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Plagiatsaffäre Schmitt: Uni erkennt Doktortitel ab (+Presseschau 28./29.3.2012)

29. März 2012

Kurzversion: Der Senat der Semmelweis Universität hat Staatspräsident Pál Schmitt mit 33:4 Stimmen den Doktortitel aberkannt. (Index)

Außerdem wurde heute ein weiterer ungarischer Präsident demontiert:  Die Statue von Graf Károlyi, dem ersten demokratischen Staatspräsidenten Ungarns, wurde heute morgen abgebaut. Die Rechten und Rechtsextremen geben Károly die Schuld an Trianon. Der Kossuth tér am Parlament soll bis 2014 baulich auf den Zustand von 1944 „rekonstruiert“ werden.

Ungarns zwei Präsidenten:

(NOL)

Presseschau:

(neuste oben)

Standard: Plagiat: Präsident Schmitt verliert seinen Doktortitel. Ruf nach Rücktritt wird lauter.

Die Presse: Ungarn: Ein Präsident als Olympiasieger – im Abschreiben: 94,6 Prozent abgeschrieben

„Note 5 Jetzt hat auch Ungarn seinen Plagiatsskandal: Staatspräsident Pal Schmitt hat seine Sport-Doktorarbeit in weiten Teilen abgeschrieben. Das befand eine Überprüfungskommission der Budapester Uni. Schuld daran seien allerdings die Doktorväter, denen das nicht aufgefallen sei, meinen die Prüfer. Der Vorsitzende der Prüfkommission ist übrigens inzwischen Vizechef des Olympischen Komitees – dessen Ehrenvorsitzender Schmitt ist. Welch ein Zufall.“ Die Welt

„Die Regierungspartei Fidesz (Bund Junger Demokraten) hatte sich zwar bereits am Dienstag über ihre Sprecherin Gabriella Selmeczi voll hinter den umstrittenen, 2010 von der Fidesz-Mehrheit im Parlament gewählten Präsidenten gestellt. Zugleich hat sich Regierungschef Orban, dessen Wille am Ende ausschlaggebend sein dürfte, seit dem Bekanntwerden des Gutachtens nicht zu der Affäre geäußert.“ Plagiatsaffäre: Ungarns Präsident unter Druck  – Handelsblatt

„Die hohe Politik half schließlich der “ Kreativität“ der Kommission bei der Lösung des Dilemmas auf die Sprünge: Ihr Mitglied Miklós Tóth, der Dekan der sportwissenschaftichen Fakultät, wurde inmitten des Untersuchungsverfahrens als Vizepräsident in das Ungarische Olympische Komitee kooptiert.“ Ungarns Präsident sieht keinen Rücktrittsgrund – derStandard.at ›

Pester Lloyd: Professorenkollegium entzieht Präsident von Ungarn den Doktortitel

Pál Schmitt am 28.3.:
Sinngemäss: „Ich freue mich, dass in Ungarn die Demokratie funktioniert, dass es keinen Doppelstandard gibt, und hätte mir nur gewünscht, dass die Unschuldsvermutung für den Präsidenten genauso gilt wie für alle anderen. Die verwendete Literatur habe ich in der Bibliographie aufgeführt… nach bestem Wissen und Gewissen verfasst (mehrfach)… ich akzeptiere das Urteil des Ausschusses, fühle mich bestätigt… denke nicht an Rücktritt…“ etc.

Pál Schmitt auf Facebook zurückgetreten

Letzter Eintrag auf Pál Schmitts Facebook-Seite um 18.15, noch vor Bekanntgabe des Ergebnisses durch den Senat um 19.00 Uhr:  „In zehn Minuten wird die Seite abgeschaltet.“ Und so war es dann auch.

In den letzten 444 Kommentaren von heute war zumeist Schmitts Rücktritt  gefordert worden. (Hvg)

Regierungsnahe Presse macht Kehrtwendung

Noch am 27.3. nahm die regierungsnahe Heti Válasz einen kritischen Artikel von András Stumpf über die Stellungnahme der Kommission bereits nach kurzer Zeit vom Netz. (Er wird seither im Internet verbreitet; der Vorfall wird auf der Seite des Ungarischen Journalistenverbandes erwähnt.)

Laut Origo bekamen sämtliche Fidesz-Abgeordneten am 27.3. per SMS  Anweisung von der Fraktionsspitze, sich der Presse gegenüber nicht über die Plagiatsaffäre zu äußern (auch bei Hungarian Spectrum).

Regierungssprecher András Giró-Szász sagte heute Vormittag, die Regierung sei „von der Angelegenheit um die Doktorarbeit des Staatspräsidenten nicht betroffen.“ Angesprochen auf die Rolle von Viktor Orbán sagte er, der Ministerpräsident habe Schmitt „nicht in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident, sondern als Parteivorsitzender für den Posten des Staatsoberhauptes vorgeschlagen.“ (Heti Válasz, im Video hier (Ungarisch).

Heute sprach sich überraschend das Regierungsorgan Magyar Nemzet für Schmitts Rücktritt aus; seither wurden auch Stimmen für Schmitts Rücktritt laut, die sich bislang entschieden für Schmitt ausgesprochen hatten, so der konservative Batthyány-Kreis der Professoren. (hirszerzo)

StudentInnenproteste

AktivistInnen des Studentennetzwerks „Hallgatói Hálózat“ besetzten am 28.3. das Büro des Rektors der Semmelweis Universität, übernachteten auch dort und demonstrierten heute den ganzen Tag vor der Universität, um das Ergebnis der Senatssitzung abzuwarten.

(Facebook)

Karolyi-Statue abgebaut

Die Statue von Graf Károlyi, dem ersten demokratischen Staatspräsidenten Ungarns, ein Symbol der Republik, wurde heute morgen abgebaut. Für die Rechten und Rechtsextremen gilt Károlyi als Landesverräter, sie geben ihm die Schuld an Trianon. Die Statue ist seit Jahren Ziel rechtsextremer Aktionen; bereits Ende 2011 wurde von der Stadt Budapest auf Initiative von Jobbik ihre  Beleuchtung abgeschaltet – nicht aus etwa Kosten-, sondern explizit aus politischen Gründen, so Vizebürgermeister István György (Fidesz) in seiner Begründung (Index). Der Kossuth tér am Parlament soll bis 2014 baulich auf den Zustand von 1944 „rekonstruiert“ werden.

Das war einmal:

(hvg)

Zielscheibe der Rechtsextremen:

(Oszkár Juhász, Jobbik-Bürgermeister von Gyöngyöspata. Foto: Pester Lloyd)

„Ich bin Schuld an Trianon“ (Bild: Facebook)

In dieser Rolle ist Károlyi auch in der illustrierten Prachtausgabe der neuen Verfassung verewigt, auf dem 2011 dafür in Auftrag gegebenen Gemälde „Trianon“  von Tibor Kiss (rechts im Bild, mit Freimaurerzirkel):

(vgl. Post “Staatskunst ist auch Kunst”* – die letzten 150 Jahre der ungarischen Geschichte jetzt in zeitgenössischen Ölgemälden, 7. November 2011)

Anfang März Bauzaun und Kahlschlag:

(Gepnarancs)

Heute wurde die Statue endgültig abgesägt:


(Facebook)

Vorgeschichte:

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