Zum Inhalt springen

Völkisches Kino der 1930er auf dem Budapester Frühlingsfestival

25. März 2012

Das Budapester Frühlingsfestival wurde dieses Jahr mit Bartok und Kodály eröffnet, gefolgt von einer Uraufführung, der Hortobágy-Suite von László Lajtha (1892  –  1963). Der lange in Vergessenheit geratene Komponist soll laut Medienberichten nun auch international rehabilitiert werden. Anläßlich seines 120. Geburtstages wurde das 1936 als Filmmusik für den Film “Hortobágy” von Georg Höllering entstandene Werk zusammen mit Filmausschnitten erstmals live aufgeführt.
Die Kritik äußerte sich positiv:

“Lajthas Musik ist beschwingt, frisch, heiter, dynamisch und kraftvoll. Nicht folkloristisch, aber die Wurzeln aus der Volksmusik scheinen durch, (…) die Kraft der Puszta, die Reinheit und Ausgeliefertheit des Pusztavolkes. Das Rauschen des Baches klingt in dieser Musik mit, aber auch die (…) Rätsel der Pusztaidylle, und am Ende des Filmes herzzerreißender Schmerz. Was das Ungarntum, was die Freiheit ist, wird jeder spüren, der László Lajthas Musik hört. (Kulturportal kultura.hu)

Diese Auftragsmusik ist nicht Lajthas einziges Werk, er hat mehrere Symphonien hinterlassen, im Rahmen des Festivals eigentlich die naheliegendere Wahl. Aber offenbar war hier der Film als besondere Attraktion vorgesehen.

Im Programmtext  wird er als authentische, realistische Darstellung der Menschen in der Puszta angekündigt, ein

“soziographisch treue(r) Film mit dokumentarischen Mitteln, der in den 30er Jahren als bahnbrechend zählte (…) Über das Schicksal dieser Familie stellt der aus der Reihe der ungarischen Spielfilme herausragende Streifen eine schwindende Welt dar. Hoellerings Film „ist ein authentisches Dokument über das Leben der ungarischen Puszta, über die dort lebenden Menschen“, schreibt einer der Filmkritiker.

Laut gramofon.hu kann der Film

“als Vorläufer des Cinéma verité betrachtet werden (französische Kunstrichtung der 1960er Jahre, die sich um die Darstellung des wirklichen Lebens bemüht, d. Red.)  (…) Der Kulturhistoriker István Nemeskürty schrieb 1982 : „Hortobágy ist ein ausgezeichnetes Beispiel des dokumentarischen Realismus.”

Der Film (Video unten) ist so authentisch und realistisch, wie ein nach einer literarischen Vorlage (“Der Klopphengst” von Zsigmond Móricz) von einem österreichischen Regisseur mit ungarischen Laiendarstellern inszenierter Kunstfilm der Horthyzeit eben sein kann. Umso befremdlicher, ihn in diesem Rahmen ohne jede Kontextualisierung präsentiert zu bekommen.

Zensierte Traumheimat ohne Moderne

In diesem Rahmen konnte nicht der ganze anderthalbstündige Film gezeigt werden; laut Festivalseite erklang im Konzert “die Suite-Version des Werkes aus sechs Sätzen. Die Originalsätze und die Filmausschnitte sind im Sinne (ungarische Version: im Geiste) des ursprünglichen Films verknüpft.” Es fand also eine Auswahl statt; von wem und unter welchen Gesichtspunkten sie vorgenommen wurde, ist nicht bekannt. Und durch die massive Kürzung der Musik von 21 auf 6 Sätze wurde der Film auch inhaltlich beschnitten. Dieser Kritiker hat Folgendes gesehen:

“Die Suite ist (…) eine Art “Vier Jahreszeiten” der ungarischen Puszta. (Die Hirten) schlafen, wachen auf, galoppieren mit ihrer Herde, der Sturm bricht aus etc.” (momus.hu)

Dieser verkürzte Eindruck ist Resultat der inhaltlichen Editierung des Filmmaterials; tatsächlich hat dieser “authentisch” inszenierte Kunstfilm auch eine zentrale moderne Komponente, er ist um das Gegensatzpaar “Tradition – Fortschritt”, “Pferd – Maschine” konstruiert. So ist neben den Hirten mit den Pferden immer wieder die Maschine präsent, deren Modernität mit filmischen Mitteln genauso symbolisch überhöht wird wie das archaisch anmutende Leben der Hirten. Der einführende Text am Anfang des Filmes lautet:

“Seit tausend Jahren lebt der Ungar im Becken der ungarischen Tiefebene. Der Kranz der Berge stand in der Ferne Wache, und über Jahrhunderte hinweg lebte das ungarische Volk stolz in seiner urtümlichen Lebensweise: Jagd, Fischerei und Viehzucht. Die Natur, mit der es zusammenlebte, schmiedete es zu einem edlen Volk von hoher Kultur zusammen (magas kultúrájú úrinép). Im letzten (Anm.: 19.) Jahrhundert siegte die Landwirtschaft endgültig über die urtümliche Lebensweise. Nur hier und dort blieb in der unendlichen Ebene ein Flecken im Urzustand übrig. Heute bricht auch die letzten Grenzen der Traktor auf. Ein Märchen von tausend Jahren: das ist UNGARN.”

Gleich am Anfang wird der Lebensraum der Hirten gegen das moderne Maschinenzeitalter verteidigt, das es bedroht: Pferdehirt Cinege droht dem Maschinisten, der mit dem Traktor auf sein Weideland gefahren ist, mit der Autorität eines archaischen Stammesfürsten, ihn mit Gewalt von seinem Land zu jagen (6.30).

Sein Sohn Jancsi soll ebenfalls Pferdehirte werden, doch er interessiert sich mehr für die moderne Technik. Als er sein Fahrrad repariert, statt seinen Pflichten nachzukommen, zerstört der Vater – wiederum mit der Autorität eines archaischen Stammesfürsten – das Fahrrad (ab 25:55):


Jancsi hat sein Fahrrad repariert.
Vater:  “He, Jancsi! Dein gottverdammtes Fahrrad.”

Er reitet mit dem Pferd darüber und zerstört es.


Jancsi:  “Ich habe drei Jahre dafür gespart.”
Vater: “Ein Pferdehirt braucht kein Fahrrad. (Spuckt aus.) Alle sind schon mit den Tieren zum Markt unterwegs, nur du spielst hier mit dieser verdammten Maschine (sic) herum.”


In der folgenden Sequenz sind das Pferd und der Motor der Wasserpumpe gegeneinandergeschnitten, der viel mehr leistet als zwei Männer am traditionellen Ziehbrunnen – Jancsi im inneren Zwiespalt, für welche Lebensweise er sich entscheiden soll.
Er widersetzt sich dem Vater, reitet nicht auf den Markt, sondern gibt einem anderen Hirten seine Pferdepeitsche (“die brauche ich nicht mehr”).

Er schleppt das Fahrradwrack mit dem Pferd zu seinem Freund, dem Maschinisten. Dieser verspricht, bei seinem Vater ein gutes Wort für ihn einzulegen.

Am Ende steht Jancsi in einem neuen Dienstverhältnis zur moderneren Vaterfigur des Maschinisten und beweist Sachverstand und Motivation:
(1:15.27) Maschinist: “Jetzt gehörst auch du schon zur Maschine.”
Jancsi: “Ich werde mich immer bemühen, dem Herrn Maschinisten und der Maschine zu (unverständlich).”
Maschinist: “Es ist gut, Jancsi.”

Die im Untergang begriffene Welt der Hirten wird damit ganz klar der von der modernen Technik dominierten Welt der Gegenwart (Maschinist) und Zukunft (Jancsi) gegenübergestellt – das  “edle Kulturvolk der Magyaren” hat seine Wurzeln in einem mythisch verklärten Reiter- und Hirtenleben, das seit dem 19. Jahrhundert eigentlich beendet ist, und das Pferd der Gegenwart ist der Traktor, die Zukunft gehört der Jugend und der Maschine. Das künstlerisch konstruierte “authentische” Hirtenleben war schon 1936 keine Realität mehr.

Ein Lajtha-Rezensent schreibt in anderen Zusammenhängen von

“(…) rührend hilflosen, halluzinatorischen Beschwörungen des guten alten Ungarn mit Zymbal und Ziehbrunnen – einer Traumheimat, die es genauso wenig je gegeben hat wie irgendein anderes Paradies.” Kultiversum.de: Der geheimnisvolle Dritte. Ungarns verdrängter Großmeister László Lajtha.

“Authentische” Staatskunst beschwört glorreiche Vergangenheit

In der im Eröffnungskonzert gezeigten Version wurde dieser moderne Aspekt des Films ausgelassen, die Aussage konzentrierte sich ganz auf die Beschwörung der als “authentisch” präsentierten Traumheimat der 1930er Jahre. Das historische Filmmaterial wurde somit ganz klar für heutige Repräsentationsbedürfnisse in den Dienst genommen.

Diese Umgangsweise mit historischem Material ist bezeichnend für die Kulturpolitik der Orbán-Regierung; nach demselben Muster funktioniert auch die Ausstellung “Helden, Könige, Heilige” in der Nationalgalerie (noch bis August 201 zu sehen).

Dort werden die anläßlich des Milleniums 1896 ausgestellten Historiengemälde zur tausendjährigen Geschichte Ungarns nicht etwa in ihrem historischen Kontext präsentiert – wie man sich im 19. Jahrhundert die Geschichte vorstellte – , sondern als authentische Darstellungen, quasi gemalte “Fotos” einer glorreichen Vergangenheit, die sich der Ausstellungsbesucher durch das Betrachten neu vergegenwärtigen (englischer Programmtext: “relive”) soll. Das  zentrale Werk der Ausstellung, Munkácsys Monumentalgemälde “Landnahme” wird tatsächlich in einem eigenen abgedunkelten Raum wie eine moderne Kinoleinwand präsentiert.

(Rechts das edle Reitervolk der Magyaren unter Großfürst Árpád, Mitte und links die Slawen, die ihm als ihrem Herren huldigen. Mihály Munkácsy: Honfoglalás. Die Landnahme der Ungarn, 1893. Öl auf Leinwand, 459 x 1355 cm. Bild: Wiki)

Konzert als Staatsakt

Anders als im letzten Jahr war das Eröffnungskonzert quasi als Staatsakt konzipiert, in den Logen saßen Staatspräsident Pál Schmitt und Gattin, Anikó Lévai, die Gattin von Viktor Orbán, und mehrere Minister, so der Minister für Nationale Ressourcen Miklós Réthelyi, die Ministerin für Natio­nale Entwicklung Zsuzsanna Németh, sowie Staatssekretärin für Bildung Rózsa Hoffmann. Den Unterhaltungen im Publikum nach dominierten dort Fidesz-Bürgermeister aus der Provinz, man wähnte sich auf einer Parteiveranstaltung. Bei Konzertbesuchern, die nur wegen der Musik gekommen waren, löste der unerwartete offizielle Rahmen mit langen, ermüdenden Redebeiträgen in zwei Sprachen Irritation aus, doch noch mehr die Präsentation eines Filmes der Horthy-Zeit in Anwesenheit höchster ungarischer Staatsbeamter:

“Ich wusste nichts über diesen Film, habe ihn zum ersten Mal gesehen, aber mein Eindruck war, die zeigen hier Nazi-Ästhetik.” (John, 60, Tourist aus Baltimore)

“Ich dachte bisher, dass wir uns in Ungarn  in einem Zwischenstadium befinden. Keine hundertprozentige Demokratie mehr, aber auch noch keine wirkliche Diktatur. Seit diesem Abend habe ich das Gefühl, dass dieser Zwischenraum ein Stück kleiner geworden ist.” (Csilla aus Budapest, 57)

*

Der Film in der langen Version:

(PR dankt N.N. für den Tip.)

About these ads
7 Kommentare leave one →
  1. Klara Denken Permalink
    25. März 2012 18:16

    Landnahme: Demnach haben die Magyaren sich das Land genommen und es den anderen damit weggenommen? Ist das jemandem bewusst? Oder war das Land menschenleer? Wenn nein, was ist aus den Anderen geworden? Ruhmreich totgeschlagen?

    Was trägt dieser tausendjährige Stolz zur Lösung der heutigen Probleme bei?

    Lauter dumme Fragen?

    Vielleicht gehört das alles garnicht hierher.

  2. Wondercat Permalink
    26. März 2012 05:22

    As always, a thoughtful analysis that draws on and weaves together well threads from a variety of sources. Thank you. (Und bitte verzeih, dass ich vor meiner ersten Morgentasse Kaffee englisch schreibe, mir fehlen noch die Kraefte, einen vernuenftigen Satz deutsch zusammenzubasteln…)

  3. Judith B. Permalink
    26. März 2012 11:55

    Diese Regierung schafft es mit schlafwandlerischer Sicherheit genau den Eindruck zu vermitteln, den sie heftigst abstreitet.

  4. 27. März 2012 09:44

    slawische stämme waren zu zeiten der landnahme im karpatenbecken. die wurden assimiliert oder es wurde mit ihnen kooperiert. daß sie mit niemandem zusammenarbeiten können, haben ja die ungarn erst seit dem 19. jahrhundert. aus dieser zeit stammt auch die absolute ethnische überheblichkeit.

    • pusztaranger Permalink
      27. März 2012 10:34

      “daß sie mit niemandem zusammenarbeiten können, haben ja die ungarn erst seit dem 19. jahrhundert. aus dieser zeit stammt auch die absolute ethnische überheblichkeit.”

      So ist es. “Tausendjährige Geschichte”, “Leben im Karpatenbecken unter der Heiligen Krone” etc. ist alles 19. Jahrhundert. Und diesen Geist atmet auch die neue ungarische Verfassung, deren Prachtausgabe unter anderem auch mit den Bildern der hier erwähnten Ausstellung illustriert wurde. Fotos dazu bei Origo.

      • Klara Denken Permalink
        27. März 2012 20:46

        “Tausendjährige Geschichte”

        Das erste Wort des Filmes auf dem Eingangstrailer ist: ‘Ezeréve’.

        Ich bitte Euch ungarischen Freunde inständigst, dieses endlich als Unwort zu erklären.

      • pusztaranger Permalink
        31. März 2012 18:06

        Das Unwort ist Staatsdoktrin. Zufallsfund vom 23.3. auf der Seite des Staatspräsidenten (dort nach wie vor mit Doktortitel) zum Thema ungarisch-polnische Freundschaft: “Tausendjährige historische Wurzeln”. Hier nochmal auf Fidesz.hu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 131 Followern an

%d Bloggern gefällt das: