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„Friedensmarsch“ mit Kriegsrhetorik: Das Orbán-Umfeld mobilisiert für den 23. Oktober

19. Oktober 2012

Laut Veranstaltern des „Friedensmarsches“ am 23. Oktober wollte die „linke“ EU letztes Jahr Viktor Orbán stürzen; dieser sagte dem rechtsextremen Publizisten Zsolt Bayer, einem der Hauptorganisatoren, in einem Interview, der „Friedensmarsch“ vom Januar habe ihn vor der drohenden Absetzung durch die EU gerettet; das Orbán-Umfeld mobilisiert die „Zivilgesellschaft“ „politikfrei“, aber mit Kriegsrhetorik für den Großkampftag; Zsolt Bayer, sonst im rechtsextremen Echo TV, bringt die Message  im Staatsfernsehen unters Volk.

Pester Lloyd: Friedensmarsch der Hassprediger – Regierungstreue in Ungarn rufen zu Marsch gegen „Schuldensklaverei“ auf. 10.10.2012:

„(…) Die Organisatoren von der „Bürgerbewegung Friedensmarsch“ äußern in ihrem Demoaufruf, dass die „Schuldensklaverei ganze Nationen zerstören kann“ und daher wollen die Regierungsanhänger „aus dem ganzen Land“ zeigen, dass „wir lieber zeitweise Armut hinnehmen, als nicht endende Knechtschaft“. Dass die Losungen gegen die Schuldenlogik Hand in Hand mit der von der Regierung großflächig aufgezogenen Anti-IWF-Kampagne gehen, ist nicht nur gewollt, sondern direkt geplant, denn der „Friedensmarsch“ ist keineswegs eine spontane Volksbewegung aus überschäumender Begeisterung, sondern ein kalkuliert installiertes Marketinginstrument aus dem Orbán-Umfeld. (…)

Es gab zuvor bereits zwei „Friedensmärsche“, am 21. Januar und am 15. März, zu dem hunderte Busse Orbán-Anhänger aus dem ganzen Land und „europäische Patrioten“ aus Polen, Deutschland, Rumänien, Slowakei und anderen Ländern herangekarrt wurden und die bis zu ca. 400.000 Teilnehmer aufweisen konnten, somit rund das Zehnfache dessen, was die demokratische Opposition zu mobilisieren in der Lage war. Auch für den 23. Oktober sind schon vier Dutzend Busse geordert, um 2.000 Schüler aus Siebenbürgen nach Budapest zu bringen. Bezahlt wird das von der Regierung aus einem Fonds “Nationale Bildungsreise”.

Haupttenor der ersten Veranstaltungen war ein an den Personenkult des Stalinismus erinnernder Jubel für Orbán und seine Regierung sowie die Verunglimpfung des politischen Gegners. Die Transparente waren geprägt von EU-Feindlichkeit „Wir wollen keine Kolonie sein“ und hatten nicht selten auch eindeutig antisemitische Züge. (…)“

(„Friedensmarsch“ im Januar, mno.hu)

(Pester Lloyd)

Viktor Orbán hat dem rechtsextremen Publizisten Zsolt Bayer, einem der Hauptorganisatoren, für das diese Woche zum 23. Oktober erschienene Buch „Die Heimat ist eins – Friedensmarsch 2012“ ein Interview gegeben. Orbán zufolge erfolgte Ende letzten Jahres „ein Angriff auf Ungarn, von dem bestimmte Kräfte wohl erhofften, einen politischen Wechsel in Ungarn zu erzwingen, einschließlich der personellen Konsequenzen.“ Ohne den Friedensmarsch im Januar „hätten wir diese Periode vielleicht wirklich nicht überlebt. Wenn die Kraftverhältnisse der traditionellen Diplomatie zum Tragen gekommen wären und das Publikum sich nicht auf eine Seite gestellt hätte, ist gut möglich, dass dieses Interview ein anderer Ministerpräsident hätte geben müssen.“

Im Interview bezeichnet Orbán die erwähnten Angriffe als koordinierte Aktion bestimmter Interessengruppen: „Ich war sicher, dass das eintritt. Schließlich (…) haben (wir) die Geldpumpen der ausländischen Unternehmen abgestellt, die sich auf den garantierten Märkten ausgebreitet haben – wodurch die Interessen ihrer Besitzer, der EU- Bürokraten, Spekulanten und vieler anderer verletzt wurden.“ (Zitiert nach Origo)

Orbán gegen den „Krieg“ der EU verteidigen

„Friedensmarsch“-Organisator Zsolt Bayer, sonst im rechtsextremen EchoTV, sagte heute im Staatsfernsehen: Die EU erpresst Ungarn; im Januar wollte Angela Merkel Orbán absetzen, nach dem ersten Friedensmarsch war davon keine Rede mehr; die ungarische Regierung hat das Sparpaket an den Absender zurückgeschickt, das wird Brüssel als offene Kriegserklärung betrachten und die Kampagne gegen die ungarische Regierung wie letzten Oktober erneut beginnen.

Bayer gestern auf der Pressekonferenz zum „Friedensmarsch“ (Video unten): „Die EU erpresst Ungarn und die ungarische Regierung wie ein Wegelagerer, vergessen Sie das nie.“ Weiter sagt er, der „Friedensmarsch“ im Januar habe Viktor Orbán und die ungarische Regierung vor dem Sturz durch die „links-fühlende“ EU gerettet. „Der Krieg wird aufs Neue beginnen, was vor einem Jahr gegen dieses Land gestartet wurde, wird sich jetzt wiederholen. Wenn möglich, noch grausamer, noch raffinierter, und mit noch niederträchtigeren Mitteln. Darum müssen wir am 23. Oktober auf die Strasse gehen.“ Laut Organisatoren war Viktor Orbán mit den beiden vorigen „Friedensmärschen“ zufrieden. Tamás Fricz: „Der Herr Ministerpräsident hat es selbst gesagt, nach den Friedensmärschen redeten Barroso und Co. bei den Verhandlungen in Brüssel ganz anders mit ihm, die Atmosphäre war ganz anders, er wurde mit angemessenem Respekt behandelt.“ (Applaus) Die Organisatoren sagen, der „Friedensmarsch“ sei „politikfrei“ und richte sich gegen die IWF und die „Schuldsklaverei“. László Csizmadia, Sprecher der veranstaltenden Organisation Forum Ziviler Zusammenhalt  CÖF, sagt im Video: „Wir demonstrieren, dass wir fest hinter Viktor Orbán stehen und ihn verteidigen.“

Laut Fricz sei der „Friedensmarsch“ am 23. 10. neben dem „Schutz der nationalen Souveränität auch wichtig, weil die inneren Angriffe zunehmen“, Milla eine Herausforderung sei und man nicht zulassen dürfe, dass der Eindruck entsteht, am 23. Oktober sei nur die Opposition auf der Strasse. (index)

Csizmadia sagte zudem: „Wir wollen das Gedenken von 1956 ehren, und der Welt und jeder unsichtbaren Geldmacht [sic, antisemitischer Code] eine Botschaft schicken: Wir werden niemandes Schuldsklaven sein. Nachdem jetzt von Seiten der Europäischen Zentralbank und dem IWF ein erneuter Angriff auf Ungarn erfolgte, ist es unsere Pflicht, den ungarischen Ministerpräsidenten zu verteidigen. Unsere Botschaft an den IWF lautet, er soll keine Parteipolitik betreiben, nicht erlauben, dass unsere Regierung durch finanzielle Manöver abgelöst wird. (Nol)

*

Stichprobenumfrage von atv: Organisieren Fidesz und MSZP in der Provinz Busse zum „Friedensmarsch“ bzw. zur Milla-Demo in Budapest am 23.10.?

  • MSZP Békéscsaba: Nein
  • MSZP Szombathely: Nein, davon war nie die Rede.
  • Fidesz Kecskemet: („Sind Sie ein Spion der MSZP?“) Ja; die Fahrt ist gratis.
  • Fidesz Győr: Ja, Eigenbeteiligung 2000 HUF.

*

Zu den „Friedensmärschen“  auf diesem Blog:

Mehr zu Zsolt Bayer hier; juristisches Nachspiel der antisemitischen Transparente auf dem „Friedensmarsch“ im Januar:

4 Kommentare leave one →
  1. Kristof Steichert permalink
    20. Oktober 2012 03:53

    Es ist sehr schade, dass diese Seite all diese Berichte so einseitig bringt. Ungarn hat, mindestens seit Ende des 1. WK mehr als einen Grund, auf den Westen zumindest mit Argwohn zu schauen, ist es doch mehrmals das Opfer territorialer „Umformungen“ geworden. Ungarische Siedlungsgebiete, die gegen die Osmanen verteidigt worden waren, die Zeugnis abgeben über die nun schon 1000jährige Geschichte eines christlich-katholischen Ungarns, sollten plötzlich slowakisch, kroatisch, serbisch, rumänisch, polnisch bzw. ukrainisch sein. Die Zersplitterung der K.&.K.-Monarchie vor allem durch die britische Politik der künstlichen Erweckung von sog. Nationalstaaten auf k.-k.nischem Gebiet, kann nur als Verbrechen bezeichnet werden. Damit wurden alle Konflikte des folgenden Jahrhunderts, die sich in Osteuropa abspielen sollten, regelrecht entfacht bzw. die Glut gelegt. Viele Menschen, gerade auch in Deutschland sagen, dass die Grenzverschiebungen, die nach den beiden Kriegen stattgefunden haben, endgültig seien. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass gewisse Besiedlungswurzeln, sind sie erst einmal so tief verwachsen wie die der Ungarn bspw. in Siebenbürgen oder der Deutschen in Schlesien, nicht herauszureißen sind durch das gewalttätige Eingreifen Dritter. Den betroffenen Seiten bleibt also nur eine Option, wollen sie Krieg für die Zukunft vermeiden: Einen fairen Kompromiss finden, am besten während eines großen osteuropäischen Friedensgipfels, OHNE Siegerchauvinismus und Minderwertigkeitskomplexe. Ich weiß, das ist ein Traum. Aber die alten eitrigen Wunden im Osten können nur so heilen. Vielleicht erlebe ich das ja noch (bin 33). Dann müsste ich euch nicht mehr solche Meldungen wie die obige lesen.

    • peter permalink
      20. Oktober 2012 10:28

      Herr Steichert, vorausgesetzt, dass Sie Ihren Namen den auf den Sieg über die Türken folgenden Schwabenzügen verdanken, würde ich von Ihnen eher Sorge um die deutschen „Besiedlungswurzeln“ Ungarns erwarten. Um die Gesundheit der in den benachbarten Staaten befindlichen ungarischen Wurzeln ist es schließlich wesentlich besser bestellt.

  2. Anatol permalink
    20. Oktober 2012 06:56

    Besten Dank für Ihre unverzichtbare Berichterstattung. Ich hoffe Sie sind am 23.10. in Budapest vor Ort und berichten uns über die Demos der Opposition.

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