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Die Heinrich-Böll-Stiftung, Ungarisches Theater, Fidesz-Land-Grabbing und ein Gedicht

27. November 2013

Aktueller Veranstaltungstip für BerlinerInnen und kleiner Infoservice für die Heinrich-Böll-Stiftung, mit wem man da „pluralistisch“ über „ästhetische und kulturpolitische Kämpfe“, „politische Einflussnahme auf die Kulturlandschaft Ungarn“ sowie „Fragen nationaler und kultureller Identität“ diskutieren will.

Die Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltet am 8.12. eine internationale Konferenz in Berlin: Whatever happened to the Hungarian Theatre? mit hochkarätigen Gästen aus der ungarischen und internationalen Kulturpolitik. Ein Höhepunkt dürfte das Podium mit dem Intendanten des Budapester Nationaltheaters Attila Vidnyánszky und dem Leiter des Theaters Krétakör Árpád Schilling werden.

Das Wiener Burgtheater lehnte im Oktober 2013 eine Gastspieleinladung des Budapester Nationaltheaters ab und begründete dies unter anderem mit dem Misstrauen gegenüber den kulturpolitischen Kräften des Landes. Ist dieses Misstrauen berechtigt?

In den letzten Jahren lassen sich einschneidende Neuausrichtungen in der Kulturlandschaft Ungarns beobachten sowie eine verstärkte politische Einflussnahme auf dieselbe. Der Dialog zwischen den Beteiligten ist schwierig, ein tiefer Riss zieht sich mittlerweile durch die ungarische Kulturlandschaft. Exemplarisch lässt sich der Riss an den Konflikten darstellen und diskutieren, die aktuell die ungarische Theaterlandschaft zum Schauplatz ästhetischer und kulturpolitischer Kämpfe machen wie zum Beispiel die Neubesetzungen von künstlerischen Leitungspositionen.
Inhaltlich wird die Auseinandersetzung von Fragen nationaler und kultureller Identität bestimmt. Welche Rolle soll das Theater kultur- und identitätspolitisch zukünftig in Ungarn spielen? (…)

Die Heinrich-Böll-Stiftung will einen pluralistischen Dialog ermöglichen und lädt Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Kultur und Politik am 8. Dezember 2013 nach Berlin ein, um bei der Tagung „Whatever happened to the Hungarian Theatre?“ die kontroversen Fragen der politischen, nationalen und kulturellen Identität Ungarns zu diskutieren. (…)

Das Programm hier.

Árpád Schilling nahm 2012 Imre Mészáros, den Vorsitzenden der Fidesz-nahen rechtsextremen Motorraddivision Gój Motorosok, als offiziellen Teilnehmer seines gesellschaftskritischen Theaterprojekts IllumiNation auf die Berlin Biennale mit („In Zusammenarbeit mit RegimegegnerInnen, WiderstandsaktivistInnen und JournalistInnen wurde dokumentarisches Material generiert und daraus eine Situation entwickelt, die pro- und anti-demokratische Kräfte gegeneinander ausspielt“; vgl. Post, hier und Index-Video); die Gój Motorosok wiederum sind Freunde des rechtsextremen Theaterdirektors György Dörner vom „Neuen Theater“, dessen erste Aufführung 2012 sie geschlossen in voller Montur besuchten (vgl. Post).

Doch hier soll es um einen anderen der geladenen Gäste gehen, László L. Simon, den stellvertretenden Direktor der Ungarischen Kulturstiftung. (Diese soll offenbar der gleichgeschalteten Ungarischen Akademie der Künste MMA einverleibt werden, vermutet die Magyar Narancs heute, da L. Simon ihre diesbezügliche Presseanfrage nicht beantwortete.)


(Laszló L. Simon, Regierungsseite)

L. Simon ist nicht nur im Hinblick auf Kulturpolitik interessant. Letztes Jahr war er Thema dieses Blogs, weil er als neuer „Gutsherr“von Orbáns Gnaden auf seinem privaten Weingut Häftlinge beschäftigt.


(Vor seinem Weingut, hir24.hu)

(Viktor Orbán 2012 auf Privatbesuch in Agárd – mit L. Simon (Mitte), dem Fidesz-Bürgermeister von Agárd István Tóth (Mitte links), und Häftlingen (linker und rechter Bildrand.) Blog Vastagbör via Fidesz.hu)

Der ehemalige Staatssekretär für Kultur, stellvertretende Fidesz-Fraktionsvorsitzende und Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Kultur und Presse ist als Fidesz-Parlamentsabgeordneter für den Wahlbezirk 4 des Komitates Fejér für die Causa Kishantos zuständig, die derzeit auch die EU-Grünen beschäftigt.

Kishantos: Fidesz-Land-Grabbing

Der ungarisch-deutsche Bio-Musterbetrieb Kishantos mit eigenfinanzierter Ausbildungsstätte (Links s.u.), ein international anerkanntes Beispiel für Best Practice im Ökolandbau, soll nach 22 Jahren durch das Fidesz-Land-Grabbing zerschlagen werden. Der Pachtvertrag über die Anbauflächen von 452 Hektar wurde nicht erneuert, sondern – unter der Orbán-Regierung gängige Praxis – ab dem 1.11. vom Nationalen Bodenfonds „nach subjektiven Gesichtspunkten“ (s.u.) Fidesz-nahen Unternehmern zugeteilt, auch solchen, die bislang gar nicht in der Landwirtschaft tätig waren, und ohne Öko-Auflagen. Greenpeace und die EU-Grünen protestieren.

Laut Medienberichten wurden die neuen Pächter von ihrem Fidesz-Abgeordneten  László L. Simon handverlesen, Ortsansässige reden vom Aufbau eines „Strohmann-Systems“; die für die Anbauflächen zu erhaltenden Fördermittel würden von den neuen Pächtern an L. Simon weitergegeben. (L. Simon klagte wegen Verleumdung, einige der Betreffenden dementierten ihre Aussagen.)
Anfang November verweigerten die bisherigen Pächter die Übergabe der Anbauflächen an den Nationalen Bodenfonds, so dass sie bis auf Weiteres nicht rechtskräftig an die neuen Pächter übergeben werden können (Video). Zahlreiche NGOs haben sich dem Protest angeschlossen.

*

Aber auch zum Thema Poesie ließe sich mit L. Simon pluralistisch dialogisieren: Außer Politiker und Weinbauer ist er auch Schriftsteller und Poet.

„Zerfickte jüdische Nutten“

L. Simons schriftstellerisches Werk ist im deutschen Sprachgebiet unbekannt, eine Auflistung findet sich auf Wikipedia. Anlässlich seiner Ernennung zum Staatssekretär für Kultur 2012 wurden seine Werke im oppositionellen Internet neu rezipiert, besonders folgendes Zitat aus einem Gedicht von 2003:

„Ich (folgte) einem laut lachenden Zwerg (…), mit dem ich von den Ärschen zerfickter jüdischer Nutten Gipsabgüsse machte (…) nicht einmal den Geruch der Scheiße spüre ich.“

(Volltext und Quelle s.u..)

Links zu László L. Simon

Links: Save Kishantos!

Save Kishantos auf twitter und Facebook.

Video mit eglischen Untertiteln, zum Vergabeverfahren nach „subjektiven Gesichtspunkten“ ab 3:30.

L. Simons Gedicht

(László L. Simon: „Váratlanul kiderült“ („Es hat sich unerwartet herausgestellt“), Auszug. Erschienen im Gedichtband „Nem lokalizálható“ („Nicht lokalisierbar“), 2003. Übersetzung PR und N.N., Literaturübersetzerin. Quelle: Ungarische Elektronische Bibliothek, pdf, S. 24, Zitat S. 25f; vgl. Gépnarancs)

„(…) Die heimische Kunstgeschichte hat mich vergessen
während ich schon in Paris Marionette spielte
eine Schule gründete
und einem laut lachenden Zwerg folgte
mit dem ich von den Ärschen zerfickter jüdischer Nutten
Gipsabgüsse machte
ich änderte Stil und Technik
meine uralten Webteppiche verarbeiteten
die Erinnerungen an meine wissenschaftlichen Studien in Indien
außerdem
war ich jeden Mittwochabend
eine Frau
und zur sonntäglichen Matinee
zog ich einen Blätterrock an
ich gewann Preise
die Reinheit meines Charakters
meine Politikerart und Kompromissbereitschaft
erhoben mich zu den Größten unserer Zeit
und in der Blüte meines Lebens
wurde das erste monumentale Denkmal
meiner stattlichen Statur eingeweiht
ich bekam die Möglichkeit, meine eigene Theatertruppe aufzubauen
über mein eigenes Leben schrieb ich ein Stück
aber dass ich meiner Fantasie freie Bahn ließ
generierte jede Menge Probleme
daher befreite ich mein Werk
von den dekadenten Improvisationselementen
*
Die samtenen Falten glätteten sich
die Farbflecken verschwanden
die Verzerrung der Formen
wurde kaum merkbar
nicht einmal den Geruch der Scheiße spüre ich“

(168ora.hu)

Original:

„a hazai művészettörténet elfelejtkezett rólam
miközben én már párizsban báboztam
iskolát alapítottam
és egy röhögő törpét követtem
akivel szétbaszott zsidó kurvák seggéről készítettünk
gipszlenyomatokat
stílust és technikát váltottam
ősi szőtteseim
indiai tudományos kutatásaim emlékeit dolgozták fel
ráadásul
szerda esténként
nő voltam
és a vasárnapi matinék idejére
lombszoknyát húztam
díjakat nyertem
jellemem tisztasága
politikusi alkatom és kompromisszumkészségem
korunk legnagyobbjai közé emelt
s életem derekán felavatták
daliás termetem első monumentális emlékművét
lehetőséget kaptam saját társulatom megszervezésére
saját életemről írtam darabot
de képzeletem szabadjára engedése
problémák sorát generálta
ezért művem megszabadítottam
a dekadens improvizatív elemektől
*
a bársony ráncai kisimultak
a festékfoltok eltűntek
a formák torzulásai
alig észrevehetővé váltak
már a szar szagát sem érzem“

(L. Simon László: váratlanul kiderült [részlet]. Megjelent a Nem lokalizálható című kötetben, 2003-ban.)

6 Kommentare leave one →
  1. Don Kichote permalink
    28. November 2013 08:28

    Nichteinmal der Geruch der Scheiße ….. Was für ein Werk …… Was würde da der Güllepapsternenner und seinesgleichen wohl, substantivierte Possessivpronomen, schreiben? Mal davon abgesehen, hat Orbán viele solcher Freunde. Grüße Don

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