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Akkreditierte Roma-Journalisten aus dem Parlament ausgeschlossen

26. März 2012

Am 14.3.2012 wurde dem Maler István Szentandrássy der Kossuth-Preis verliehen, die höchste staatliche Auszeichnung für Kunst und Kultur in Ungarn. Szentandrássy ist Roma, er stellte bereits im Roma-Pavillon der Biennale Venedig aus.


(Bild: Index)

Das Romaportal sosinet.hu wollte von der Preisverleihung im Parlament berichten: „Es ist uns wichtig, positive Beispiele zu zeigen, wir sind sehr stolz auf ihn.“

Obwohl sich das Team von Sosinet im Voraus ordnungsgemäß akkreditiert hatte, wurde ihm nach einstündigem Warten und etlichen Telefonaten von einem Mitarbeiter der Presseabteilung des Parlaments der Zutritt mit der Begründung verwehrt, ein Organ diesen Namens existiere nicht.

Ein Mitarbeiter des Staatssekretariats für Kommunikation im Ministerium für öffentliche Verwaltung und Justiz sagte den Journalisten später, die Führung habe es sich in letzter Minute anders überlegt, und dagegen sei nichts zu machen.

Sosinet.hu gibt es seit drei Jahren, es wird vom Unabhängigen Medienzentrum (Független Médiaközpont) herausgegeben und ist bei der Medienbehörde unter der Nummer 2223 registriert.

Der Ungarische Journalistenverband (MÚOSZ) protestierte gegen diese Diskriminierung und sprach von einem schweren Angriff auf die Pressefreiheit.

István Szentandrássy selbst nahm den Vorfall mit Bestürzung zur Kenntnis. Sosinet ist für ihn eines der wichtigsten Informationsportale für Roma, und er hatte auf der Preisverleihung fest mit dem Team gerechnet. Wenn er rechtzeitig davon erfahren hätte, sagte er, hätte er alles getan, um das Missverständnis zu klären.

Quellen: Sosinet 14.3.2012, Sosinet 23.3.2012, Index, Népszava, Népszava, 168ora, hir24.

Video: Sosinet auf der Gardevereidigung: Ab nach Auschwitz!

Für ein nicht existentes Medium macht das Portal Sosinet.hu hervorragende Beiträge, hier ein aktuelles Video zur Gardevereidigung auf dem Budapester Heldenplatz am 17.3.2012, übernommen von nolTV.

Hintergrund: Am 17.3. fand auf dem Heldenplatz eine Vereidigung der Ungarischen Garde statt. Diese hat sich nach ihrem Verbot in mehrere Nachfolgeorganisationen aufgespalten, die unter anderen Namen als “Kulturvereine” weiter aktiv sind. In diesem Fall handelte es sich um die sogenannte “Ungarische Nationale Garde”.
Die Veranstaltung wurde ursprünglich von der Polizei verboten; der nach wie vor sehr aktive Jobbik-Rechtshilfedienst, der die Mitglieder der verbotenen Ungarischen Garde vertritt, liess dieses Verbot gerichtlich überprüfen, es wurde vom Gericht für ungültig erklärt. Die Teilnehmer marschierten nicht in Formation auf, was den Straftatsbestand des Landfriedensbruchs erfüllt hätte, sondern hielten ihre Vereidigung im Sitzen und auf den Knien ab. Somit gab es für die Polizei keinen Grund einzuschreiten. Siehe Post vom 22.3.

2:46 Aladár Horváth, Vorsitzender der Initiative „Roma Bürgerrechtsbewegung“: „Die kanadischen Behörden berufen sich darauf, dass in Ungarn Straftaten in Uniform (egyenruhás bûnôzés) verboten sind, und die Behörden hart dagegen vorgehen. (Anm.: siehe Pester Lloyd: Roma aus Ungarn „belasten“ Beziehungen mit Kanada ) Hier haben wir einen Beweis, dass die Ungarische Garde umsonst verboten wurde, sie haben einfach ihren Namen geändert und „national“ hinzugefügt, und schon konnten sie wieder eine Mitgliedervereidigung abhalten, die ungarischen Behörden oder das ungarische Gericht hat ihr Erscheinen demonstrativ erlaubt.“

3:12 Frau, Männer: „Der Zug fährt ab!“ (Anm.: Gemeint ist in diesem Kontext der Transport nach Auschwitz.)
Mann: „Ja, der Zug nach Tel Aviv fährt ab.“ (Gelächter)
Mann: „Packt eure Koffer, Leute,“
Frau: „So ist es, ihr könnt packen,“
Mann: „Ihr fahrt schon bald ab.“
Frau: „Ich bin die Erste, die euch in die Waggons einsperrt,“
Mann: „Akos Kertész wartet schon auf euch.“ (Anm.: Siehe z.B. Tagesspiegel:
Ungarischer Autor Akos Kertesz bittet Kanada um Asyl, 4.3.)
Mann: „Ab nach Kanada!“

3:47 János Daróczi Joka  (1993-2011 Journalist beim öffentlich-rechtlichen ungarischen Fernsehen, bis 2011 Redakteur der Minderheitenredaktion, von der Entlassungswelle betroffen):
„Es macht auf jeden Fall Angst, nicht nur den Roma, sondern jedem ehrlichen, vernünftig denkenden Menschen. Das darf man nicht nur in die Sprache der alltäglichen Ängste übersetzen, sondern es erzeugt auch langfristige Ängste in den Menschen, auch für die Wirtschaft, was wir heute hier gesehen haben. Unter anderem wurde auch mir heute gesagt, ich bin Zigeuner und kein Ungar und soll aus dem Land verschwinden, genau dasselbe sagen sie auch den Juden, „der Zug kommt“, wir sollen in den Zug steigen, wir sollen packen – das heisst, sie wollen uns aus dem Land vertreiben. Und sie sagen von sich, dass sie keine Rassisten sind.“

4:28 Frau: „…diese Zigeuner, und es soll keine Zigeunerkriminalität geben? Es gibt sie. Und auch Judenkriminalität (sic). Das kannst du ruhig aufnehmen.“
Mann: „Wir sind Ungarn, wir können nirgendwohin, wir haben kein anderes Land.“ (Lies: Israel)
4:45 János Daróczi Joka : „Mit dieser Situation muss Europa sich auseinandersetzen, und auch Kanada,und die heutigen Politiker müssen darauf Antwort geben, wie sie diese Frage lösen wollen.“

2 Kommentare leave one →
  1. Karl Pfeifer permalink
    27. März 2012 06:15

    Lieber Herr Pusztaranger, danke für diesen Beitrag.
    Das offizielle Ungarn, seine Lohnschreiber, seine Apologeten leugnen, dass es aggressive Romafeindlichkeit gibt und kommen mit dem großen Romaprogramm von Staatssekretär Balogh. Und natürlich mit den Alibiroma von Fidesz, die bestätigen, alles ist paletti.
    Das diesem Romaprogramm durch die Sozialpolitik der Fidesz-KDNP Regierung ad absurdum geführt wird, das weiß man in Ungarn. Im Ausland aber glaubt man mit solchen Deklarationen und Deklamationen Sand in die Augen streuen zu können.
    Sie leugnen auch den aggressiven Antisemitismus. Dem wird die Tatsache eines blühenden jüdischen Kulturlebens entgegengestellt, die Tatsache, dass Fideszpolitiker an jüdischen Events teilnehmen u. verschiedene vom Steuerzahler finanzierte Veranstaltungen. Dann gibt es noch Alibijuden und Alibijüdinnen, die bestätigen, alles ist paletti.
    Orbán und Fidesz sind verantwortlich, für die Abhaltung dieser neopfeilkreuzlerischen Zusammenrottungen. Denn nirgendwo sonst in der EU ist sowas möglich.
    Dazu einen frischen Eindruck. Gestern ging ich zu einer Veranstaltung des Kreisky-Forums in Wien und stellte eine Frage an Péter Kreko über die Verbindungen einer völkischen Fidesz und einer neopfeilkreuzlerischen Jobbik. Neo hat er überhört und belehrte das Publikum, dass Jobbik nicht pfeilkreuzlerisch sei, wie die Partei, von der ich irrtümlicherweise glaubte, sie sei 1945 auf den Misthaufen gelangt. Und Fidesz sei natürlich nicht völkisch. Wenn ich von einer völkischen Fidesz spreche, dann meine ich nicht die Eigendarstellung von Fidesz, sondern ihre praktische Politik der Zusammenarbeit mit Jobbik und wie sie die Forderungen von Jobbik erfüllt.
    Das hat dann auch Krekó zugegeben, die Politik von Fidesz, Jobbik den Wind aus den Segeln hat Jobbik nur genützt und bestärkt.
    In diesem Sinne herzlichen Dank für diese hervorragende Dokumentation.

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  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Roma-Journalisten ausgesperrt

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