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Caritas Siófok schließt Roma von EU-Lebensmittelspenden aus

15. November 2012

Dass die karitativen Hilfsangebote der rechtsextremen Organisationen sich ausschliesslich an ethnische Magyaren richten, ist bekannt; nun hat eine lokale Hilfsorganisation der katholischen Kirche für einen Skandal gesorgt. In Siófok am Plattensee im Komitat Somogy wurden Roma durch den Caritas-Ortsverband von der Ausgabe von EU-Lebensmittelpaketen ausgeschlossen. Die Roma fühlten sich ungerecht behandelt und protestierten, die Caritas rief die Polizei. Als Reaktion auf den Skandal und die Medienberichte stieg der Caritas-Ortsverband Siófok komplett aus dem (2013 auslaufenden) EU-Programm aus.

Im Rahmen des EU-Programms „Food for the needy“  werden  Bedürftige in 20 EU-Mitgliedsstaaten bis Ende 2013 mit Lebensmittelspenden unterstützt.

In Ungarn wird das Programm vom Ministerium für Landwirtschaft und Ländliche Entwicklung durchgeführt, die Verteilung vor Ort von karitativen Organisationen abgewickelt. (karitasz.hu)

Die Unterstützung richtet sich an „unter dem Existenzminimum, ohne eigenes Verschulden an der Grenze des Existenzminimums lebende Familien* sowie Rentner mit kleinen Renten“, so Somogy Online in einem Bericht über die Komitatshauptstadt Kaposvár. Dort erhielten Anfang November 570 bedürftige Familien Mehl, Nudeln, Vitaminpräparate und Kakaogetränke.

Die Benachrichtigung und die Ausgabe erfolgte über die Listen der diversen Sozialverbände; alle Familien, die in Kontakt mit sozialen Diensten oder der Caritas waren, erhielten ein Paket. (Somogy Online)

(*Die Unterscheidung impliziert den Diskurs von den „würdigen und unwürdigen Armen“ – unter dem Existenzminimum = Roma, „unverschuldet in Not geraten“ = Magyaren.)

Illustration: Andrang in Kaposvár (Somogy Online)

In Siófok und 29 Dörfern der Umgebung erfolgte die Ausgabe seit 2008 durch die Caritas-Gruppe der katholischen Kirchengemeinde, in Kooperation mit einer Romaorganisation.

Dieses Jahr wurde die Romabevölkerung von Siófok von der Ausgabe der Lebensmittelpakete ausgeschlossen, so hvg unter Berufung auf Somogy Online. (s.u.)

Dem Vorsitzenden der Romaorganisation war dieses Jahr angeblich gesagt worden, es ständen „zu viele Roma“ auf seiner Liste, er solle sie reduzieren, was für ihn nicht möglich war („Wer will in meiner Position heute, wo bei vielen kaum noch Brot auf den Tisch kommt, die Entscheidung verantworten, auszuwählen, wer etwas bekommen soll und wer nicht?“). Darum, und auf Druck des Caritas-Vorsitzenden, kündigte er, wie er sagt, im September den Kooperationsvertrag seiner Organisation mit der Caritas.

Diese wiederum beruft sich in ihrer Stellungnahme auf fehlende Daten zu den bedürftigen Roma und das strenge Projektmonitoring der EU:

“Da wir die EU-Lebensmittel nach einem strengen Abrechnungsverfahren ausgeben, können wir ohne entsprechende Daten nur an Personen Lebensmittel abgeben, von denen uns diese Angaben zur Verfügung stehen.“

Dabei hatte die Caritas offenbar selbst Daten bedürftiger Roma gesammelt:

„Zu uns war ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Caritas gekommen und hat unsere Daten aufgeschrieben, also waren wir auf der Liste. Obwohl ich nicht benachrichtigt wurde, bin ich hingegangen“, erzählt eine Betroffene. „Der junge Pfarrer [gemeint ist wohl Kaplan László Sándor, siehe Gemeindeseite] hat mich nicht einmal gefragt, wie ich heiße, er hat mich aggressiv weggeschickt.“

Die Roma protestierten, die Caritas rief die Polizei, in Siófok bekam keine einzige Romafamilie ein EU-Paket – ein gefundenes Fressen für die rechtsextremen Medien:

  • „Die Zigeuner toben, weil sie in Siófok keine Hilfsleistungen bekamen“ (Jobbik-Organ Barikád)
  • „Die Zigeunerparasiten haben randaliert, weil sie kein Paket bekommen haben“ (Hunhír)

Zu den Aktivitäten der Caritas-Gruppe von Siófok gehören unter Anderem der internationale Caritas-Aktionstag „Eine Million Sterne: Lasst Hoffnung leuchten – für Menschen in Not hier und weltweit!“ am 10.11.2012 – dort ging es um Kinder in Afrika.

Außerdem sammelt sie in der Adventszeit selbst Lebensmittelspenden und veranstaltet im Dezember auf dem Hauptplatz von Siófok einen Adventsbasar – wem die Spenden und Erlöse zugute kommen, ist nicht bekannt. Den bedürftigen Roma von Siófok vermutlich nicht; die Caritas verfügt nicht über die nötigen Daten.

*

hvg (in eckigen Klammern gekürzter Inhalt von Somogy Online):

Roma in Siófok von EU-Lebensmittelpaketen ausgeschlossen?

(…) Laut der Roma vor Ort wurden die Empfänger der Lebensmittelpakete schriftlich über Ort und Zeitpunkt der Ausgabe im Hof der katholischen Kirchengemeinde benachrichtigt;  obwohl ehrenamtliche Mitarbeiter sie im Vorfeld  besucht und ihre Adressen aufgenommen hatten, wurden sie nicht benachrichtigt. Als sie trotzdem hingingen, wurden sie vom Pfarrer aggressiv fortgeschickt.

[Laut den Roma herrschte bei der Ausgabe im Kirchhof großes Geschrei, auch der junge Pfarrer habe sich beteiligt.

„Zu uns kam ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Caritas und hat unsere Daten aufgeschrieben, also waren wir auf der Liste. Obwohl ich nicht benachrichtigt wurde, bin ich hingegangen“, erzählt Lendvai Lajosné aus der Irinyi utca in Siófok. „Der junge Pfarrer hat mich nicht einmal gefragt, wie ich heiße, er hat mich aggressiv weggeschickt.“]

„Es hat in der Tat kein einziger Roma ein Paket bekommen“, erklärt Zsolt Németh, der Vorsitzende der (regierungsnahen)Roma-Minderheitenselbstverwaltung Siófok.

Wie er sagt, verlief die Ausgabe der Lebensmittel und die Zusammenarbeit mit dem Caritas-Ortsverband in den vergangenen Jahren gut; vor einem Jahr sei jedoch bei der Verteilung ein Betrunkener aufgetaucht, und der Druck des Caritas-Leiters führte letztlich so weit, dass sie den Vertrag mit ihnen kündigten.

„Es sind zu viele bedürftige Roma auf der Liste, so oder so ähnlich lauteten die Begründungen“, sagte  Németh. [„Wer will in meiner Position heute, wo bei vielen kaum noch Brot auf den Tisch kommt, die Entscheidung verantworten, auszuwählen, wer etwas bekommt und wer nicht?“] Der Caritas-Leiter  habe ihm außerdem gesagt, manche Organisationen sähen ihre Kooperation mit einer Roma-Organisation nicht gerne. [„Ich habe verstanden und der Vertragskündigung zugestimmt.“]

Der Caritas-Ortsverband von Siófok reagierte mit einer schriftlichen Stellungnahme. Ihm zufolge verteilen sie seit 2008 EU-Lebensmittel in Siófok und Umgebung an Bedürftige, unabhängig von der religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit, ausschließlich nach dem Gesichtspunkt der Bedürftigkeit. Die Feststellung der Bedürftigkeit und die Zusammenstellung der Liste der Bedürftigen geschehe in enger Zusammenarbeit mit den sozialen Institutionen und den ehrenamtlichen Caritas-Mitarbeitern, nach objektiven Gesichtspunkten (…)

In den letzten Jahren sei die Lebensmittelausgabe an die Romabevölkerung von Siófok in Kooperation mit dem Romaverein Sió Rom erfolgt; das Kooperationsabkommen wurde jedoch diesen September vom Vorsitzenden des Romavereins schriftlich gekündigt, der zudem explizit erklärte, dass sein Verein sich an der Ausgabe der EU-Pakete der Caritas nicht mehr beteiligen wolle.

„Da wir die EU-Lebensmittel nach einem strengen Abrechnungsverfahren ausgeben, können wir ohne entsprechende Daten nur an Personen Lebensmittel abgeben, von denen uns diese Angaben zur Verfügung stehen“, so die Caritas.

Sie drückte außerdem ihr Bedauern darüber aus, dass sie bei der letzten Lebensmittelausgabe aufgrund von Drohungen im Interesse der körperlichen und seelischen Unversehrtheit ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter die Polizei bemühen musste; in Anbetracht der aktuellen Ereignisse und der Angriffe werde sie in Zukunft keine EU-Lebensmittelpakete mehr ausgeben, weder in Siófok noch in den Dörfern der Umgebung.

6 Kommentare leave one →
  1. 15. November 2012 17:21

    Reblogged this on marikaschmiedt und kommentierte:
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  2. 15. November 2012 17:45

    Anscheinend machen sich kirchliche Organisationen zum Helfershelfer von Nazis. So auch in Griechenland http://jungle-world.com/artikel/2012/46/46587.html.

  3. Don Kichote permalink
    18. November 2012 08:39

    „Die Benachrichtigung und die Ausgabe erfolgte über die Listen der diversen Sozialverbände; alle Familien, die in Kontakt mit sozialen Diensten oder der Caritas waren, erhielten ein Paket.“

    Auch hierbei stellt sich die Frage (Kontakt) wie engagiert die Bedürftigen ausgewählt werden. Es liest sich so, wie das Feuer dem ich nahe bin um mich zu wärmen. Dies sollte aber nicht nur in diesem Fall ausgeschlossen werden. Gibt es keine Sozialämter in Ungarn, aus denen man die Listen, zur Verteilung der Spenden, generieren kann?

  4. Don Kichote permalink
    24. November 2012 17:01

    „Der junge Pfarrer hat mich nicht einmal gefragt, wie ich heiße, er hat mich aggressiv weggeschickt.“ Das war für mich das übelste. Ich weiß das einige der ungarischen Pfaffen sehr national und intolerant sind. Was stimmt mit der ungarischen Theologie nicht?

  5. 22. Dezember 2012 15:21

    Das ist schon eine ungeheure Diskrimination.Wenn festgestellt wird das jemand oder eine Familie unter dem Existenzminimum lebt,dann spielt es doch keine Rolle ob er Eskimo, Inder,Afrikaner oder sonst was ist, solange er in Ungarn lebt und einen ungarischen Pass bzw. eine gueltige Aufenthaltsberechtigung hat.Eigentlich waren mir die Ungarn immer recht sympatisch, aber sei einiger Zeit sind sie mir, zunindest die Regierung die zur Zeit am Ruder ist, mehr als suspekt.Was denken die sich denn eigentlich.Solchen Regierungen sollten nicht Mitglied in der E.U. sein.
    ad Dshihad

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  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Ungarn: Keine EU-Hilfspakete für Roma

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