Skip to content

Pál Schmitts Rücktritt als Passionsgeschichte

3. April 2012

Herr, schmeiss Hirn vom Himmel.

Im regierungsnahen Magyar Hirlap war heute zu lesen, den Ausschlag für den Rücktritt von Ex-Staatspräsident Schmitt habe möglicherweise Gottes Botschaft an Schmitts Gattin gegeben. Diese ist derzeit fastend und betend auf dem neuen „Ungarischen Pilgerweg“ unterwegs, der durch das Pilis führt, das Herzchakra der Welt, wo die ersten ungarischen Könige gekrönt wurden. Dann doch lieber auf Gott hören als auf das Gezänk im Parlament, schreibt sinngemäss Kommentator Miklós Apáti. Aber es geht noch schräger:

Der Ortsverband der KDNP von Tatabánya zieht Parallelen zwischen Pál Schmitt und dem gekreuzigten Christus und sieht die Semmelweis-Universität als Pilatus, in diese Rolle gedrängt vom Ältestenrat der Juden, der Opposition im Parlament.  (Volltext siehe unten.)

Noch deutlichere Worte findet der langjährige Vorsitzende des „Verbandes christlicher Intellektueller“, Dr. Zoltán Osztie, Pfarrer der Budapester Innerstädtischen Pfarrkirche. Hinter den „unwürdigen, ungerechten  Angriffen auf Pál Schmitt und die ungarische Nation“ stehen für ihn unter anderem die „Anarchisten“ von MILLA, die im Auftrag „ausländischer Geldgeber“ die Nation von innen heraus untergraben  („Ausländisches Kapital“ für den „Inneren Feind“):

„Genug von den fremdherzigen Vaterlandsverrätern, die als Angehörige einer aggressiven Minderheit ihre Hasskampagne ungezügelt fortsetzen. Die Gesetze gegen Hassrede haben genau diejenigen verabschiedet, die am ungezügeltesten dagegen verstoßen. Durch all das können wir sie und ihre Absichten erkennen.“ (keesz.hu, NOL)

Das sind klare antisemitische Codes (vgl. auch Magyar Narancs). Die Tirade gegen die „Hassrede-Gesetze“ künden von der im völkischen Spektrum verbreiteten Überzeugung, von „Linksliberalen“ („Juden“) erlassene Gesetze gegen Antisemitismus und Rassismus diskriminierten automatisch die „bedrohte Minderheit der Magyaren“, und die „Verunglimpfung der Nation“ sei vergleichbar mit Antisemitismus und Holocaustleugnung und sollte ebenso sanktioniert werden, also Täter-Opfer-Umkehr. Da ist es beim Herrn Pfarrer auch zum Gottesmord nicht mehr weit.

Von seiner eigenen Partei verurteilt und gekreuzigt wird derzeit Botond Szalma, der Vorsitzende des Budapester KDNP-Ortsvereins. Er begrüßte in einer Erklärung am 29.3. (noch vor der Sitzung des Senats) die Aberkennung von Schmitts Doktortitel durch die Universität und forderte „die Politiker, die zur Vertuschung der Plagiatsaffäre Schmitt beigetragen“ hatten, auf, eine Entschuldigung oder den Rücktritt zu erwägen.

Am 31.3. (vor dem Rücktritt von Pál Schmitt) distanzierte sich die KDNP deswegen von Szalma, „seine Äußerungen der letzten Tage geben nicht die Meinung der Partei wieder und liegen im offenen Widerspruch zum offiziellen Standpunkt der KDNP.“  (Index)

Im Interview mit Olga Kálmán auf atv sagte Szalma am 31.3., Schmitt hätte zurücktreten sollen. (atv, origo)

Die Partei leitet deswegen ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein. (NOL, Mandiner)


(Bild: Népszava.com)

*

Stellungnahme für Pál Schmitt

(Quelle: Facebook, übernommen von Blog Képviselő Funky, Mandiner, NOL.  Übersetzung Kálmán Fehér und PR.

von Károly Turza, am Montag, 2. April 2012

Der Ortsverband der Christlich-Demokratischen Volkspartei KDNP sieht vor den Osterfeiertagen traurige Parallelen zwischen den unwürdigen Angriffen auf den Präsidenten der Republik Pál Schmitt und dem Karfreitagsurteil.

Besonders traurig ist, dass die Rolle des Pilatus von einer hoch angesehenen Institution des Landes, der Semmelweis-Universität, übernommen wurde, weil ja der Plagiatsvorwurf, aufgrund dessen die Schriftgelehrten Schmitts moralische Autorität untergraben wollten, längst widerlegt ist. Die Universität hat selbst erklärt: „dass ich keine Schuld an ihm finden kann“ (1), trotzdem hat sie dem Präsidenten den Doktortitel aberkannt. Und seine Richter haben Pilatus sogar übertroffen, denn während Jesus vor Pilatus nicht sprechen wollte, wollte der Senat Pál Schmitt nicht einmal anhören. (2)

Man kann sofort sagen, dass dazu auch keine Notwendigkeit mehr bestand, denn die Universität hat sich damit selbst ein Armutszeugnis ausgestellt. Ob nämlich die Universität den Doktortitel vor zwanzig Jahren unverdient verliehen oder mit der aktuellen Aberkennung einen in Wirklichkeit Würdigen belangt, sie tut es in beiden Fällen wie Pilatus, aus Angst um ihre Position oder aus niederträchtigem politischen Kalkül, und in diesem Fall müssten alle von der Universität verliehenen Doktortitel überprüft werden.

Mit Jesus können wir jedoch sagen, „der mich dir in die Hände gegeben hat, der hat die größere Sünde“. Das heißt, dass die gesamte parlamentarische Opposition – zusammen mit Jobbik, die sich in der Rolle der Wahrheitskämpfer gefällt – dem Ältestenrat (der Juden) ähnlich, die Universität  in die Pilatus-Rolle zwingt und die Menge dazu aufhetzt, zu schreien: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“

Die KDNP-Ortsgruppe von Tatabánya und, wie wir hoffen, viele andere unserer Landsleute guten Willens, wollen nicht so schreien, aber auch nicht wie Helfershelfer schweigen.

Darum danken wir dem Herrn Präsidenten der Republik, dass er mit der Verteidigung seiner eigenen Ehre für Wahrheit und Gerechtigkeit eintritt und allen, die ungerecht durch den Schmutz gezerrt werden, in Haltung und Kampfgeist ein leuchtendes Beispiel gibt.

Palmsonntag 2012

Die KDNP-Ortsgruppe von Tatabánya

Anmerkungen:

(1)  Der Bericht der Untersuchungskommission hatte Schmitts Doktorarbeit als Plagiat bestätigt, war aber zu dem Schluss gekommen, dass sie „nach den damaligen Anforderungen rechtmäßig“ erstellt worden sei und den Statuten der Universität entsprach, und dass die Universität Schmitt nicht rechtzeitig auf Mängel aufmerksam gemacht habe. Eine Empfehlung, Schmitt den Doktortitel abzuerkennen, sprach das Gremium nicht aus. DRadio.

(2) Ist widerlegt. Schmitt kritisierte mehrfach die Semmelweis-Universität, weil sie ihm den Doktortitel aberkannt hat, „ohne ihn angehört zu haben“. Am 1.4. verödffentlichte die Universität zwei Dokumente, aus denen hervorgeht, dass Schmitt am 6.3. von der Untersuchungskommission angeboten wurde, sich zu äußern, und ihn der Vorsitzende der Untersuchungskommission am 19.3. zu diesem Zweck im Sándor-Palais aufgesucht hat. (hvg)

Advertisements
7 Kommentare leave one →
  1. 4. April 2012 04:48

    Ach du heilige Scheiße…

  2. 4. April 2012 05:28

    Eigentlich no comment, was kann man dazu schon sagen… Aber wie János Lázár, der Fraktionschef von Fidesz in Aussicht gestellt hatte, haben schon die – falschen – „Enthüllungen“ gegen die am Senatsbeschluss beteiligten Intellektuellen schon begonnen, gleich mit dem Bruder von dem Rektor der SOTE Uni, Tivadar Tulassay. Und es wird sicherlich weitergehen. Stalin hätte sich da noch ein Stückchen abschneiden können.

  3. Karl Pfeifer permalink
    4. April 2012 05:41

    Wir sind in der Karwoche und da glauben einige Ungarn, die antisemitische Sau herauslassen zu müssen. Die Idee dass sie mit diesem Vergleich Jesus=Pál Schmitt ein Sakrileg begehen kommt ihnen gar nicht in den Sinn.
    Das kam auch Kövér nicht in den Sinn, als er einem Schamanen erlaubte sein heidnisches Ritual vor der „heiligen“ St.Stephanskrone vollzuziehen.

    • pusztaranger permalink
      4. April 2012 06:50

      „Wir sind in der Karwoche und da glauben einige Ungarn, die antisemitische Sau herauslassen zu müssen.“

      Karwoche im ungarischen Parlament: Jobbik erinnerte gestern an die Affäre von Tiszaeszlár, als wäre sie hochaktuell, „man muss auch heute des Opfers gedenken, das Opfer sind wir alle, an der Justiz hat sich seither nichts geändert, man muss die wahren Schuldigen endlich beim Namen nennen dürfen“. Passiert ist deswegen offenbar nichts. (Wiki: „Die Affäre von Tiszaeszlár war ein 1882 bis 1883 durchgeführter, mit dem Freispruch der jüdischen Angeklagten beendeter Ritualmordprozess im nordöstlichen Ungarn, der zum Anlass massiver Agitation wurde und den modernen politischen Antisemitismus in Ungarn begründete.“)

  4. 4. April 2012 06:20

    Das ist ja wirklich genau wie bei der Passion: Der arme Jesus wusste von vornherein, was auf ihn zukommt… Der Herr Schmitt ahnte auch etwas – er hat aber selber Scheiß gebaut. Ohne jede Vorhersage 🙂

  5. Kugelfuhr permalink
    4. April 2012 07:00

    Ich gestehe, dass auch ich ein Freund von geschichtlichen Vergleiche bin. Es ist der Versuch aus alten Fehler zu lernen und diesbezüglich neue Fehler zu vermeiden. Das Pal Schmitt seine Doktorarbeit erschwindelt b.z.w. in großen Teilen kopiert hat ist ein Faktum. Der Vergleich mit der biblischen Geschichte wird von dem Wort „unantastbar“ und der Stellung Pal Schmitt´s als Präsident von Ungarn provoziert. Es ist aber übertrieben dabei den Glauben anzurufen.

    Die Stellungnahmen, haben aber eine andere Ursache, so denke ich, es ist ein Krieg der Parteien, im Licht der schwindenden Macht, der jetzigen Regierung. Es geht nicht mehr darum zu regieren sondern es geht um den Machterhalt oder Machtgewinn. Es ist der Versuch im Glauben und Ehrlichkeit und Rhetorik jeden anderen zu Übertrumpfen, sozusagen eine Weltmeisterschaft der Worte und Ansichten. Darüber wird vernachlässigt, dass es um ein Land geht, in dem Menschen wohnen und die täglich versuchen ihre Grundbedürfnisse zu stillen und dabei ist es nicht so wichtig Weltmeister zu sein, sondern normal etwas gutes für die Menschen zu tun, das wäre schon ein Gewinn. Die Pfarrer ereifern sich in der Politik und die Politiker in der Auslegung des Glaubens. Die Grenzen der Diplomatie sind überschritten und die Nerven liegen blank. Was kann man dazu noch sagen?

  6. N.Farkas permalink
    4. April 2012 16:11

    Kerènyi hat sicher schon ein Monumentalgemälde über dieses Thema in Auftrag gegeben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: