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Budapester Fidesz-OB diffamiert politische Gegner als „Juden“

31. August 2013

Der Budapester OB István Tarlós diffamierte im regierungsnahen HírTV die Partei von Ex-Premier Gyurcsány als „Juden“; dazu ein Kommentar des Historikers Adam Kerpel-Fronius von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

István Tarlós, rechts im Bild (Pester Lloyd)

Dass der ungarische Ex-Premier Ferenc Gyurcsány und seine Partei DK von Fidesz-KDNP und Rechtsextremen seit Jahren antisemitisch diffamiert werden, wurde von der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky hinlänglich dokumentiert (vgl. z.B. hier).

Nun sagte der Budapester OB István Tarlós (vgl. Posts Budapester Fidesz-OB ernennt rechtsextremen Theaterdirektor, 7. Oktober 2011, Budapest will Strasse nach Antisemitin benennen, 1. Juni 2013) am Donnerstag im regierungsnahen HírTV (als Reaktion auf eine Kritik von Gyurcsánys Partei DK, die ein Bibelzitat beinhaltete), Gyurcsánys Partei bestände aus Leuten, „deren Bibeln, sollten sie sie mal zur Hand nehmen, sich schon von selbst beim Alten Testament aufschlagen“ (hvg, Magyar Narancs).

Ein Kommentar des Historikers Adam Kerpel-Fronius von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas für diesen Blog:

»Das ist als ganz offen antisemitische Äußerung zu verstehen. Ich möchte nicht darüber spekulieren, was er bezweckt haben möchte – István Tarlós ist ja ohnehin für seine unüberlegten Äußerungen bekannt. Dieses Zitat entstand jedoch völlig ohne Not, und es geht noch weiter, beispielsweise mit ‚Ich glaube an den Herrn, zugegeben, ich lese eher das Neue Testament, aber wir kennen auch das Alte Testament.‘. Das ist nicht einmal kodierter Antisemitismus. Ich halte die Diskussion übrigens für müßig, ob Tarlós Antisemit sei oder nicht – Antisemit ist für mich jemand, der sich antisemitisch äußert. Und damit ist er als Oberbürgermeister einer mitteleuropäischen Millionenmetropole, die eigentlich durchaus weltoffen ist, untragbar.

Zu den Reaktionen in den Medien und in meinem Bekanntenkreis muss ich allerdings feststellen, dass der ganz große Aufschrei ausgeblieben ist. Dabei ist hier doch eindeutig eine rote Linie überschritten – es ist nämlich ein sehr großer Unterschied, ob ein rechter Mob gegen die Neuaufführung einer Rockoper demonstriert, eine Gruppe von Neonazi-Ultras im Stadion einen Kriegsverbrecher hochleben läßt, oder wenn der direkt gewählte Oberbürgermeister seine politischen Gegner als Juden diffamiert. Offensichtlich sind wir inzwischen alle völlig abgestumpft, außer ein paar erwartbaren Protesten zucken die meisten lediglich gelangweilt mit der Schulter. Und es ist auch nicht zu erwarten, dass es irgendwelche Konsequenzen geben wird. Leider.«

Adam Kerpel-Fronius, 38, geboren und aufgewachsen in Budapest, lebt seit 1997 in Berlin und arbeitet als Historiker bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Mittlerweile reagierte Tarlós auf den Bericht der oppositionellen Wochenzeitung Magyar Narancs mit einer Erklärung: Der Antisemitismusvorwurf sei „lächerlich“ und „an den Haaren herbeigezogen“; natürlich könne von einer solchen Absicht seinerseits keine Rede sein; diese Kommentare kündeten vielmehr vom „gänzlichen Fehlen von Kenntnissen der christlichen Bibel und der christlichen Liturgie“. (Magyar Narancs)

Womit in diesem Kontext eine „verjudete“ oppositionelle Presse in Opposition zum „wahren“ (weil nationalen) „Christentum“ impliziert wäre.

3 Kommentare leave one →
  1. Don Kichote permalink
    1. September 2013 07:48

    Warum gab es keinen Aufschrei? Weil von Tarlós nichts anderes zu erwarten war und weil in der Fidesz noch größere Antisemiten sind. So gesehen könnte man Tarlós noch als kleineres Übel betrachten. Seit den letzten drei Jahren ist mit aktiver sowie mit passiver Protektion von Orban´s-Fidesz ein Mainstream erwachsen in dem es normal scheint ein Nazi zu sein. Früher war das schlimmste Schimpfwort „du Zigeuner“ heute ist es „du Jude“. Sie müssen sich einmal mit Ungaren unterhalten die den Freitagsgebeten von Orban zuhören in dem er von mächtigen ausländischen Feinden schwadroniert. Das ist in der Bevölkerung das „Finanzjudentum“ damit hören sie solche Sätze: „Ich muss hart arbeiten und verdiene immer weniger weil die Juden in Budapest das Geld stehlen.“ Das ist keine Behauptung, ich habe es selbst gehört.

    • pusztaranger permalink
      1. September 2013 13:18

      „Warum gab es keinen Aufschrei?“ Auch nicht zu vergessen, dass die Leute, die sich über so etwas aufregen, vom „kalten Bürgerkrieg“ der letzten Jahre inzwischen den Politik-Burnout haben. Man zieht sich ins Privatleben zurück und ist froh, noch einen Job zu haben (wenn man ihn noch hat). Die Anderen haben die Ressourcen und die Medien und machen, was sie wollen. Wer will schon jeden Tag wissen, was so einer wie der Tarlós von sich gibt.

  2. 10. Dezember 2013 19:49

    Warum empfinden die Juden es als Defamierung, wenn man sie Juden nennt.
    Die Ungarn sind stolz wenn man sie Ungarn nennt, auch die Deutsche, Franzosen, Engländer, usw. sind stolz auf ihren nationalität, sogar wenn sie in einen anderen land leben.
    Warum fühlen sich die Juden beleidigt, wenn mann sie Juden nennt?, Vielleicht haben sie eine sehr schlechte gewissen? Oder haben sie einen Auftrag die Leute unter dessen sie leben, zu ruinieren?, ausnutzen? Wenn sie nich mit böse Absicht dort leben, sollten akzeptieren, wenn sie bei irren Namen nennt.

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