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Budapester Holocaust-Gedenkzentrum kooperiert mit geschichtsrevisionistischem Veritas-Institut

27. April 2014

Nach den Wahlen werden Tatsachen geschaffen: Das staatliche Budapester Holocaust-Gedenkzentrum hat eine Kooperationsvereinbarung mit dem staatlichen historischen Forschungsinstitut Veritas geschlossen. Sein Leiter, der  Militärhistoriker Sándor Szakály, ist auf Jobbik-Veranstaltungen gern gesehener Gast. Wegen geschichtsrevisionistischer Äußerungen Szakálys forderten die jüdischen Gemeinden seinen Rücktritt und boykottieren das Holocaust-Gedenkjahr.

Die ungarischen jüdischen Gemeinden boykottieren aus Protest gegen die verfälschende Geschichtspolitik der Regierung das Holocaust-Gedenkjahr, s. Post Verband Ungarischer Jüdischer Gemeinden Mazsihisz zeigt Orbán die rote Karte, 9. Februar 2014. Außer den Stop des Denkmals der deutschen Besatzung forderten die jüdischen Gemeinden  den Rücktritt des Leiters des neuen historischen Forschungsinstituts Veritas, Sándor Szakály, vgl. PostVeritas-Institut: Staat verordnet Geschichtsbild, 1. Dezember 2013.


(Hungarian Spectrum)

Szakály hatte Anfang des Jahres die Rolle des ungarischen Staates beim Massaker von Kamenez-Podolsk 1941 mit etwa 23 600 jüdischen Opfern als “fremdenpolizeiliche Maßnahme” bezeichnet, s. Post Der Holocaust als “fremdenpolizeiliche Maßnahme” des ungarischen Staates, 17. Januar 2014 und Hungarian Spectrum.

Das Veritas-Institut erforscht laut eigenen Angaben “die Periode des Dualismus bis zur Wende, mit dem Ziel, die nationalen Schicksalswenden ohne Verzerrungen offenzulegen und das Geschichtsbewußtsein der ungarischen Gesellschaft zu stärken.” Eines von Szakálys wichtigsten Themen ist die historische “Aufarbeitung” bzw. positive Neubewertung der ungarischen Gendarmerie, die 1944 an der Deportation der ungarischen Juden nach Auschwitz maßgeblich beteiligt war und deswegen 1945 aufgelöst wurde, sowie der Vernichtung der zweiten ungarischen Armee am Don 1943 als “Heldentod“. Mit diesen seinen Schwerpunkten ist er gern gesehener Gast auf Jobbik-Veranstaltungen. Sándor Szakály war außerdem einer der beiden Experten im Prozess gegen den Nazi-Kriegsverbrecher Sándor Képíró 2011, der die vorgelegten, belastenden Dokumente als unvollständig bezeichnet hatte, worauf der Angeklagte in erster Instanz freigesprochen wurde, Belege s. Post.


(Gern gesehener Gast: Szakály auf einer Jobbik-Veranstaltung in Zalaegerszeg im Januar)

Erst im März war Szakálys Vortrag  “Ungarn im Zweiten Weltkrieg”, veranstaltet vom Institut für Ungarische Geschichtsforschung im ungarischen Kulturinstitut Wien abgesagt worden, s.Post Geschichtsrevisionist Sándor Szakály im ungarischen Kulturinstitut Wien, 15. März 2014.

Holocaust-Gedenkzentrum und historisches Forschungsinstitut Veritas schließen Kooperationsvereinbarung

Aus Protest gegen die Geschichtsfälschungen der ungarischen Regierung hatte der US-Historiker Randolph L. Braham, die internationale Koryphäe für den ungarischen Holocaust, seinen 2011 verliehenen ungarischen Verdienstorden zurückgegeben und dem staatlichen Budapester Holocaust-Gedenkzentrum untersagt, weiter seinen Namen zu verwenden, s. Post US-Historiker Randolph L. Braham gibt ungarischen Verdienstorden zurück, 26. Januar 2014.

Nun hat das Holocaust-Gedenkzentrum eine Kooperationsvereinbarung mit dem Veritas-Institut geschlossen, meldete die staatliche ungarische Nachtichtenagentur MTI gestern.

Die Vereinbarung wurde vom Kuratoriumsvorsitzenden des Gedenkzentrums György Haraszti sowie von Sándor Szakály, dem Leiter des Veritas-Instituts unterzeichnet.

Laut Presseerklärung des Veritas-Instituts werden die beiden Institutionen dieses Jahr gemeiname Veranstaltungen abhalten, so eine Konferenz im September mit dem Titel „Von Besatzung zu Besatzung“ über die „schicksalhaften Ereignisse“ 1944-45. (Anm.: Formulierungen wie „Schicksal“ oder „Tragik“ in Verbindung mit dem ungarischen Holocaust werden gerne verwendet, um die aktive Rolle des ungarischen Staates auszublenden). Eine weitere, für Mitte Oktober geplante Konferenz trägt den Titel „Die ungarische öffentliche Verwaltung und der Holocaust“, in Kooperation mit der Nationalen Universität für öffentliche Verwaltung (deren Vizerektor Szakály bis letztes Jahr war).
Die beiden Institutionen werden auch gemeinsame Forschungen durchführen und deren Ergebnisse publizieren, so das Veritas-Institut; die Kooperation in der Forschung ist langfristig geplant. (MTI)

Szakály vertritt das offizielle Geschichtsbild der Regierung, wie es sich auch in anderen Bereichen immer deutlicher zeigt; so werden in den neuen Pflichtschulbüchern der kürzlich verstaatlichten Schulbuchverlage  Hitler als „glaubwürdig“ und „heldenhaft“ und Horthy als „ritterlich“ dargestellt (atv).

Offizielle Reaktionen der jüdischen Gemeinden liegen noch nicht vor – am heutigen Sonntag findet in Budapest der Holocaust-Gedenkmarsch „Marsch der Lebenden“ mit traditionell Tausenden von Teilnehmern statt.

Update: Adam Kerpel-Fronius, wissenschaftlicher Mitarbeiter der deutschen „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, hier im Interview mit dem Pester Lloyd zum Denkmal der deutschen Besatzung, kommentierte für diesen Blog: „Es ist sehr ungewöhnlich, wenn eine staatliche Institution den Dialog mit anderen Akteuren so konsequent ausschließt.“

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