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Ungarische jüdische Gemeinden erwägen Boycott des Holocaust-Gedenkjahrs

22. Januar 2014

Auf einer Pressekonferenz am 21.1. protestierte der Verband Ungarischer Jüdischer Glaubensgemeinden (Mazsihisz) gegen Geschichtsfälschung und Relativierung des Holocaust durch die ungarische Regierung. Mazsihisz sucht nach wie vor den Dialog, erwägt jedoch den Boycott des Holocaust-Gedenkjahrs. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Budapest haben abends Angst, auf die Straße und zum Gottesdienst zu gehen, sie fühlen sich in die Zeit 1938-44 zurückversetzt. Die Fidesz-Historikerin Mária Schmidt ist über die Kritik von Mazsihisz empört und diskreditiert sie in den regierungsnahen Medien als politisch motiviert.

Update zum Post Der Holocaust als “fremdenpolizeiliche Maßnahme” des ungarischen Staates, 17. Januar 2014, vgl. Pester Lloyd: Orbáns „Null-Toleranz-Politik“ gegen Rechtsextremismus I: Fidesz-Institutsleiter bezeichnet ungarisches Massaker als “fremdenpolizeiliche Maßnahme”, 20.1.2014

Video (s.u.) von Ádám Csillag, deutsche Zusammenfassung von Magdalena Marsovszky, [Ergänzungen PR].

Pressekonferenz von MAZSIHISZ (Verband Ungarischer Jüdischer Glaubensgemeinden) in Budapest, am 21. Januar 2014: Stellungnahme  im Zusammenhang mit den Tendenzen zur Geschichtsfälschung und zur Relativierung des Holocaust seitens der Regierung Ungarns zum  Holocaust-Gedenkjahr 2014.

[Die Pressekonferenz diente der Bekräftigung und Ausführung der von Mazsihisz am 19.1. veröffentlichten Erklärung (siehe Post). Die dort genannten Beispiele wurden um Folgendes ergänzt:

Auf der Auf der Horthy-Konferenz im Haus des Terrors im Dezember war Reichsverweser Miklós Horthy als „Bewahrer der europäischen bürgerlichen Werte“ und „größter ungarischer Staatsmann des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet worden. (5:30) Im staatlichen Kossuth Radio war gesagt worden, die ungarischen Juden seien (unter Horthy), einzigartig in Europa, von der ungarischen Armee beschützt worden (7:05). Mit solchen Äußerungen ist für Mazsihisz die Grenze des Akzeptablen überschritten.

Mazsihisz sucht nach wie vor den Dialog mit der ungarischen Regierung, erwägt jedoch den Boycott des Holocaust-Gedenkjahrs. (10:00)]

Anwesend: Zsuzsa Toronyi, Direktorin des Archivs, András Heisler, Präsident des Verbandes der jüdischen Glaubensgemeinschaften MAZSIHISZ, Gusztav Zoltai, Geschäftsführender Direktor von MAZSIHISZ, Peter Tordai, Präsident der Jüdischen Glaubensgemeinde in Budapest, und als Experte der Historiker Prof. László Karsai. Zur Pressekonkerenz kam auch der Botshafter Israels in Budapest, Ilan Mor.

Es ging um die ernste Besorgnis, dass die Tendenzen zur Geschichtsfälschung in Ungarn zur Relativierung des Holocaust führen könnten. MAZSIHISZ wolle aus den Fehlern der jüdischen Glaubensgemeinden in der Zeit vor dem Holocaust lernen und diesmal nicht schweigen.
Am Ende der Pressekonferenz sagte der Präsident der Jüdischen Glaubensgemeinde in Budapest, Peter Tordai, Folgendes (ab 52:50):

„Ich möchte über die allgemein pessimistische Stimmung der Budapester Jüdinnen und Juden berichten. Unsere RabbinerInnen und MitarbeiterInnen in den Glaubensgemeinden berichten darüber, dass die Zahl derer, die die Gottesdienste besuchen, zurückgegangen ist, und zwar wegen der Angst, nach Sonnenuntergang auf die Strasse zu gehen. In der Glaubensgemeinde wird unsere Zurückhaltung kritisiert, man meint, wir seien zu schwach. Man hat uns ermuntert, endlich Stellung zu beziehen (…). Ich bitte Sie, die Nachricht in allen Medien zu verbreiten: Im Jahre 2014 haben die ungarischen Jüdinnen und Juden das Gefühl, als seien sie in der Zeit zwischen 1938 und 1944. Auch damals sagten viele von uns, uns würde dies alles nicht treffen, wir seien ungarische Jüdinnen und Juden, wir seien nützliche Mitglieder einer zivilisierten Gesellschaft, hätten gesamtgesellschaftlich viel Positives geleistet, was man uns sicher anrechnen würde. Unsere Jüdinnen und Juden haben Angst. Wir möchten nicht, dass sich die Geschichte der Zeit zwischen 1938 und 1944 wiederholt. Vielen Dank!“(Übersetzung: Magdalena Marsovszky).

Video von Adam Csillag, der seit 2010 mit seinen Dokumentationen im Alleingang und auf eigene Kosten die Funktion demokratischer öffentlich-rechtlicher Medien übernommen hat, vgl. woz.ch, NDR. Unterstützung für ihn via PayPal oder Spendenkonto UniCredit HU05 1090 0028 0000 0009 8949 0012. Seine Webseite hier.

Reaktion: „Mazsihisz will in den Wahlkampf einsteigen“

Mária Schmidt, die Leiterin des Hauses des Terrors und zukünftige Leiterin des im Bau befindlichen neuen Holocaust-Gedenkzentrums „Haus der Schicksale“, das von Mazsihisz kritisiert wird, diskreditierte diese Kritik heute als politisch motiviert. Sie warf Mazsihisz heute im regierungsnahen HírTV vor, „in den Wahlkampf einsteigen zu wollen.“ Als religiöser Verband, der lediglich 3000 Mitglieder vertrete, sei „seine Legitimität doch sehr eingeschränkt.“

10 Kommentare leave one →
  1. Don Kichote permalink
    22. Januar 2014 12:39

    Die Ungarn werden den Juden den Holocaust nie verzeihen und Mária Schmidt auch nicht. Und die ist tatsächlich die Leiterin des Hauses des Terrors. Man fühlte sich also terrorisiert durch die Juden?

  2. peter permalink
    22. Januar 2014 13:10

    Es scheiden sich die Geister unter anderem an dem geplanten Besetzungsdenkmal, unter anderem deshalb, weil es keinerlei Gedenken an diejeningen Opfer gibt, die noch allein von Ungarn zu vertreten sind. Erwähnt wird hier im Artikel die von einem Historiker euphemistisch als fremdenpolizeiliche Aktion apostrophierte Deportation von Juden mit „ungeklärter“ Staatsbürgerschaft nach Galizien, das man kurz von der Sowjetunion erobert hatte. Ich nehme an, dass die meisten dieser Juden in der zwischen den Kriegen (bis zur Besetzung durch Ungarn) zur Tschechoslowakei gehörenden Karpatoukraine wohnten und im Zweifel deren Staatsbürgerschaft besassen. Es sollen auch aus Polen nach Ungarn geflohenen Juden darunter gewesen sein etc. Haben eigentlich diese Länder jemals ein Interesse an einem Gedenken in Ungarn angemeldet, zu dem sich Ungarn irgendwie hätte verhalten müssen ?

    • Karl Pfeifer permalink
      22. Januar 2014 16:57

      Was Orbán & Dunstkreis machen hat nur einen Sinn, die Stimmen der Neonazi zu erhalten. Denn sie wissen, ihre Geschichtsfälschung wird im Ausland eine entsprechende Reaktion auslösen. Die wünschen sie, weil sie sich dann wieder als Unschuldslämmer präsentieren können, die nur wegen ihres „Christentums“ angegriffen werden.
      Nicht Polen und die Tschechoslowakei haben diese Menschen dem Tod ausgeliefert, und es war eine Regierung, die von Horthy ernannt wurde, die 1941 dieses Verbrechen vollbrachte. Übrigens waren unter den nach Kamenets-Podolsk deportierten auch ungarische Staatsbürger.
      Horthys Regierung hat mit antisemitischer Hetze den Boden für die Verbrechen vorbereitet, die jetzt von Orbán & Dunstkreis wegkosmetiert werden sollen

      • peter permalink
        22. Januar 2014 20:19

        Orban ist aber auch in einer vertrackten Situation, in die er sich vielleicht selber hineinmanövriert hat. Zwar ist die Jobbik nicht so stark wie das österreichische Pendant, die FPÖ. Wenn Orban es aber nicht der ÖVP gleichtun will, die mit der FPÖ koaliert hat, muss er der Jobbik Stimmen abgewinnen.Wenn es wirtschaftlich nicht bergauf geht, dann bleibt nur Symbolik. Und in Ungarn war es bisher sicherlich Konsens, dass Ungarn in erster Linie ein Opfer war, mit „Neonazis“ hat das nicht viel zu tun. Ich denke, das Denkmal wird von wenigen erwartet, aber es wird auch kaum leute geben, die daran Anstoss nehmen, mit Ausnahme derjenigen,die sich davon politsichen Vorteil versprechen. Wenn sich früher schon einmal jemand für ein Denkmal zb für die Opfer der ungarischen Judengesetze/für die Deportationen eingesetzt hätte und es heute stünde, wäre das „Erzengeldenkmal“ heute vielleicht nicht mehr möglich. Und überhaupt: sind die Denkmäler in Deutschland und Österreich (gibt es in Österreich eines ?) nicht auch erst entstanden, als die Länder reich geworden waren und man sich mehrheitlich eine neue Identität zugelegt hatte, die losgelöst von der Vorkriegsvergangenheit existiert (in Österreich glaubt man ja sogar, österreichisch zu sprechen, wie ich kürzlich aus dem Munde des Kanzlers hören musste )? Allerdings hat Deutschland schon vorher, als es sich als Gesellschaft noch nicht der Vergangenheit hat stellen wollen/können, bereits „Wiedergutmachung“ geleistet. In Ungarn hat es, aus welchen Gründen auch immer, ja nie eine Restitution oder Entschädigung gegeben, so viel ich weiß. Vielleicht hat man auch Angst davor, dass das Kapitel noch einmal aufgemacht wird, schließlich wohnt man in Villen, die erst durch Deportationen freigeworden sind ? Denn „az emberek inkább jók, mint rosszak, mihelyt semmi káruk vagy hasznuk nincsen abból, hogy milyenek legyenek“, um es mit Mikszáth zu sagen.

      • Karl Pfeifer permalink
        27. Januar 2014 06:48

        1) Gestern Abend hat Krisztián Ungváry im ATV erklärt, wieso dieses Denkmal der Regierung politisch nützen wird.

        2) Es gibt in Wien ein zentrales Holocaust Denkmal in der Mitte von Wien am Judenplatz errichtet nach den Plänen einer britischen Künstlerin.
        Das Mahnmal wurde am 25. Oktober 2000, also einen Tag vor dem österreichischen Nationalfeiertag im Beisein von Bundespräsident Thomas Klestil, dem Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde Ariel Muzicant, Simon Wiesenthal, der Architektin, weiteren Würdenträgern und Gästen fünf Jahre vor der Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin enthüllt.

        3) In Wien gab es eine breite Bewegung gegen die schwarz-blaue Regierung. In Ungarn hat sich eine solche – viel zu spät – erst ein paar Monate vor den Wahlen geformt.

        3) Was immer der Kanzler sagte, gibt es einen Unterschied so wie es einen Unterschied gibt zwischen Briten und Amerikanern. Wie es GBS sagte, die gemeinsame Sprache trennt.

  3. Karl Pfeifer permalink
    22. Januar 2014 13:12

    Maria Schmidt versucht es mit einem verlogenen Untergriff. Denn es kann natürlich keine Rede davon sein, dass MAZSIHISZ in den Wahlkampf eingreifen möchte. Vielmehr projiziert Schmidt die miese Taktik von Orbán & Dunstkreis auf andere.
    Orbán & Dunstkreis planten von Anfang an Juden zu provozieren mit einem unsinnigen Denkmal am Budapester Freiheitsplatz und mit einem überflüssigen Geschichtsinstitut unter Szakály, dessen Aufgabe es ist die Geschichte so umzuschreiben, damit es in das völkische Konzept passt. Denn mit dieser Taktik glauben diese Leute Stimmen bei den Wahlen Anfang April zu maximieren.
    Mir kommt das alles so vor, wie das eingefrorene Posthorn des Baron Münchhausen aus dem jetzt der ganze bräunliche Schmutz der 30er 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts kommt.

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