit Krankenhaus sowie einen Kindergarten und Grundschule (seit 2004, ca. 200 Kinder) und eine Fachschule, außerdem ist sie Träger der Wesley-Hochschule (seit 1991), die Sozialarbeiter ausbildet. Insgesamt schafft die Gemeinde nach eigenen Angaben etwa 800 Arbeitsplätze.

Durch die Aberkennung des Kirchenstatus sind die karitativen Einrichtungen der Gemeinde von der Schließung bedroht; der NDR sendete am 29.2. einen eigenen Bericht dazu (empfohlen):

NDR: Die Ungarn verarmen. Auch die Ungarn kämpfen mit der Krise, die Mittelschicht verarmt. Der Staat verschärft die Situation, indem er Hilfsorganisationen die Unterstützung entzieht.

Pastor Gábor Iványi ist ein bekannter Kritiker der Orbán-Regierung, bei den Großprotesten gegen die Regierung tritt er als Redner auf. Er war Parlamentsabgeordneter der (mittlerweile bedeutungslosen) liberalen Partei SZDSZ; zudem war er einer der ersten ungarischen Geistlichen überhaupt, der gegen den zunehmenden Rechtsextremismus in Ungarn Stellung bezog (im Gegensatz zu seinen calvinistischen, katholischen und evangelischen KollegInnen, die Jobbiks Adventkreuze segnen); und er engagiert sich sehr für die Roma. Von den ungarischen Rechten und Rechtsextremen wird er in erster Linie als lästiger politischer Akteur wahrgenommen, der für sein Engagement nicht auch noch staatlich gefördert werden soll.

Die Begründung für die erneute Ablehnung fiel folgendermaßen aus:

„Die Anerkennung zur Kirche ist kein Recht, sondern eine Gnade“, erklärter Tamás Lukacs (KDNP), der Vorsitzende des zuständigen Parlamentsausschusses, „auch dann nicht, wenn sie den gesetzlichen Vorschriften entsprechen.“ (s.z.B. fn.hir24.hu, Népszava).

Später begründete Lukács die Ablehnung damit, Gábor Iványis Gemeinde entspräche nicht den gesetzlichen Kriterien, nämlich, „die authentische Vertreterin einer großen Weltreligion in Ungarn zu sein“. (OS.MTI) Eine andere methodistische Kirche wurde nämlich in dieser zweiten Runde anerkannt.

Noch deutlicher wird der politische Hintergrund der Entscheidung im NDR-Bericht. Lukács dort über Iványi:

„Warum denkt er, daß wir seine Einrichtung weiter finanzieren? Nur weil die Vorgängerregierung, der er politisch nahestand, ihm öffentliche Gelder gegeben hat? Denkt er, das ist Religionsausübung? Man muss sich entscheiden, ob man sich lieber mit dem Glauben oder der Politik beschäftigt.“ (ab 5:29)

Bilder aus den guten alten Zeiten, Iványi rechts:

Kommentar auf Facebook: „Arme Queen, wenn sie gewusst hätte, dass die Kirche, deren Obdachlosenunterkunft sie da gerade einweiht, gar nicht existiert.“

(Einweihung des Obdachlosenasyls in der Dankó u. am 5. Mai 1993. Fotos: Facebook-Seite der Gemeinde.)

OFFENER BRIEF AN DIE OBERHÄUPTER DER ANERKANNTEN KIRCHEN

Bereits im August 2011 protestierten ehemalige ungarische Dissidenten gegen das Kirchengesetz der Orbán-Regierung:
Euractiv: Trennung von Staat und Religion aufgehoben? Protestbrief gegen Kirchengesetz in Ungarn , siehe auch iprotest.hu.

In einem aktuellen offenen Brief wenden sie sich an die Oberhäupter der anerkannten Kirchen in Ungarn, hier im Volltext.

*

An open letter to leaders of the recognized churches of Hungary, written by members of the erstwhile anti-communist dissident movement

29 February 2012 Budapest

Before the change of regime in 1989,  members of the democratic opposition movement, believers and non-believers alike, when raising their voices against human rights violations by the communist authorities, stood firmly by the religious communities that were restricted in practicing their beliefs on political grounds. By contrast, the leaders of churches recognized by the communist state kept silent, possibly under pressure to do so.

Just  as in the communist times, the new church law, which will take effect  on March 1 this year,  will exclude from church status a good hundred congregations and impose tight restrictions on their religious rights, all the while humiliating their believers, destroying their schools, and depriving the  needy of the services provided by their charities.

Today, too, we speak out against this arbitrary, overtly political discrimination. Our protest would be unnecessary if the recognized churches were not, similar to the past,  remaining silent.

May we ask, therefore, the leaders of churches granted privileges by the new law to regard it as their obligation to stand by those whom this new law will turn into religious outlaws? May we request that they find a platform, based on religious, legal, human rights, humanitarian or any other foundation, to protest against political discrimination? How can they teach their congregations in good conscience when they themselves abandon moral responsibility for worldly calculations?

Surely they are not misled by the clause in the Fundamental Law of Hungary which professes religious freedom for all. This guarantee is as false as it was in the communist constitution, since then, too, it was the ruling party that decided which churches were to be recognized. And, just as today, there existed no legal remedy to change the decision of the party.

Among the many churches that are discriminated against are the Methodist, Charismatic, Evangelical, Adventist, Reform Jewish, and Buddhist. The best example  of  this arbitrariness sanctified by law is the predicament of the Hungarian Evangelical Fellowship.

Similar to other outlawed churches, the Fellowship maintains an educational and charity network. Having established a theological college even before 1989, it  assists thousands of children, homeless and elderly people who live in abject poverty.

Its leading pastor, Gábor Iványi, already served his congregation in the face of persecution by the communist authorities. Incidentally, the first children of the present prime minister were baptized by Gábor Iványi, and it was he who was asked to speak at the funeral of the father of László Kövér, the current Speaker of the House.

The question arises: Is it still necessary for church leaders to pander to the whims of those in power? Why do they tacitly accept that Gábor Iványi has become persona non grata and his church deprived of its rights simply because he opposes the  criminalization of the homeless in the streets and, in defense of human rights, speaks out against any form of social injustice and inhuman treatment?

We sincerely hope that the leaders of recognized churches are aware that this clearly anti-constitutional new law will be too short-lived to favor them in the long term. Otherwise, it will push them into the same dependence that they suffered from so severely before 1989.

Attila Ara-Kovács, journalist, former diplomat
György Dalos, writer
Gábor Demszky, former Mayor of Budapest
Miklós Haraszti, former OSCE Representative on Freedom of the Media
Róza Hodosán, former MP
János Kenedi, historian
György Konrád, writer
Ferenc Kőszeg, founding President of the Hungarian Helsinki Committee
Bálint Magyar, former Minister of Education
Imre Mécs, former MP
Sándor Radnóti, philosopher
László Rajk, architect
Sándor Szilágyi, writer on photography

3 Kommentare leave one →
  1. Judith B. permalink
    3. März 2012 17:29

    http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/weltbilder/media/weltbilder2137.html

  2. 11. März 2013 14:18

    hallo liebe Leute,

    ich habe hier im TV vor ein paar Wochen einen Beitrag gesehen, der sagte, dass mittlerweile dem Gabor Ivanyi nicht nur die Gelder für seine Obdachlosenarbeit gestrichen wurden, sondern auch dass er vor Gericht soll dafür, während die Ungarische Regierung für die wachsenden Zahl der Obdachlosen eigene Zuchtheime bauen will, wo diese repressive Erziehungsmaßnahmen über sich ergehen lassen sollen. Ist das so und wenn ja: gibt es eine direkte Solidaritätsgruppe und Kontakt zu ihm: Wir wollen am 19,.03.2013 ev. in Berlin auf einer Demonstration zum internationalen Tag der sozialen Arbeit gerne eine Solidaritätsaktion für ihn machen und dazu währe das gut.

    Gruß aus Berlin

    Ruth

    • pusztaranger permalink
      15. März 2013 20:15

      Tolle Sache, versucht’s am Besten über die Wesley-Hochschule für Sozialarbeit, die er leitet, Tel. 0036-1- 577-0500 https://www.facebook.com/wesleyfoiskola, und/oder seine Obdachlosenhilfe, oltalom[at]oltalom.hu

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