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Einbürgerung mit Faschismusexport

9. Dezember 2013

Viktor Orbán: «Wir verkünden, dass jeder Ungar Mitglied unseres Volkes ist, unabhängig davon, wo er lebt». Das gilt besonders für Nachkommen prominenter, von den Kommunisten als Kriegsverbrecher verurteilter Faschisten der Horthy-Zeit. Für die Einbürgerung von Miklós Wass, dem Sohn des Blut-und-Boden-Schriftstellers Albert Wass, reiste der Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Nationalen Zusammenhalt extra in die USA.

europeonline: Orban: Tor zum Ungarntum ist «aufgestoßen», 05.12.2013

Budapest (dpa) – Mit der Vereinfachung der Einbürgerung von im Ausland lebenden ethnischen Ungarn ist nach Ansicht des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban ein Tor «aufgestoßen» worden. Bei der feierlichen «Vereidigung» des 500 000. Neubürgers, eines Franziskanermönches aus Rumänien, sagte Orban am Donnerstag im Parlament in Budapest: «Wir verkünden, dass jeder (ethnische Ungar) Mitglied unseres Volkes ist, unabhängig davon, wo er lebt».
Ungarn lebten «fast an jedem Punkt der Welt», führte Orban weiter aus. «Wir haben das Schloss aufgebrochen und die Tür aufgestoßen, damit jeder Mensch, der sich als Ungar bekennt, hindurchgehen kann.»
Orbans rechtsnationale Partei Fidesz hatte 2010 ein Gesetz durchgesetzt, nach dem jeder, der auch nur entfernte ungarische Vorfahren oder ungarische Sprachkenntnisse vorweisen kann, die ungarische Staatsbürgerschaft beantragen darf. (…)

Orbán Viktor; Böjte, Csaba

(Staatsnachrichten hirado.hu)

Es handelte sich nicht um irgendeinen Franziskanerpater aus Rumänien. Csaba Böjte ist ein Prominenter im ganzen Karpatenbecken. Seit 1992 betreibt er im Ort Déva in Siebenbürgen eine Stiftung für ungarische Kinder in Not. Inzwischen werden von der Franziskus-Stiftung Déva mehr als 2300 Kinder an 71 Standorten in Rumänien und in Ungarn betreut. Für seinen Einsatz wurde Csaba Böjte 2010 mit dem Bürgerpreis des Europäischen Parlaments (0rf) sowie dem ungarischen Verdienstkreuz (wiki) ausgezeichnet.

Die Franziskus-Stiftung Déva ist ein ’nationales Herzensanliegen‘.  Seit 2011 wird sie unterstützt durch die Weizenmehl-Spenden der Aktion „Brot der Magyaren“, vgl. Post. Aus dem ganzen Karpatenbecken (historisches Großungarn) werden Tonnen von Getreide gesammelt, vermahlen und als Symbol für den Zusammenhalt der Magyaren über die Landesgrenzen in Mohács zu mehreren Tausend Broten verbacken, die zum Nationalfeiertag am 20. August in einer feierlichen Zeremonie geweiht werden und dann gegen eine Spende zu erwerben sind. Der übrige Weizen geht an die Franziskus-Stiftung. Waren es im ersten Jahr der Aktion 2011 noch 5 Tonnen, deckt die Aktion mittlerweile den ganzjährigen Mehlbedarf der Stiftung; 2013 wurde die Hälfte von der  ungarischen Agrarkammer gespendet. (hvg, szegedma)

Es handelt sich somit um eine staatlich geförderte Lebensmittelspende für über 2300 ethnisch ungarische Kinder in Siebenbürgen, „würdige Arme“ von nationalem Interesse, „gesamtungarisch“ genährt.

In Ungarn selbst leben laut Unicef 2012 etwas mehr als 10% aller Kinder unterhalb der Armutsgrenze. Bis zu 25.000 Kinder, so die Schätzungen, hungern regelmäßig, knapp 400.000 werden nicht angemessen ernährt (Pester Lloyd hier und hier). An dieser Stelle sei noch einmal auf diesen  aktuellen Spendenaufruf verwiesen.

*

Über Csaba Böjte gibt es zwei Dokumentarfilme (2004, 2006), beide im Auftrag der Franziskus-Stiftung Déva produziert von der Jobbik-nahen Medienfirma Dextramedia, vgl. Post Nazi-TV-Produktionsfirma produziert Doku-Serien fürs Staatsfernsehen, 7. Dezember 2013. Teil 1 beginnt mit Trianon, im Soundtrack diverse rechtsextreme Bands („Gesunde Kopfhaut“, „Romantische Gewalt, „Nationale Front“) .

*

Bei der Zeremonie mit Böjte im ungarischen Parlament am 5.12. fällt ins Auge, dass die sog. „historische Flaggenreihe“ –  alle 23 Kriegs- bzw. sonstig bedeutsamen Flaggen seit der ungarischen Staatsgründung in tausendjähriger Kontinuität, einschließlich historischer Arpadenflagge und der Militärflagge der Horthy-Armee – zu diesem Anlass durch die 2004 entworfene blau-goldene Széklerfahne ergänzt wurde (Bildmitte), die die Autonomiebestrebungen der Székler symbolisiert, vgl. Post Heim ins Reich – Großungarische Ambitionen 4. Oktober 2013.

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Der Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Nationalen Zusammenhalt, Árpád János Potápi (Fidesz), würdigte Böjte ebenfalls in einer Ansprache.
Erst im Sommer weihte Potápi gemeinsam mit Jobbik-Gemeinderäten in seinem Wahlbezirk eine Albert Wass-Statue ein (siehe Post), eines von 45 Denkmälern zu Ehren „eines völkischen Nationalisten und glühenden Antisemiten der Horthy-Zeit und verurteiltem Kriegsverbrecher (…). „Er ist zurzeit der vielleicht populärste Autor“, sagte der Historiker Krisztián Ungváry (…).“ (taz)

watiszt

(Albert Wass als Offizier, von einer rechtsextremen Seite)

Und in ganz besonderen Fällen fliegt man zu so einer Einbürgerungszeremonie auch schon mal nach Übersee:

Faschismusexport

Im April 2013 verlieh László Kálmán, der ungarische Konsul in Los Angeles, Miklós Wass, dem Sohn von Albert Wass, in einer feierlichen Zeremonie in Las Vegas die ungarische Staatsbürgerschaft. Potápi in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Nationalen Zusammenhalt überbrachte ihm persönlich die Grüsse des Parlamtspräsidenten László Kövér (Fidesz).
In seiner Rede betonte er die symbolische Bedeutung des Ereignisses, „mit dem nicht nur das Andenken von Albert Wass, sondern auch die jahrzehntelang ungerechterweise als Vaterlandsverräter betrachteten Auslandsungarn im Westen geehrt werden sollen. Ungarn schaut zu den Diasporaungarn auf, betrachtet sie als wichtige Verbündete“, so Potápi.
Er überreichte Miklós Wass ein Foto der Albert Wass-Statue in Bonyhád, wo er Bürgermeister ist. (Quelle)

Von „Faschismusexport“ spricht hier der in den USA lebende Journalist György Lázar. Er berichtet in der US-Népszava, dass der Konsul im Juni das American Jewish Committee (AJC) in Los Angeles aufsuchte und die Vizevorsitzende Gosia Weiss beruhigte, die ungarische Regierung vertrete eine Null-Toleranz-Politik und ersticke faschistische Phänomene im Keim. Die Zeremonie mit Miklós Wass („Faschistisches Nostalgie-Happening“) fand dabei keine Erwähnung, es fanden sich seither auch nirgends Informationen auf Englisch dazu.

5 Kommentare leave one →
  1. 10. Dezember 2013 19:07

    Wer habe nicht von „Ausland Deutschen“ nicht gehört. Sie habe eine Grundrecht von den Ausland (Russland) nach Deutschland umzusiedeln und sofort die deutschen Staatsbürgerschaft zu bekommen.
    Ohne die Welteroberer Ambitionen vin keiser Wilhem im 1914, hätte es keine 1. Weltkrieg gegeben und Ungarn hätte ihren 1000 jahre alte Grenzen behalten könnten.
    In 1941 haben die deutschen Ungarn in ihren Krieg eingezogen, was die Tod von hundertteusende Ungarn bedeutet hat. Haben in 1944/5 die schönste Brücken in Budapest in der Luft gesprengt. Um um den Wiedergutmachung zu entkommen behauten sie, daß Ungarn war Hitlers Deutschlands verbündete, obwohl jeden weiss, daß Ungarn war ab März 1944 eine besetzte land, genau wie Frankreich, Belgien, Holland, Norwegen.

    • Minusio permalink
      10. Dezember 2013 21:53

      Es ist irgendwie erhellend zu sehen, dass solche verqueren, durch keine Kenntnis getrübte Weltanschauungen tatsächlich existieren. Man wüsste nur zugern, wie hoch der Anteil dieser Stammtischphilosophen an der Gesamtbevölkerung wirklich ist.

      • Richter János permalink
        11. Dezember 2013 15:29

        Der Anteil entspricht etwa dem Whleranteil von Jobbik und FIDESZ zusammen

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