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Szombathely: Seelenmessen für Kriegsverbrecher

23. Mai 2013

Am 23./24.05.2013 pilgern etwa 750 Katholiken auf der diesjährigen Diözesanwallfahrt der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit Bischof Gebhard Fürst nach Szombathely, dem Geburtsort des Hl. Martin von Tours. Eine hervorragende Gelegenheit, um mit lokalen Kirchenmännern über die Vergangenheitsbewältigung innerhalb der ungarischen katholischen Kirche ins Gespräch zu kommen. Stoff dafür gäbe es:

In der Franziskanerkirche zur Hl. Elisabeth in Szombathely werden seit 2010 auf Bestellung von Rechtsextremen alljährliche Seelenmessen für den aus Szombathely stammenden, 1946 als Kriegsverbrecher hingerichteten ungarischen Ministerpräsidenten László Bárdossy gelesen, der für eine verstärkte ideologische und politische Annäherung an Nazi-Deutschland stand.
Der zuständige Pater hat damit kein Problem, der Landesvorstand weiss von nichts.


Bárdossy, Göring, Horthy

Die Seelenmessen und Gedenkveranstaltungen finden immer im Dezember anlässlich von Bárdossys Geburtstag statt.

Die MIÉP und Bárdossy

Laut Magyar Narancs wurde die Seelenmesse im Dezember 2012 vom 2010 gegründeten „László Bárdossy Gedenkverein“ bestellt; eines der Gründungsmitglieder ist der ehemalige Ortsvorsitzende der rechtsextremen Partei MIÉP. Bárdossys Rehabilitierung ist der Partei seit Jahren ein Anliegen; bereits 2001 hatte der damalige Parteivorsitzende István Csurka bei der Obersten Staatsanwaltschaft ein Gesuch auf Wiederaufnahme von Bárdossys Verfahren eingereicht. In seinem antisemitischen Theaterstück „Der sechste Sarg“ geißelte Csurka Bárdossys Verfahren als Teil der „jüdischen Weltverschwörung“ gegen Ungarn.

Heute ist die MIÉP politisch bedeutungslos; einzelne ehemalige Mitglieder sind mittlerweile in Fidesz integriert, wie Fidesz-Sprecher Máté Kocsis.

Bei den Franziskanern weiss man von nichts

Der Sekretär der Budapester Ordenszentrale erklärte den Medien auf Anfrage, für Seelenmessen seien die lokalen Pfarreien zuständig, und diese Veranstaltung „stehe in keinster Weise für den offiziellen Standpunkt des Franziskanerordens.“

Der Leiter der Pfarrei, Pater Pius Rácz, erklärte der Magyar Narancs auf Anfrage, die Messe sei „nur für einen László“ ohne weitere Angaben zu seiner Identität bestellt worden.
Auf die Frage, ob er Seelenmessen für Kriegsverbrecher nicht für bedenklich halte, sagte Rácz, Messen würden für Sünder gelesen, um sie Gottes Barmherzigkeit anzuempfehlen.

Laut Magyar Narancs wußte die Pfarrei aber, um wen es sich handelte, weil bei der Bestellung üblicherweise der volle Name des Verstorbenen anzugeben ist. Auf den von einem rechtsextremen Portal veröffentlichten  Fotos der Gedenkmessen von 2011 und 2010 ist außerdem Bárdossys Foto vor dem Altar zu sehen.

Ob die Ordenszentrale der Sache nach den Medienberichten intern nachging und ob sie Konsequenzen hatte, ist nicht bekannt.

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Die Messe 2011 war gut besucht (Bilder vom Neonaziportal jovonk.info)

Bárdossys Grab in Szombathely wurde 2007 von Mitgliedern der rechtsextremen Paramiliz Magyar Nemzeti Arcvonal MNA renoviert.

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(jovonk.info)

In der Stadt finden seit über zehn Jahren Gedenkveranstaltungen für Bárdossy statt, ohne auf nennenswerten gesellschaftlichen Widerstand zu stoßen. Der Fraktionsvorsitzende der Sozialisten im Gemeinderat erklärte Journalisten auf Anfrage, die Rechtsparteien Fidesz-KDNP im Gemeinderat konterten diesbezügliche Kritik mit dem Pauschalvorwurf der „Kirchenfeindlichkeit“. (galamus)

László Bárdossy

László Bárdossy war von Februar 1941 bis April 1941 Außenminister der ungarischen Regierung. Am 21. März 1941 empfing Hitler ihn in Berlin. Nach dem Selbstmord von Ministerpräsident Pál Teleki am 3.4.1941 („Wir sind Leichenschänder“, schrieb [Teleki] dem Admiral Horthy zum Abschied, „wir stellten uns an die Seite der [Nazis] Schurken.“ Siehe ausführlich zeit.de: Budapester Tragödien: Horthy wollte Großungarn wiederherstellen, 8.Mai 2013) stand er als sein Nachfolger vom 4. April 1941 bis März 1942  für eine verstärkte ideologische und politische Annäherung an Nazi-Deutschland.
In seine Amtszeit fiel die Beteiligung am deutschen Feldzug gegen die Sowjetunion und die Kriegserklärungen an die USA und England. Ebenfalls in seiner Amtszeit wurde das dritte Judengesetz Ungarns verabschiedet, das den vollständigen Ausschluss der jüdischen Bevölkerung aus Gesellschaft und Wirtschaft besiegelte.
Mit Bárdossys Zustimmung wurden 20 000 Ungarndeutsche von der Waffen-SS eingezogen. In seine Amtszeit fällt das Massaker von Kamenez-Podolsk mit 14.000 bis 16.000 zuvor aus Ungarn deportierten Opfern, die erste Station des ungarischen Holocaust, sowie das Massaker von Novi Sad: „Anfang 1942 ließen ungarische Soldaten 6.000 Serben und 4.000 Juden aus dem annektierten Novi Sad und der Umgebung für Partisanen-Aktivitäten büßen. Sie trieben die Unschuldigen in ein Schwimmbad an der Donau und erschossen sie auf den Sprungbrettern, von wo aus die Opfer in den eisigen Strom fielen.“ (zeit.de)
Vor der anrückenden Sowjetarmee floh Bárdossy im März 1945 nach Österreich, (…) bis er im Mai von den Amerikanern verhaftet und der neuen ungarischen Regierung übergeben wurde. Vom ungarischen Volksgericht wurde er als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und am 10. Januar 1946 hingerichtet. (wiki, mancs)

Video: Bárdossy empfängt Joachim von Ribbentrop 1942 in Budapest.

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5 Kommentare leave one →
  1. Karl Pfeifer permalink
    24. Mai 2013 06:32

    Ein österreichischer Katholik, den ich auf diesen Pusztaranger Artikel aufmerksam machte schrieb mir

    „für große Sünder eine Messe zu lesen, ist eigentlich eine gute – und aus katholischer Sicht notwendige – Tat. Aber wenn es zur verklärenden Erinnerung wird und zur triumphalistischen Pflege eines Mythos, dann wird es wirklich problematisch.“ *

    Ich stelle daher als Nichtkatholik die Frage, wie ist es möglich, dass die katholische Kirche energisch reagiert, wenn katholische Priester die Abschaffung des Zölibats fordern und bei der Fahnenweihe von neopfeilkreuzlerischen Milizen und bei der Ehrung von Kriegsverbrechern diese Kirche in Ungarn still bleibt?

    * Ich habe nie gehört, dass in Österreich eine Seelenmesse für den Katholiken Adolf Hitler gelesen wurde.

    • pusztaranger permalink
      24. Mai 2013 08:51

      Wobei es auch bei den Reformierten und der evangelischen Kirche in Ungarn jede Menge Vergleichbares gibt. Generell gilt: Solange „nur“ oppositionelle ungarische Medien (und deutsche Blogs) auf solche Mißstände hinweisen, ändert sich gar nichts; Input von „relevanten“, grundsätzlich freundlich gesonnenen Personen und Personengruppen aus dem Ausland, denen man beim besten Willen keine „kommunistischen, magyarenfeindlichen“ etc. Absichten unterstellen kann, könnte hingegen auf lokaler Ebene schon etwas bewirken. In diesem Fall wäre es eine gute Sache, wenn Organisatoren und/oder Teilnehmer dieser Wallfahrt die ungarischen Partner auf diese Seelenmessen ansprechen. Ohne „relevantes“ Input und „relevante“ Medienberichte werden diese Praktiken jedenfalls so weitergehen (Update kommt im Dezember).

  2. Don Kichote permalink
    24. Mai 2013 12:09

    Wenn die Messe im Wortlaut bekannt wäre, könnte man sich besser eine Meinung bilden. Es ist mir nicht klar, ob nun eine Messe für eine verlorene Seele gehalten wurde, in der auch die Opfer genannt wurden, oder ob es um eine Messe ging, wie sie für den Hl. Martin gelesen worden wäre.

    • pusztaranger permalink
      25. Mai 2013 09:39

      Es geht um regelmäßige Seelenmessen für einen Verstorbenen namens László Bárdossy, dessen Nachnamen man nicht gekannt haben will (obwohl die immer angegeben werden müssen), aber mit seinem Foto vor dem Altar; mit dem Hl. Martin hat das nichts zu tun, für Heilige liest man keine Seelenmessen. Möglich wäre, dass der zuständige Pfarrer tatsächlich nicht wusste, wer dieser Bárdossy war, aber auf die entsprechenden Nachfragen der Medien hätte er anders reagieren können – z.B. „das wussten wir nicht, das ist so nicht vertretbar“ o.Ä. Indem er aber lediglich sagt, dass gerade Sünder Seelenmessen nötig haben, will er in der Frage keine Position beziehen. Das wäre schon ein politisches Statement, mit dem er sich lokal konkrete Feinde macht.

      Und die Nennung der Opfer hätte vereindeutigt, dass man hier bewußt für einen Kriegsverbrecher betet – aber für diejenigen, die Bárdossy auf diese Weise „spirituell“ rehabilitieren wollen, ist er ja keiner. Der Punkt bei der Täter-Rehabilitierung ist, dass man den Täter als unschuldig betrachtet und seine Rolle beim Holocaust ausblendet. Und die Gemeinde weiss entweder, wer der Verstorbene ist, oder sie weiss es nicht und wird instrumentalisiert, aber in dieser politischen Situation diskutiert oder protestiert eben auch keiner, der es weiss. Deshalb müssen entsprechende Impulse von Aussen kommen, allerdings aus „relevanten“ Kreisen, s.o.

      Für Miép & Co sind die Opfer immer die „christlichen“ Magyaren als Opfer der „jüdischen Weltverschwörung“, „Dolchstoßlegende“ seit Trianon, unter Ausblendung-Verleugnung der Beteiligung des „christlichen“ Horthy-Staates am Holocaust. Zitat aus Miép-Chef István Csurkas antisemitischem Stück „Der sechste Sarg“ (Hatodik Koporsó), S.9:
      „A nürnbergi perrel párhuzamosan Magyarországon is százakat végeztek ki, kiirtottak egy egész vezető osztályt. De minden itt kezdődött, a hazug ítéleteknek ebben a termében. Versailles – Nürnberg, és magyar népbíróság, Bárdossy László kivégzése, majd Donáth Györgyé, és a Magyar Közösség pere, aztán az ötvenhatos megtorlás, több mint négyszáz akasztás, arccal a földnek elföldelés – itt kezdődött.“

      Auf die Schnelle in etwa: „Parallel zu den Nürnberger Prozessen wurden auch in Ungarn Hunderte exekutiert, eine ganze Führungsschicht ausgelöscht. Aber alles hat hier begonnen, in diesem Saal, wo das Lügenurteil gesprochen wurde [gemeint ist der „Schandvertrag“ von Trianon]. Versailles – Nürnberg, ungarisches Volksgericht, die Exekution von László Bárdossy, später die von György Donáth, der Prozess des Magyar Közösség, dann die Vergeltung für 1956, über 400 wurden gehängt und mit dem Gesicht zur Erde begraben – hier hat es angefangen.“ Mehr zu diesem Stück und seiner Bedeutung im Link oben im Post.

Trackbacks

  1. Szombathely: Seelenamt für Kriegsverbrecher 2013 | Pusztaranger

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