Ungarische Regierung plant Denkmal der Deutschen Besetzung 1944
Die ungarische Regierung plant im Holocaust-Gedenkjahr 2014 ein Denkmal der Deutschen Besetzung 1944.
Laut Beschluss der ungarischen Regierung wird zum 70. Jahrestag der deutschen Besetzung am 19.März 2014 ein Denkmal auf dem Budapester Freiheitsplatz errichtet, so die ungarische Nachrichtenagentur MTI.
Die schnelle Errichtung ist durch die Deklarierung des Denkmals als „von besonderer Bedeutung für die Nationalwirtschaft“ möglich, so können die sonst üblichen Konsultations- und Planungsverfahren umgangen werden. (hir24)
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Auf dem Freiheitsplatz steht auch das sowjetische Befreiungsdenkmal. Es ist davon auszugehen, dass die beiden Denkmäler aufeinander bezogen ein Ensemble bilden werden.
In der neuen Orbán-Verfassung wurde rückwirkend festgeschrieben, dass für den Zeitraum März 1944-Mai 1990 Ungarns Rechtskontinuität aufgehoben war:
„Wir erkennen die infolge der Besetzung durch fremde Mächte eingetretene Aufhebung unserer historischen Verfassung nicht an. Wir lehnen die Verjährung der gegen die ungarische Nation und ihre Bürger während der nationalsozialistischen und kommunistischen Diktatur begangenen unmenschlichen Verbrechen ab. (…) Für uns gilt die Wiederherstellung der am neunzehnten März 1944 verloren gegangenen staatlichen Selbstbestimmung unserer Heimat ab dem zweiten Mai 1990, von der Bildung der ersten frei gewählten Volksvertretung an. Diesen Tag betrachten wir als Beginn der neuen Demokratie und verfassungsmäßigen Ordnung unserer Heimat.“ (Quelle)
Ein solches Denkmal-Ensemble der beiden Besatzungsmächte symbolisiert somit den Zeitraum, für den laut Fidesz-Geschichtsversion der ungarische Staat mangels „Rechtskontinuität“ nicht verantwortlich zu machen ist; alles in diesem Zeitraum Geschehene fällt nicht in die Verantwortung des ungarischen Staates und der ungarischen Nation. So wird die aktive Rolle des ungarischen Staates am Holocaust, der Deportation von über 440 000 ungarischen Bürgern durch die ungarischen Behörden 1944, ausgeblendet und die Deportationen den deutschen Besetzern angelastet.
Auf die Kritik des Dachverbandes der jüdischen Glaubensgemeinschaften MAZSIHISZ reagierte die Regierung mit Unverständnis. Mit diesem Denkmal „ehrt die ungarischen Regierung das Andenken jedes ungarischen Opfers der tragischen (sic) deutschen Besetzung“ (Nol). Der Begriff „tragisch“ (der in Ungarn im Zusammenhang mit dem Holocaust oft verwendet wird) impliziert das Szenario einer unaufhaltsamen Tragödie, gegen die man leider machtlos war.
Freiheitsplatz (Quelle)
Im Vergleich mit dem Haus des Terrors von 2002 fällt ins Auge, wie sich die offizielle Fidesz-Gedächtnispolitik seither verändert hat: Dort werden die Deportationen unter Horthy völlig ausgeblendet und nur an die Opfer der Pfeilkreuzler ab Oktober 1944 erinnert; die Pfeilkreuzler und die Kommunisten werden als zwei Seiten derselben Sache, des Terrors inszeniert.
Und die Epoche des Terrors begann 2002 (bzw. in der Dauerausstellung im Haus des Terrors) noch im Oktober 1944 mit der Machtübernahme der Pfeilkreuzler. 2014 wird der Beginn dieser Epoche durch das neue Denkmal auf den März 1944 vorverlegt, denn im ungarischen Holocaust-Gedenkjahr 2014 können die unter Horthy deportierten Opfer nicht mehr ausgeblendet werden. Doch dies kann dem heutigen „national fühlenden“ Magyaren so knapp vor den Parlamentswahlen (vermutlich am 6.April) offenbar nur zusammen mit einem Wehrmachtsdenkmal zugemutet werden, mit dem das „ungarische Volk“ retrospektiv und ahistorisch von jeder Schuld freigesprochen wird.
Der Historiker Krisztián Ungváry bezeichnete ein solches Denkmal als „historischen Nonsens.“ Ungarn war Verbündeter Nazideutschlands, das Parlament tagte auch während der Besetzung weiter, und die neue Sztójay-Regierung bestand zum Großteil aus Mitgliedern des vorigen Kabinetts von Miklós Kállay. Zudem, so Ungváry, könne im Zusammenhang mit der deutschen Besatzung nicht von nennenswertem ungarischen Widerstand gesprochen werden. (Népszava)
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Interessant wird auch zu beobachten, wie sich das neue Denkmal auf die Fidesz-Gedächtnispolitik zum alljährlichen „Tag des Ausbruchs“ im Februar 2015 auswirken wird. Seit 2005 gedenkt Fidesz zu diesem Anlass der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS, nicht etwa als fremde Besatzer, sondern als Waffenbrüder im Kampf gegen den Bolschewismus, vgl. Magdalena Marsovszky: Die „Täter-Opfer-Umkehr“– der Antisemitismus der politischen Mitte“ (pdf).
[Update 3.1.2014: vgl. Ágnes Heller: Orbans Leichenfledderei. „Ágnes Heller findet es unerträglich, dass Ungarns Regierung mit Holocaust-Opfern ihr Image aufpoliert“. Artikel vom 2.1. hier.]
Ungarischer Soldat und deutscher Wehrmachtssoldat: „Mit vereinter Kraft gegen den Bolschewismus, für das Überleben Europas und Ungarns!“ (Plakat von 1944)
(nepszava.com)
Der Maffiastaat möchte gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten tanzen. Einerseits die Sympathien der rechten bis rechtsextremen Wähler behalten andererseits im Ausland den Eindruck erwecken, Fidesz-KDNP wäre eine „christlich-konservative“ Partei.
Lesetip: Orbans Leichenfledderei. Ágnes Heller findet es unerträglich, dass Ungarns Regierung mit Holocaust-Opfern ihr Image aufpoliert. 02.01.2014
Bereits zwei Jahre vor der deutschen Besatzung titelte die „christliche“ Tageszeitung
Györi Nemzeti Hirlap
„Ministerpräsident Miklós Kállay:
Es gibt keine andere Endlösung als die
Aussiedlung der 800.000 Juden“
Györ Nationale Zeitung, Christliche politische Tageszeitung 1942 04 21
‚Ein Untertitel der „christlichen“ Tageszeitung : „Wir gehen nicht gezwungener Weise in diesen Krieg“
So sehr, wie man sich ein differenzierteres Verhältnis Ungarns zu seiner Rolle im 2. Weltkrieg wünschen kann, sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die deutsche Besetzung Ungarns war natürlich eine Zäsur. Das fiel mir unter anderem bei der Erwähnung des seltsamen Gedenkens an den Ausbruch ein, der im Artikel erwähnt wird. Eine Menge schwäbischer Männer sind dabei gefallen, die möglicherweise nicht hätten in die SS eingezogen werden können, wenn Hitler Ungarn nicht besetzt hätte (die ungarischen Soldaten standen wohl auch unter dem Kommando der SS). An das Schicksal einiger Parlamentarier, die danach in das KZ gekommen sind, erinnert folgender Artikel (http://www.galamuscsoport.hu/tartalom/cikk/350587_a_naciellenes_orszaggyulesi_kepviselokrol). Irgendwann wird die Zeit kommen, wo auch in Ungarn der eigenen Soldaten bestenfalls als Opfer und nicht als Helden gedacht werden wird und die an den von den Pfeilkreuzlern ermordeten Bajcsy-Zsilinszky erinnernden Tafeln um den Hinweis ergänzt werden, dass er lange Zeit ein überzeugter Antisemit war. Österreich braucht(e) ja auch lange, bis es immerhin hieß, dass Österreicher „nicht nur Opfer, sondern auch Täter“ waren (Heinz Fischer).
Gibt es eigentlich Busch in ungarischer Übersetzung ?
„Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab‘ ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp‘ ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff‘ ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.“