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Plagiator Schmitt tritt nicht zurück: „Der ungarische Borat“

30. März 2012

„Schmitt, der ungarische Borat“, titelt heute Abend das Portal hirszerzô. Denn Staatspräsident Pál Schmitt ist als Plagiator entlarvt und hat seinen Doktortitel verloren, aber will nicht zurücktreten –  und noch schlimmer, begreift das Problem nicht. Dies wurde mehr als deutlich in seinem heute Abend auf allen öffentlich-rechtlichen Kanälen übertragenen Interview von heute Nachmittag.

Der Standard: Präsident tritt nicht zurück:

Pál Schmitt sieht plagiierte Doktorarbeit nicht als Hindernis für Verbleib im Amt
„Schmitt begründete seine Entscheidung damit, dass er keinen Zusammenhang zwischen seiner vor 20 Jahren geschriebenen Doktorarbeit und seinem Amt als Staatspräsident sieht.“

Abendblatt.de: Präsident Schmitt tritt trotz Plagiatsaffäre nicht zurück

Der ungarische Staatspräsident Pal Schmitt denkt trotz Plagiatsaffäre und Entzug des Doktortitels nicht an Rücktritt. „Mein Gewissen ist rein“, erklärte er am Freitagabend in einem Fernsehinterview. „Ich habe meine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben.“ Die Budapester Semmelweis-Universität für Medizinwissenschaften hatte Schmitt am Vortag den Doktortitel aberkannt. Eine Expertenkommission hatte festgestellt, dass er seine Dissertation aus dem Jahr 1992 fast gänzlich abgeschrieben hatte.
Der Senat, der die Entscheidung getroffen habe, habe ihn nicht einmal angehört, sagte der umstrittene Präsident. Er werde das akademische Urteil aber hinnehmen und es nicht vor Gericht anfechten. „Ich prozessiere nicht, sondern argumentiere“, sagte Schmitt.

Schon seit dem Nachmittag begann sich abzuzeichnen, dass Schmitt nicht zurücktreten würde. Der Budapester Fidesz-Oberbürgermeister István Tarlós ließ vernehmen, wer das Plagiat nach über zwanzig Jahren ausgegraben habe, um Schmitt zu schaden, habe dem Land damit mehr geschadet als Schmitt. (politics.hu)

Viktor Orbán sagte heute auf die Frage, ob Schmitt seines Amtes noch würdig sei, das Amt und die Person des Staatspräsidenten verkörperten die Einheit der Nation, und laut Verfassung sei der Staatspräsident unantastbar – nicht seine Entscheidungen, aber seine Person. (Video)


Foto: atv, Facebook

In den ersten vier Minuten der Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von 19.30 Uhr fiel vier Mal das Wort „unantastbar“, und ein Jurist wurde angeführt, der die Rechtmässigkeit der Aberkennung des Doktortitels anzweifelte – somit war endgütig klar, Schmitt würde nicht zurücktreten.

Im Interview, das dann anschliessend kurz vor 20.00 Uhr auf m1, m2, Duna TV, Duna World und vom Kossuth Rádió übertragen wurde, wurde deutlich, dass Schmitt sein Problem nicht einmal in Grundzügen begreift.


Einige Auszüge:
Zitiert nach Index:

„Er habe in der Arbeit den Bulgaren Georgiev als Quelle angegeben, den er auch persönlich gut gekannt habe, und damit habe er geglaubt, seinen Pflichten genüge getan zu haben.  Georgievs Name sei an erster Stelle angeführt, weil er von ihm am Meisten zitiert habe. (Anm.: Er sagt auch, Georgievs Arbeit wäre damals bereits „Allgemeingut“ gewesen.) Aber er habe auch andere Literatur benutzt. „Ich behaupte nicht, dass ich neue Werte produziert habe, aber für die Gesellschaft war die Arbeit wichtig.“ (…) Wenn ihm der Titel aberkannt werde, dann sei es eben so, “ aber ich habe Ausdauer, und werde mit 70 Jahren beweisen, dass ich fähig bin, eine Dissertation nach heutigen Kriterien zu schreiben. (…) Ich werde für meine Wahrheit eintreten.“

Zitiert nach Origo (in die 1. Person gebracht):

  • Die Menschen müssen spüren, dass ich das Grundgesetz vertrete/verkörpere (képviseli).
  • Ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich einmal Doktor werde. An der Sporthochschule (TF) habe ich Hilfestellungen bekommen, der Doktorvater und der Opponent führten mir die Feder, und keiner hat je gesagt, „mach mehr Anführungszeichen“ oder Ähnliches.
  • Es war eine ehrliche Arbeit („Mannesarbeit“)
  • Die Kommission hat gute Arbeit geleistet, die Arbeit über Monate geprüft, allerdings hat sie einige Fehler gefunden.
  • Ich verstehe nicht, wozu diese große Eile, ich hätte den Titel auch selbst zurückgegeben, weil ich ihn nie benutze, oder zumindest nicht so, dass mir ein Vorteil daraus entsteht.

Zitiert nach NOL (in der 1. Person):

  • Als Staatsoberhaupt bin ich froh, dass die Gesetze sich auf jedermann beziehen und es keinen doppelten Maßstab gibt.
  • Es geht hier um eine Frage der Ehre: Ich hatte nie die Absicht, das geistige Produkt eines anderen als das meinige zu deklarieren.
  • Damals, als man die Arbeiten noch mit der Schreibmaschine schrieb, war es Gewohnheitsrecht, die Quellen am Ende anzugeben.
  • Aus meinem Doktortitel zog ich weder materiellen noch moralischen Gewinn, ich gebrauchte ihn nur bei der Unterschrift.

*

Die Demonstranten vor dem Sándor-Palais hören die Übertragung mit Heiterkeitsausbrüchen an, hier im Video von Index.

*

Ein treffender Kommentar zu den Geschehnissen der letzten Tage ist auf diesem Blog zu finden.

Die Vorgeschichte auf diesem Blog:

2 Kommentare leave one →
  1. Minusio permalink
    30. März 2012 21:21

    Seine Unterschrift muss Schmitt ja nicht ändern. Er hat ja (laut Pester Lloyd) einen Ehrendoktor in Seoul bekommen – gerade rechtzeitig.

    Mich erstaunen all die Überraschten. Das Phänomen Schmitt ist absolut systemkonform. Das System wird zwar an die Wand gefahren, aber noch nicht gleich, kaum vor 2015.

    Autokratische Systeme zeichnen sich durch eine niedrige Personalfluktuation aus. Der Grund ist einfach: Alles hängt nur von dem Einen ab…

    Aber: Es ist ein Trauerspiel.

  2. Karl Pfeifer permalink
    31. März 2012 05:52

    Nein Minusio das ist kein Trauerspiel sondern eine Realsatire. Und schon ist die erste Satire in Ungarn publiziert worden.
    http://galamus.hu/index.php?option=com_content&view=article&id=128661

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