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„Gottloser Kosmos“: Orbáns Oster-Interview mit katholischem Wochenblatt

9. April 2012

In einem aktuellen Oster-Interview mit dem katholischen Wochenblatt „Neuer Mensch“ machte Viktor Orbán unter anderem die Aufklärung rückgängig.

Pester Lloyd: Orbáns Osterbotschaften. Ungarn, der Kosmos und die „natürliche Ordnung“ der Welt, 10.4.2012:

Orbán warnt vor „gottlosem Kosmos“
Das wichtigste Thema des Osterwochenendes war (…) ein Interview, das der Kalvinist Orbán dem katholischen Wochenblatt „Neuer Mensch“ gab, mehr eine Predigt als ein Gespräch. Darin beklagt Orbán einen „Mangel an Religiosität“ in ganz Europa und erkennt die Gefahr, dass die „wissenschaftliche Weltsicht versucht, die natürliche Ordnung von Glauben, Religion und Schöpfung zu einem gottlosen Kosmos“ zu verschieben.
Nicht genug, dass Ungarn von Finanz- und Wirtschaftskrisen geplagt wird, sich im „Krieg gegen die Schulden, die Spekulanten und die internationale Linke befindet“, nun muss sich das gebeutelte Land womöglich auch noch für einen Kreuzzug rüsten und neben sich ganz Europa retten. Bereits zuvor legte Orbán in einem Interview mit der Washington Post fest (Anm.: im Volltext hier), dass es „ein Fakt“ sei, dass „Ungarn eine christliche Nation“ ist, was die „Abkehr“ vom Weg wissenschaftlicher Erkenntnis letztlich nur als konsequent erscheinen lässt. Dort stellte er auch klar, dass „Freiheit kein Eigentum der Liberalen“ ist, ohne jedoch zu vertiefen, wessen Eigentum sie denn sei.

Wie weit geht die erwünschte „Umkehr?“ Orbáns Kritiker meinen, reichlich entnervt, geradewegs ins Mittelalter. Denn Orbán meint, dass es für das Überleben des Landes notwendig sei, sich dem „intellellektuellen Streben“ nach Säkularität zu entziehen, denn dieses sei „gegen die Familie“ gerichtet und glaubt tatsächlich, „dass die Existenz von Nationalstaaten nicht mehr relevant“ ist. Orbán sieht das „säkulare“, sprich „gottlose“ Europa jedoch längst auf dem Rückzug. Im übrigen leiste Ungarn hier wertvollste Vorarbeiten, um eine Straße himmelwärts zu errichten, fassen wir den Rest einmal sinngemäß zusammen.(…)

Die wichtigsten Passagen des Interviews in Kürze, alles Zitate, Volltext unten:

  • „Entweder Europa wird christlich, oder es wird kein Europa geben.
  • Europa leidet heute, weil es seine Wurzeln verloren hat.
  • Wir haben eine andere Auslegung, eine andere Auffassung von der europäischen Zivilisation und Kultur.
  • Die Finanzwelt, die den Staaten, die eine falsche Politik verfolgen, von Zeit zu Zeit Kredite gewährt, vertritt den Standpunkt von Maria Theresia. Sie hat gesagt: die Schafe müssen nicht geschlachtet, sondern geschoren werden. Um sie scheren zu können, muss man sie füttern. Leider bezieht sich das auch auf Ungarn, denn man (lies: Die Vorgängerregierungen) hat unsere Heimat brutal verschuldet. Dadurch sind wir in einer ausgelieferten Lage, denn unsere Kreditgeber sind daran interessiert, dass wir aus der Schuldenfalle nicht mehr herauskommen. Sie freuen sich, wenn wir ihnen über einen langen Zeitraum hinweg hohe Zinsen zahlen müssen.
  • Gegenwärtig führen wir 90 Prozent der von den ungarischen Menschen (Anm.: „magyar emberek“, von Jobbik geprägter Begriff, als Orbán noch von „den Menschen“ und „den ungarischen Bürgern“ sprach) eingezahlten Einkommenssteuern sofort ins Ausland ab, für die Zinsen der früher aufgenommenen Kredite. Diese enorme Summe ist der Profit unserer Kreditgeber, anstatt es zum Wohl der ungarischen Menschen zu verwenden. Das drängt viele in die Hoffnungslosigkeit.
  • Wenn wir versuchen, aus der Schuldenfalle mit Methoden herauszukommen, auf die auch andere Länder Lust bekommen könnten, dann werden die Interessen von großen wirtschaftlichen Gruppen verletzt.
  • (…) von der nationalen Denkweise und der Souveränität in die internationale und übernationale Richtung gehen muss. Dazu gehört, dass sie das im Zeichen der Schöpfung entstandene Familienmodell in eine für uns chaotisch scheinende Welt verschieben wollen. Anders gesagt: Sie verschieben die Ordnung des Glaubens, der Religion und der Schöpfung in Richtung Religionslosigkeit und wissenschaftlicher Weltauffassung – in Richtung des gottlosen Kosmos.
  • Viele meinen, dass die zwei Weltkriege nicht so sehr ein Kampf zwischen Nationalstaaten, sondern vielmehr Bürgerkriege innerhalb der christlichen Zivilisation waren. In Folge dessen haben wir uns ausbluten lassen, und können nicht Schritt halten mit den Zivilisationen, die uns umgeben. Die alte Ordnung hat sich aufgelöst, denn wir haben die Grundthesen der christlichen Zivilisation gebrochen. (Anm.: Praktisch identisch im Faz-Interview vom 4.3..)
  • Die ungarische Angelegenheit ruft nicht zufällig in vielen Ländern Sympathie hervor. Es geht nämlich darum, welches Schicksal die Nationalstaaten in der Europäischen Union erwartet. Bleibt ihnen die Souveränität in wesentlichen Fragen erhalten? Wird die Bürokratie in Brüssel ihnen ihre Existenz zugestehen? Jetzt wird sich entscheiden, ob ein Land außerhalb der säkularisierten, familienfeindlichen und die Nation als überholt betrachtenden europäischen geistigen Bestrebungen weiter existieren darf, ob es seine Zukunft auf Interessen aufbauen darf, die im Gegensatz zu diesen Bestrebungen stehen. Ob es sein Grundgesetz auf seinen Interessen aufbauen darf. Kann man (Anm.: Brüssel) ihm das Recht dazu nehmen?“

Der vollständige Interviewtext wurde noch nicht ins Netz gestellt, sondern lediglich in Auszügen zitiert. Auffallend: Auf der offiziellen Regierungsseite wird der Schwerpunkt auf die Souveränität Ungarns gelegt, es fehlen die Passagen zum „gottlosen Kosmos“, zum „Niedergang Europas“ und den „verlorenen Wurzeln“; in der MTI-Version sind sie enthalten. Bei Magyar Nemzet Online findet sich auch die „nach unten offene Mittelklasse“ (s. Volltext unten). Den polemischen Appell an Brüssel („Wird die Bürokratie in Brüssel ihnen ihre Existenz zugestehen?“) sucht man dort vergebens, er findet sich bei der Népszabadság. Die Passage zu den Weltkriegen fehlt überall.

*

Hier nun der Volltext aus der Printausgabe, Übersetzung N.N., Pusztaranger dankt sehr herzlich.


(Népszava.com)

Új Ember, Katholische Wochenzeitschrift, 8.-15. April 2012.

„Die Sache Ungarns löst nicht umsonst Sympathie aus” – Feiertägliches Gespräch mit Ministerpräsident Viktor Orbán

Herr Ministerpräsident, Sie betonen in Ungarn und im Ausland fortwährend, dass Europas christliche Wurzeln wichtig sind. Warum halten Sie als Politiker das für wichtig?

Robert Schuman, der Vater des vereinten Europa, sagte: Entweder Europa wird christlich, oder es wird kein Europa geben. Die Diskussionen, die gegenwärtig in der Europäischen Union laufen, beweisen aber, dass die Akzeptanz bzw. Abweisung dieses Gedankens heute zur Wasserscheide geworden ist. Tief im Inneren aller Diskussionen über die europäischen Werte verbirgt sich diese Frage. Manchmal sind die Ungläubigen in der Mehrzahl, aber das ändert sich von Zeit zu Zeit – wir haben keinen Grund zur Verbitterung. Auch dann nicht, wenn wir wissen, dass auf der Bühne der europäischen Politik heute diejenigen Politiker die Mehrheit erlangt haben, die die christlichen Wurzeln für weniger wichtig halten.

Manchmal denken wir, Europa lebt in mehrerer Hinsicht seine letzten Tage. Sehen Sie das auch so?

Jeder weiß, dass ein Baum, dessen Wurzeln abgeschnitten werden, früher oder später umfällt. So ist es auch mit den Zivilisationen, den politischen Kulturen. Europa leidet heute, weil es seine Wurzeln verloren hat. Das ist auch der Grund dafür, dass es im weltwirtschaftlichen Wettbewerb mit schweren Herausforderungen kämpft. Andere Zivilisationen halten ihre Bevölkerungszahlen nicht nur auf gleichbleibendem Stand, sondern sie wachsen, Europa hingegen schrumpft. Es ist zu befürchten, dass der Baum umfällt, im Wachstumswettbewerb mit den immer größer werdenden Bäumen nicht mehr mithalten kann. Scheinbar sind jetzt die Ungläubigen in der Mehrzahl, aber eine der wichtigsten Eigenschaften der EU ist, dass sie nie fertig ist, sondern sich fortwährend gestaltet. Deshalb gibt es in der Union keine endgültig gewonnenen oder verlorenen Sachen. Wenn ich zum Beispiel im Europäischen Parlament eine Rede halte und sehe, dass ich nicht die Ansichten der Mehrheit vertrete, fühle ich mich deshalb nicht in einer feindlichen Umgebung, denn ich bin zuhause. Ich bin nur im Moment innerhalb der Familie in einer wichtigen Frage in der Minderheit.

Sie haben in letzter Zeit mehrmals die Erfahrung machen müssen, dass Sie „innerhalb der Familie“ in der Minderheit geblieben sind.

Die Diskussionen um Ungarn haben drei Hauptwurzeln. Eine ist das materielle Interesse. Die Finanzwelt, die den Staaten, die eine falsche Politik verfolgen, von Zeit zu Zeit Kredite gewährt, vertritt den Standpunkt von Maria Theresia. Sie hat gesagt: die Schafe müssen nicht geschlachtet, sondern geschoren werden. Um sie scheren zu können, muss man sie füttern. Leider bezieht sich das auch auf Ungarn, denn man hat unsere Heimat brutal verschuldet. Dadurch sind wir in einer ausgelieferten Lage, denn unsere Kreditgeber sind daran interessiert, dass wir aus der Schuldenfalle nicht herauskommen. Sie freuen sich, wenn wir ihnen über einen langen Zeitraum hinweg hohe Zinsen zahlen müssen. Jetzt zahlen wir 1300 Milliarden Forint Zinsen im Jahr an unsere Kreditgeber; 2002, als wir die Regierung übergeben haben, hatte Ungarn jährlich lediglich 500 Milliarden Forint Ausgaben für die Schuldentilgung. Aus der Differenz könnte man 20 Brücken über die Donau bauen.
Der zweite Grund der Diskussionen ist: Wenn wir versuchen, aus der Schuldenfalle mit Methoden herauszukommen, auf die auch andere Länder Lust bekommen könnten, dann werden die Interessen von großen wirtschaftlichen Gruppen verletzt.
Der dritte Grund ist, dass in der geistigen Welt Europas heute diejenigen die Oberhand haben, (die denken), dass man von der nationalen Denkweise und der Souveränität in die internationale und übernationale Richtung gehen muss. Dazu gehört, dass sie das im Zeichen der Schöpfung entstandene Familienmodell in eine für uns chaotisch scheinende Welt verschieben wollen. Anders gesagt: Sie verschieben die Ordnung des Glaubens, der Religion und der Schöpfung in Richtung Religionslosigkeit und wissenschaftlicher Weltauffassung – in Richtung des gottlosen Kosmos.
In dieser Umgebung existiert ein europäisches Land, von dessen früheren Regierungen die Welt gewohnt war, dass es mit dem Strom schwimmt. Heute aber gehen wir in die entgegengesetzte Richtung zur vorherrschenden Auffassung: Wir haben eine andere Auslegung, eine andere Auffassung von der europäischen Zivilisation und Kultur. Diese ansonsten sehr spannende Diskussion generiert Kritiken, die auf Missverständnissen, oft auf elementarer Missgunst aufgebaut, häufig beleidigend und nicht selten bis zur Absurdität überzogen sind.

Hat in dieser Welt eine Nation Chancen, ihren eigenen Weg zu gehen?

Diese Frage wird sich jetzt entschieden. Die ungarische Angelegenheit ruft nicht zufällig in vielen Ländern Sympathie hervor. Es geht nämlich darum, welches Schicksal die Nationalstaaten in der Europäischen Union erwartet. Bleibt ihnen die Souveränität in wesentlichen Fragen erhalten? Wird die Bürokratie in Brüssel ihnen ihre Existenz zugestehen? Jetzt wird sich entscheiden, ob ein Land außerhalb der säkularisierten, familienfeindlichen und die Nation als überholt betrachtenden europäischen geistigen Bestrebungen weiter existieren darf, ob es seine Zukunft auf Interessen aufbauen darf, die im Gegensatz zu diesen Bestrebungen stehen. Ob es sein Grundgesetz auf seinen Interessen aufbauen darf. Kann ihm das Recht dazu genommen werden?

Meinen Sie also, dass Europa endgültig im Niedergang begriffen ist?

Das Schicksal einer Zivilisation, eines Volkes, einer Nation, einer Kultur hängt grundlegend und in erster Linie von den demografischen Prozessen ab. Heute beginnen zunehmend die Theorien Bürgerrecht zu erlangen, die meinen, die Funktionsfähigkeit Europas wäre nur noch durch die Ankunft von Immigranten von außerhalb zu gewährleisten. Was ist das sonst, wenn nicht der Niedergang Europas?
Das andere Problem wurzelt in unserer Geschichte. Viele meinen, dass die zwei Weltkriege nicht so sehr ein Kampf zwischen Nationalstaaten, sondern vielmehr Bürgerkriege innerhalb der christlichen Zivilisation waren. In Folge dessen haben wir uns ausbluten lassen, und können nicht Schritt halten mit den Zivilisationen, die uns umgeben. Die alte Ordnung hat sich aufgelöst, denn wir haben die Grundthesen der christlichen Zivilisation gebrochen. Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, der Mensch hat deshalb Würde, und es ist eine Sünde, ihn zu vernichten. In den Kriegen des 20. Jahrhunderts haben nicht nur Soldaten, sondern auch unzählige Zivilisten ihr Leben verloren. Es ist möglich, dass unsere Zivilisation damit bereits gefallen ist. Aber ich bin Optimist, und hoffe auf die Erneuerung.

Und worauf kann Ungarn hoffen?

In einer Sache sind wir Weltmeister: wir kommen auch aus hoffnungslosen Situationen wieder auf die Beine. Natürlich haben wir auch andere, von anderen vielleicht als eigenartig titulierte Eigenschaften. Eine davon ist, dass wir gerne bis an den Rand des Abgrunds gehen. Wenn sich dann herausstellt, dass es nicht weitergeht, nehmen wir uns zusammen und entfernen uns gemeinsam wieder vom Abgrund. So war das auch nach dem Weltkrieg.

Damals war die Tragödie allen klar. Muss auch jetzt ein solches Trauma (Anm.: Trianon) kommen, damit wir zusammenhalten?

Wir müssen auf längere Sicht denken. Wir können die Feuersbrünste des 20. Jahrhunderts, die Niederschlagung der Revolution von 1956 und die Diktatur als die Tragödien betrachten, nach denen wir uns im 21. Jahrhundert Hand in Hand umdrehen müssen. Die Auferstehung, Ostern, ist heute auch unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Dafür arbeite ich.

Was bedeutet dieser Feiertag für Sie?

Die Auferstehung, die sich aus zahllosen „kleinen Auferstehungen“ zusammensetzt. So etwas geschieht, wenn eine verpfuschte Beziehung in Ordnung gebracht wird, wenn zerstrittene Menschen Frieden schließen, wenn Menschen in hoffnungslos erscheinenden Situationen beschließen, ihr Leben zu ändern.
In Zusammenhang mit Ostern ist meine Lieblingsgeschichte in der Bibel, wo die Frauen zum Grab gehen. Darüber unterhalte ich mich auch oft mit meinen Kindern. Bei den beiden Frauen taucht die Frage auf, wer den Stein vom Grab wegrollen wird. Sie werden es sicher nicht können, weil der Stein schwer ist. Trotzdem gehen sie weiter mit dem Salböl in Richtung Grab, obwohl sie den Stein  nicht werden bewegen können. Auch im Leben kommen solche Steine, solche Hindernisse immer wieder vor. Wir müssen losgehen, obwohl wir noch nicht wissen, wie und von wem der Stein weggeräumt wird. Zum Schluss wird der Stein irgendwie weggerollt werden. Wir müssen also die Lösung nicht immer im voraus wissen. Wenn wir uns darüber Gedanken machen würden, würden wir erst gar nicht losgehen.

Was kann man mit den Menschen machen, denen die Begriffe Gott, Familie, Heimat zumindest gleichgültig sind?

Wenn wir ernst nehmen, was wir glauben, dass nämlich der Mensch (von Gott) erschaffen wurde, dann gibt es keine hoffnungslose Situation. Und auch keine verlorenen Menschen. Deshalb lohnt es sich, auch mit denjenigen über für sie scheinbar fremde Sachen zu sprechen, von denen wir denken, dass sie diese Gedanken nicht aufnehmen können. Es gibt im Land Leute, die es nicht interessiert, was auf unsere Fahnen geschrieben ist. Trotzdem ist es sehr wichtig, dass auch sie wissen: Wenn diese Fahne gehisst ist, ist ihr Leben leichter, und sie können in einer menschlicheren Welt leben. Wenn sie sich darüber Gedanken machen, haben wir nicht umsonst geredet. Deshalb ist die Schule, der Kindergarten, der Sport wichtig, weil wir diesen Menschen mit dem Aufzeigen von Lebensbeispielen helfen können.
Forschungen beweisen, dass für die Natur der Ungarn eine Dichotomie charakteristisch ist. Einerseits sind sie Individualisten, andererseits konkurriert ihr Gerechtigkeitssinn mit dem der in dieser Hinsicht stärksten Nationen. Deshalb ist der Ungar dafür zu haben, zusammen mit anderen für seine Wahrheit einzustehen. Und wenn es fühlt, dass sein Land, seine Gemeinschaft beleidigt wird, steht er auch dafür ein. Das haben wir auch bei dem Friedensmarsch erfahren, als die Teilnehmer diszipliniert, auf den höchsten Stufe der europäischen Zivilisation, still ihre Gefühle zum Ausdruck brachten.

Ein unentbehrlicher Teil der christlichen Tradition von Europa ist die Solidarität. Was für eine Hoffnung können Sie und Ihre Regierung den in Armut lebenden Menschen geben?

Wir haben mehrmals gesagt, dass wir eine von unten offene Mittelklasse wollen. Das bedeutet nicht, dass man oben herausfallen kann, sondern dass man von unten hinein kann. Die acht Jahre vor unserer Regierung waren eine Zeit des Absinkens der Mittelklasse. Jetzt muss die Situation derer stabilisiert werden, die sich irgendwie halten konnten. Und für die, die abgestürzt sind, müssen die Wege gesichert werden, die aufwärts führen. Es gibt kein Land, und es wird in den nächsten Jahrzehnten auch keines geben, das imstande wäre, den Menschen mit staatlicher Unterstützung ein akzeptables Lebensniveau zu sichern. Die Hoffnung der Zukunft ist, dass wir den Menschen Arbeit geben können. In diesem Jahr beginnen im Rahmen des Start-Arbeitsprogramms 200.000 Menschen zu arbeiten. Leute, die früher von Sozialhilfe gelebt haben. Innerhalb von zwei Jahren möchten wir diese Zahl mindestens auf 350.000 erhöhen. Wenn wir denen, die sich zur Arbeit melden, statt der Sozialhilfe das zwei-, drei- und vierfache dessen geben, öffnen wir genau diese nach oben führende Wege. Und dasselbe tun wir auch, wenn wir sagen, keiner kann die Familienzulage bekommen, wenn er die Kinder nicht in die Schule schickt. Oder wenn wir bei der öffentlichen Arbeit vielen das Lesen und Schreiben beibringen, dann helfen wir ihnen, einfacher Facharbeiten zu erlernen, und wir bringen solche Leute dazu, die seit 15 Jahren nicht gearbeitet haben. Ich arbeite an der Sauberhaltung der Wege, die in die Mittelklasse führen, damit der Aufstieg mit Anstrengung und Arbeit erreichbar wird.

Worin sehen Sie das gegenwärtig größte Problem des Landes?    

In der Verschuldung des Landes, der lokalen Selbstverwaltungen, der Unternehmen und der Familien. Gegenwärtig führen wir 90 Prozent der von den ungarischen Menschen eingezahlten Einkommenssteuern sofort ins Ausland ab, für die Zinsen der früher aufgenommenen Kredite. Diese enorme Summe ist der Profit unserer Kreditgeber, anstatt es zum Wohl der ungarischen Menschen zu verwenden. Das drängt viele in die Hoffnungslosigkeit.

Erlauben Sie mir einige persönliche Fragen. Ihre Familie sieht Sie selten wegen Ihrer Arbeit und der Reisen?

Ich kann wenig Zeit mit meiner Familie verbringen, aber ich sehe sie nicht selten. Ich habe mein dienstliches Leben so geordnet, dass wir morgens zusammen losgehen und den Tag gemeinsam anfangen können. Wenn ich abends vor neun Uhr zuhause bin, sehe ich sie auch. Ich arbeite sechs Tage die Woche, und den siebenten Tag verbringe ich immer mit ihnen. Das ist wichtig für mich, denn wenn es nicht so wäre, würde ich so sehr vereinsamen, dass ich vielleicht sogar die Richtung verfehlen würde, was schwere Folgen hätte.

Laut Berichten gingen Sie im vergangenen Advent sogar zu den Frühmessen.

In gemischten Ehen (sic)– meine Frau ist katholisch, ich bin Protestant – ist es Tradition, dass die Kinder nach dem Geschlecht der Eltern als Protestanten oder Katholiken erzogen werden. So ist es auch bei uns. Im Advent ging ich mit den Mädchen zum Rorate, und abgesehen von ein-zwei Auslandsreisen waren wir im Morgengrauen in der Kirche.

Sie haben über die Bedeutung der Familie gesprochen. Können Sie zu Ostern gemeinsam feiern?

Für einen Menschen wie mich ist das Zusammensein in der ganzen Karwoche schwer lösbar. Es ist umsonst Gründonnerstag, der Keilriemen reißt einen mit, wenn man es zulässt. Ich würde gerne schon ab Dienstag zuhause bleiben, aber das ist hoffnungslos. Am Donnerstag aber reiße ich mich aus dem Büro los. Man muss sich zu Ostern vorbereiten. Ich bin ein strenger Vater, und dulde in solchen Sachen keine Ausreden. Die ganze Familie kommt bei uns zusammen, die Kleinen und Großen. Wir verbringen die großen Feiertage des Jahres immer zusammen.

4 Kommentare leave one →
  1. William Shakespeare permalink
    10. April 2012 05:50

    Orbán sagt u.a.den richtigen Satz, vom an den Rand des Abgrunds zu gehen. Er ist ein strenger Vater seiner Kinder und seiner Herde, die ihm auch an den Rand des Abgrunds folgt.
    Zum Glück wird seine Herde immer kleiner. Die Tragödie ist nur, dass mit Ausnahme der mit Orbán verbundenen Unternehmer-Maffia, alle unter der Orbán-Matolcsy Wirtschaftspolitik leiden.

  2. Gerd Bode permalink
    10. April 2012 07:04

    ….das klingt nach einer Bewerbung um die Stelle eines evangelischen Papstes, auch Benedikt scheint über Orbans Absichten amüsiert.

    • Kugelfuhr permalink
      10. April 2012 15:39

      Herr Gerd Bode,
      nach Orbans Naturell könnte es auch eine Bewerbung als Vorgesetzten des Papstes sein.

  3. Kugelfuhr permalink
    10. April 2012 15:30

    Ein exemplarisches Beispiel, wie Herr Orban hier in Metaphern, „ein Baum, dessen Wurzeln abgeschnitten werden“ und „die Ungläubigen in der Mehrzahl“ versuch der EU seine Werte aufzuzwingen und gleichzeitig sich darüber erhebt das sich die EU bisher nicht solche Werte hat aufzwingen lassen.
    Wenn er mal alleine seinen Weg geht nimmt er den kleinen Mittelstand mit und mindestens die Hälfte der Bevölkerung entlässt er christlich in die Armut, die in Ungarn schon sehr einer Leibeigenschaft ähnelt.
    Bemerkenswert fand ich auch die Weltmeisterschaft in, zum Abgrund laufen und zurück, die Frage dabei ist, wann ist es denn genug?

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