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Lawrence Ferlinghetti weist mit 50 000 EUR dotierten ungarischen P.E.N.-Literaturpreis zurück

12. Oktober 2012

Das ehrgeizige Projekt des ehemaligen ungarischen Staatssekretärs für Kultur Géza  Szőcs, als Vorsitzender des ungarischen P.E.N.-Clubs  „eine Art Nobelpreis für Lyrik“ zu schaffen (mno/mti), hat jetzt mit einem Fiasko begonnen. Mit einem Kommentar von György Dalos.

Géza Szőcs, Schriftsteller und Mai 2010-Juni 2012 Staatssekretär für „Kultur und nationales Kulturerbe“ der Orbán-Regierung, wurde im Dezember 2011 zum Vorsitzenden des ungarischen P.E.N.-Clubs gewählt; der von diesem im Februar 2012 auf Szőcs‘ Initiative ausgeschriebene und mit ca. 50 000 EUR dotierte Internationale Janus Pannonius-Preis für Lyrik (Janus Pannonius International Poetry Prize) wurde nun zum ersten Mal verliehen. Die Wahl der Jury fiel auf den amerikanischen Schriftsteller und Dichter der Beat-Generation Lawrence Ferlinghetti (*1919).

Doch Ferlinghetti hat den Preis jetzt zurückgewiesen. Dies begründete er in einem Schreiben an Szőcs mit der Beschneidung der freien Meinungsäußerung und bürgerlicher Freiheitsrechte durch die Orbán-Regierung (englisches Original s.u.):

„Da der Preis zum Teil von der derzeitigen ungarischen Regierung finanziert wird, und da die Politik dieses rechten Regimes zur autoritären Herrschaft tendiert und es in der Konsequenz die freie Meinungsäußerung und bürgerliche Freiheitsrechte beschneidet (…), muss ich den Preis unter den gegebenen Bedingungen zurückweisen.

Da ich aber davon ausgehe, dass der Ungarische P.E.N.-Club und Sie persönlich der Meinungsfreiheit und der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet sind, schlage ich vor, das Preisgeld zur Gründung eines Fonds unter Administration des Ungarischen P.E.N-Clubs zu verwenden, der einzig dem Zweck dient, ungarische Autoren zu veröffentlichen, die sich in ihren Werken für freie Meinungsäußerung, Bürgerrechte und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Das ist die einzige Bedingung, unter der ich den Pannonius-Preis annehmen kann.“

Darauf bot Szőcs ihm an, die ungarische Regierung werde ihren Anteil am Preisgeld zurückziehen, und wollte in Verhandlungen über den vorgeschlagenen Fonds treten. Ferlinghetti ließ sich nicht darauf ein und wies den Preis endgültig zurück.

Die Los Angeles Times weist auf die Ironie der Tatsache hin, dass Ferlinghetti den Preis einer internationalen Organisation zurückweist, die sich weltweit für die freie Meinungsäußerung einsetzt und Kampagnen initiiert, um Schriftstellern zu helfen, die inhaftiert oder zum Schweigen gebracht wurden.

Lawrence Ferlinghetti: Fuck Art, Let’s Dance. (ferlinghettifilm.com)

Kommentar von György Dalos

Der ungarische Schriftsteller und Historiker György Dalos, 2010 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet, hielt anlässlich des Leipziger Lichtfestes am 9. Oktober 2012 die Rede zur Demokratie in der Nikolaikirche. Er kommentierte für diesen Blog:

„Diese Preisverleihung war offensichtlich dilettantisch vorbereit, wie fast alles, was mit der Kulturpolitik unserer Regierung zusammenhängt. Géza Szöcs, der Vorsitzende des Ungarischen Pen Clubs musste, als hoch gebildeter Mensch und feiner Lyriker über den rebellischen Geist von Lawrence Ferlinghetti wissen, und wohl ahnen, wie er auf diese Auszeichnung reagieren würde. Man kann auch nicht ohne Vorbehalt 50 Tausend Euro von einer Regierung annehmen, unter deren Herrschaft die Literaten einen ständigen Existenzkampf führen müssen (um über ihre Leser gar nicht zu sprechen). György Dalos“

Links:

Los Angeles Times: Lawrence Ferlinghetti declines Hungarian award over human rights, 11.10.2012

(…) It is with no small irony that the award Ferlinghetti has declined, the Janus Pannonius International Poetry Prize, is from the Hungarian division of PEN. PEN is an international organization that supports the freedom to write internationally, and often campaigns to help writers who have been imprisoned or silenced.

Ferlinghetti learned that the prize was partially funded by the Hungarian government and wrote a letter expressing his concerns. It reads, in part: „Since the Prize is partially funded by the present Hungarian government, and since the policies of this right-wing regime tend toward authoritarian rule and the consequent curtailing of freedom of expression and civil liberties, I find it impossible for me to accept the Prize in the United States. Thus I must refuse the Prize in its present terms.“ (…)

In rejecting the award, Ferlinghetti attempted to direct the monies to a fund to support free speech cases in Hungary, but was not satisfied with efforts by the Hungarian PEN organization to meet his requirements.

New Directions:  Lawrence Ferlinghetti Declines Poetry Prize, Citing Right-wing Hungarian Government Funds, October 11, 2012

(…) Ferlinghetti decided to decline the award, and sent this message to the President of the Hungarian PEN Club:

„Dear Geza Szocs,

After careful research into the Pannonius Prize and its sponsors, including the present Hungarian government, I have come to the following conclusions: Since the Prize is partially funded by the present Hungarian government, and since the policies of this right-wing regime tend toward authoritarian rule and the consequent curtailing of freedom of expression and civil liberties, I find it impossible for me to accept the Prize in the United States. Thus I must refuse the Prize in its present terms.

However, assuming the total devotion of the Hungarian PEN Club and yourself to freedom of speech and social justice, I propose that the Prize money be used to set up a fund to be administered by the Hungarian PEN Club, said fund to be devoted solely to the publication of Hungarian authors whose writings support total freedom of speech, civil rights, and social justice. These are the only terms under which I can accept the Pannonius Prize.
In defense of individual freedom and democratic institutions, I am faithfully yours,
Lawrence Ferlinghetti“

At that point Mr. Szocs offered to exclude the Hungarian government’s contribution to the prize money and to begin negotiations surrounding the proposed fund, but Ferlinghetti is steadfast in his views, saying:

„I hereby refuse the Prize in all its forms. There is no possibility of my accepting the prize in a ceremony in the United States or elsewhere. I am sorry it has come to this, and I am grateful to those in Hungary who may have had the purest motives in offering me the Prize.“

Links – Ungarisch:

Die regierungsnahen Medien bringen die Meldung noch nicht.

hvg, Index, Origo, 168ora, galamus, nepszava, klubradio, gepnarancs

Update 13.10.2012: In einem Kommentar des regierungsnahen Magyar Hirlap heisst es erwartungsgemäss, Ferlinghetti habe den Literaturpreis wegen (lies: linksliberaler) Drohungen aus Budapest nicht angenommen:

„Bevor Ferlinghetti seinen Preis annehmen konnte, klingelte sein Telefon. Irgendwo von hier, von Budapest aus dürfte man ihn angerufen haben, und angeblich sagte eine ernste Stimme, wenn er es wage, den Preis und das Preisgeld von 50 000 EUR anzunehmen, werde das sehr ernste Konsequenzen haben. Dann wurde ihm das Statement vom „rechten, autoritären (Regime)“ diktiert, das er der Presse , d.h. der Los Angeles Times schicken müsse.“ Und eigentlich sei Ferlinghetti sowieso nicht die richtige Wahl für diesen Preis gewesen, etc. (Ferenc Sinkovics)

(Update Ende)

Lawrence Ferlinghetti: „Pity the nation“

„Pity the nation whose people are sheep,
and whose shepherds mislead them.
Pity the nation whose leaders are liars, whose sages are silenced,
and whose bigots haunt the airwaves.
Pity the nation that raises not its voice,
except to praise conquerors and acclaim the bully as hero (…).“

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3 Kommentare leave one →
  1. Wondercat permalink
    12. Oktober 2012 18:27

    Haette das Geld annehmen sollen und selber unter den Würdigen verteilen sollen. Stattdessen spielt er den Zimperlichen, den Makelfreien. „Wer keine Gemeinheit duldet / wie soll der geduldet werden?“ Igitt.

  2. 13. Oktober 2012 17:22

    Szöcs hat am Freitag im Klubradio ein längeres Gespräch mit Bolgár György geführt und erläutert, dass man Ferlinghetti natürlich im Vorfeld kontaktiert und gefragt hätte, ob er diesen Preis annehmen würde. Da hätte er noch zugesagt, erst später wäre die Ablehnung gekommen. Man hätte ihm zum einen angeboten, den Regierungsanteil des Preisgeldes durch andere Quellen zu ersetzen, und man war bereit auf die Bedingung der Stiftung des Preisgeldes einzugehen, und die Auswahl der Empfänger hätte durch unabhängige Personen stattfinden sollen, u.a. hat Szöcs das Klubradio als unabhängige Instanz vorgeschlagen. Die Details des Interviews lassen sich bestimmt noch im Archiv vom Klubradio nachhören.

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