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Verdienstkreuz an rechtsextremen Rocker war keine Verwechslung

8. Juni 2013

… sondern erfolgte von der ungarischen Regierung in voller Kenntnis seiner Aktivitäten. Update zum Post Verdienstkreuz an rechtsextremen Rocker war “Verwechslung” 6. Juni 2013.

Am 15. März 2013 wurde János Petrás, der Sänger der rechtsextremen Band Kárpátia, sowie zwei weitere Rechtsextreme von Minister Zoltán Balog mit dem ungarischen Verdienstkreuz ausgezeichnet (vgl. SpiegelOnline).

Am 6. Juni gelangte die Begründung des Ministeriums für Humanressourcen für Petrás‘ Auszeichnung an die Presse. Aus ihr ging hervor, dass man die Band mit einer lange aufgelösten Folkgruppe gleichen Namens verwechselt haben wollte, die traditionelle Tanzhaus-Musik der moldawischen Csángós spielte und für kulturelle Vielfalt warb – ein kolossaler Fehler und gefundenes Fressen für die oppositionellen Medien.

Das Ministerium reagierte noch am selben Tag mit einer Erklärung: Selbstverständlich habe der Nominierungsausschuss gewusst, welcher Band János Petrás angehört, als er ihn für das Verdienstkreuz vorschlug, und bei der von der Presse zitierten Begründung handle es sich um einen “administrativen Fehler”. (EMMI)

Darauf wiederum meldete sich Mátyás Bolya, der frühere Leiter der Folkgruppe Kárpátia, in einem offenen Brief an Minister Zoltán Balog zu Wort: Wenn die Auszeichnung aufgrund der in der Erklärung genannten Verdienste erfolgt war, so seien dies die Verdienste seiner Band; wenn jedoch János Petrás persönlich ausgezeichnet wurde, möge das Ministerium der Öffentlichkeit diese Entscheidung begründen und Petrás‘ Verdienste nennen. Bolya und die früheren Bandmitglieder sind nach wie vor im ungarischen und internationalen Musikleben präsent und fordern im Interesse ihres professionellen Rufes die „Klärung dieses Mißverständnisses.“ (hvg, 7.6.).

Allerdings wird hier übersehen, dass die „Klärung“ von Balogs Seite aus schon erfolgt ist: In der Erklärung wird darauf hingewiesen, dass Petrás vom Nominierungsausschuss nominiert wurde.  Dieser wiederum ist nicht Teil von Balogs Ministerium, sondern tagt unter dem Vorsitz des Kanzleramtsministers (derzeit János Lázár) und setzt sich aus mehreren Ministern bzw. Staatssekretären zusammen (wiki).

Somit wird die Verantwortung für die Entscheidung an die übergeordnete  Ebene delegiert, und Balogs Ministerium erscheint lediglich als ausführende Instanz.

(Wobei es wiederum der Nominierungsausschuss war, der einem Bürger auf Anfrage die offizielle Begründung des Ministeriums für Humanressourcen zusandte, in der die beiden Bands verwechselt werden, und die von selbigem jetzt als „administrativer Fehler“ bezeichnet wird.)

Mit dieser Erklärung hat Minister Zoltán Balog sich dem Ausland gegenüber abgesichert, sollte er nach Petrás‘ Auszeichnung gefragt werden; für das national gesinnte heimische Publikum funktioniert sie wiederum als Ehrenrettung der Regierung – auch beim Nominierungsausschuss lag kein peinlicher Fehler vor –  und als Bekräftigung, dass Petrás‘ Auszeichnung durch Zoltán Balog auf Empfehlung der ungarischen Regierung und in voller Kenntnis und Anerkennung seiner Aktivitäten erfolgte.

Alles Andere wäre auch wenig glaubhaft – die Fidesz-Abgeordnete Mária Wittner tritt seit Jahren immer wieder mit Kárpátia auf (s.u.).

Der ungarische Durchschnittsleser, der nicht weiss, wie der Nominierungsprozess funktioniert, verbucht die Erklärung als irritierenden und unglaubwürdigen Versuch der Schadensbegrenzung für einen peinlichen Fehler des Ministeriums; Balog und sein Stab lügen entweder oder sind hoffnungslos inkompetent. Oder beides.

Aber darum braucht man sich im Ministerium nicht zu kümmern;  man hat den Rechtsextremen wieder Zugeständnisse gemacht, der Skandal wird im rasanten Tempo der ungarischen Tagespolitik untergehen, und die einzige Kritik, die zählt, ist die aus dem Ausland.

*

Balog hatte im März dem antisemitischen Journalisten Ferenc Szaniszló den Táncsics-Preis verliehen, diesen nach Protesten zurückgefordert und sich entschuldigt:

„er habe nicht gewusst, wes Geistes Kind der Ausgezeichnete sei.“ (Jungle World)

Die ebenfalls ausgezeichneten Rechtsextremen János Petrás und Kornél Bakay durften ihre Auszeichnungen jedoch behalten.

„Mit solchen Preisverleihungen signalisiert die Regierungspartei Fidesz, dass sie nach den nächsten Wahlen, wenn notwendig, einen völkischen Block mit Jobbik bilden wird. „(Jungle World, 21.3. 2013)

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat Zoltán Balog kürzlich den Deutschen Verdienstorden verliehen; im ungarischen Internet wird derzeit der Ruf laut, Gauck möge ihn von Balog zurückfordern, mit der Begründung, er habe nicht gewusst, wes Geistes Kind er sei.

***

Es folgen einige Beispiele für preisgekröntes magyarisches Kulturgut.

Kárpátia: Rache für 1956 und gewaltsame Grenzrevision

Ein Konzertmitschnitt vom Neonazi-Festival Magyar Sziget in Verőce 2011 mit Gaststar, der Fidesz-Abgeordneten Mária Wittner. Im Lied „Ich will Namen hören“ geht es um die Vergeltung an den „Mördern und Verrätern“ von 1956; das Publikum begrüsst Wittner frenetisch mit „Dreckige Juden!“

Ein zentrales Thema bei Kárpátia ist die gewaltsame Trianon-Revision bzw.  Glorifizierung der ungarischen Armee im zweiten Weltkrieg, besonders des von Horthy angeführte Einmarschs in Nord-Siebenbürgen 1940, das durch den Zweiten Wiener Schiedsspruch wieder Ungarn zugeteilt worden war.

Eine Übersetzung der Liedtexte ist derzeit aus Zeitgründen nicht drin, aber die  Bilder, mit denen die Stücke von den Fans unterlegt werden, und die Zugriffszahlen sprechen für sich:

„Nieder mit Trianon!“ (Offenbar ein Soldatenlied der Horthy-Ära, in der die kurz bevorstehende, endgültige  Wiedereroberung Siebenbürgens durch die diversen Einheiten der ungarischen Armee besungen wird. Auf dem Titelbild Mária Wittner mit der Ungarischen Garde.)

„Lumpengarde“ (Horthys Freischärlertruppe – weißer Terror, Massaker von Orgovány 1919 an Anhängern der Räterepublik und an Juden; Besetzung des Burgenlandes 1921; Truppe reaktiviert 1938)

„Ungarns Soldaten“

4 Kommentare leave one →
  1. Karl Pfeifer permalink
    8. Juni 2013 13:51

    Danke Pusztaranger für diese wichtige Arbeit. Die Fideszabgeordnete Maria Wittner mit ihren Freunden aus der nazoiden Garde, dieses Bild sollte man vergrößern und jedes Mal wenn die Vertreter Orbanistan im Ausland sich rühmen der einzige Schutz gegen die ebenfalls nazoide Jobbik Partei zu sein, hochhalten.

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