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Ungarisches Staatsfernsehen: Literaturnobelpreisträger Imre Kertész kein Ungar

12. Oktober 2012

Im Bericht der ungarischen öffentlich-rechtlichen Fernsehnachrichten zum Orbán-Besuch in Berlin wurde der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész  als „Schriftsteller ungarischer Herkunft“ bezeichnet (MTV Híradó, 11.10. 2012, 19:30).

Kertész war einer der geladenen Gäste der Veranstaltung mit Orbán in der Akademie der Konrad Adenauer-Stiftung.

Die Formulierung „ungarischer Herkunft“ ist eine Chiffre für „jüdisch“, die zudem impliziert, dass Kertész als Jude kein Ungar sei.

Nachdem Kertész 2002 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, erhielt die Stockholmer Akademie zahlreiche Protestbriefe von Ungarn – Imre Kertész sei Jude, kein Un­gar, und er verdiene diesen Preis nicht (vgl. Gespräch mit dem Dirigenten Ádám Fischer und dem Pianisten András Schiff, Fono Forum, Dezember 2011).

Außer dem Literatur-Nobelpreis wurde Kertész unter anderem mit dem Großkreuz des Ungarischen Verdienstordens, dem Kossuth-Preis und dem Márai-Preis ausgezeichnet.  Trotzdem gilt er für viele „national Fühlende“ nicht als Ungar. Kertész 2010 gegenüber der Faz (s.u.):

„Von der ungarischen Presse werde ich immer wieder gefragt: Sind Sie Ungar? Diese Frage verstehe ich nicht. Ich schreibe auf Ungarisch, ich bin in Ungarn geboren, ich bin ungarischer Staatsbürger, wohne eigentlich in Ungarn, nur verlasse ich es immer mehr. Das ist wohl trotzdem noch nicht genug.“

Auf Anfrage der Népszabadság bezeichnete ein Pressesprecher der staatlichen Medienholding MTVA die Formulierung heute als „Ungenauigkeit in der Berichterstattung“, die inzwischen korrigiert worden sei. „Selbstverständlich betrachten wir den Nobelpreisträger Imre Kertész als ungarischen Schriftsteller.“ (nol)

*

FAZ:  Nobelpreisträger Imre Kertész: Die Ungarn werden mich nie verstehen, 18.07.2010:

Literaturnobelpreisträger Imre Kertész erklärt, warum er als jüdischer Schriftsteller lieber in Berlin als in seiner Heimatstadt Budapest lebt. (…)

In Ungarn wird der Holocaust von vielen als rein deutsche Angelegenheit gesehen. Gerne wird übersehen, dass sich ungarische Nazis, die Pfeilkreuzler, in großer Zahl an den Deportationen Hunderttausender ungarischer Juden in die Konzentrationslager beteiligten, in Budapest Zehntausende Juden erschossen. (…)

Man muss sich seiner Geschichte stellen, das ist der einzige Weg. Auch dafür, dem ewigen Judenhass oder Fremdenhass zu entkommen. Der Holocaust ist ein europäisches Trauma, er gehört für mich zur europäischen Kultur. (…) Es ist traurig, dass die osteuropäische Kultur diese andere Kultur, die ich Kultur des Holocaust nenne, nicht aufnimmt. (…)

In seinem Roman Sorstalanság,  Roman eines Schicksallosen, beschreibt Kertész aus der Perspektive eines Budapester Jungen das Leben in Ungarn im Zweiten Weltkrieg, die Deportation in die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald und den dortigen Lageralltag.

Die aktive Rolle des ungarischen Staates und Teilen der ungarischen Bevölkerung bei  den Deportationen von 500 000 jüdischen Mitbürgern wird von den ungarischen Rechten nach wie vor relativiert, geleugnet oder verdrängt; Kertész‘  Buch und seine  internationale Anerkennung wird als Angriff gegen die „Nation“ empfunden:

Wir haben nichts mit dem Prinzip der Kollektivschuld zu tun! Wir haben unsere eigenen Toten! Und es ist furchtbar, dass jemand, der den vornehmsten literarischen Preis der Welt entgegennimmt, dies so erreicht, dass er die Kollektivschuld eines Volkes zwar nicht ausspricht, sie jedoch suggeriert. Deshalb tut uns dies so weh.“ (Aus der Rezeption des Nobelpreises für Imre Kertész in Ungarn: „Geschmacksterror einer Minderheit„, von Magdalena Marsovszky 2002) 

Die Rechtsextremen griffen den Buchtitel als antisemitischen Kampfbegriff auf; so steht auf der Vereinskluft der 2006 gegründeten rechtsextremen Motorraddivision Gój Motorosok als klare Anspielung auf den Roman der Slogan “Ne piszkáljatok sorstalanok!”, etwa  “Ärgert mich nicht, Ihr Schicksalslosen!”, über Großungarn.

Der rechtsextreme Verein ist Fidesz-nah; im Vorstand sind die Brüder Lázár, Eigentümer der Lebensmittelkette CBA, die Fidesz im Wahlkampf unterstützten;  ein Gründungsmitglied ist Gergely Koltay, seit 2010 Chefredakteur des staatlichen zweiten Radiosenders MR2 Petőfi Radio. Ein Freund des Vereins ist der rechtsextreme  Theaterdirektor György Dörner, zu seiner ersten Aufführung im Uj Színház im März 2012 erschienen 72 Mitglieder des Vereins in voller Montur (index). Bis 2011 hatte der Vereinsvorsitzende Imre Mészáros eine Sendung im regierungsnahen rechtsextremen EchoTV. Und auch im Ausland werden die Gój Motorosok offenbar als Aushängeschild für Ungarn salonfähig: Im Mai diesen Jahres war Mészáros als offizieller Teilnehmer des  Theaterprojekts IllumiNation von Arpád Schilling auf der Berlin Biennale.

7 Kommentare leave one →
  1. Peter permalink
    12. Oktober 2012 17:26

    Wenn „ein Schriftsteller ungarischer Herkunft“ dafür steht, dass man Kertész seine ungarische Herkunft streitig macht, dann ist das wirklich eine Chiffre, deren Ziel es ja ist, von (fast) niemandem verstanden zu werden (Das Nobelpreiskomitee braucht keine Chiffre und schreibt einfach „born in Budapest, of Jewish descent“ und lässt seine Staatsbürgerschaft, seine Muttersprache ganz aus dem Spiel; http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2002/kertesz-bio.html).

    Mir fällt eigentlich eher das Gegenteil auf; das Ungarn niemanden aus der „Schicksalsgemeinschaft“ entlassen will und aus jedem, der einen im ungarischen Königreich geborenen Vorfahren aufzuweisen hat, einen Ungarn macht und zwar mit eben jener Wendung („magyar szarmazasu“):

    http://inforadio.hu/hir/belfold/budapest/hir-193562

  2. 13. Oktober 2012 11:13

    die feinheiten der ungarischen sprache… jemand ist de facto „magyar“ – ergo jetzt, und schon vorher und für immer. „magyar származású“ – da ist jmd. weggegangen, lebt in der ferne, seine kinder sind ungarischstämmig, können jederzeit ins mutterland zurück. jemanden aber „magyar származású“ zu nennen, wo er doch jetzt – und schon vorher und für immer – „magyar“ IST, in ungarn lebt, die staatsangehörigkeit hat – wie Kertész Imre -, DAS ist ausgrenzung und verletzung des selbstwertgefühls des anderen. in diesem fall eben antisemitismus

    • Peter permalink
      13. Oktober 2012 18:55

      In jedem Fall ist es seltsam, dass erwähnt werden musste, dass es sich bei Kertész um einen Ungarn handelt. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass er in Ungarn als Schriftsteller nicht besonders bekannt ist, Meines Wissens war er im Sozialismus zwar nicht verboten, aber auch nicht protegiert, sondern höchstens geduldet. Außerdem ist man in Ungarn immer beleidigt, wenn jemand das Land verlässt, schließlich heißt es „itt élned, halnod kell“ (hier musst du leben und sterben). Und Kertész hat es sich sogar erlaubt, den Nobelpreis als Berliner entgegenzunehmen (“ Ich bin ein Großstädter, bin es immer gewesen. Ein Großstädter gehört nicht nach Budapest. Die Stadt ist ja vollkommen balkanisiert. Ein Großstädter gehört nach Berlin!“, http://www.welt.de/kultur/article5098828/In-Ungarn-haben-Antisemiten-das-Sagen.html).
      Zu einer Retourkutsche bestand bei der Erwähnung Kertész` in der erwähnten Nachrichtensendung zumindest kein Anlass. Schließlich hat er sich nach der Rede Orbans im Grunde positiv über diesen geäußert, indem er ihn im dt. Radio (Deutschlandfunk) in etwa als „alternativlos“ (um eine in Mode gekommenes Wort zu verwenden) dargestellt hat.

  3. Karl Pfeifer permalink
    14. Oktober 2012 15:50

    Einerseits wird jeder Nobelpreisträger, jeder Wissenschaftler der ins Ausland ging auch dann als Ungar gefeiert, wenn er durch das unter Horthy erlassene Numerus clausus Gesetz am Studium in Ungarn gehindert wurde.
    Anderseits ist jeder, der es wagt Orbán & Co zu kritisieren in den Augen der meisten ungarischen Rechten „idegenszivü“ (fremdherzig) und wenn er kein Jude ist, dann bedient er diese „Kreise“ wie einige der Lohnschreiber des Magyar Hirlap nicht müde werden zu verkünden. Denn in ihrer kranken Phantasie beherrschen ja „die Juden“ den Westen.
    Die ungarische Sprache hat es in sich. Wenn jemand in Deutschland oder Österreich sagt, dieser oder jener sei ein „echter Christ“, dann wird ein Mensch gemeint, der die christliche Ideologie internalisiert hat, jemand der das Christentum praktiziert. In Ungarn habe ich den Ausdruck „igazi keresztény“ (echter Christ) oft genug als synonym für Nichtjude gehört.
    Viele Ungarn haben es wieder mit der richtigen Abstammung.
    So gesehen versteht man das königl. Fernsehen, wo sich die Macher sicher wieder mal auf die Schenkel geklopft haben: „Jetzt haben wir es einem fremdherzigen wieder gezeigt“, wo es im Land des Turuls weiter geht.
    Es ist mir noch in Erinnerung, wie sich einige Lohnschreiber einen Extraforint verdient haben, als sie behaupteten, dass doch Imre Kertész kein ungarischer Schriftsteller sei, er schreibe lediglich ungarisch.

  4. Peter permalink
    14. Oktober 2012 21:05

    Mir fällt da ein Witz ein: Kádár wurde einmal gefragt, ob es im sozialistischen Ungarn noch Antisemitismus gäbe. Seine Antwort darauf war, dass es keinen gebe, aber Bedarf daran bestünde…

    Ich bezweifle aber, dass es in Ungarn klassischen Antisemitismus im Sinne von Vorbehalten gegenüber der Religion („die Juden haben unseren Herrn umgebracht“) oder im Sinne des Sozialneides (wie er seinerzeit zum numerus clausus geführt hat: „die Juden nehmen uns die Studienplätze weg“) heute noch gibt. Letzeres kann man vielleicht damit belegen, dass es in allen Parteien sich zu ihrer jüdischen Herkunft bekennende Mitglieder gibt, angefangen von der urbanen LMP bis hin zur der in den armen Gegenden starken Jobbik. Es gibt ja auch kein jüdisches Milieu mehr.

    Vielleicht muss man mit Ungarn auch einfach mehr Geduld haben. In Wien hat man erst kürzlich befunden, dass nach Karl Lueger keine Straße benannt sein sollte. Wenn man die Zustände vergleicht, in denen sich die beiden Länder befinden, dann hat Ungarn noch viel Zeit, um genauso sensibel mit der Vergangenheit umzugehen wie Österreich heute.

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