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Feldherr gegen die Welle, Bad Romance am Deich und „israelisches Sonderkommando“

11. Juni 2013

Das Hochwasser als Medienereignis: Die ungarischen Politiker nutzen es für die Selbstdarstellung, die Neonazis ebenso; Gordon Bajnai posiert mit Jobbik-Anhänger; während sich an den Dämmen die tatkräftig zupackende Volksgemeinschaft inszeniert, werden oppositionelle Medien antisemitisch angepöbelt; beim medialen Wettrennen um die Verdienste für die „Nation“ bleiben die Roma mal wieder außen vor und müssen ihre aktive Mithilfe beim Hochwasserschutz selbst dokumentieren.

Viktor Orbán inszeniert sich als Feldherr gegen die Fluten; auf seiner Facebook-Seite gibt er  in bester Daily Soap-Manier immer intimere Einblicke in seinen Alltag als Hochwassergeneral. Neulich durfte das ungarische Volk seine Wurst zum Mittagessen bestaunen, hier wechselt er auf dem Weg zum nächsten Einsatzort die Socken:


(Endlosschleife von 444.hu)

Die Satire bleibt wie immer nicht aus:


(index)

Trotz der Omnipräsenz des Regierungschefs in Gummistiefeln und dem massiven Einsatz von Militär und anderen Rettungs- und Hilfsbehörden, wird Kritik aus der Bevölkerung laut: das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigt fast nur professionelle Einsatzkräfte und Orbán beim Krisenmanagement, dabei werde die Hauptlast von den Anwohnern und Freiwilligen getragen, die sich meist selbst organisieren. (Pester Lloyd)

Gordon Bajnai, die Hoffnung der demokratischen Opposition (Pester Lloyd) fährt eine Gegenstrategie, würdigt das breite Engagement der Bevölkerung beim Hochwasserschutz und inszeniert sich selbst als Teil davon:  In der Not hält man zusammen und packt gemeinsam mit an, ohne Ansehen der politischen Überzeugung.

Offenbar ist das die Botschaft, die das Bild von Bajnai und einem Jobbik-Aktivisten kommunizieren soll, das sowohl auf Bajnais Facebook-Seite und der seines Wahlbündnisses Gemeinsam 2014 gepostet wurde:

Logo unten rechts: „Gemeinsam“. (Vgl. Lady Gaga, Bad Romance: „I want your ugly, I want your disease, I want your everything as long as it’s free. (…) I want your drama with the touch of your hand, I want your leather studded kiss in the sand“. Dank an M.P. für den Tip!)

Die Strategie ist klar, Bajnai präsentiert sich im Ausnahmezustand als „überpolitische“ Integrationsfigur für alle gesellschaftlichen Kräfte. Mittlerweile übernimmt er auch zunehmend rhetorische Elemente der ungarischen Regierung und der Rechtsextremen und vergleicht das Trianon-„Trauma“ mit dem ungarischen Holocaust (hvg, galamus), während er im Ausland sagt,

„es gibt viele Probleme mit der Regierung, man kann aber nicht sagen, dass es etwas mit Antisemitismus oder Rassismus zu tun hätte.[…] Ungarn ist der EU verpflichtet, es ist kein Neonazi-Land und mag keine Diktatur, die deutsche Presse bringt in ihren Berichten über Ungarn oft Dinge durcheinander.“
(Bei einem von der Heinrich Böll-Stiftung organisierten Forum in Berlin, zitiert von der Budapester Zeitung)

Bajnai scheint (naiv) zu denken, dass die „Nationsgläubigen“ mit politischen Inhalten oder Appellen an gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zu bekehren sind. Aber die Position des kleinen linksliberalen Lagers – keinen Dialog mit den Nazis –  ist in Ungarn eben nicht mehrheitsfähig, wie auch das Hochwasser wieder gezeigt hat:

Volksgemeinschaft am Deich

(Dieser Abschnitt unter Verwendung eines Posts von Gregor Mayer auf Facebook, PR dankt)

Seit Beginn des Hochwassers melden sich Hunderte von Jobbik-Freiwilligen, Gardisten und andere Neonazis zum Helferdienst. Der Bürgermeister der vom Hochwasser schwer getroffenen Gemeinde Tahitótfalu Sándor Imre Sajtos dementierte gestern auf atv eine Meldung, in der es hiess, er habe  einen 140 Mann starken Jobbik-Freiwilligentrupp weggeschickt, „weil man sie hier nicht wolle und niemand sie gerufen habe“; die Meldung wurde in linksliberalen Kreisen mit Respekt aufgenommen,  bei den rechtsextremen Medien löste sie hingegen große Entrüstung aus („Merken wir uns diesen Namen und Mann“). Nun sagte Sajtos, dass er niemanden weggeschickt habe, auch keine Jobbik-Helfer, dass sogar eine Gruppe der Jobbik-Vorfeldorganisation „Jugendbewegung der 64 Burgkomitate“ (HVIM) mithalf und dass „wir keine derartigen Phobien haben“.

Da niemand in Ungarn derartige Phobien zu haben scheint, waren donauauf- und donau-abwärts überall Nazis in Jobbik-Aufmachung, in Garde-Uniformstücken und Glatzen mit einschlägigen Tätowierungen zu sehen.

Interessant dazu die Eindrücke des Journalisten Zoltán Lovás aus dem sonst malerischen Donauknie bei Budapest, die er am Sonntag auf Facebook postete:

„Noch nie habe ich in diesem Landstrich so viele Neonazis mit Árpád-Fahnen, Uniformjacken, Tätowierungen, Glatzen usw. usw. gesehen. So viele ungarische, skythische, keilschriftbedeckte scheußliche Kitsch-Denkmäler habe ich noch nie gesehen. Diese Gegend war einmal eine Insel der Friedfertigkeit, der Ruhe, der Entspannung, der kulinarischen Genüsse, mit einem Wort: des Glücks. Sie war es… und den Dreck des Hochwassers wird man beseitigen können. Diese Art von Dreck aber …. also, ich weiß nicht…“  (Übersetzung Gregor Mayer auf Facebook)

Seither bekommt Lovas auf seiner öffentlichen Facebook-Seite Zuschriften wie diese:

„Ich würde gerne sehen, wie deine schwuchtelige, hungarophobe, linksliberale Fresse aussehen würde, wenn ein Magyare mit Arpadenstreifen dich oder ein Mitglied deiner Familie aus dem Wasser retten würde!  Ein Waschlappen bist du.“ „Wir warten gespannt, wann auch du deine Auswanderung nach Israel bekannt gibst.“

Das „israelische Sonderkommando“

Die Volksgenossen schleppen Sandsäcke, die „Juden“ helfen nicht mit, sondern filmen die Magyaren bei der Arbeit – das kann nicht angehen:

Am Samstag wollte das Team des oppositionellen („jüdischen“) Fernsehsenders ATV den Hochwasserschutz zwischen Lányfalu und Tahitótfalu filmen. Einer der Feuerwehrmänner an der Straße zu den Kollegen: „Da kommen die Juden!“ Grosse Erheiterung bei den Kollegen. Dann ging er in die Büsche und rief: „Ich geh auf die Juden pissen!“ Eine andere junge ATV-Mitarbeiterin bekam in Szigetszentmiklós von einem der zivilen Helfer zu hören, ihr Glück, dass sie mit Polizeischutz drehen kam, sonst würde es ihr übel ergehen. (atv)

Nachdem diese Meldung durch die oppositionellen Medien ging, verurteilte die Katastrophenschutzbehörde die Äußerungen des Feuerwehrmanns in einer Erklärung; ob sie weitere Konsequenzen für ihn hatte, ist nicht bekannt.

Am Sonntag meldete atv dann den nächsten verbalen Übergriff: Am Római Part in Budapest wurde das Team von einem zivilen Helfer mit den Worten empfangen, „das israelische Sonderkommando ist da.“ (atv)

Unsichtbar: Roma am Deich

Seit Beginn des Hochwassers hetzen die rechtsextremen Medien, dass die „Zigeuner“ sich nicht aktiv am Hochwasserschutz beteiligten, in Zeiten der Not also nicht zum Schutz der Nation beitrügen, womit wieder erwiesen sei, dass sie nicht dazugehörten  (Diskurs vom „Parasiten am Volkskörper“).

Der Vorsitzende der Nationalen (Fidesz)Romaselbstverwaltung, Flórián Farkas, hatte darum einen Alibi-Auftritt mit Viktor Orbán, aber in den Medien sind tatsächlich keine Bilder von Roma-Helfern an den Dämmen zu finden.

(Blog Varanus)
Darum rufen vereinzelte Roma-Gruppen mittlerweile auf Facebook dazu auf, die aktive Teilnahme von Roma am Hochwasserschutz selbst zu dokumentieren:

„Roma-Selbstverwaltungen, nehmt es ernst! Sie zeichnen nicht auf und senden nicht, dass auch Ihr dort seid und mithelft. Sie werden uns auf der Grundlage falscher Tatsachen angreifen und verurteilen. (…) Nehmt es auf Video auf, schreibt Protokolle, wann, wo, und mit wie vielen Leuten Ihr am Hochwasserschutz teilgenommen habt…(…) Wenn es keine Dokumentation gibt, könnt Ihr Euch später nicht gegen die Verleumdungen zur Wehr setzen… denn damit ist zu rechnen, ob es uns gefällt oder nicht!“

Bilder von der Roma-Selbstverwaltung Kecskemét, Facebook:


9 Kommentare leave one →
  1. Minusio permalink
    11. Juni 2013 16:07

    Zivilen Einsatz bei Gefahr sollte man wohl immer würdigen, egal woher er kommt. Wenn man aber die politischen Untertöne und Beiklänge liest und hört, möchte man am liebsten sagen: Dem Land ist eigentlich nicht mehr zu helfen. Nur meine ungarische Freundin (zufällig Jüdin) hält mich davon noch ab.

  2. Don Kichote permalink
    11. Juni 2013 17:57

    Es gibt ja einige bekannte Fidesz-Anhänger die behaupten, es würde kein Rassismus in Ungarn geben. Das Bajnai dies auch gesagt hat, zeigt mir, wie unbrauchbar er für eine ehrlichere Politik ist. Lachhaft ist diese Realitätsausblendung man muss sich nicht wundern wenn es noch Jahrhunderte dauert bis aus Ungarn etwas wird, unendlich traurig.

    Was sagte er noch?

    „Ungarn ist der EU verpflichtet“?
    „es ist kein Neonazi-Land“? Mit aufgesetzter Schweißerbrille vielleicht nicht.
    „und mag keine Diktatur“ 30% der ungarischen Studenten meinen da das Gegenteil.
    „die deutsche Presse bringt in ihren Berichten über Ungarn oft Dinge durcheinander.“? Na das wäre doch was für HV..

  3. Maria permalink
    12. Juni 2013 08:38

    „Trotz der Omnipräsenz des Regierungschefs in Gummistiefeln und dem massiven Einsatz von Militär und anderen Rettungs- und Hilfsbehörden, wird Kritik aus der Bevölkerung laut: das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigt fast nur professionelle Einsatzkräfte und Orbán beim Krisenmanagement, dabei werde die Hauptlast von den Anwohnern und Freiwilligen getragen, die sich meist selbst organisieren. (Pester Lloyd)“

    Das kann ich nur bestätigen:

    1. Ein Freund aus Györ erzählte vor ein paar Tagen,wie Orban vorbeikam, während Zivilisten fleißig am Damm arbeiteten. Zuerst wurden die Zivilisten weggeschickt, und die Katastrophenschutzleute in Orbans Gefolge stellten sich auf, dann wurde kurz gefilmt, dann ging Orban samt Katastrophenschutz wieder und die Zivilisten durften wieder weitermachen. Nicht ohne allerdings instruiert zu werden, dass sie das, was sie gerade erlebt hatten, nicht weitererzählen dürften.

    2. Passend dazu auch Eindrücke vom Kossuth-Radio, wo fast nur noch Orban spricht, als ob er der einzige Sachverständige wäre (und dabei unterlaufen ihm ständig Fehler, z.B. spricht er vom „vizoszlop“ (Wassersäule)).

    3. Helfer aus Visegrad erzählen uns, wie Orban unbedingt dorthin kommen wollte, obwohl die Straßen unpassierbar sind/waren und die Leute vor Ort ihm gesagt haben, er solle nicht kommen. Mit Mühe konnte er davon abgehalten werden, mit dem Schiff dorthin zu fahren (und so durch die Wellen den Sandsackdeich in Gefahr zu bringen), dann meinte er, die Leute sollten Sandsäcke auf die überflutete Straße legen, damit er dorthin fahren könne – 150 000 wären dafür benötigt worden.

    4. Ungarisches Staatsfernsehen tun wir uns nur noch selten an (ATV haben wir nicht), aber da deutsche Medien verständlicherweise in erster Linie vom deutschen Hochwasser berichten, haben wir nun doch versucht, im ungarischen Fernsehen Hochwassersendungen/Nachrichten zu finden. Vorgestern (10. Juni, ca. 22 Uhr) haben wir auf M2 dann mal einen Nachrichtenbeitrag über die Flut erwischt (lief beim Umschalten schon). Abgesehen davon, dass die Reporter größtenteils wie schlechte Praktikanten gesprochen haben, war alles, was zu sehen war, zwei Hintergrundbilder der Reporter („Gesicht vor Flusslandschaft“, würde ich diese Aufnahmen nennen). Nachdem ich die letzten Tage auch viele deutsche Hochwassernachrichten gesehen habe ein Unterschied wie Tag und Nacht. M2 hat theoretisch zwar ca. 10 Minuten über das Hochwasser berichtet (vom Umschalten bis zum Themawechsel), praktisch kamen aber eigentlich keine Informationen rüber. Nichts zu Aufräumarbeiten, kein einziges Bild von einem vom Wasser betroffenenen Gebäude. Naja, und anschließend die Nachrichten aus dem Rest der Welt: Irgendein Piano-Event in New York und zwei! Tierberichte (unerlaubte Affenhaltung in xy, Esel in Wohnung in xy).

    • Minusio permalink
      12. Juni 2013 12:51

      ATV kann man um eine Stunde zeitversetzt über das Internet bekommen. Wenn man einen Laptop oder Computer mit HDMI-Anschluss hat, kann man das Bild auch im TV anschauen. So mache ich das hier im Tessin für meine Budapester Freundin.

      • Maria permalink
        12. Juni 2013 15:51

        „ATV kann man um eine Stunde zeitversetzt über das Internet bekommen.“

        Danke für den Tipp! Leider macht unsere Internetverbindung das nur in Ausnahmefällen mit (Geschwindigkeit + Volumen sind begrenzt), aber auch für Ausnahmen gut zu wissen.

      • Minusio permalink
        12. Juni 2013 20:10

        Also 5 Mbps sollte man schon haben. Ich leiste mir 50 Mbps, weil ich über die Telephonleitung zwei TVs und mehrere Computer angeschlossen habe. Aber auch dann ruckelt ATV gelegentlich. Meistens ist der Empfang sehr gut, auch das Bild auf einem grossen Flach-TV. Allerdings nicht HD-Qualität. Wer Wert darauf legt, kann auch M1 und M2 auf dieselbe Weise (aber nicht zeitversetzt) empfangen. Auch Klubrádió ist über das Internet empfangbar.

    • Maria permalink
      15. Juni 2013 15:32

      Nachtrag zum Orban-Auftritt in Györ: Was ich zunächst nicht erwähnte, weil es mir übertrieben schien, ist, dass die Aufforderung, nichts von Orbans gefälschtem Medienauftritt weiterzuerzählen, mit der Drohung gekoppelt war „sonst bekommt ihr kein Geld“. Inzwischen ist klar, wie das funktioniert: Sämtliche Hochwasserspenden gehen an ein „nationales Konto“ (Nemzeti összefogas vonala). Wer z.B. beim Roten Kreuz spenden will, landet bei einer automatischen Ansage, die ihn an diese Spenden-Telefonnummer verweist. Von dort aus werden die Spenden theoretisch dann wieder an die einzelnen Organisationen, Gemeinden etc. verteilt. So wie theoretisch schon beim Braunschlamm-Unglück.

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